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Zu erfahren, dass man eine Superkraft besitzt, ist ein bedeutender Moment im Leben eines jeden begnadeten Jugendlichen. Manche geraten ganz aus dem Häuschen bei dieser Nachricht. Andere nicht so sehr.




Ich schaute meine Eltern über den Tisch hinweg an. »Wieso habt ihr mir das nicht früher erzählt?«, fragte ich.

Es hatte eine Zeit in meinem Leben gegeben, in der ich fast erwartet hätte, dass so was passiert. Ich meine, schließlich hatten doch beide Elternteile Superkräfte. Aber wann immer ich die Frage ins Spiel brachte, hatten sie schnell das Thema gewechselt. Ich hatte schon fast geglaubt, ich wäre anders als sie, ein ganz normales Kind eben. Oder vielleicht hatte ich mir auch nur so sehr gewünscht, normal zu sein, dass ich glaubte, der Wunsch hätte sich wirklich erfüllt.

»Wir wollten es dir ja sagen«, meinte Dad. »Wirklich. Aber deine Mutter und ich … wir –«

»Wir wollten, dass du eine ganz normale Kindheit hast«, sagte Mom.

»Normal? Falls du’s vergessen hast, gestern habt ihr versucht, die Welt zu zerstören. Das nennt ihr normal

»Du hast recht, unsere Situation ist ein bisschen … unkonventionell. Aber genau deshalb wollten wir den richtigen Zeitpunkt abwarten, um dir zu sagen, dass du mit deinen besonderen Fähigkeiten als BEGNADET einzustufen bist«, erklärte Mom in ihrer professorhaften Art. »Deine Kräfte sind allerdings noch nicht zu ihrer vollen Reife entwickelt.«

»In den ersten zehn bis zwölf Lebensjahren ist ein BEGNADETES Kind wie jedes andere Kind«, fuhr Dad fort. »Seine besonderen Fähigkeiten treten erst ab einem gewissen Stadium der hormonellen Entwicklung in Erscheinung.«

»Anders gesagt, in deinem Alter.«

»Und worin bestehen meine?«, fragte ich.

Mom schaute mich mit einem irritierten Blick an. »Deine was?«

»Meine besonderen Fähigkeiten? Inwiefern bin ich BEGNADET?« Das Wort klang merkwürdig, als ich es aus meinem Mund hörte. »Was für eine Superkraft besitze ich?« Die ganze Liste an Möglichkeiten ging mir durch den Kopf. Mich unsichtbar machen oder fliegen können, Gedanken lesen.

Meine Eltern sahen sich wieder an. Ein langes Schweigen hing in der Luft. Schließlich war es Dad, der sprach. »So, wie du es beschrieben hast, klingt es nach … spontaner Entflammung.«

Ich blinzelte. »Spontane Entflammung? Heißt das … ich kann Sachen in die Luft jagen?«

»Genau«, antwortete Mom.

»Spontan«, ergänzte Dad. »Deine Begabung ist ziemlich einmalig. Sie könnte stärker als alles werden, was wir je gesehen haben. Aber sie ist auch unberechenbar und schwer zu kontrollieren.«

Ich dachte an all die komischen Dinge, die mir in letzter Zeit passiert waren. Der explodierte Stift. Das Brandmal in Form meines Hinterns. Die Powerwelle. Das war also die Erklärung.

»Uns ist klar, dass das alles schwer zu verstehen ist«, sagte Mom. »Aber wir haben etwas, das wir dir geben möchten. Wir haben immer auf den richtigen Moment gewartet … nun ja, jetzt scheint er gekommen zu sein.«

Sie ging kurz aus dem Zimmer. Als sie zurückkam, hatte sie ein Buch in der Hand. Und als sie es mir überreichte, warf ich schnell einen Blick auf den Titel.

Handbuch für BEGNADETE Kinder.

»Wir dachten, das könnte dir vielleicht helfen«, meinte Dad.

»Es ist eine Betriebsanleitung für Kinder wie dich«, fügte Mom noch hinzu.

Ich schlug das Buch auf und blätterte die ersten Kapitel durch. Ich spürte, wie meine Eltern mich beobachteten und auf eine Reaktion warteten. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht so recht, was ich sagen sollte. Die letzten paar Tage waren ziemlich heftig gewesen. Meine Eltern hatten versucht, die Welt zu zerstören, eine Hauspflanze hatte versucht, mich umzubringen, und jetzt hatte ich plötzlich herausgefunden, dass ich eine Art menschliche Mikrowelle war.

Ich hätte nie gedacht, dass mein sechstes Schuljahr so stressig sein würde.

Und ich bezweifelte, dass ein Buch daran irgendwas ändern könnte.

»Was diese Superkraft angeht, die ich habe«, sagte ich, laut vor mich hindenkend. »Ich muss sie aber doch nicht für irgendwas Böses einsetzen, oder?«

Meine Eltern sahen mich an, als ob ich gerade erklärt hätte, der Mond sei ein Mozzarella.

»Wie meinst du das?«, fragte Mom.

»Ich meine … ich muss doch deshalb kein Superschurke werden. Ich könnte doch auch ein normaler Mensch sein. Der ab und zu irgendwas explodieren lässt. Spontan.«

Ich sah, wie sich Enttäuschung in den Gesichtern meiner Eltern breitmachte.

»Was ist denn so falsch daran, ein Superschurke zu sein?«, fragte Dad. »Wir sind Superschurken. Deine Großeltern waren Superschurken.«

»Ja, schon, aber … habt ihr jemals daran gedacht, was passieren würde, wenn – wenn einer eurer Pläne tatsächlich mal klappt?«

Der Blick meiner Mom sank Richtung Teller. Dad fummelte mit seinem Besteck herum. Ich sah, wie meine Eltern an der Frage zu knabbern hatten, aber ich bohrte dennoch weiter.

»Was wäre gewesen, wenn Captain Saubermann gestern nicht aufgekreuzt wäre?«, fragte ich. »Hattet ihr wirklich vor, die Erde zu fluten?«

»Die Regierung war kurz davor, auf unsere Forderungen einzugehen«, antwortete Dad. »Wenn wir nur ein bisschen mehr Zeit gehabt hätten …«

Seine Stimme verlor sich in Schweigen. Egal, wie sie es zu erklären versuchten, meine Eltern kannten die Wahrheit. Wenn sie es tatsächlich schafften, würde der Rest der Welt richtig zu leiden haben.

»Wir verstehen, dass das schwierig für dich ist, Joshua«, sagte Mom. »Aber lass es erst mal ein bisschen sacken. Wenn du dich danach entschließt, einen anderen Weg einzuschlagen, dann … dann ist das deine Entscheidung. Wir wollen dir nur helfen, eine überlegte Wahl zu treffen.«

»Deshalb wollten wir, dass du das Buch da bekommst.« Dad deutete auf das Handbuch für BEGNADETE Kinder.

»Und deshalb wollen wir auch, dass du morgen mit uns zur Schandmesse kommst«, ergänzte Mom.

Die Schandmesse war eine Art große Superschurken-Tagung, die jedes Jahr in New York stattfand. Meine Eltern gingen da immer allein hin, doch nun baten sie mich zum ersten Mal, mitzukommen.

»Weiß nicht«, sagte ich. »Ist irgendwie nicht so mein Ding.«

»Woher willst du das wissen, wenn du noch nie da gewesen bist?«, gab meine Mutter zu bedenken.

»Die meisten Leute haben eine völlig beschränkte Vorstellung davon, was ein Superschurke ist«, fuhr Dad fort. »Es gehört so viel mehr dazu als Verkleidungen und detaillierte Pläne zur Weltherrschaft. Es ist ein sehr vielseitiger Beruf. Und es wäre einfach nicht richtig, wenn du eine Zukunft als Superschurke ausschlagen würdest, ohne zu wissen, worum es in unserem Geschäft eigentlich geht, versteht du?«

»Sieh es als Lernerfahrung«, fügte Mom noch hinzu.

Mir gefiel das Wort nicht. Lernerfahrungen waren meist langweilige Erfahrungen.

»Aber wenn du partout nicht willst«, sagte Mom, »kannst du natürlich gern zu Hause bleiben und auf Micus aufpassen, während wir weg sind.«

Als ich nochmal darüber nachdachte, kam ich zu dem Ergebnis, dass die Schandmesse vielleicht doch keine so schlechte Idee war.

Joshua Schreck: Fischer. Nur für Jungs
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