9
Glaub nicht alles, was du liest.
In der Schule waren die Gerüchte über Sophie Smith nach dem Wochenende noch viel verrückter geworden. Die Cafeteria Girls behaupteten mittlerweile, Sophie sei eine Eigenbrötlerin mit schwerer Zwangsneurose.
»Deshalb hat sie keine Freunde«, erklärte eine von ihnen.
Ich hätte ihnen am liebsten gesagt, dass Sophie vielleicht nur deshalb keine Freunde hatte, weil sie erst seit genau eineinhalb Tagen auf unserer Schule war, doch ich hielt den Mund, weil a) die Cafeteria Girls nicht wirklich wussten, dass es mich gab, und b) ich Angst hatte, was sie über mich erzählen würden, wenn sie herausfanden, dass es mich gab.
»Ganz abgesehen davon, dass ihr Dad der totale Psycho ist«, sagte eines der Mädchen. »Ich hab gehört, es soll in dem Haus ein Zimmer geben, in dem lauter Foltergeräte stehen.«
Der ganze Tisch hielt die Luft an.
»Echt?«
»Echt. Da stehen lauter so Hightech-Maschinen mit scharfen Spitzen und irrsinnig aussehenden Riemen und Gurten herum. So Sachen, die schon beim Angucken fürchterlich wehtun.«
»Aber … wozu braucht er denn Foltergeräte?«
»Weil er Leute foltert, du Knallkopf.«
Die Mädchen verstummten bei der Vorstellung. Es war eindeutig das längste Schweigen in der Geschichte der Cafeteria Girls und wurde erst unterbrochen, als es zur nächsten Stunde läutete.
»Ist das zu fassen?«, sagte Milton, als wir die Cafeteria verlassen hatten. »Also, Sophies Vater muss doch eindeutig krank sein!«
Vor der Tür zum Debattierklub blieb ich stehen und drehte mich zu Milton um.
»Hast du schon mal drüber nachgedacht, dass manches, was wir hier an der Schule über Leute hören, erfunden sein könnte?«, fragte ich ihn.
»Wie meinst du das?«
»Ich meine, dass die Cafeteria Girls vielleicht nicht immer ganz glaubwürdig sind.«
»Kann sein, aber …« Milton öffnete seinen Rucksack und griff hinein. »Warte, bis du das hier gesehen hast.«
Er förderte eine Zeitschrift zutage. Der Titel erstreckte sich quer über den ganzen oberen Teil des Covers:
SUPERKNÜLLER
Ich hatte die Zeitschrift in Supermärkten gesehen, jede Ausgabe voll mit Klatsch und Tratsch über berühmte Superhelden und Superschurken. In den Augen meiner Eltern war Superknüller ein übles Boulevardblatt, neben dem die Cafeteria Girls wie eine amtliche Stelle für professionelle Faktenprüfung wirkten. Wahrscheinlich war die Zeitschrift gerade deshalb so wahnsinnig erfolgreich.
Auf dem Cover der neuesten Ausgabe prangte ein Foto von Captain Saubermann. Neben dem Bild stand in riesigen Großbuchstaben:
CAPTAIN BEIM KNUTSCHEN ERWISCHT!
Captain Saubermann stand neben einer großen schlanken Frau mit feurig roten Haaren und passendem Umhang. Sie trug eine Sonnenbrille und hielt eine Kaffeetasse in der Hand. Beide wirkten wie erstarrt, und zwar genau in dem Moment, als sie über irgendwas lachten, das einer von ihnen gesagt hatte. Offenbar war ihnen nicht bewusst gewesen, dass sie fotografiert wurden.
»Das da ist Scarlett Flamme!«, sagte Milton und zeigte auf die Rothaarige. »Sie war es, die auf dem Dach des Empire State Buildings den Gräuelator besiegt hat. Stehen echt lauter coole Sachen in dem Blatt!«
Meine Mom hatte eine andere Meinung zu Superknüller. »Schundblätter wie dieses verschaffen uns allen einen schlechten Ruf«, hatte sie mir beim letzten Mal zugeflüstert, als wir in der Schlange vor der Supermarktkasse an einer Ausgabe vorbeikamen. Ich war drauf und dran gewesen, ihr zu sagen, dass der Versuch, die Welt zu vernichten, vielleicht auch nicht gerade für einen guten Ruf sorgte.
Mom war wahrscheinlich immer noch sauer gewesen wegen der Titelgeschichte vor ein paar Monaten, die überschrieben war mit: »Die Botanikerin: Hat sie ZU wenig Distanz zu ihren Zombies?« Dazu gab es ein Foto von Mom, wie sie angeblich einen ihrer Zombies küsste. Eigentlich hatte der Zombie versucht, ihr ein Ohr abzubeißen, doch das hatte die Zeitschrift nirgends erwähnt.
»Das ist noch nicht mal richtiger Journalismus«, hatte sich Mom beklagt. »Alles nur Lügen. Wer kauft bloß so einen Schund?«
»Meine Mom hat sie abonniert«, sagte Milton jetzt mit einem Grinsen. »Ich schaue immer gleich rein, wenn die neueste Ausgabe ins Haus flattert.«
Aufgeregt blätterte er in den Seiten.
»Hier ist ein Artikel über den mexikanischen Superschurken El Diablo Gigantico, der offenbar versucht, jetzt auch in den USA Fuß zu fassen. Und hier, dieser Knabe nFinity – der Typ ist erst fünfzehn und gilt schon als einer der berühmtesten Superhelden im Land. Oh, und dann dieser Artikel hier über das Schreck-Duo …«
Milton deutete auf ein extrem unschmeichelhaftes Foto meiner Eltern. Der Titel der Geschichte stand in Riesenbuchstaben über die Hälfte der Hochglanzseite geschrieben.
Das Schreck-Duo – Schurken oder Schwindler?
»Erinnerst du dich noch an Dr. Schreck neulich?«, fragte Milton und nickte dem verschwommenen Foto meines Vaters zu.
»Das war der Typ, der die Erde fluten wollte, oder?«, sagte ich, als ob ich mir nicht ganz sicher wäre.
»Hier steht, dass er nicht mal ein richtiger Doktor ist. Er hat den Doktor-Titel nur vor seinen Namen gesetzt, weil das unheimlicher klingt.«
»Das stimmt nicht! Er hat seinen Doktor in Ingenieurwissenschaften an der –« Ich brach ab, als ich Miltons verwundertes Gesicht sah.
»Ich dachte, du interessierst dich nicht für dieses Zeug«, sagte er.
»Tu ich auch nicht. Ich wollte nur sagen – äh … ich hab gelesen, dass er sehr wohl Doktor ist. Stand mal irgendwas drüber im Internet. Andererseits, was weiß ich, vielleicht ist er ja doch kein Doktor.«
Milton starrte mich noch eine Sekunde lang an, dann zuckte er mit den Schultern und schaute wieder in seine Zeitschrift. Er blätterte noch ein paar andere Artikel durch. Mit Hochglanzfotos von Superhelden und Superschurken, wie sie mit ihren Hunden Gassi gingen, mit Mutanten joggten und Fans zuwinkten. Doch als ich die nächste Überschrift las, hielt ich den Atem an.
Gewalt auf der Schandmesse!
Darunter war ein unscharfes Foto von einer der Rauch-Gestalten zu sehen. Schon beim Anschauen spürte ich, wie sich alles in mir verkrampfte. Doch bevor ich nur einen Satz lesen konnte, hatte Milton schon weiter zum nächsten Artikel geblättert.
»Das ist es, was ich dir zeigen wollte!« Er deutete auf die Seite. »Hier steht, dass es einen großen Transport von Roboterteilen in ein Haus in Sheepsdale gab. Hast du eine Ahnung, wozu jemand Roboterteile braucht?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Na für Roboter!«
Milton warf einen Blick über die Schulter, dann wandte er sich wieder zu mir.
»Ich frage mich, ob das etwas mit Sophies Dad zu tun hat«, flüsterte er. »In dem Artikel steht leider nicht, wie und wo in Sheepsdale, aber … was, wenn der Transport an ihn ging? Ich meine, passt doch zu dem, was die Cafeteria Girls erzählt haben von wegen Foltergeräten, Maschinengewehren und so. Wer immer ihr Dad ist, er muss ja wohl auf solche verrückten Sachen stehen. Ich wette, er hat auch die Roboterteile bestellt.«
»Vielleicht …« Mit dem Kopf war ich immer noch auf der Seite davor, der über die Schandmesse. »Hey, kannst du mir die Zeitschrift mal borgen?«
Milton zog die Augenbrauen zusammen. »Ich dachte, du findest die blöd.«
»Ich wollte nur noch mal nachlesen wegen der … äh –«
»Roboterteile?«
»Genau.«
Milton fing an zu grinsen. »Siehst du? Ich hab dir doch gesagt, dass Superknüller total interessant ist.« Er klappte die Zeitschrift zu und drückte sie mir in die Hand.
Ich verabschiedete mich von ihm, rannte zu meinem Spind und schlug die Seite mit dem Artikel über die Schandmesse auf. Seit wir aus New York zurück waren, musste ich immer wieder daran denken, was dort passiert war.
Doch auch nachdem ich den Artikel zum zweiten Mal gelesen hatte, blieb ich ratlos. Niemand wusste, was die Rauch-Gestalten waren oder wer hinter dem Angriff steckte. Die Super-Gemeinde überschlug sich mit Spekulationen – dass ein Superheld die Rauch-Gestalten geschickt habe, dass ein Schurke versucht habe, die Konkurrenz zu schwächen oder es einfach ein Rivale von Phineas Vex gewesen sei. Das Einzige, worin sich alle einig schienen, war, dass sie Angst hatten, was als Nächstes passieren würde.
Niemand fühlte sich mehr sicher.
»Hey, Joshua.«
Die Stimme ließ mich zusammenzucken. Ich schob die Zeitschrift in meine Tasche und wirbelte herum. Hinter mir stand Sophie Smith.
»Ich wollte nur wissen, ob ihr schon angefangen habt, über Themen für unser Projekt nachzudenken«, sagte sie.
»Oh …« Das Geschichtsprojekt. Bei allem, was passiert war (zu erfahren, dass ich Superkräfte besaß, von Rauch-Gestalten durch eine Messehalle gejagt zu werden, so was eben), hatte ich das blöde Projekt natürlich total vergessen. »Bis jetzt nicht. Hatte was anderes zu tun.«
»Ich auch«, sagte Sophie und lächelte, als ob sie erleichtert wäre, nicht die Einzige zu sein. »Ich versuche immer noch durchzublicken und jede Stunde den richtigen Klassenraum zu finden.«
»Ich könnte dir alles zeigen, wenn du willst.«
Die Worte waren heraus, ehe ich überhaupt begriff, was ich da sagte. Ich sprach mit einem Mädchen, dessen Vater womöglich Foltergeräte im Haus herumstehen hatte, und jetzt bot ich ihr auch noch an, sie in der Schule herumzuführen?
Meine Stimme wurde auf einmal ganz laut, als ich versuchte, mich zu erklären. »Ich meine, ich bin auch viel umgezogen, als ich noch jünger war. Von daher weiß ich, wie schnell man sich als Freak vorkommt.«
Sophies Lächeln verschwand.
»Nicht dass ich finde, du bist ein Freak«, fügte ich schnell hinzu. »Glaub mir, du bist total unfreakig. Ich wollte nur –«
»Schon gut«, sagte Sophie. »Ich weiß, was du meinst. Jedes Mal, wenn ich in eine neue Stadt komme, denke ich, das wird der Ort sein, wo ich endgültig bleibe. Aber nie ist es so. Manchmal fühle ich mich bloß … wie Gepäck. Gerade wenn ich ein paar Leute kennengelernt habe, sagt mein Dad, wir müssen wieder umziehen.«
Jetzt, als sie ihren Dad erwähnt hatte, war ich halbwegs versucht, nach ihm zu fragen. Ich dachte an die verrückten Gerüchte, die über Sophies Leben kursierten. Und an die Art, wie sie sich neulich vorgestellt hatte, als ob sie sich erst dran gewöhnen müsste, ihren Namen laut auszusprechen.
Aber Sophie entfernte sich schon wieder von mir. »Ich mach mich dann lieber mal auf«, sagte sie eilig. »Bis nachher, siebte Stunde.«
Und bevor ich mich verabschieden konnte, war sie bereits auf dem überfüllten Gang verschwunden.