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O’Conner schenkte Waylon noch einen Whiskey ein – seinen Dritten, wenn ich recht gezählt hatte, und ich hatte gut aufgepasst, Waylon musste mich schließlich noch zurück zu meinem Wagen fahren. »Ich weiß, dass du ihn gerne umbringen würdest«, sagte O’Conner zum hundertsten Mal, »aber das nützt nichts. Es zerstört dein Leben, und Verns obendrein.« Waylon schniefte nur und schüttelte seinen riesigen Kopf.
»Wie wird ein Mann nur zu so etwas«, fragte ich O’Conner, »das im Innern aus nichts anderem besteht als aus Gemeinheit und Hass?«
O’Conner zuckte die Achseln, als hätte er keine Ahnung, doch ich war mir ziemlich sicher, dass das nicht stimmte, also wartete ich einfach ab. Schließlich sprach er. »Nun, Cooke County allein – das ärmliche Leben, wo ein Mann entweder das Gesetz brechen muss, um zurechtzukommen, oder sich selbst das Kreuz – reicht schon aus, jemanden hart zu machen«, sagte er. »Zumindest, wenn er anfällig ist.«
»Aber das da geht doch weit über ›hart‹ hinaus«, wandte ich ein.
»Nun, dann ist da die Familie Kitchings selbst – quasi das Cooke County der Familien.«
»Wie das?«
»Nun, Sie hatten noch nicht das Vergnügen, die Matriarchin und den Patriarchen kennen zu lernen«, sagte er, »aber die sind ungefähr so warm und gefühlvoll wie diese Mokassinschlangen auf dem Weg zu Vern. Eine Mokassinschlange möchte in der Regel in Ruhe gelassen werden – dann tut sie einem nichts –, aber wenn man sie provoziert, dann bekommt man eine hübsche Portion Gift ab.«
»Aber der Vater ist doch Pfarrer, oder?«
»Ja, aber Sie dürfen nicht vergessen, was für einer Art von Kirche er angehört. Die Primitive Baptists – man nennt sie bei uns auch ›eiserne Baptisten‹ – sind meiner Erfahrung nach ungefähr so hartherzig, wie Christen nur sein können. Die stehen auf ›im Blut des Lammes gewaschen‹ und ›Feuer und Schwefel‹ und sind nicht besonders scharf auf den knuddeligen Liebe-deinen-Nachbarn-Teil der Bibel. Die meiste Zeit verkneifen sie sich so ziemlich alles: trinken, tanzen und Karten spielen werden nicht geduldet, sie können sich nicht fürs Kino und Fernsehen begeistern und haben was gegen Frauen, die sich die Haare schneiden, Hosen tragen und Make-up auflegen. Das Witzige ist nur, dass sich dieser verklemmte Du-sollst-dies-nicht-und-du-sollst-das-nicht-Haufen am Sonntag vollkommen gehen lässt und sich in eine Art ekstatischer Schwärmerei hineinsteigert.«
Ich nickte. Die Kulturanthropologie hatte viele Studien über religiöse Ekstase hervorgebracht; diese Spielart spiritueller Erfahrung ging praktisch quer durch alle Nationen und Kulturen, einschließlich äußerst konservativer Gruppierungen. Selbst die Anhänger der Pfingstbewegung, die mit Schlangen hantierten und in fremden Zungen redeten – Praktiken am anderen Ende des christlichen Spektrums –, kannten tranceähnliche Zustände.
»In meiner Jugend habe ich Reverend Kitchings ein paarmal predigen hören«, fuhr O’Conner fort, »damals, als ich Leena den Hof gemacht und versucht habe, einen guten Eindruck auf die Familie zu machen. Ich saß in dem kalten Steingebäude und konnte mich nur über die Verwandlung wundern, die der schmallippige, verklemmte Puritaner durchmachte, wenn er mal richtig in Fahrt kam. Er geriet in einen fast hypnotischen Predigtrhythmus; das war eher eine Inkarnation als eine Predigt. Statt mit einem Punkt beendete er jeden Satz mit einem ›Lobpreiset den Herrn!‹ oder einem ›Halleluja!‹. Hat weitergemacht, bis er außer Atem geriet, dann folgte ein letztes, fast quakendes Keuchen, er holte wieder mächtig Luft und zog erneut vom Leder. Ich glaube, das macht er heute immer noch so. Sie sollten sich ihn mal anhören; ich wette, Sie fänden es faszinierend.«
»Wahrscheinlich«, stimmte ich ihm zu. »Was ist mit der Mutter? Wie würden Sie die Familiendynamik beschreiben?«
»Nun, ich würde sagen, der Reverend ist ein großer Fan vom heiligen Paulus: ›Die Weiber seien untertan ihren Männern‹, so was in der Art. Ich glaube, sie hatte an der Seite dieses Mannes nicht gerade ein besonders leichtes oder gar schönes Leben. Für die Söhne war es auch ziemlich hart.«
»Inwiefern?«
»Nun, sagen wir einfach, wenn es des großzügigen Einsatzes des Streichriemens bedurfte, um seine Jungen auf dem schmalen geraden Pfad der Tugend zu halten, dann hat der Reverend nur seine Christenpflicht getan.« Er sagte dies mit einem zornigen Blick, der mir verriet, dass er wahrscheinlich mit eigenen Augen mit angesehen hatte, wie einer der Kitchings-Jungen die eine oder andere Tracht Prügel bekommen hatte.
»Aber warum haben Tom und Orbin sich so unterschiedlich entwickelt«, fragte ich, »wenn sie doch aus derselben rauen Umgebung kamen? Ich will damit nicht sagen, Tom sei aus dem Schneider – schließlich bin ich mir ziemlich sicher, dass er die Mordermittlungen behindert –, aber im Grunde seines Herzens scheint er mir kein schlechter Kerl zu sein. Anders als Orbin, der wirklich bis ins Mark böse zu sein scheint.«
»Verdammt richtig«, brummte Waylon. »Das gemeinste Stück Scheiße auf der Welt.«
O’Conner lächelte ein wenig. »Ich würde sagen, Sie sind ein ziemlich scharfsinniger Menschenkenner, Doc. Er ist böse bis ins Mark. Ich weiß nicht recht, warum. Ich meine, warum entwickeln sich manche missbrauchten Kinder zu Serienmördern, während andere mitfühlende Ärzte, Lehrer und Sozialarbeiter werden?«
Ah, das Problem des Bösen. Ich hatte viele fruchtlose Stunden über diesem Rätsel gegrübelt. »Ich schätze, es war schwer, Toms kleiner Bruder zu sein«, vermutete ich.
»Sehr schwer«, sagte O’Conner. »Und das ist es heute noch. Der Heiligenschein ist inzwischen ein bisschen angelaufen, aber Tom Kitchings war Cooke Countys Goldjunge. Zu Hause hat er nicht viel Zuneigung und Bestätigung bekommen, aber für den Rest des Countys war Tom praktisch ein Gott. Hat das Football-Team der Highschool zu zwei Meisterschaften geführt und anschließend auch den Tennessee Volunteers zu zwei Titeln verholfen. Er sah gut aus, war ziemlich klug und sehr sympathisch. Orbin weniger. Man wird leicht zum Fiesling, wenn man sein ganzes Leben lang gewogen und für zu leicht befunden wird. Zum Teufel, selbst heute noch spielt Orbin für Tom die zweite Geige. Wie die uralte Geschichte von Kain und Abel, was? Orbin kann seinem Bruder entweder das Hirn aus dem Schädel prügeln wie Kain, oder er kann Schwächere wie Vern zum Prügelknaben machen. Das hat er fast sein ganzes Leben schon so gemacht.«
Das klang ziemlich einleuchtend. »Sie vermuten also, dass Orbin allein auf eigene Rechnung handelt, wenn er Pot-Farmern und Hahnenkampf-Veranstaltern die Daumenschrauben ansetzt? Oder halten Sie es für möglich, dass Tom mit ihm unter einer Decke steckt?«
Er runzelte die Stirn. »Ich weiß es nicht. Als er jünger war, hätte Tom sich nie im Leben für so etwas hergegeben. Aber als er jünger war, stand ihm auch die ganze Welt offen. Er musste mit einigen schweren Enttäuschungen fertig werden, und man weiß nie, ob jemand aus dem Tal der Finsternis als stärkerer Mensch hervorgeht oder als schwächerer.«
Als er das sagte, überlegte ich, ob ich einen stärkeren oder einen schwächeren Jim O’ Conner vor mir hatte als den, der Leena Bonds den Hof gemacht hatte. Dann überlegte ich, ob er es mit einem stärkeren oder einem schwächeren Bill Brockton zu tun hatte als dem, der Kathleen verloren hatte. Ich dachte an mein letztes Telefonat mit Jeff, und da wusste ich die Antwort. Ich schwor mir, ihn anzurufen und mich bei ihm zu entschuldigen.
»Zum Teufel, das war genug Stammtischpsychologie für heute«, sagte O’Conner und kippte den Rest seines Whiskeys hinunter. »Waylon sollte Sie jetzt zurück zu Ihrem Wagen fahren.«
»Kann Waylon wirklich noch fahren?«
»Zum Teufel, Doc, ich könnte die Strecke mit verbundenen Augen finden«, sagte Waylon.
»Er scherzt nicht – ich habe ihn das schon tun sehen.« O’Conner lachte. »Bis Waylon den Whiskey mal spürt, bräuchte er mindestens noch drei, und selbst dann wäre er ein besserer Fahrer als Sie und ich stocknüchtern.«
Voller böser Vorahnungen stieg ich mit Waylon in den Pick-up. Ich kurbelte das Fenster herunter und rief O’Conner zu: »Könnten Sie ihm bitte das Versprechen abnehmen, mich unterwegs nicht wieder in irgendwelche Abenteuer reinzuziehen?«
Er lachte. »Hast du gehört, Waylon? Direkt zur Pilot-Tankstelle, keine Zwischenstopps. In Ordnung?«
Waylon nickte. »Keine Zwischenstopps«, sagte er.
Es kam mir nicht in den Sinn, ihm das Versprechen abzunehmen, mit eingeschalteten Scheinwerfern zu fahren. Auf der Hälfte des Wegs schaltete Waylon die Lichter aus, und wir schlingerten in völliger Dunkelheit dahin. Mir wurde schon wieder übel.
»Waylon! Anhalten!«, schrie ich.
»Kann nich«, sagte er. »Ich hab’s versprochen – keine Zwischenstopps.«
»Dann schalten Sie wenigstens das Licht wieder ein!«
»Glauben Sie es jetzt?«
»Was?« Hatte unsere Diskussion über Religion bei Waylon irgendeinen Nerv getroffen?
»Glauben Sie jetzt, dass ich den Weg hier mit verbundenen Augen fahren kann?«
»Ja, um Gottes willen. Und jetzt machen Sie das Licht wieder an.«
Er tat wie geheißen. Als die Scheinwerfer die Dunkelheit erhellten, sah ich, dass der schwere Pick-up ordentlich auf der rechten Spur fuhr, mitten in einer S-Kurve, wie auf Schienen.
»Waylon, Sie machen aus mir entweder einen Gläubigen oder einen toten Mann.«
Er lachte. »Na, so oder so, dann haben Sie auf jeden Fall keine Angst mehr.«