10 Tage vor dem Ende - Hermann von Keipen

Hermann hatte die Vorbereitungen abgeschlossen. Schon vor langer Zeit war er mit seinem Vater übereingekommen, dass er nach Rom reisen würde, wenn die Zeit der nächsten Sedisvakanz kam. Dort wollte er vor Ort nach dem Rechten sehen und alles für Friedrichs Ankunft gleich nach der Wahl vorbereiten.

Der Flug würde am Abend gehen und es blieb ihm noch ein wenig Zeit, bis sein Vater ihn zum Flughafen brachte.

Vor Tagen schon, als sie in den Nachrichten vom unerwarteten Rücktritt des Papstes berichtet hatten, war er von einer nie gekannten Unruhe ergriffen worden. Wie lange hatte er auf diesen Augenblick gewartet? Wie viele Jahre waren vergangen, seit Franz …

Er schüttelte den Gedanken von sich ab und sprang von seinem Bett auf. Er würde einen letzten Spaziergang machen. Den wirklich letzten, den er hier unternahm.

Hermann verließ das Haus und machte sich, ohne darüber nachzudenken, auf den Weg zu dem ehemaligen Internat, das schon lange einem Österreicher gehörte.

Als er das Anwesen seines Vaters hinter sich gelassen hatte, ging der schmale Weg recht schnell nahtlos in schmutzigen Sandboden über. Mit gesenktem Kopf beobachtete er die kleinen Staubwölkchen, die vor seinen Schuhspitzen aufstoben. Plötzlich tauchte in dem Braun des Sandes ein Bild vor ihm auf. Ein kleiner Junge, der seinen ersten Marsch mit seinem Vater und seinem älteren Bruder unternehmen musste. Der schwere Rucksack bog sein Kreuz nach hinten. Auf der kindlichen Stirn hatte der Schweiß ein krakeliges Muster in den Schmutz gezeichnet. Er jammerte und weinte, doch das nützte ihm nichts.

Er musste weiter, immer weiter. Und sein älterer Bruder ging neben ihm her und unternahm nichts, um ihm zu helfen.

Das Bild verblasste und machte wieder Platz für die feinen Risse, mit denen der trockene Boden hier überzogen war.

Doch nicht lange, dann drückte sich dieses Bild wieder durch das Erdreich, erst noch blass, wie transparent, dann immer deutlicher… Hermann zwang sich, den Kopf zu heben und geradeaus zu schauen.

Franz! Franz verzeih mir. Bald wirst du Ruhe finden! Nur noch ein paar Tage, dann wird er für deinen Tod bezahlen. Dann wirst du endlich deinen Frieden haben.

Seine Gedanken wanderten weiter zu seiner Mutter. Wie es ihr wohl gehen mochte? Er hatte einmal eine Nachricht von ihr erhalten. Das war etwa ein Jahr, nachdem sie von Kimberley geflohen war. Ein Fremder war bei ihnen aufgetaucht. Ein Deutscher. Er hatte gesagt, er sei ein entfernter Verwandter von Dr. Werner Fissler. Ob man ihm Näheres über den Tod des Arztes erzählen könne. Friedrich hatte kurz angebunden reagiert und dem Mann gesagt, Fissler sei an Krebs gestorben, so viel er wüsste. Mehr könne er dazu nicht sagen. Man hätte es damals nicht für nötig befunden, ihn zu informieren. Dann hatte er den Mann stehen lassen und war gegangen. Als er sicher war, dass Friedrich außer Hörweite war, hatte der Fremde ihn gefragt, ob er Hermann sei. Dann hatte er geflüstert. »Deiner Mutter geht es gut, mein Junge. Sie ist in dem Land, von dem sie dir erzählt hat. Ich soll dir sagen, dass sie dich liebt, und ich soll dich fragen, ob du zu Gott gefunden hast.«

Hermann hätte den Mann umarmen mögen, so sehr freute er sich, endlich von seiner Mutter zu hören.

»Werden Sie sie wiedersehen?«

Der Fremde hatte stumm genickt.

»Richten Sie ihr bitte Folgendes aus: Altes Testament, Psalm 140, Vers 11.«

Der Mann hatte es einmal wiederholt, dann war er wieder verschwunden. Danach hatte Hermann nie wieder von seiner Mutter gehört.

Die Textstelle aus der Bibel kam ihm wieder in den Sinn:

»Er wird Strahlen über sie schütten; er wird sie mit Feuer tief in die Erde schlagen, dass sie nicht mehr aufstehen. «

Und ich werde derjenige sein, der dieses Feuer entzündet.

Ohne sich dessen bewusst zu werden, war er an dem knorrigen Affenbrotbaum angekommen. Seine Mutter hatte ihm einmal davon erzählt.

Hier also hast du das erste Verbrechen an meiner Mutter begangen, Friedrich von Keipen.

Er ließ sich im spärlichen Schatten des Baumes nieder und versuchte, nicht an Franz und an seine Mutter zu denken. In seinem Rücken spürte er die harte, schorfige Rinde des Baumes. Die klumpige, rissige Erde drückte an manchen Stellen unsanft gegen das Gesäß. Mit einem Anflug von Ehrfurcht durchströmte ihn eine Ahnung von der unglaublichen Kraft der Natur und des Lebens.

Das alles durfte sein kleiner Bruder Franz nicht mehr erleben, denn er war aus diesem Leben gerissen worden, noch bevor er die Chance hatte zu begreifen, was Leben bedeutet.

Eine schwere Aufgabe lag vor Hermann. Eine Aufgabe, die auch sein Leben entweder beenden oder aber ihn für immer ins Gefängnis bringen würde.

War es das wert?

Die Worte! Sag die Worte!

Seine Augen wurden feucht. Nicht vor Trauer. Es war ein anderes Gefühl, das ihm die Tränen nun über die Wangen rinnen ließ. Wut? Nein, Wut war ein temporäres Empfinden, das in einem Moment wild aufloderte, um kurze Zeit später schon wieder abzuflachen, ein dumpfes Gefühl zurücklassend. Es war mehr, dauerhafter.

Es war Hass.

Und dann sagte er sich wieder die Worte vor:

Ich werde meinen Bruder rächen.

Ja, das war es wert!

Magus - Die Bruderschaft
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