4. Februar 1971 - Vatikan

Pater Allessino saß rechts neben Corsetti, Kurt Strenzler zu seiner Linken. Ihnen gegenüber hatte Kardinal de Riemer die Unterarme auf der Schreibtischplatte abgelegt und die Hände gefaltet wie zum Gebet.

Man sah dem Kardinal die Anstrengung der vergangenen Monate an. Seine sonst stets leicht rosigen Wangen wirkten blass und eingefallen.

Er hatte viele Verfahren gegen Priester in der ganzen Welt einleiten müssen. Der Kardinal war fest entschlossen, diese »Reformationswelle«, wie er es nannte, einzudämmen und nach Möglichkeit ganz auszumerzen. Eine große Hilfe war ihm dabei neben Corsetti auch der Geistliche aus München gewesen. Er konnte zum einen durch den ehemaligen Kontakt zu einigen der »Reformer« wertvolle Hinweise geben, zum anderen schien er geheime Quellen zu haben, die ihn immer wieder mit neuen Informationen versorgten.

Corsetti dagegen hatte sich durch Monate und Jahre an archivierten Akten und Briefen gearbeitet und alles zusammengetragen, was relevant erschien.

Das Ergebnis war erschreckend. Insgesamt waren sie auf über einhundert Fälle gestoßen, gegen die sie ein Verfahren eröffnen mussten.

Die einschlägige Presse stürzte sich mit der ihr eigenen Mentalität auf die Kongregation. In Leitartikeln auf den ersten Seiten wurde von einer neuen Inquisition geschrieben, Karikaturen zeigten Kardinal de Riemer, wie er sich in einer Sänfte durch ein Meer aus gekreuzigten Priestern tragen ließ.

Der ließ sich davon jedoch nicht beirren. Corsetti fühlte sich bei dem Eifer, mit dem de Riemer die Untersuchungen vorantrieb, an die Kommunistenjagd erinnert, die sich dessen Vorgänger zehn Jahre zuvor zum Lebensziel gemacht hatte.

Der Kardinal hob kurz die Hände und ließ sie dann wieder auf den Schreibtisch zurückfallen.

»Ich danke Ihnen für Ihre Berichte. Es scheint fast, als hätten wir einen Großteil der aktiven Reformer ausfindig machen können.«

»Was ich nicht verstehen kann, Eminenz.«

De Riemer zog eine Braue nach oben und sah Corsetti an. »Wie meinen Sie das, Monsignore?«

Eine Pause von mehreren Sekunden entstand, in denen Corsetti nach den richtigen Worten suchte.

»Ich bin froh, dass es uns in relativ kurzer Zeit gelungen ist, die, ich nenne sie einmal >Drahtzieher<, ausfindig zu machen. Aber es gibt mir auch ein wenig zu denken. Welcher Reformator, welcher Revolutionär riskiert eine offene Konfrontation in einem Stadium, in dem seine Gefolgsmänner noch völlig unorganisiert sind? Wenn man sich wirklich etwas von diesem Reformversuch versprochen hat, warum haben diese überwiegend noch recht jungen Männer nicht erst im Geheimen operiert und sich organisiert, bevor sie lautstark ihre Vorstellungen von den Kanzeln gepredigt haben? Warum haben sie nicht versucht, einflussreiche Persönlichkeiten der Kirche für ihre Sache zu gewinnen? Es musste ihnen doch vollkommen klar sein, dass es nicht lange dauert, bis wir auf sie aufmerksam werden und reagieren. Was sind das für Menschen und was ist oder war ihr Ziel?«

»Ihr Ziel war es, die Einheit innerhalb der Kirche zu stören.«

Es war der Deutsche, der Corsetti antwortete. »Ich denke nicht, dass es sich hier um eine geplante >Revolution< handelt. Ich glaube eher, und dieses Gefühl hatte ich schon bei meinem ersten Kontakt mit einigen dieser Männer, es war der berühmte Schneeball, der von einigen wenigen geworfen wurde und der dann, wahrscheinlich für die Initiatoren selbst völlig überraschend, zu einer Lawine angewachsen ist. Nein, Monsignore, ich denke nicht, dass wir uns darüber Gedanken machen müssen. Es war Zufall.«

»Das sehe ich ebenso«, stimmte der Kardinal dem neuesten Mitglied der Glaubenskongregation zu.

Corsetti hatte noch immer ein ungutes Gefühl, aber schließlich nickte er und sagte: »Das wäre natürlich eine Möglichkeit. Vielleicht hat mich die erschreckende Selbstverständlichkeit, mit der alle Betroffenen ihre Auffassung einer katholischen Kirche geäußert und unbeirrbar vertreten haben, verwirrt. Ich hätte erwartet, dass wenigstens einige wenige Einsicht zeigen und auf den rechten Weg zurückfinden würden.«

»Wie dem auch sei. Hoffen wir, dass nun bald wieder Ruhe einkehren wird.«

Kardinal de Riemer nickte ihnen zu, stand auf und verließ den Raum.

Während Corsetti seine Unterlagen zusammenlegte, dachte er, dass auch er das hoffte. Jedoch konnte er sich nicht gegen das Gefühl wehren, dass diese Ruhe vielleicht trügerisch war.

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