Weihnachten 1961 - Kimberley
Das Essen war vorzüglich gewesen. Bernhard Weirich hatte Friedrich scherzhaft gefragt, was er ihm zahlen müsse, um die Köchin mit nach Hause nehmen zu dürfen. Mit einem Blick auf dessen enormen Bauch entgegnete Friedrich, dass Weirichs Köchin unmöglich schlecht sein könne.
Weirich war einer von fünf Deutschen, die zusammen mit ihren Gattinnen das Weihnachtsfest bei der Familie von Keipen feierten. Sie gehörten zum Kreise derer, die die Bruderschaft mit enormen finanziellen Mitteln förderten. Friedrich hatte sie auf Professor Glassmanns’ Anregung hin mit eingeladen. Der Leiter einer großen Aachener Privatklinik und ehemalige Nazi-Arzt hatte Friedrich vier Wochen zuvor angerufen und ihm nahegelegt, den Kontakt zu ihren Geldgebern mehr zu pflegen; dadurch würden sie sich wichtig fühlen und ihnen auch weiterhin die Stange halten. Friedrich mochte den Alten nicht, mehr noch, er verachtete ihn. Aber Professor Glassmanns hatte Hermann von Settler gut gekannt und zudem vom ersten Tag an der Bruderschaft angehört. Glassmanns war holländischer Abstammung, tat aber so, als wäre er der nationalbewusste Deutsche schlechthin. Wahrscheinlich spielte auch er in seinem Keller mit Zinnsoldaten die ruhmreichen Schlachten des verlorenen Krieges nach. Trotzdem war Friedrich auf seinen Vorschlag eingegangen; er sah es als eine gute Gelegenheit, die Ziele einiger der finanzkräftigsten Mäzene der Bruderschaft besser einschätzen zu lernen.
Während die Gäste sich mit ihren Servietten den Mund abwischten, fütterte Friedrich Joss, der an seiner Seite lag, mit Resten des Rinderbratens. Der Schäferhund zeigte sich wie immer als dankbarer Abnehmer. Das Kratzen einer Gabel auf Porzellan ließ Friedrich aufblicken. Er schickte einen strafenden Blick zu Hermann. Der Junge saß am anderen Tischende neben seiner Mutter und stocherte lustlos in den Essensresten auf seinem Teller. Der Stubenwagen mit Franz stand auf der anderen Seite neben Evelyn. Sie trug an diesem Abend ein dunkelrotes, tief ausgeschnittenes Kleid und war ganz die perfekte Gastgeberin. Gerade unterhielt sie sich leise mit einer Frau, die ihr direkt gegenübersaß, und lächelte dabei dezent. Dieses Kleid trug sie nur zu besonderen gesellschaftlichen Anlässen. Für ihn allein würde sie es niemals tragen. Wozu auch? Er verscheuchte den betrüblichen Gedanken gleich wieder und klopfte mit dem silbernen Messer leicht gegen sein Weinglas.
»Meine Herren, darf ich Sie zu einem Cognac in das Herrenzimmer bitten?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, stand er auf und ging voraus. Joss wartete, bis sein Herr sich an den Oberschenkel klopfte, dann sprang er gehorsam auf und lief ihm hinterher.
Fünf Minuten später hatten es sich die männlichen Gäste in den schweren Ledersesseln bequem gemacht. Hanno Behrend, Besitzer des größten deutschen Speditionsunternehmens, hatte sich eine dicke Zigarre angezündet. Ein dünner, weißer Rauchfaden schlängelte sich von ihrem rot glühenden Ende zur Decke empor. Die Cognacschwenker in den Händen, sahen die Männer Friedrich erwartungsvoll an. Er hob sein Glas und blickte feierlich in die Runde. »Meine Herren, trinken wir auf das Gelingen unserer großen Sache. Weit über dreihundert unserer Schüler haben mittlerweile die Priesterweihe empfangen und Pfarreien in ganz Europa und auch einige in Übersee übernommen. Bei einigen von ihnen zeichnet sich schon jetzt eine vielversprechende Karriere innerhalb der katholischen Kirche ab. Wir hatten zwar einige wenige Ausfälle, aber insgesamt können wir sehr zufrieden sein mit dem, was wir bisher erreicht haben. Das verdanken wir nicht zuletzt Ihrer Großzügigkeit. Deshalb gilt mein Trinkspruch vor allem auch Ihnen. Auf die Bruderschaft der Simoner!«
Er hob das Glas an die Lippen, doch bevor er einen Schluck nehmen konnte, meldete sich Professor Glassmanns zu Wort.
»Herr von Keipen, es gibt da etwas, das wir mit Ihnen besprechen möchten.«
Friedrich ließ den Arm wieder sinken und sah Glassmanns an. Angetrieben von dem ihm eigenen Argwohn, begannen die Kombinationsrädchen in seinem Kopf sofort zu arbeiten. Klick. Die Einladung zum Weihnachtsfest war Glassmanns’ Idee gewesen. Klick. Er hatte ihm auch die Namen derer vorgeschlagen, die er einladen sollte. Klick. Nun standen die Herren vor ihm und hatten etwas mit ihm zu besprechen. Klick, klick! Das roch nach einer abgekarteten Sache. Friedrich war alarmiert.
»Aber bitte, sprechen Sie«, sagte er so unverbindlich wie möglich.
Glassmanns räusperte sich. »Wie Sie gerade schon sagten, stehen mittlerweile über dreihundert Simoner im Dienst der Kirche. Das hört sich sehr gut an. Aber wir wüssten gern mehr über die Aktivitäten der Bruderschaft. Welcher Priester ist wo tätig? Was wird zu ihrer Unterstützung getan? Was passiert mit dem Geld, das von uns regelmäßig an die Bruderschaft gezahlt wird? Und wer hat welche Funktion innerhalb der Organisation? Wir wissen einfach zu wenig.«
Daher wehte also der Wind! Friedrich blieb äußerlich absolut ruhig.
»Nun, ich kann Ihnen gerne einige interne Berichte zur Verfügung stellen. Darin sollten Sie auf die meisten Ihrer Fragen eine Antwort finden. Zumindest, was die Verwendung Ihrer Fördermittel betrifft. Was allerdings die genauen Aufgaben der Simoner anlangt, werden Sie sicher verstehen, dass ich mich da aus Sicherheitsgründen bedeckt halten muss. Ich halte es nicht für angebracht, Namen zu nennen, das Risiko, dass diese Informationen in falsche Hände geraten, ist viel zu hoch.«
»Wollen Sie damit sagen, Sie vertrauen uns nicht?« Der Ton, in dem Günther Krollmann, Chef eines gewaltigen Bauimperiums, die Frage gestellt hatte, gefiel Friedrich überhaupt nicht. Die kurz zuvor noch lockere Stimmung hatte sich deutlich verändert. Auf einmal herrschte eine feindselige Atmosphäre im Raum.
»Nein, Herr Krollmann, ich möchte damit sagen, dass ich der Magus der Bruderschaft bin und als solcher die Verantwortung trage. Sie möchten wissen, was mit Ihrem Geld geschieht? Das ist Ihr gutes Recht. Alles andere -und verzeihen Sie mir bitte die direkten Worte - geht Sie nichts an.
Die Männer sahen sich schweigend an und nickten dann Professor Glassmanns zu. Der wandte sich wieder an Friedrich. Seine Miene wirkte dabei wie die eines Pokerspielers, der gerade im Begriff war, das versteckte Ass aus dem Ärmel zu ziehen.
»Gut, dann nennen wir die Dinge eben beim Namen, Herr von Keipen. Sie sind noch ein junger Mann. Manch einer denkt, zu jung für diese verantwortungsvolle Aufgabe. Wir wollen Mitspracherecht. In Anbetracht der hohen Summen, die wir jedes Jahr spenden, ist das nicht zuviel verlangt. Wir fordern, dass ein Aufsichtsrat gebildet wird, ähnlich dem einer Aktiengesellschaft, der sich in regelmäßigen Abständen trifft und alle wichtigen Entscheidungen absegnet. Wir möchten, dass unsere Sache zügiger vorangeht.«
Auf Friedrichs Stirn bildete sich eine deutliche Falte.
»Sie möchten? Sie fordern? Denken Sie nicht, dass Sie Ihren Einfluss etwas überschätzen? Meine Herren, ich kann Ihnen versichern, dass Ihre finanzielle Beteiligung an unserer Sache sich eines Tages für Sie auszahlen wird. Aber wenn Sie Ihre Spenden mit nicht erfüllbaren Bedingungen verknüpfen, werden wir unser Ziel auch ohne Sie erreichen. Seien Sie sich bitte darüber im Klaren, dass Sie nur fünf von fast einhundert Gönnern sind, die uns unterstützen. «
Der Professor lächelte nachsichtig, als stünde er einem kleinen Kind gegenüber.
»Stimmt, wir sind nur fünf. Allerdings sind wir die fünf, die die Zustimmung eines Großteils der erwähnten Gönner haben, mit unserer Forderung an Sie heranzutreten. Seien Sie bitte nicht so naiv zu glauben, wir würden einander nicht kennen. Die meisten von uns standen schon hinter der Sache, als Friedrich von Keipen noch in kurzen Hosen die Schulbank drückte.« Kalt sah er Friedrich in die Augen. »Es ist keine Bitte, Herr von Keipen, es ist eine Forderung, und wir möchten Ihre Entscheidung jetzt haben.«
Nur mühsam konnte Friedrich dem Drang widerstehen, seine Hände um Glassmanns’ faltigen Hals zu legen und so lange zuzudrücken, bis der Alte ihn winselnd um Verzeihung bitten würde. Unter Aufbietung seiner ganzen Selbstbeherrschung ging er in die Hocke und kraulte Joss bedächtig das Fell. Der körperliche Kontakt mit seinem Hund ließ ihn stets zur Ruhe kommen, egal, wie aufgewühlt er war. Und auch jetzt spürte er deutlich, wie der treue Blick aus den braunen Hundeaugen seine Wut besänftigte und sein Verstand wieder die Oberhand gewann.
Er konnte es zwar nicht so ganz glauben, dass sich über die Hälfte der Geldgeber gegen ihn verschworen haben sollte, aber er musste es zumindest in Betracht ziehen. Ein Versiegen dieser Geldquellen würde zwar nicht zwangsläufig das Aus für die Bruderschaft bedeuten, aber es könnte ihre Mission unnötig in die Länge ziehen. Gerade jetzt, wo sie einen Punkt erreicht hatten, an dem zur Förderung der Priester-Karrieren größere Geldgeschenke an bestimmte Persönlichkeiten unerlässlich wurden, wäre dies besonders ärgerlich.
Entschlossen richtete er sich auf. Langsam ließ er seinen Blick von einem zum anderen wandern, verharrte bei jedem so lange, bis er die Lider niederschlug. Nur Glassmanns hielt ihm stand.
»Nun gut, Herr Professor Glassmanns, bilden wir also einen Rat. Er wird aus zehn Mitgliedern bestehen und ich werde den Vorsitz haben. Vier davon ernennen Sie, die restlichen vier bestimme ich. Ein anderes Angebot werde ich Ihnen jedenfalls nicht machen. Entweder Sie nehmen es an oder Sie stecken sich Ihr Geld sonst wohin. Sollten Sie es allerdings tatsächlich ablehnen, so wissen Sie ja, dass Sie ein Sicherheitsrisiko für die Bruderschaft darstellen. Gute Nacht, meine Herren!«
Als Friedrich zur Tür hinausging, registrierte er mit Genugtuung die unsicheren Blicke, die die Männer austauschten. Sie wussten, was diese Einstufung bedeutete.