12. August 1970 - Vatikan
Die vier Männer blickten in das sorgenvolle Gesicht Klemens’ XVI. Die Augen des Papstes schienen auf einen Punkt in weiter Ferne fixiert zu sein. Der Bericht über die alarmierenden Vorgänge hatte ihn augenscheinlich sehr mitgenommen.
Gegenüber Kardinal de Riemer und Corsetti saßen der Präfekt der Kongregation für den Klerus, Kardinal Guillaume Deacon, und sein Sekretär, Bischof Bernardetto Carvallas, an dem großen, ovalen Tisch. Die blankpolierte Oberfläche reflektierte das Licht des schweren Kronleuchters, der genau über dem Mittelpunkt der Tischplatte hing.
Der Papst schien tief in seinen Sessel eingesunken zu sein. Er wirkte zerbrechlich.
Über dem großen Besprechungsraum lag eine Stille, die Corsetti unter anderen Umständen als feierlich empfunden hätte. In diesem Moment wirkte sie bedrückend. Corsetti hatte, anders als Kardinal de Riemer, nicht oft die Gelegenheit, den Heiligen Vater zu sehen. Er hatte Klemens XVI. schon vor seiner Wahl zum Papst flüchtig gekannt, konnte aber kaum noch eine Ähnlichkeit mit dem Mann feststellen, der nun am Kopfende des Tisches saß.
In seiner Erinnerung war Kardinal Bertulli ein großer, drahtiger Mann, der mit seinem forschen Auftreten eher an den Manager eines Wirtschaftsunternehmens erinnerte als an ein hohes Mitglied der Römischen Kurie.
Doch zusammen mit seinem weltlichen Namen schien Ernesto Bertulli, der jetzt Klemens XVI. hieß, auch seinen Aktivismus abgelegt zu haben.
Die wenigen Male, die Corsetti in jüngerer Vergangenheit die Gelegenheit hatte, ihn zu sehen, hatte der Papst zart gewirkt und in sich gekehrt. Er wusste, dass man das auch innerhalb der Kurie bemerkt hatte und sich Gedanken machte. Schon wurden hinter vorgehaltener Hand erste Befürchtungen geäußert, der Neunundsechzigjährige würde an der Bürde seines Amtes zerbrechen.
Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung des Kopfes kehrte die Aufmerksamkeit des Papstes zurück. »Ich mache mir große Sorgen.«
Nacheinander sah er die vier Männer an und Corsetti hatte dabei das Gefühl, der Blick ruhe auf ihm länger als auf den anderen Anwesenden.
Kardinal de Riemer wartete respektvoll, bis er sicher war, dem Heiligen Vater nicht ins Wort zu fallen. Als der nach mehreren Sekunden nicht weitersprach, räusperte der Kardinal sich und sagte:
»Fast alle Geistlichen, mit denen wir uns bisher unterhalten haben, zeigten sich sehr unnachgiebig. Sie möchten mit Traditionen brechen, die nach ihrer Auffassung den Ergebnissen neuester wissenschaftlicher Exegese nicht mehr standhalten können.
Bemerkenswert ist die Tatsache, dass eine Kernaussage bei allen Priestern gleich war, mit denen wir gesprochen haben.
Sie alle sind der Meinung, dass die Theologie immer der modernen Schriftauslegung folgen muss und die Heilige Schrift nicht unter dem Zwang einer Tradition zu interpretieren ist. Sie erheben die Exegese zur absoluten Autorität.
Da die Aussagen der Geistlichen an die Grundlagen des Glaubens und des sakramentalen Lebens der Kirche rühren, werden wir ein Verfahren gegen sie einleiten müssen.«
Eine lange Pause entstand, bis Klemens XVI. kaum merklich nickte.
»Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist die von Gott verordnet. So lehrt uns das Neue Testament, Römer 13,1.« Er sprach leise, ohne einen der Anwesenden dabei anzusehen, als führe er ein Selbstgespräch.
»Aber Eure Heiligkeit, in der Offenbarung steht geschrieben: “Wer Ohren hat, der höre, was der Geist der Gemeinde sagt! Sind unsere jungen Priester nicht auch unsere Gemeinde?«
Es war Kardinal Deacon, der mit seiner hohen, fast weiblichen Stimme diesen Einwand brachte und die Blicke der anderen damit auf sich zog. Deacon war dafür bekannt, ein unbequemer Gesprächsteilnehmer zu sein. Aus seinem direkten Umfeld war sogar schon die These aufgestellt worden, es ginge dem Kardinal bei Gesprächen und Diskussionen weniger um sachliche Beiträge als vielmehr darum, zu widersprechen und zu widerlegen. Obwohl Deacon den Heiligen Vater direkt angesprochen hatte, antwortete ihm stattdessen de Riemer.
»Es ist richtig, Kardinal Deacon, dass der Geist der Gemeinde gehört werden muss. Aber nicht, um sich nach ihm zu richten, sondern um rechtzeitig zu erkennen, wenn er in eine Richtung lenkt oder gelenkt wird, die von unserer Glaubenslehre abweicht. Und um rechtzeitig darauf reagieren zu können. Deshalb sitzen wir hier zusammen.«
Papst Klemens XVI. hob die rechte Hand, langsam, als bereite es ihm große Anstrengung.
»Kardinal de Riemer, ich bitte Sie, die entsprechenden Verfahren einzuleiten und mich über deren Fortgang zu informieren. Gott sei mit Ihnen.«
Das war für die Anwesenden das Zeichen, dass die Unterhaltung beendet war.