16 Tage vor dem Ende

Die Nachricht vom Rücktritt Papst Pius’ XIII. wurde in der ganzen Welt mit Erstaunen zur Kenntnis genommen.

Dieser Schritt, den zuletzt Papst Coelestin V. am 13. Dezember 1294 unternommen hatte, traf aber nicht nur die Öffentlichkeit, sondern vor allem die Mitglieder der Kurie völlig unerwartet.

Alle Anfragen nach dem Grund für diese Entscheidung wurden von den zuständigen Stellen mit immer dem gleichen Standardsatz beantwortet: Es sind persönliche Gründe.

Dabei wussten selbst diese zuständigen Stellen nicht mehr. Die Zeitungen in der Welt übertrafen sich gegenseitig mit Mutmaßungen und angeblichen Geheiminformationen aus >gut unterrichteten Kreisen innerhalb des Vatikans<.

Papst Pius XIII. hat seinen Glauben verloren. Papst zerbricht an Intrigen innerhalb der Kurie. Das Ende des Papsttums? Kirchenoberhaupt wurde von Geheimloge erpresst.

Ein einschlägiges Blatt in Deutschland glaubte gar sicher zu wissen, dass er ein millionenschweres Angebot aus der Wirtschaft bekommen hatte.

An den ehemaligen Papst selbst war nicht heranzukommen. Selbst den Kurienkardinälen wurde lediglich mitgeteilt, er verweile schon nicht mehr im Vatikan. Die einzigen beiden Männer außer Jan de Riemer selbst, die wussten, was der tatsächliche Grund für den Rücktritt war, hätten sich eher steinigen lassen, als auch nur ein Wort darüber zu verlieren.

Einer dieser beiden Männer erhielt kurz nach Bekanntgabe einen Anruf aus Südafrika. Er hatte ihn erwartet.

»Kannst du reden?«

»Ja.«

Kurt Strenzler befand sich in seiner Wohnung im Vatikan. Neben ihm saß Kardinal Viteggio, der Camerlengo, und Strenzler hielt das Telefon ein wenig vom Ohr weg, so dass der Mann mithören konnte.

»Was ist da los, Kurt?«

»Nun, Friedrich, der Papst ist zurückgetreten.«

Lautes Schnaufen war zu hören. »Kurt, du solltest meine Nerven nicht überstrapazieren. Ich möchte jetzt sofort von dir hören, warum der Papst zurückgetreten und nicht tot ist. Du hattest einen klaren Befehl.«

Der Camerlengo zuckte kurz zusammen. Das war der definitive Beweis, dass Kardinal Strenzler die Wahrheit gesagt hatte. Mit ruhiger Stimme sagte Strenzler: »Friedrich, du hast mir einmal vor langer Zeit gesagt, du schätzt es an mir, dass ich kein sturer Befehlsempfänger bin, sondern mitdenke. Das habe ich in diesem Fall getan.«

»Du hast meinen Befehl missachtet.«

»Nein, Friedrich, das habe ich nicht.«

Einen Moment war nichts zu hören außer dem leichten Rauschen, von dem ihre Telefonate wegen der großen Entfernung immer untermalt waren.

»Kurt, ich warne dich. Treibe keine Späßchen mit mir, ich bin dazu absolut nicht aufgelegt.«

»Er ist verschwunden und hat einen Brief mit seiner Abdankung hinterlassen. In seinen Privatgemächern hat man einige Dokumente gefunden, die darauf schließen lassen, dass er vor seiner Wahl in einige dunkle Machenschaften der Vatikanbank verwickelt war. Aus Angst vor einem weltweiten Skandal hat der Vatikan deshalb die Meldung herausgegeben, er sei aus persönlichen Gründen zurückgetreten. Es darf niemals bekannt werden, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche ein Gauner war.« Wieder zuckte der Mann neben ihm deutlich zusammen. Strenzler sprach unbeirrt weiter: »Keine Angst, man wird ihn nie finden.«

Mit einem Seitenblick stellte er fest, dass Kardinal Viteggio leichenblass geworden war. Der Mann schwankte verdächtig und Strenzler befürchtete, er würde bald umfallen.

Wieder war nur das Rauschen zu hören. Dann sagte Friedrich mit etwas heiserer Stimme: »Kurt, du jagst mir Angst ein. Ich muss gestehen froh zu sein, dich auf meiner Seite zu haben.«

Kardinal Kurt Strenzler lachte nur kurz auf, erwiderte aber nichts.

Sie sahen sich das erste Mal, seit der Papst zurückgetreten war. Bischof Corsetti klopfte am Abend an seiner Wohnungstür an und trat mit traurigem Gesicht ein.

Als sie sich gegenübersaßen, schüttelte der Bischof den Kopf. »Ich kann es noch immer nicht glauben, Kurt. Warum nur hat er das getan? Ich dachte, es könne keinen besseren Menschen für den Stuhl des Petrus geben als Pius XIII. Weißt du etwas, das man uns nicht sagt?«

Strenzler hob bedauernd die Schultern. »Nein, es tut mir leid. Sein Verhalten ist für uns alle ein Rätsel. Es kam ohne Vorwarnung. Niemand hatte eine Ahnung, als dem Camerlengo nach dem Verschwinden des Papstes das Schreiben überreicht wurde, das man in seinen Privatgemächern gefunden hatte. Ich weiß nur, dass er einen Teil seiner Kleidung mitgenommen hat. Selbst den Ring hat er abgezogen und auf einem Tisch liegen lassen.«

»Es wird viel spekuliert. Hältst du es für möglich, dass ein Verbrechen geschehen ist?« Strenzler schüttelte energisch den Kopf. »Das halte ich für unwahrscheinlich. Man hätte etwas davon bemerken müssen. Niemand kann den Papst gegen seinen Willen unbemerkt aus dem Lateranpalast und dem Vatikan schaffen. Nein, ich glaube, es gab wirklich schwerwiegende persönliche Gründe für seinen Rücktritt.«

Bischof Corsetti sah seinem Freund tief in die Augen.

»Glaubst du, du wirst zum Papst gewählt?«

Strenzler fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Ich bin einer von rund einhundertfünfzig Kardinälen, Leonardo. Davon sind etwa einhundertzwanzig unter achtzig Jahre alt, haben also das aktive Wahlrecht. Wieso sollte ich denken, dass ausgerechnet ich gewählt werde?«

»Möchtest du denn, dass man dich zum Papst wählt?«

Strenzler sah an dem Bischof vorbei und seine Augen bekamen einen gläsernen Glanz. »Ich weiß nicht, ob ich es wirklich möchte. Ich weiß aber, wenn man mich zum Papst wählen würde, wäre es gottgewollt. Ich würde mich dem fügen.«

»Ich denke, dass du gewählt wirst, Kurt. Ich wünsche es auch, denn nach Kardinal de Riemer kann ich mir niemanden vorstellen, der dafür geeigneter wäre. Und ich weiß, dass viele der Kardinäle ähnlich denken.«

Kurt Strenzler wiegte den Kopf etwas hin und her. »Es gibt aber auch viele Stimmen, die der Meinung sind, es wäre an der Zeit für einen dunkelhäutigen Papst.«

»Und viele, die strikt dagegen sind.«

Strenzler erhob sich mit einem Ruck. »Was sollen wir spekulieren? Bald wird das Konklave beginnen. Der Herr wird uns lenken.«

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