8. August 1969 - Kimberley
Dr. Fissler saß im gleichen Sessel wie an jenem Abend, als er sich mit Friedrich über dessen Eingreiftruppe gestritten hatte.
Es war auch der gleiche Sessel, in dem kurz danach Evelyn sich in Todesangst gegen Joss verteidigen musste. Im Polster der Rückenlehne war noch immer deutlich die Einkerbung des Schürhakens zu sehen, durch den der Hund gestorben war.
Evelyn saß dem Arzt gegenüber vor dem kalten Kamin. Nun, da keine Flammen darin loderten, wirkte die Feuerstelle bedrohlich, wie ein großes, düsteres Maul. Der Regen, der in monotonem Stakkato gegen die Fensterscheibe prasselte, unterstrich die ungemütliche Atmosphäre.
Sie hatte dem alten Arzt von dem Abend erzählt, von dem unglaublichen Befehl, den Friedrich dem Hund gegeben hatte.
»Du musst ihn verlassen, Evelyn«, sagte Fissler zum wiederholten Mal.
Sie schlug die Augen nieder und schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht, Werner, und das weißt du. Wo sollte ich hin? Und was wäre mit den Jungs? Er würde niemals zulassen, dass ich sie mitnehme.«
»Du darfst ihm keine Möglichkeit geben, es zu verhindern. Pack dir deine Kinder und verschwinde von hier. Er kommt frühestens heute Abend aus Deutschland zurück. Bis dahin könnt ihr schon weit weg sein. Ich helfe dir! Ich habe noch gute Kontakte.«
Sie hob den Kopf, und obwohl Tränen in ihren Augen schimmerten, sah sie ihn mit festem Blick an. Nur ihre Stimme klang eine Nuance dunkler als sonst.
»Er würde mich finden, egal, wohin ich gehe. Du weißt selbst, wie weitverzweigt die Bruderschaft mittlerweile ist. Und wenn er merken würde, dass du mir geholfen hast, würde er sich an dir dafür rächen. Nein! Ich werde nicht vor ihm weglaufen.«
Der Arzt atmete schnaubend aus und schüttelte den Kopf.
»Wenn die Sitzung in Aachen so verlaufen ist, wie ich denke, wird er sowieso den Wunsch haben, mich zu töten. Ich habe mein Leben gelebt und nicht mehr viel zu verlieren. Aber bei dir und den Kindern ist das etwas anderes. Du weißt, dass sowohl seine Mutter als auch sein Vater wahnsinnig geworden sind. Ich erkenne bei Friedrich immer öfter Anzeichen dafür, dass auch er langsam die Kontrolle über sich verliert, und ich möchte nicht, dass ihr noch hier seid, wenn es irgendwann wirklich so weit ist.« »Ich bleibe«, beharrte sie. »Ich glaube nicht, dass …« »Dass dein Mann den Verstand verliert? Das solltest du auch nicht glauben, denn dieser Verstand arbeitet so präzise wie eh und je.«
Evelyn hatte das Gefühl, etwas presse ihr die Luft aus den Lungen. Gleichzeitig mit Fissler warf sie den Kopf herum und starrte Friedrich an, der grinsend im Eingang stand. Er schien den Anblick ihrer überraschten Gesichter einen Moment auszukosten, bevor er sich in Bewegung setzte und auf sie zuging.
»Sieh an! Der alte Arzt und die hübsche Lehrerin. Hocken zusammen und schmieden Pläne gegen den wahnsinnigen Ehemann.« Er ging an beiden vorbei und ließ sich auf einen freien Sessel fallen.
»Du hast Recht, Evelyn. Ich würde dich überall finden. Aber ihr enttäuscht mich. War das, was ich gehört habe, wirklich alles, was euch eingefallen ist? Weglaufen?« Es klang nicht wütend, eher belustigt. »Seid ihr noch nicht auf den Gedanken gekommen, dass es viel besser wäre, mich umzubringen? Das Naheliegendste ist euch nicht eingefallen? Könnt ihr denn gar nichts alleine?«
Er schüttelte lachend den Kopf und sah Evelyn an, und unvermittelt kam ihr der Gedanke, dass Werner recht hatte. In diesen Augen schien wirklich ein Schimmer von Wahnsinn zu leuchten.
Sie hielt seinem Blick stand und stellte dabei überrascht fest, dass sie keine Angst mehr vor ihm verspürte. Es war keine Panik, sondern eine Schlinge aus Wut, die sich ihr um den Hals legte und das Atmen erschwerte. Vielleicht war es sogar Hass. Sie rechnete damit, dass sie nur ein Krächzen herausbringen würde, doch ihre Stimme klang fest und bestimmt. Kalt.
»Doch, Friedrich, der Gedanke ist mir schon gekommen. Aber du hast uns unterbrochen, bevor ich es Werner vorschlagen konnte.«
Die plötzliche Veränderung in Friedrichs Gesicht verschaffte ihr eine Genugtuung, wie sie sie lange Zeit nicht mehr verspürt hatte. Die übertriebene Fröhlichkeit war aus diesem Gesicht gewichen und schien alle Farbe mit sich genommen zu haben. Zurück blieb eine wächserne Maske aus ehrlicher Verblüffung.
»Es wäre ein Leichtes für mich, euch beide umzubringen«, zischte er. »Aber das werde ich nicht tun.«
Mit einem Ruck war er aus dem Sessel und ging langsam vor den beiden hin und her, wobei er sie abwechselnd betrachtete. »Ich werde euch sagen, was ich tue. Du, meine mordlüsterne Gattin, wirst ab jetzt meine Söhne nur noch einmal pro Tag zu Gesicht bekommen. Die Gefahr, dass du sie gegen mich aufwiegelst, ist mir zu groß. Sie werden ab sofort von einer Kinderfrau erzogen, die ich aussuchen werde. Und von mir natürlich.«
»Das kannst du nicht…«, wollte Evelyn aufbrausen, aber weiter kam sie nicht.
»Halt den Mund, du eiskaltes Aas. Du hast Joss getötet«, fuhr Friedrich sie an, und da spürte Evelyn, dass die Angst nicht verflogen war. Sie hatte sich nur für kurze Zeit hinter einer dunklen Wolke aus Wut verborgen, die sich nun unter Friedrichs Stimme schnell verzog.
»Sollte es dir noch einmal einfallen, mir zu widersprechen, wirst du sie überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekommen.«
Dann wandte er sich dem Arzt zu. »Dir, lieber Werner, möchte ich danken. Dein netter Brief hat in Aachen endgültig für klare Verhältnisse zwischen dem Rat und mir gesorgt. Alle Mitglieder, nein, fast alle Mitglieder, haben sich entschlossen, hinter der Führung der Simoner zu stehen. Es war ein Erfolg auf der ganzen Linie. Du siehst, es gibt für mich keinen Grund, wütend auf dich zu sein. Du hast mir einen großen Gefallen getan. Trotzdem möchte ich vermeiden, dass du dir noch einmal etwas Derartiges einfallen lässt, um den Erfolg der Simoner zu sabotieren. Deshalb gilt für dich das Gleiche wie für meine liebe Frau. Auch wenn du mir in die Quere kommen solltest, wird sie die Kinder nicht mehr sehen. Damit ist euer Handeln eng miteinander verbunden. Das wolltet ihr doch, oder?«
Das Grinsen kehrte wieder zurück.
»Ist das in seiner Einfachheit nicht genial? Niemandem geschieht etwas und trotzdem kann ich sicher sein, dass ihr euch ab jetzt so benehmt, wie ich es erwarte. Was sagt ihr? Klingt das nach einem Verstand, der nicht mehr sauber funktioniert?«