18. Mai 1970 - Vatikan

Corsetti hielt einen Moment mit dem Packen seines Koffers inne und wischte sich über die Stirn. Er fühlte sich müde, fast krank.

Kurz nachdem diese Untersuchung begonnen hatte, war der Albtraum gekommen.

Abends sank er völlig erschöpft ins Bett und schlief sofort ein, doch schon nach kurzer Zeit plagten ihn schlimme Bilder.

Oder waren es Visionen?

Er erlebte den Untergang der katholischen Kirche. Wie in einem gigantischen Monumentalfilm wurde er Zeuge, wie in allen Teilen der Welt die Geistlichen verfolgt wurden. Heerscharen von Teufeln, in bunte Priestergewänder gehüllt und die Gesichter zu grellen Fratzen geschminkt, verhöhnten und misshandelten die gläubigen Kirchenmänner. Bischöfe wurden von der Meute durch die Straßen der großen Städte gejagt. Priester, die sich dem Kult der modernen Kirche nicht anschließen wollten, wurden aus ihren Gemeinden geprügelt.

Am schlimmsten war es im Vatikan. Der Papst und die Kurienkardinäle waren in Verließe in den Katakomben unter der Engelsburg gesperrt worden. An ihre Stelle waren Männer in grauen Anzügen getreten, mit grauen Haaren und grauen Gesichtern. Sie hatten keine Nasen und keine Münder, diese Gesichter, nur zwei schwarze Knöpfe, die kalt ihre Umgebung musterten. Der Oberste der Grauen trug als Zeichen seiner Macht eine blutrote Tiara aus Pappe.

Das Innere des Petersdoms war mit grauen Girlanden geschmückt worden und unter dem Baldachin erzeugte eine Rockband ohrenbetäubenden Lärm. Die Reihen waren bis auf den letzten Platz besetzt, und mit jeder Minute, die die Gläubigen länger im Dom blieben, wurden ihre Gesichter grauer und verloren mehr und mehr ihre Konturen.

Die Welt stand am Abgrund und er sah das alles und konnte nichts dagegen tun. Seine Verzweiflung löste sich in einem langen Schrei. Er schrie den Gläubigen im Petersdom seinen Schmerz zu und den Priestern und Bischöfen, die vor ihren Peinigern durch die Straßen flüchteten. Sein Schrei ließ die Köpfe der Grauen zu ihm herumfahren und selbst das formlose Gesicht des Obergrauen ruckte so heftig zu ihm herum, dass die Dreifachkrone aus Pappe ihm vom Schädel fiel.

Und dann begannen sie zu lachen.

Erst die Männer in den grauen Anzügen, dann die Menschen im Petersdom. Zuletzt blieben auch die flüchtenden Priester und Bischöfe stehen und verbündeten sich mit ihren Verfolgern. Sie zeigten mit den Fingern auf ihn und lachten ihn aus. Corsettis Schrei wurde immer heller und immer lauter. So laut, dass er davon aufwachte und schweißgebadet und mit pochendem Herzen, aufrecht in seinem Bett sitzend, versuchte, die Dunkelheit seines Zimmers zu durchdringen. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm dann meist, dass es erst zwei oder drei Uhr war. Einschlafen konnte er danach jedoch nicht mehr.

Während er seine Toilettenartikel zusammenpackte, dachte er an die bevorstehende Reise. Vier Stationen hatte er allein in Deutschland zu bewältigen. Es würden Gespräche mit vier Bischöfen stattfinden und mit vier jungen Geistlichen, denen schwere Verfehlungen im Sinne der Kirche angelastet wurden.

Auch das Umfeld der Priester würde er mit einbeziehen müssen. Er würde in Privatsphären einbrechen und Menschen befragen, die die Männer kannten, mit ihnen befreundet waren. Zum ersten Mal, seit er der Glaubenskongregation angehörte, würde er eine Untersuchung leiten, deren Ergebnis das Schicksal junger Priester auf eine Art beeinflussen konnte, die ihm großes Unbehagen bereitete. Nicht, weil er die Institution der Kongregation in Frage stellte. Sollten die Vorwürfe sich bewahrheiten, hätte das für die Geistlichen weitreichende und aus Sicht der Kirche sehr schlimme Folgen. Und er, der Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre, hätte sie zu verantworten.

Mit einem leisen Seufzer legte er den Toilettenbeutel ab, verharrte für einen kurzen Moment vor dem geöffneten Koffer und wandte sich schließlich der Wohnungstür zu.

Er brauchte Kraft und Zuspruch für die Dinge, die nun vor ihm lagen, und er wusste, wo er beides bekommen würde.

Er war der einzige Besucher der kleinen Kapelle im Erdgeschoss des Gebäudes. Wandlampen tauchten den knapp einhundert Quadratmeter großen Raum in sanftes, gelbliches Licht, das die Seele zu streicheln schien. Links und rechts standen, durch einen schmalen Mittelgang getrennt, jeweils drei Holzbänke hintereinander.

Langsam ging der Geistliche an den Bänken vorbei auf den schreibtischgroßen Steinblock an der Stirnseite zu, der als zentrales Element den Altar bildete. Er achtete dabei darauf, das Geräusch seiner Schritte zu dämpfen, um die Stille nicht zu stören. Ein frischer Blumenstrauß war in der Mitte des Altars aufgestellt worden, zu beiden Seiten flankiert von dicken Kerzen, auf denen bewegungslos kleine Flammen standen.

Corsetti verbeugte sich tief vor dem hölzernen Kreuz, das an Ketten über dem Altar hing, bevor er sich direkt vor dem Steinblock auf die Knie sinken ließ und die Hände vor dem Körper faltete.

Demütig senkte er den Kopf.

Mit geschlossenen Augen ließ er seinen Gedanken freien Lauf und öffnete die Pforten seines Geistes, damit die Seele sich selbst ihren Weg suchen konnte. Minutenlang verharrte er so. Regungslos, gedankenlos.

Als er sich schließlich frei fühlte von allen weltlichen Dingen, als er seinen Körper nicht mehr bewusst spürte, begann sein langes Zwiegespräch mit Gott.

 

Magus - Die Bruderschaft
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