7. August 1969 - Aachen

Die Atmosphäre in dem großen Raum in Professor Glassmanns Haus war gespannt. Die Dringlichkeit, mit der die Ratssitzung der Bruderschaft einberufen worden war, schlug sich auch jetzt noch in der Stimmung der Männer nieder.

Aufgeregt wurde in Zweier-oder Dreiergruppen getuschelt und es ging dabei stets um das gleiche Thema: Den Tod des Papstes und die Folgen, die sich für die Bruderschaft daraus ergaben.

Nur Friedrich beteiligte sich nicht an der allgemeinen Aufregung. Als Einziger saß er an seinem Platz, hatte einen Stift in der Hand und ließ ihn immer wieder zwischen Daumen und Zeigefinger hindurchgleiten, bis die Spitze mit einem leisen »Klick« auf der Tischplatte aufschlug. Es hatte den Anschein, als würde ihn das alles nicht im Geringsten interessieren.

Als der Professor schließlich den Raum betrat, setzten sich auch alle anderen. Der Platz an Friedrichs rechter Seite blieb frei. Dr. Fissler war in Kimberley geblieben. Er fühle sich nicht wohl, hatte er Friedrich durch Hans mitteilen lassen, und traue sich die weite Reise im Moment nicht zu. Friedrich hatte es zur Kenntnis genommen und sich nicht weiter dazu geäußert. Es interessierte ihn nicht, ob der alte Mann dabei war oder nicht.

In den letzten Wochen zeigte er im Allgemeinen wenig Interesse an dem Geschehen um sich herum. Der Tod seines Hundes hatte nicht nur die Kluft zwischen Evelyn und ihm unüberwindbar groß werden lassen, er hatte auch dazu geführt, dass Friedrich seitdem das zurückgezogene Dasein eines Einsiedlers fristete. Selbst Hans kam nur an ihn heran, wenn er mit Nachdruck glaubhaft machen konnte, dass es unabdingbar war.

Das Stimmengemurmel hatte sich gelegt und eine fast greifbare Stille breitete sich in dem Raum aus.

Alle Augen richteten sich auf Friedrich, der immer noch den Stift dabei beobachtete, wie er durch seine Finger glitt. Er schien die Blicke nicht zu bemerken.

Professor Glassmanns räusperte sich. »Herr von Keipen, können wir beginnen?«

Keine Reaktion.

»Herr von Keipen? Fühlen Sie sich nicht wohl? Soll ich die Sitzung leiten?«

Plötzlich ruckte Friedrichs Kopf nach oben und er sah sich irritiert um, als wäre er aus einem Traum erwacht und müsse sich erst orientieren, um in die Realität zurückzufinden.

»Was?«

»Soll ich die Leitung der Sitzung für Sie übernehmen? Fühlen Sie sich nicht wohl?«, fragte der Professor noch einmal.

»Nein! Die Sitzung leite ich.«

Er stand auf und stützte die Hände auf der Tischplatte ab. Der Blick, mit dem er die Männer bedachte, ließ in Hans die Hoffnung aufkeimen, dass plötzlich der alte Friedrich wieder da war.

»Meine Herren, hiermit eröffne ich die Dringlichkeitssitzung des Rates der Simonischen Bruderschaft. Erster und einziger Tagesordnungspunkt: Der Tod von Papst Klemens XV. vor zwei Tagen.«

Dann begann seine gewohnte Wanderung um den Tisch.

»Herr Professor Glassmanns hat dieses Treffen kurzfristig einberufen, um die Folgen, die das Ableben des Papstes für die Bruderschaft hat oder haben könnte, zu erörtern. Lassen Sie mich dazu einige Worte vorwegschicken, bevor wir die einzelnen Meinungen dazu hören.

Der anstehende Wechsel auf dem Petrusstuhl hat für uns keinerlei Folgen. Vorerst wird alles bleiben, wie es ist.«

Stimmengemurmel folgte.

»Ich denke schon …«, setzte Professor Glassmanns an, wurde aber durch eine herrische Handbewegung Friedrichs abgewürgt.

Hans unterdrückte ein Grinsen. Das war, zumindest im Augenblick, wieder der Friedrich von Keipen, den er kannte.

»Ich sagte es bereits, wir werden anschließend alle Meinungen dazu hören. Wenn ich mit meiner Eröffnungsrede fertig bin.«

Unbeirrt setzte er seine Runde fort.

»Wir haben noch keinerlei Möglichkeit, die Wahl des Papstes zu beeinflussen. Die wenigen Männer, die wir bisher im Vatikan haben, verfügen noch nicht ansatzweise über den Einfluss, der dazu nötig wäre. Wir können im Moment nichts tun. Unsere Zeit ist noch nicht gekommen. «

Damit ging er zurück zu seinem Platz und setzte sich.

Sofort hob Glassmanns die Hand und bat um das Wort, das Friedrich ihm mit einer Handbewegung auch erteilte.

»Mit Verlaub, Herr von Keipen, ich sehe das ein wenig anders. Wie Sie selbst sicherlich wissen, sind mit Beginn der Sedisvakanz alle Leiter der Dikasterien, einschließlich des Kardinalstaatssekretärs, der Kardinalpräfekten, der erzbischöflichen Präsidenten, wie auch die Mitglieder derselben Dikasterien zurückgetreten.

Das heißt im Klartext, außer dem Kardinal-Camerlengo, dem Großpönitenziar, dem Kardinalvikar für Rom und ein paar anderen gibt es kaum noch jemanden in der Kurie, der sich seines bisherigen Amtes unter einem neuen Papst sicher sein kann. Das Konklave kann frühestens am sechzehnten Tag nach dem Tode des Papstes beginnen.

Das wäre heute in vierzehn Tagen. Wir haben also vierzehn Tage Zeit, uns mit den Kardinälen ohne Ämter zu befassen. Wenn wir es geschickt anstellen und wohldosiert, je nach Bedarf, entweder Geldgeschenke, Drohung oder Erpressung einsetzen, könnte es uns gelingen, sowohl einen aus unserer Sicht geeigneten Kandidaten zu finden, als auch dafür zu sorgen, dass er genügend Stimmen bekommt. Der jetzige Tod des Papstes ist ein Wink des Schicksals. Wir sollten die Chance ergreifen und zuschlagen. Wer weiß, wann oder ob sich uns überhaupt jemals wieder eine solche Gelegenheit bieten wird.«

Beifall heischend sah er sich um und registrierte zufrieden ein allgemeines Kopfnicken.

Plötzlich schlug Friedrich mit der flachen Hand auf den Tisch und sprang auf. Auf seiner Stirn zeichnete sich deutlich eine steile Falte ab.

»Nun habe ich aber endgültig genug von Ihnen und Ihren realitätsfremden Ansichten, Herr Professor Glassmanns. Sie würden jedes Risiko in Kauf nehmen, wenn sich daraus auch nur die geringste Chance ergeben würde, dass Sie es noch erleben, wie die Bruderschaft die Kirche übernimmt und Ihnen das gibt, wonach Sie sich in Ihrer Gier so sehr sehnen. Macht! Es geht Ihnen nicht um die Bruderschaft, sondern einzig um sich selbst. Glauben Sie denn allen Ernstes, Sie könnten den Mitgliedern der Kurie drohen? Oder sie mit Geld locken? Mein Gott, so dumm können Sie einfach nicht sein. Das sind alles Männer, deren gesamtes Leben sich um die katholische Kirche dreht, deren Leben die Kirche ist. Diese Männer glauben an das, was sie tun, wenn das für Sie vielleicht auch schwer nachvollziehbar ist. Es würde keine zwei Tage dauern, und man würde eine offene Jagd auf die Simoner beginnen.

Die Kurie mag innerlich noch so sehr zerstritten sein, aber wenn es ein Problem von außen gibt, rückt sie zusammen.

Nein, nein, nein! Auf keinen Fall werden wir irgendetwas unternehmen. Es wird mindestens noch fünfzehn bis zwanzig Jahre dauern, bis wir so weit sind, dass wir unsere eigenen Männer im Vatikan an entsprechenden Posten haben. Dann, und keinen einzigen Tag früher, können wir daran denken, zuzuschlagen. Finden Sie sich damit ab, dass Sie es selbst wahrscheinlich nicht mehr erleben werden, Herr Professor. Aber es hätte Ihnen von Anfang an klar sein müssen, dass Ihr Engagement für die Simoner nicht mehr Ihnen selbst, sondern erst Ihren Söhnen zugutekommen wird. Ich bin nicht bereit, darüber weiter zu diskutieren. «

Das Gesicht des Professors war während Friedrichs Zornausbruch rot angelaufen und man sah ihm an, dass er um Beherrschung rang.

»Herr von Keipen. Dies ist eine Ratssitzung. Beschlüsse werden miteinander gefasst aufgrund einer mehrheitlichen Abstimmung und nicht, weil eine Person etwas festsetzt. Ich beantrage die Abstimmung darüber, ob wir zum jetzigen Zeitpunkt aktiv werden oder nicht, und diese Abstimmung können Sie mir nicht verwehren. So viel dazu. Bevor es aber zu besagter Abstimmung kommen wird, möchte ich noch etwas verlesen, was für alle Ratsmitglieder von größtem Interesse sein dürfte.«

Er zog einen Zettel aus der Innentasche seines Jacketts und faltete ihn auseinander. Dann setzte er die Brille auf, die vor ihm auf dem Tisch lag, und las vor.

Verehrter Herr Professor Glassmanns,

ich wende mich an Sie mit der Bitte, dieses Schreiben dem Rat der Simoner vorzutragen. Die Mitglieder haben ein Recht darauf, den Inhalt zu erfahren: Ich sehe es als meine Pflicht an, Sie darüber zu informieren, dass S1 im Begriff ist, eine Truppe aus Söldnern zusammenzustellen, die in seinem Auftrag Mordaufträge an Menschen ausführen sollen, die nach dem alleinigen Befinden von S1 der Bruderschaft im Wege stehen. Ich weiß, dass es in Zukunft die Notwendigkeit dazu geben kann, aber eine solche Truppe unter dem alleinigen Befehl eines einzigen Mannes erachte ich als höchst bedenklich.

Da nun der Rat darüber informiert ist, hoffe ich, dass ein Einsatz dieses Mordkommandos nur noch mit Zustimmung des Rates erfolgen wird.

Dr. Werner Fissler

Als Glassmanns das Papier sinken ließ, richteten sich alle Blicke auf Friedrich.

»Möchten Sie uns dazu etwas sagen, Herr von Keipen?«

Der Triumph leuchtete deutlich in den Augen des alten Mannes. Friedrichs Gedanken gingen rasend schnell, aber trotzdem strategisch geordnet.

Er brauchte nur Sekunden, um zu der Überzeugung zu gelangen, dass er den vermeintlichen Erfolg für Glassmanns zu einer niederschmetternden Niederlage machen konnte. Mehr noch, mit der Flucht nach vorne konnte er endgültig Klarheit darüber schaffen, wer das alleinige Sagen innerhalb der Bruderschaft hatte.

Grinsend sah er nach links und rechts, nickte »seinen« Männern, Krämer, Scholler und Hans, zu und lehnte sich dann nach vorne.

»Allerdings möchte ich etwas dazu sagen, Herr Professor. Es stimmt alles, was Dr. Fissler Ihnen geschrieben hat. Fast alles! In einer Kleinigkeit muss ich seine Ausführungen korrigieren. Ich bin nicht im Begriff, diese Truppe zusammenzustellen, sondern ich habe sie bereits zusammengestellt. Die Männer sind einsatzbereit und können jederzeit und an jedem Ort der Welt zuschlagen.

Und nun hören Sie mir alle gut zu, verehrte Ratsmitglieder, denn die Information, die ich Ihnen jetzt gebe, könnte sehr wichtig für Sie sein. Ich habe vor Jahren der Bildung dieses Rates zugestimmt, weil ich es für interessant und auch für wichtig halte, verschiedene Meinungen zu wichtigen Themen zu hören. Zu keinem Zeitpunkt habe ich je in Betracht gezogen, Entscheidungen, die ich treffe, durch diesen Rat in Frage stellen, geschweige denn, sie mir ausreden zu lassen. Sie haben ein gewisses Mitspracherecht und das werde ich Ihnen auch weiterhin zugestehen, sofern mir Ihre Argumente vernünftig erscheinen. So war es bisher und daran wird sich auch nichts ändern. Wenn nun der eine oder andere von Ihnen der Meinung sein sollte, damit nicht leben zu können, so lässt sich das ohne Probleme bewerkstelligen. Wie ich eben schon erwähnte: Jederzeit und an jedem Ort der Welt. Ich hoffe um Ihretwillen, dass wir uns verstanden haben, und wiederhole noch einmal meinen Satz von eben: Ich bin nicht bereit, darüber weiter zu diskutieren.«

Er machte eine kurze Pause, in der er jeden der Männer nacheinander ansah. Dann sagte er: »Kommen wir nun zur Abstimmung. Wer von Ihnen der gleichen Meinung ist wie Professor Glassmanns und denkt, wir müssten sofort und ohne jegliche Aussicht auf Erfolg die Existenz der Bruderschaft riskieren, um einem machtgierigen alten Mann Befriedigung zu verschaffen, der hebe bitte die Hand.«

Keiner der Männer regte sich. Nicht einmal Professor Glassmanns selbst stimmte für seinen Antrag. Friedrich nickte. »Gegenprobe: Wer wie ich der Meinung ist, dass es noch verfrüht ist, aktiv zu werden, der hebe jetzt die Hand.« Alle außer Glassmanns hoben den Arm.

»Ich stelle also fest, dass der Antrag Professor Glassmanns bei einer Enthaltung einstimmig abgelehnt ist. Die Sitzung ist beendet.«

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