11. Februar 1970 - Vatikan

Pater Allessino legte den handgeschriebenen Brief vor Corsetti ab und ließ sich mit einem Seufzer auf den einfachen Holzstuhl vor dem Schreibtisch nieder. Seine Aktentasche stellte er neben sich auf dem Boden ab.

Es war acht Uhr dreißig am Mittwochmorgen, und wie jede Woche um diese Zeit war er zu einer kurzen Vorbesprechung im Arbeitszimmer des Sekretärs der Glaubenskongregation erschienen. Sie gingen stets die Punkte vorher durch, die in der um neun Uhr beginnenden Besprechung mit Kardinal de Riemer anstanden.

Als Corsetti erst das Papier und dann Allessino mit einem fragenden Blick musterte, nickte der junge Mann zu dem Blatt hin und sagte: »Dieser Brief kam heute Morgen an.«

Corsetti griff sich das Papier und warf einen Blick darauf. Die Handschrift war krakelig und unleserlich, und nur mit Mühe gelang es ihm, hier und da ein Wort zu entziffern. Nach kurzer Zeit sah er wieder auf und legte den Brief vor sich auf den Schreibtisch.

»Es tut mir leid, aber ich kann diese Schrift beim besten Willen nicht lesen. Erzählen Sie mir doch einfach, worum es geht.«

»Der Brief ist von einem Bischof aus Bayern. Er schreibt über einen Priester, der erst seit Kurzem in seinem Bistum tätig ist. Dieser Geistliche würde seltsame Predigten halten, in denen er von einer modernen Kirche redet und von einem >toleranten Christentum<. Er soll sogar einen geschiedenen Mann in seiner Kirche nochmals getraut haben. «

Corsetti dachte einige Zeit nach, bevor er sagte: »Ich gehe davon aus, dass der Bischof schon ein persönliches Gespräch mit dem Gemeindepfarrer geführt hat?«

Allessino nickte. »Ja, aber wie es scheint, sieht der junge Mann keine Veranlassung, sein Verhalten zu ändern. Ich möchte Ihnen noch etwas anderes zeigen.«

Er griff in seine Aktentasche und zog mehrere Blätter Papier hervor, legte sie auf dem Schreibtisch ab und tippte mit dem Zeigefinger darauf.

»Das ist eine Auswahl von Briefen, die wir in den letzten Monaten erhalten haben. Sie kommen von besorgten Bischöfen und Generalvikaren aus allen Teilen Europas. Selbst von Gemeindemitgliedern sind Briefe dabei. Und alle diese Schreiben drehen sich um das gleiche Thema: Geistliche, die über Reformen predigen, die Abtreibungen befürworten und von ihrer Kanzel aus die Kurie und sogar den Heiligen Vater auffordern, umzudenken und sich dem Zeitgeist anzupassen.« Seine Stimme klang erregt und die Bewegung wirkte hektisch, als er sich nach vorne beugte und die obersten Blätter vom Stapel griff. »Hier«, wieder tippte sein Zeigefinger auf das Papier, als er aus dem ersten Brief vorlas: «… bleibt mir nichts anderes, als mich an die Kongregation zu wenden, um dem unglaublichen Handeln dieses Geistlichen Einhalt zu gebieten.«

Mit einer schnellen Bewegung legte er das Blatt ab und las in dem nächsten. Erst still, dann laut: »… hat er meiner Schwester gesagt, es wäre im Grunde nicht nötig, ihren kleinen Jungen taufen zu lassen. Sein Gott liebe die Menschen auch, ohne dass man ihnen Wasser über den Kopf schüttet.«

Das nächste Blatt, die gleiche Prozedur. Erst ein kurzes, stilles Überfliegen der Zeilen, dann: »Oder hier: Dieser Priester ist eine Schande für die Kirche und ich hoffe, die Kongregation wird ihm Einhalt gebieten.

Jemand, der es gut mit der Kirche meint.«

Bei diesen Worten ging ein Ruck durch Corsettis Körper. Ein Bild war vor seinem geistigen Auge aufgetaucht. Wie ein buntes Schild, das ihm nur für den Bruchteil einer Sekunde hingehalten worden war. Viel zu kurz, um es wirklich erkennen zu können.

Jemand, der es gut meint!

Woran erinnerte ihn diese Formulierung? Wo hatte er sie schon einmal gelesen? »Monsignore Corsetti? Ist alles in Ordnung?«, fragte der junge Geistliche und sah ihn mit besorgtem Blick an.

»Ja. Es ist nur… Der Schluss dieses letzten Briefes. Jemand, der es gut mit Ihnen meint.< Das erinnert mich an etwas und ich überlegte gerade, was das war.«

»Jemand, der es gut mit der Kirche meint!«, korrigierte ihn Allessino.

Corsetti winkte ab. »Ja, Sie haben ja Recht. Aber es geht mir nicht um dieses eine Wort, sondern um den Satz. Wenn ich mich nur erinnern könnte …«

Wieder zuckte das Bild durch sein Bewusstsein. Nein, es war kein Bild. Es war etwas Kleines, Buntes. Ein Foto … eine Karte … ein … eine Briefmarke! Das war es! Eine bunte Briefmarke aus Südafrika!

Dieser merkwürdige Brief, den er im letzten Jahr erhalten hatte. Von einer Bruderschaft hatte der Unbekannte geschrieben, von Infiltration der Kirche und von einer großen Gefahr. Schon dieser Brief hatte ihn an etwas erinnert und im Gegensatz zu damals fiel ihm seltsamerweise nun sogar ein, woran. Es musste schon fast zehn Jahre her sein. Die Kongregation hieß damals noch »Heiliges Officium« und der Präfekt war seine Eminenz Kardinal Benino Campisi gewesen. Auch damals war von einer Bruderschaft die Rede und von Infiltration der Kirche.

Gab es einen Zusammenhang? Über diesen langen Zeitraum? Es schien sehr unwahrscheinlich, und doch war da wieder dieses Gefühl. Vor zehn Jahren schon hatte er sich aus dem gleichen Gefühl heraus - vorgenommen, der Sache nachzugehen. Aber nachdem es ein Einzelfall geblieben war, dachte er, sich getäuscht zu haben. Dann dieser Brief aus Südafrika im letzten Jahr. Im Sommer. Nun fiel ihm auch der genaue Tag wieder ein. Es war der Todestag Klemens’ XV. gewesen. Und Pater Allessino hatte ihm die Nachricht vom Tod des Heiligen Vaters überbracht, als er den Brief gerade in den Händen hielt.

Aber was hatte er mit dem Schreiben getan? Wo war es hingekommen? Gab es in den Briefen noch deutlichere Parallelen?

De Riemers Arbeitszimmer strahlte eine Atmosphäre würdiger Schwere aus. Wie eine dicht gewobene Decke lagen die Jahrzehnte über den Möbeln und Regalen; an manchen Stellen mochten es gar Jahrhunderte sein. Doch anders als sonst gelang es der Vergangenheit an diesem Morgen nicht, Corsetti in ihren Bann zu ziehen und ihm Schauer über den Rücken kriechen zu lassen angesichts der Vorstellung, dass der Blick seiner Augen über Gegenstände strich, die auch große, historische Kirchenmänner schon betrachtet hatten.

Wie an jedem Mittwoch ließ de Riemer sie einige Minuten warten, bevor er schließlich den Raum betrat und sie kurz, aber herzlich begrüßte.

Der Schreibtischstuhl gab einen ächzenden Laut von sich, als das Gewicht des Kardinals auf die Holzverbindungen drückte. Der Kardinal liebte gutes Essen und guten Wein.

Mit einer für ihn untypischen inneren Unruhe wartete Corsetti, bis der Kardinal einige Papiere auf seinem Schreibtisch nach kurzer Durchsicht zur Seite gelegt hatte und ihn auffordernd ansah.

»Eure Eminenz, bevor wir zu den Tagesordnungspunkten kommen, möchten wir Ihnen etwas zeigen, das wir für bedenklich halten.«

Ohne eine Reaktion de Riemers abzuwarten, griff Corsetti in seine Aktentasche und bemerkte dabei, dass seine Hand ein wenig zitterte.

Warum nur regten ihn diese Briefe so sehr auf? Die Kongregation bekam immer wieder Schreiben dieser Art. Besorgte Schreiben, in denen das vermeintliche Fehlverhalten eines Geistlichen aufgezeigt wurde. Fast immer grundlos. Und immer waren die Absender Menschen, die es gut mit der Kirche meinten.

Aber sie schreiben es nicht als letzten Satz unter ihre Briefe’.

»Dies sind Briefe, die wir in letzter Zeit erhalten haben. Sie alle betreffen das gleiche Thema, Eure Eminenz.« Corsetti stand auf und reichte die Blätter über den Schreibtisch.

»Es geht darin um seltsame Verhaltensweisen von Gemeindepfarrern. Meist junge Geistliche, die ihr Amt gerade erst übernommen haben. Bemerkenswert sind die Parallelen. In jedem dieser Briefe geht es um eine >Modernisierung< der Kirche, die angeblich von den Priestern gefordert wird.«

Corsetti bemerkte, dass er noch immer stand. Schnell ließ er sich wieder auf dem Holzstuhl nieder und beobachtete, wie sein Gegenüber die Seiten nacheinander überflog. Dabei nickte der Kardinal nach jedem Blatt, als hätte er das, was er dort las, genau so erwartet.

»Es mutet verwunderlich an, wie die Ereignisse manchmal zusammentreffen.« De Riemer legte die Blätter vor sich ab und faltete die Hände vor seinem beachtlichen Leib, was ihm nicht ohne Mühe gelang. Für einen Moment wurde sein Blick abwesend, als halte er innere Einkehr. Dann schien er Corsetti wieder wahrzunehmen und sah ihm offen in die Augen.

»Und doch wieder nicht, denn es zeigt uns, dass der Herr zu jeder Zeit über uns wacht und unsere Geschicke lenkt.«

Der Kardinal musste die Verwirrung an Corsettis Gesicht ablesen können, denn im Blick seiner braunen Augen lag Verständnis. Es war der nachsichtige Blick, mit dem man ein Kind ansieht, das eine Frage gestellt hat, zu der es die Antwort noch nicht verstehen kann.

»Ich hatte gestern Abend ein ausführliches Gespräch mit Erzbischof Herrera«, erklärte der Kardinal.

Corsetti nickte. Er kannte den Erzbischof von Santiago und wusste, dass er zurzeit in Rom war. Fast neunzig Prozent der über zehn Millionen Einwohner Chiles waren Katholiken. Die Kirche hatte großen Einfluss auf das Leben der Menschen und die Politik in Chile. Entsprechend groß war die Verantwortung der Geistlichen dort.

»Er hat sich sehr besorgt über einige junge Priester in Chile geäußert, die Reformen predigen und die Menschen zum Umdenken auffordern. Auch erwähnte er, ähnliche Dinge aus anderen lateinamerikanischen Ländern gehört zu haben.«

Der Kardinal machte eine kurze Pause. Vielleicht, um Corsetti die Gelegenheit zu geben, etwas zu sagen. Der saß jedoch nur stumm da und spürte, wie sich sein Herzschlag deutlich beschleunigte. Sein Gefühl hatte ihn also nicht getäuscht. Es schien etwas Ungeheuerliches innerhalb der Kirche vor sich zu gehen.

»Monsignore, ich möchte, dass Sie sich dieser Sache annehmen. Unterhalten Sie sich mit dem Erzbischof. Gehen Sie diesen Briefen nach. Wenn es notwendig erscheint, zitieren Sie die betreffenden Geistlichen her. Gehen Sie dabei aber bitte behutsam vor, denn ich möchte keine Hexenjagd heraufbeschwören. Jedoch erscheint diese Anhäufung ähnlicher Vorfälle auch mir mehr als seltsam. Ich werde dem Heiligen Vater darüber berichten.«

Die Besprechung war nach einer knappen Stunde beendet. Nachdem Corsetti die Unterlagen in seinem Büro abgelegt hatte, stellte er sich vor das Fenster und blickte nach draußen, ohne dabei etwas von dem wahrzunehmen, was auf der anderen Seite der Scheibe vor sich ging. Seine Gedanken kreisten um die Briefe und das beklemmende Gefühl, das ihn seit dem Morgen beschlichen hatte.

Der Herr wacht über uns und lenkt unsere Geschicke, hatte der Kardinal gesagt. Auch Corsetti ließ sich vom Willen Gottes lenken, indem er auf seine innere Stimme hörte. Diese Stimme, die keine Worte brauchte, um sich mitzuteilen, und von der Corsetti wusste, dass es seine Stimme war.

Mit einem Ruck wandte er sich ab und verließ den Raum. Ein Spaziergang durch die Vatikanischen Gärten würde ihm guttun und ihm helfen, seine Gedanken zu ordnen.

Während er zwischen prächtigen Blumenbeeten und gepflegten Palmen spazierte, überlegte er, wie er nun vorgehen würde. Als Erstes musste er sich mit Bischof Herrera unterhalten, denn der würde sich nur noch zwei Tage in Rom aufhalten. Danach würde er sich mit diesen Briefen befassen und mit den Absendern in Kontakt treten, sofern es sich dabei um Geistliche handelte. Nachfragen der Glaubenskongregation bei besorgten Gemeindemitgliedern würden nach außen einer Vorverurteilung der beschuldigten Priester gleichkommen, was Corsetti auf jeden Fall vermeiden wollte. Was auch immer die Untersuchungen ergeben würden, die Anschuldigungen richteten sich gegen Männer, die ihr Leben Gott gewidmet hatten, und diese Menschen hatten ein Recht darauf, unter dem Schutz der Kirche zu stehen, solange ihnen keine groben Verfehlungen nachgewiesen wurden.

Nicht zum ersten Mal empfand Corsetti Bedauern über die Tatsache, dass es einer Institution wie der Glaubenskongregation bedurfte. Er verstand sich nicht als »Glaubenswächter«, wie die Mitglieder der Kongregation oft genannt wurden. Corsetti sah seine Aufgabe darin, auf menschliche Schwächen einzugehen und Geistlichen zu helfen, die von ihrem Weg abgekommen waren. Die Vergangenheit hatte gezeigt, dass ein einfühlsames und verständnisvolles Gespräch fast immer zu einer Besinnung führte. Seit er der Kongregation angehörte, war es überhaupt erst einmal vorgekommen, dass das religiöse Verständnis und das Handeln eines Priesters sich so weit von den Grundsätzen der katholischen Glaubenslehre entfernt hatten, dass er sein Amt nicht weiter ausüben konnte.

Etwas in ihm sagte ihm jedoch, dass eine schwere Zeit bevorstand.

Der Herr wacht über uns und lenkt unsere Geschicke.

Corsetti wusste, dass es so war, und diese Gewissheit machte ihm trotz aller Vorahnungen Mut und gab ihm Kraft.

Er ging am Campo Santo Teutonico vorbei und ließ die Sakristei von St. Peter, das Gästehaus des Heiligen Stuhls und einige Dienstgebäude hinter sich. Nachdem er schließlich den Vatikanischen Bahnhof und den Gouverneurspalast passiert hatte, stieg der Weg steil zum Vatikanischen Hügel mit seinen Kunstgärten und Wappenanpflanzungen an.

Als er den schmalen, gewundenen Weg entlangging, der nahe an der Leoninischen Stadtmauer vorbeiführt, in deren nordwestlichem Turm sich Radio Vatikan befindet, kam ihm ein noch sehr junger Bischof entgegen und lächelte ihm schon zu, als sie noch zwanzig Meter voneinander entfernt waren. Corsetti kannte dieses Gesicht und überlegte, wo er dem Mann schon begegnet war. Bevor es ihm einfiel, standen sie sich schon gegenüber und Corsetti nickte.

»Guten Morgen, Eure Exzellenz.«

»Guten Morgen, Monsignore Corsetti. Ich freue mich, Sie an diesem wunderschönen Morgen zu treffen. Darf ich Sie ein Stück auf Ihrem Spaziergang begleiten?«

Er war überrascht. Woher kannte dieser Bischof seinen Namen? Und wo waren sie sich schon begegnet? Warum wollte er ihn begleiten? Etwas mahnte ihn zur Vorsicht, doch entgegen seiner Gewohnheit tat er das Gefühl ab. Vor ihm stand ein Bischof der Kurie!

»Gerne, Eure Exzellenz«, antwortete er nach einer etwas zu langen Pause und zeigte zur Unterstreichung mit ausgestrecktem Arm nach vorne. Der Bischof drehte sich um, und gemeinsam setzten sie sich in Bewegung.

Nachdem sie einige Schritte schweigend nebeneinander hergegangen waren, sah Corsetti den Bischof an. »Entschuldigen Sie, Exzellenz, ich bin ein wenig verwirrt. Ich …«

»Sie wundern sich, dass ich Sie kenne?«, fiel der Bischof ihm lächelnd ins Wort. »Monsignore, wir hatten einmal ein Gespräch über die Finanzverwaltung der Glaubenskongregation. Das ist schon einige Zeit her, es war noch vor meiner Bischofsweihe. Es wundert mich nicht, dass Sie sich nicht mehr an mich erinnern. Diese Unterhaltungen sind nicht sehr beliebt. Mein Name ist Dengelmann.«

Corsetti dachte darüber nach und konnte sich erinnern, ein solches Gespräch geführt zu haben. Allerdings fiel es ihm noch immer schwer, dieses Gesicht oder den Namen damit in Verbindung zu bringen. Entschuldigend hob er die Schultern.

»Mein Personengedächtnis ist nicht sehr gut, Exzellenz. Zahlen und Fakten kann ich mir gut merken, doch wenn es um Gesichter geht, habe ich meine Schwierigkeiten mit der Zuordnung.«

Bischof Dengelmann nickte verständnisvoll. »Bei Ihrer Aufgabe sind Fakten sicherlich von größerer Bedeutung als Gesichter. Bei meiner Tätigkeit verhält es sich eigentlich ebenso, aber mein angeborenes Interesse für die Menschen führt dazu, dass ich niemanden vergesse, mit dem ich einmal zu tun hatte.«

Corsetti wunderte sich über diese Erklärung und überlegte, ob das im Umkehrschluss bedeuten solle, er hätte kein Interesse an den Menschen. Dieser Tag war sehr seltsam.

»Vor Kurzem noch hatte ich Gelegenheit zu einer längeren Unterredung mit seiner Eminenz Kardinal de Riemer«, wechselte der Bischof zu Corsettis Erleichterung das Thema. »Ich interessiere mich nicht nur für Finanzen, müssen Sie wissen. Die Aufgaben der Kongregation für die Glaubenslehre gehören sicherlich zu den wichtigsten der Kurie, und wann immer meine Zeit es mir erlaubt, verfolge ich ihr Tun mit großem Interesse.«

Dieses Gespräch wurde immer ungewöhnlicher. Was wollte der Bischof von ihm? Fast schien es, als dienten seine Ausführungen als Vorbereitung, ihn auszuhorchen. Aber wozu? Welches Interesse konnte ein Bischof, der sich mit den Finanzen der Kurie beschäftigte, an den Aufgaben der Glaubenskongregation haben? Wahrscheinlich war er durch diese Briefe und die Berichte von Bischof Herrera so aufgewühlt, dass er unter einem Anflug von Verfolgungswahn litt. Aber seltsam war es schon.

»So, Monsignore, hier muss ich Sie leider verlassen.« Bischof Dengelmann blieb stehen und deutete auf einen Pfad, der von ihrem Weg abzweigte und zwischen in kubische Formen geschnittenen Hecken hindurch zurück zu den Verwaltungsgebäuden führte.

»Ich danke Ihnen für die nette Unterhaltung. Vielleicht findet sich bald wieder die Gelegenheit zu einem gemeinsamen Spaziergang. Ich würde mich sehr freuen.«

»Die Freude wäre ganz auf meiner Seite, Exzellenz«, antwortete Corsetti, vom abrupten Ende ihres Gespräches überrascht und auch erleichtert. Der Bischof nickte ihm noch einmal zu und wandte sich ab. Sekunden später war er hinter dem grünen Blätterwald verschwunden.

Corsetti sah noch eine Zeit lang auf die Hecken, hinter denen Dengelmann verschwunden war, dann setzte er seinen Weg fort. Wie um sich selbst zu bestätigen, dass er an diesem Tag wirklich unter Verfolgungswahn zu leiden schien, schüttelte er den Kopf. Bischof Dengelmann hatte sich lediglich ein wenig unterhalten wollen. Er hatte sich als Akt der Höflichkeit nach der Kongregation erkundigt, das war alles. Und er war ein interessanter Mann, dieser unglaublich junge Bischof. Corsetti nahm sich vor, den Spaziergang mit ihm wirklich irgendwann zu wiederholen und dabei mehr Interesse an dessen Aufgaben zu zeigen.

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