1. März 1970 - Aachen

Friedrich traf sich mit Professor Glassmanns in dessen Haus.

Grund für das Treffen war ein erregter Anruf, den Friedrich von Glassmanns erhalten hatte.

Der Professor hatte ihm am Telefon gesagt, es gäbe einige höchst bedenkliche Entwicklungen. So bedenklich, dass ein persönliches Gespräch unter vier Augen unumgänglich sei.

Erst hatte Friedrich abgelehnt, doch als Glassmanns ihm sagte, er hätte einen alarmierenden Bericht seines Mannes im Vatikan bekommen, nach dem die Bruderschaft in größter Gefahr war, hatte Friedrich plötzlich das Gefühl, eine Faust drücke sich in seinen Magen.

Die Bruderschaft in Gefahr? Laut eines Berichtes »seines Mannes im Vatikan« ? Wie war es möglich, dass Glassmanns einen Mann im Vatikan hatte? Ohne Friedrichs Wissen? Oder war es lediglich Geschwätz des Alten gewesen, um die Bedeutung seines Anliegens zu unterstreichen, was immer es auch sein mochte? Wahrscheinlich war es so, aber Friedrich konnte es sich nicht leisten, sich auf Annahmen zu verlassen. Er musste der Sache auf den Grund gehen.

Sie saßen sich im gleichen Raum, in dem sonst die Sitzungen des Rates stattfanden, an dem großen Tisch gegenüber. Glassmanns hatte eine Flasche Rothschild geöffnet, und nachdem sie sich zugeprostet hatten, kam Friedrich sofort zum Thema.

»Professor, Sie sagten am Telefon etwas von Ihrem >Mann im Vatikan<. Was habe ich mir bitte darunter vorzustellen?«

Der Arzt nickte zum Zeichen, dass er die Frage erwartet hatte. »Herr von Keipen, wie Sie selbst wissen, gab es in der Vergangenheit einige - wie soll ich sagen -, einige Situationen, in denen wir nicht einer Meinung waren.«

Friedrich bemerkte, dass Glassmanns eine Reaktion darauf erwartete, und genoss es, ihn weiter mit unbewegter Miene anzusehen. Nach einigen Sekunden fuhr der Professor fort: »Ich schicke voraus, dass sich meine Einstellung in vielen, ja, in den meisten Punkten geändert hat. Dahingehend, dass ich Ihnen zugestehe, dass Sie im Nachhinein betrachtet fast immer Recht behalten haben.«

»Nicht nur fast immer, Herr Professor!«, unterbrach ihn Friedrich, doch Glassmanns ließ sich nicht irritieren.

»Worauf ich hinaus möchte: Ich hielt es in der Vergangenheit für vorteilhaft, einen zusätzlichen Mann im Vatikan zu haben, dem vielleicht Dinge zu Ohren kommen, die unsere Mitglieder nicht bemerken. Bevor Sie mir nun vorwerfen, ich hätte Sie hintergangen, betone ich nochmals: Wir hatten in vielen Punkten so elementar unterschiedliche Auffassungen, dass es für mich eine Frage der Sicherheit für die Bruderschaft war. Und nur um die Bruderschaft ging es mir dabei, Herr von Keipen. Wie sich jetzt herausstellt, zu Recht.«

Friedrich dachte einen Moment nach, wobei er seinem Gegenüber unentwegt in die Augen sah. »Gut, Professor. Über Ihr eigenmächtiges Handeln werden wir uns noch unterhalten. Nun berichten Sie mir erst einmal, worin die angebliche Gefahr für die Simoner besteht.«

Glassmanns schien über Friedrichs Reaktion erleichtert zu sein. Er atmete schnaubend aus, als wäre er gerade einer großen Gefahr um Haaresbreite entkommen.

»Unser Mann - Peter - ist Schweizer. Er ist außerdem der Bruder des stellvertretenden Kommandeurs der Schweizer Garde. Als er seine Anstellung in einem Schweizer Elektronikunternehmen verlor, hat sein Bruder ihm geholfen, eine Stelle als ziviler Sachbearbeiter im Vatikan zu bekommen. Dort hat er sich im Laufe der Zeit mit einem jungen Geistlichen angefreundet, der wiederum gute Kontakte zum Untersekretär der Kongregation für die Glaubenslehre hat, weil sie zusammen an der Gregorianischen Universität studiert haben.

Nun, Peter und der junge Geistliche treffen sich oft zum Essen und haben auch schon viele gemütliche Abende miteinander verbracht. Sie plaudern bei diesen Treffen über alles, was sie bewegt, und die Dinge, die sie täglich erleben.

Eines dieser Treffen war vor drei Tagen. Dieser Untersekretär hat seinem Studienfreund einige Dinge aus der Kongregation erzählt, die der während dieses letzten Treffens an Peter weitergab. Er sagte, der Vorgesetzte des Untersekretärs, ein Monsignore Soundso, habe eine groß angelegte Untersuchung begonnen, bei der es unter anderem um Briefe geht, die die Kongregation in letzter Zeit erhalten hat. Briefe, deren Thema Priester sind, die öffentlich von einer Modernisierung der Kirche reden. Die der Kurie und dem Papst vorwerfen, an verstaubten Dogmen und Grundsätzen festzuhalten.«

Glassmanns machte eine kurze Pause, um die Wirkung der folgenden Worte zu erhöhen.

»Diese Untersuchung, Herr von Keipen, richtet sich gegen die Simonische Bruderschaft!«

In Erwartung einer Reaktion beobachtete Glassmanns Friedrich mit stechendem Blick.

Der war über das, was er gerade gehört hatte, nicht wirklich überrascht. Er hatte sich, augenscheinlich anders als Professor Glassmanns, nicht der Illusion hingegeben, die Aktivitäten der Bruderschaft könnten dem Vatikan ewig verborgen bleiben.

Allerdings hatte er sehr gehofft, es würde noch einige Zeit dauern, bis die Hinweise in Rom sich so häuften, dass die Kongregation Handlungsbedarf sah. Dass schon zum jetzigen Zeitpunkt eine offizielle Untersuchung eingeleitet wurde, war denkbar ungünstig und erforderte eine kurzfristige Änderung des bisherigen Ablaufplanes. Aber noch etwas anderes beschäftigte Friedrich.

»Woher kennen Sie diesen Peter eigentlich und wie kommt es, dass er Ihnen Informationen aus dem Vatikan weitergibt?«

Plötzlich wirkte der Professor nervös. Sein Blick wanderte unruhig an Friedrich vorbei, als wäre irgendwo hinter ihm ein Schild angebracht, auf dem die Antwort stand.

Als seine Augen sich wieder auf Friedrich richteten, hatte der das deutliche Gefühl, Glassmanns sei verunsichert.

»Ich kenne ihn von früher und er ist mir verpflichtet. Können wir es dabei bitte belassen? Es ist eine sehr private Angelegenheit, über die ich nicht reden möchte.«

»Eines muss ich wissen, Professor: Weiß der Mann von der Bruderschaft?«

Glassmanns schüttelte heftig den Kopf. »Nein, nein, auf keinen Fall. Er denkt, mein Interesse an den Vorgängen im Vatikan hinge ausschließlich damit zusammen, dass ich ein Gegner der Kirche bin und es mich freut, wenn es interne Querelen gibt.«

Die Erklärung stellte Friedrich zwar nicht zufrieden, aber angesichts der Situation wollte er es erst einmal dabei belassen. Wenn das, was dieser Peter aus dem Vatikan berichtete, sich als Tatsache herausstellte, musste sofort reagiert werden.

Er nickte seinem Gegenüber zu. »Gut, Professor. Wir werden zu gegebener Zeit noch einmal das Thema >Vertrauen< aufgreifen müssen, aber ich danke Ihnen für diese wichtigen Informationen. Es war richtig, mich sofort zu kontaktieren und den Rat in diesem Fall außen vor zu lassen. Wir sollten gerade jetzt alles vermeiden, was innerhalb der Bruderschaft zu Unsicherheit führen könnte. Die nächsten Schritte müssen durchdacht sein. Ich werde mich in ein paar Tagen wieder mit Ihnen in Verbindung setzen und das weitere Vorgehen mit Ihnen besprechen.«

Damit stand er auf. Eine knappe Viertelstunde später verließ er Glassmanns’ Villa.

 

Magus - Die Bruderschaft
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