1. Oktober 1970 - Rom
Für die rund dreißig Kilometer vom Flughafen Leonardo da Vinci bis zum Petersplatz hatte sich Pfarrer Strenzler für ein Taxi entschieden, was er allerdings schon nach wenigen Minuten bereute.
Nachdem der Priester seine Tasche in dem mit Werkzeugen aller Art übersäten Kofferraum des verrosteten Fiat untergebracht und auf der zerschlissenen Rückbank Platz genommen hatte, war der Wagen mit quietschenden Reifen losgefahren und hatte gleich die erste Kurve in bedenklicher Schräglage genommen. In halsbrecherischem Tempo jonglierte der Fahrer sein Taxi dann zwischen den Autos hindurch, wobei er alle paar Sekunden die Seite auf der zweispurigen Schnellstraße wechselte. Der daraus resultierende Slalom schlug sich recht schnell auf Strenzlers Magen nieder. Die stickige Hitze im Innenraum des Wagens tat ihr Übriges dazu. Mit einem Taschentuch tupfte er sich die Schweißperlen von der Stirn und hielt es dann bereit, um es gegebenenfalls schnell vor den Mund pressen zu können.
Um sich vom halsbrecherischen Fahrstil des jungen Italieners abzulenken, blickte er durch das Seitenfenster nach draußen. Große, hässliche Fabrikgebäude flogen vorbei und Schornsteine, die dunkelgraue Wolken in den blauen Himmel bliesen.
Es war keine schöne Gegend, durch die sie fuhren, und Strenzler hoffte, dass sich dieses Bild bald ändern würde, wenn sie näher an Rom herankamen.
Zwischenzeitlich wechselte der Fuß des Fahrers immer wieder das Pedal und tauschte Vollgas gegen eine Vollbremsung aus, um gleich danach den Wagen wieder mit aller Kraft zu beschleunigen. Fast war Strenzler versucht, ein Stoßgebet zum Himmel zu schicken, musste aber im gleichen Moment über den Gedanken schmunzeln.
Als sie die Ausläufer Roms erreichten, geriet der Verkehr ins Stocken. Immer wieder mussten sie vor Ampeln halten, was es dem Fahrer unmöglich machte, seinen rasanten Fahrstil fortzusetzen. Strenzler war darüber sehr erleichtert.
Nach knapp halbstündiger Fahrt sah der Pfarrer aus München den Obelisken vor sich, der den Petersplatz zierte. Dankbar, die Fahrt hinter sich zu haben, gab er dem Taxifahrer ein kleines Trinkgeld und wandte sich dem Petersplatz zu, dessen Bild von dem gigantischen Bauwerk des Doms beherrscht wurde.
Er dachte an seinen ersten und bisher einzigen Besuch in Rom, der nun schon über zehn Jahre zurücklag. Damals war der junge Priester Kurt Strenzler wie trunken durch Petersdom und Vatikan gewandelt und hatte diesen einen brennenden Wunsch in sich gespürt, irgendwann nach Rom zurückzukehren, um dann für lange Zeit im Zentrum der katholischen Kirche zu bleiben.
Er ließ sich auf einer Bank am Rande des Petersplatzes neben einer Gestalt in zerlumpter Hose und fleckigem Shirt nieder, die ihn mit einem unverständlichen Gebrummel aus ihrem verfilzten Bart begrüßte.
Er hatte es geschafft!
Der Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre persönlich hatte ihn nach Rom geholt.
Zweimal noch hatten sie sich in München getroffen und lange Gespräche geführt. Es war dabei hauptsächlich um die Reformer gegangen, und Strenzler hatte bereitwillig Auskunft erteilt. Seine Aussagen waren mit ausschlaggebend für den Ausschluss von zwei Priestern aus der Kirche und die Beurlaubung von vier weiteren jungen Geistlichen.
Wie Corsetti ausdrücklich betont hatte, war aber nicht Strenzlers Hilfe der Grund für seine Berufung nach Rom sondern seine besonnene Art im Umgang mit der katholischen Glaubenslehre. Man brauche auch in der Kurie junge Geistliche, die sich mit ihrem Glauben auseinandersetzten, die hinterfragten, ohne an der absoluten Wahrheit zu zweifeln, um dann gestärkt aus diesem inneren Konflikt hervorzugehen.
Nun war er hier, zehn Jahre nach seinem ersten Besuch, saß auf einer Bank am Rande des Petersplatzes und war ab diesem Tag ein Mitglied der mächtigen Römischen Kurie.
Nur mühsam konnte er unterdrücken, dass die Welle aus Euphorie, die seinen Körper durchzog, sich mit einem lauten Freudenschrei brach.
Ein kurzer Blick auf die Armbanduhr zeigte ihm, dass es Zeit wurde, sich auf den Weg zu machen.
Wie rund eineinhalb Jahre vorher schon ein anderer deutscher Priester hatte Kurt Strenzler als erste Anlaufstelle im Vatikan einen Termin bei Dr. Reinert im Campo Santo.
Als er sich von der Bank erhob, wurde er wieder von dem Bärtigen angebrummt, dieses Mal jedoch streckte sich ihm dabei eine schmutzige Handfläche entgegen, begleitet von einem flehenden Blick aus wässrigen Augen.
Strenzler schüttelte den Kopf und sagte: »No.«
Dann wandte er sich ab und machte sich auf den Weg zu seinem Antrittsbesuch bei Dr. Reinert.
Während er den Petersplatz schräg überquerte, um zu dem links neben den Kolonnaden gelegenen Nebeneingang des Vatikans zu gelangen, rezitierte er im Geiste, was er in den letzten Tagen über die deutsche Einrichtung gelesen hatte. Sein ausgeprägt gutes Gedächtnis machte es ihm leicht, einmal intensiv Gelesenes jederzeit wieder abrufen zu können.
Der Sammelbegriff »Campo Santo« bezeichnet verschiedene Einrichtungen des innerhalb der Vatikangrenzen liegenden Gebäudekomplexes. Die seit 1450 bestehende »Erzbruderschaft zur Schmerzhaften Muttergottes am Campo Santo der Deutschen und Flamen« hat unter anderem die Aufgabe, die Feier des deutschsprachigen Gottesdienstes zu gewährleisten, deutschsprachige Pilger zu betreuen und für studierende Priester Mitsorge zu tragen.
In den Gebäuden der Erzbruderschaft ist das 1876 entstandene Deutsche Priesterkolleg Collegio Teutonico di Santa Maria in Campo Santo untergebracht.
Das 1888 gegründete Römische Institut der Görres-Gesellschaft, ebenfalls eine Einrichtung des Campo Santo, richtet einmal monatlich deutschsprachige Vorträge mit kirchenbezogener Thematik aus. Es verfügt über eine bedeutende Bibliothek und ist eng mit dem Priesterkolleg am Campo Santo verbunden.
Dem Schweizer Gardisten am seitlichen Eingang zum Vatikan genügte Strenzlers Hinweis, er habe einen Termin im Campo Santo. Er deutete auf eine Mauer etwa zweihundert Meter hinter sich und sagte nur: »Da vorne links«, um sich gleich darauf wieder dem salopp gekleideten jungen Mann zuzuwenden, mit dem er sich unterhalten hatte, als der Pfarrer am Eingang angekommen war.
Strenzler ging seitlich am Petersdom vorbei zu der schmiedeeisernen Eingangstür des Campo Santo.
Fünf Minuten später saß er dem grauhaarigen Leiter in dessen kleinem Arbeitszimmer gegenüber.