29. Oktober 1961 - Kimberley

Franz von Keipen wurde um 3.16 Uhr geboren. Er wog 2.400 Gramm und war 46 Zentimeter groß.

Dr. Fissler musste Friedrich mehrmals versichern, dass dem Jungen nichts fehlte. Trotzdem hielt er seinen zweiten Sohn so vorsichtig wie eine Puppe aus hauchdünnem Porzellan.

»Er wirkt so zerbrechlich«, raunte er dem Arzt zu und drückte ihm das kleine Bündel Mensch in den Arm. Dann trat er an Evelyns Bett und strich ihr stumm über den Kopf. Sie sah ihn nicht an und er verspürte auch keine Lust, sich bei ihr zu bedanken. Zu deutlich hatte er noch ihre Worte nach Hermanns Geburt im Ohr.

Er verließ das Schlafzimmer und warf noch einen kurzen Blick in Hermanns Kinderzimmer, wo Jasmine am Bett seines Erstgeborenen saß und den Finger auf die Lippen legte, da der Kleine schlief. Danach begab er sich in sein Büro. Wenn Franz auch ein schmächtiges Kerlchen war, so sollte seine Geburt doch mit einem guten Cognac begossen werden. Wenige Minuten später klopfte es an der Tür und Dr. Fissler streckte den Kopf ins Zimmer.

»Ah, Werner, komm nur herein.« Als der Arzt die Tür hinter sich geschlossen hatte, deutete Friedrich auf einen der großen Ledersessel. »Setz dich doch. Lass uns auf meinen zweiten Sohn anstoßen.«

Dr. Fissler ließ sich erschöpft in das Polster sinken. »Ist dir aufgefallen, wie sehr der Kleine deiner Frau gleicht? Es ist unglaublich.«

Friedrich hielt ihm einen Cognacschwenker hin und nickte.

»Ja, er ist so schön wie seine Mutter.« Mit einem Seufzer ließ er sich neben dem weißhaarigen Mann nieder und blickte versonnen auf die goldbraune Flüssigkeit in seinem Glas. »Fast zu schön für einen Jungen.«

Er nahm einen tiefen Schluck. Dr. Fissler beobachtete ihn dabei und wartete, bis Friedrich das Glas wieder abgesetzt hatte.

»Friedrich, es gibt da etwas, das ich mit dir besprechen möchte. Du wirst mir gleich sagen, ich solle mich aus deinen Angelegenheiten heraushalten, aber ich kenne dich schon so lange, dass ich mir heute einfach die Freiheit nehme, offen zu dir zu sein.«

Erstaunt hob Friedrich den Kopf und musterte das faltige Gesicht seines Gegenübers. Schließlich lächelte er.

»Sprich ruhig frei von der Leber weg, aber da du mich schon so lange kennst, weißt du auch, dass ich mir in meine Angelegenheiten nicht hereinreden lasse. Auch nicht von dir. Aber bitte …«

Der alte Mann nippte erst an seinem Glas, bevor sein Gesicht ernst wurde.

»Ich beobachte nun schon seit einiger Zeit, wie du mit Evelyn umgehst, und muss dir sagen, dass ich dein Verhalten nicht verstehen kann. Sie ist dir eine gute Frau, die dich achtet und umsorgt. Sie ist bildschön und warmherzig. Zwei gesunde Söhne hat sie dir nun geboren. Einen weiteren wird es nicht geben.«

Friedrichs Kopf fuhr augenblicklich hoch.

»Was heißt >einen weiteren wird es nicht geben<?«, fragte er scharf.

Der Arzt dachte einige Sekunden nach, bevor er antwortete: »Nach Hermanns schwerer Geburt war die zweite Schwangerschaft schon ein Risiko. Das hatte ich Evelyn auch gesagt, aber sie wollte davon nichts wissen. Ich musste ihr sogar versprechen, dir gegenüber nichts davon zu erwähnen.« Friedrich wollte schon aufbrausen, doch Dr. Fissler redete unbeirrt weiter. »Sie hatte großes Glück, Friedrich, aber du musst wissen, dass sie bei einer weiteren Geburt verbluten würde.«

Friedrich sprang auf. »Und das sagst du mir so ohne Weiteres? Du bist…«

»… ein Arzt, der sich normalerweise an seine Schweigepflicht hält«, wurde er unterbrochen.

Friedrich ließ sich wieder in den Sessel fallen und betrachtete stumm sein Glas.

»Aber lass uns noch einmal zu deinem Verhalten zurückkommen«, fuhr der Arzt fort. »Du benimmst dich Evelyn gegenüber unmöglich. Eine solche Missachtung hat sie nicht verdient. Warum tust du das?«

Friedrich schnaubte und blickte den Arzt dann mit verhaltenem Zorn an.

»Es geht dich zwar nichts an, aber ich verrate es dir trotzdem. Sie hätte alles von mir haben können, Werner. Meine Liebe, meine Zärtlichkeit und auch meine Achtung. Aber sie wollte das alles nicht. Sie wollte mich nicht. Sie hat mich abgewiesen! Erst nach Hermann von Settlers >gutem Zureden< hat sie sich dazu überwunden, mich zu heiraten. Was kann sie da von mir erwarten?« Der alte Mann sah ihn mit großen Augen an. »Hermann hat sie zu der Heirat gezwungen?« Fassungslos schüttelte er den Kopf. »Warum? Und du, wie konntest du sie heiraten, obwohl du wusstest, dass sie es nicht freiwillig tut?«

»Weil ich sie haben wollte, ganz einfach. Ich bekomme immer, was ich will, Werner, und nur weil das so ist, sitze ich jetzt hier.«

»Weil du sie haben wolltest? Das ist… das ist…« »Überlege dir gut, was du jetzt sagst, und vergiss dabei nicht, wen du vor dir hast, Werner.« Der drohende Unterton in Friedrichs Stimme war unüberhörbar.

Der Arzt sah Friedrich ungläubig an, bevor er mit einer Geschwindigkeit aufsprang, die man ihm nicht zugetraut hätte. Sein Gesicht war rot vor Zorn. Wild gestikulierte er rnit den Händen und fegte dabei beinahe das Cognacglas vom Tisch.

»Und du überlege dir, wen du vor dir hast! Ich bin keiner deiner Lakaien und werde nicht wie die anderen zittern, wenn du die Stimme erhebst. Ich habe keine Angst vor dir, das solltest du dir gut merken, mein Junge. Ich weiß, dass ein Wort von dir genügt, mich umbringen zu lassen, aber das ist mir egal, denn ich habe mein Leben gelebt. Und ich habe ehrenwerte Männer gekannt. Einer davon war Hermann von Settler, dein Lehrer und Förderer. Er war rechthaberisch und starrsinnig, aber er hatte Charakter und hätte seine Frau geehrt!«

Mit diesen Worten verließ er den Raum. Friedrich sah ihm hinterher. Er war wütend. Was wusste dieser alte Mann von der Ehe? Er hatte nie geheiratet. Wie konnte er sich anmaßen, die Regeln des Spiels zu beurteilen, das er nur als Zuschauer kannte? Und das gegenüber dem Magus der Bruderschaft! Friedrich verspürte den unbändigen Drang, das Cognacglas gegen die Wand zu schleudern. Er tat es nicht, sondern stellte den Schwenker auf den kleinen Tisch. Er brauchte frische Luft.

Als er auf die Holzveranda trat, kündigte ein heller Streifen am Horizont den ersten Tag im Leben seines Sohnes Franz an. Tief sog er die klare, kühle Nachtluft in die Lungen und schloss für einige Sekunden die Augen. Als er sie wieder öffnete, war sein Zorn nahezu verflogen.

Die Hände in den Hosentaschen vergraben, stieg er die drei Stufen hinunter. Die beiden Gebäude links und rechts des Haupthauses erhoben sich als gewaltige Schatten in den Nachthimmel. Sie schienen über die Stille des sandigen Platzes zu wachen. Plötzlich bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung vor der Aula. Er blieb stehen und kniff die Augen zusammen. Noch war es zu dunkel, um Einzelheiten erkennen zu können, aber dort gab es einen Fleck, der noch dunkler war als die Umgebung.

Vorsichtig überquerte Friedrich den Hof. Als er nur noch zwei Meter entfernt war, löste sich der Schatten von der Wand. Wimmernd kam er ihm entgegen und legte sich schließlich vor seinen Füßen auf den Rücken.

Es war ein deutscher Schäferhund. Er schien noch jung zu sein.

»Wer bist du denn?«

Friedrich ging langsam in die Knie, um das verängstigte Tier nicht zu erschrecken, und streichelte ihm dann zärtlich über den Bauch. Das Fell fühlte sich verfilzt an. Ein Streuner, dachte Friedrich und ließ seine Hand mit langsamen Bewegungen über den Bauch des Tieres gleiten. Der Hund dankte es ihm, indem er den Kopf hob und ihm die Hand leckte. Dabei stieß er wieder wimmernde Laute aus.

»Wo kommst du her? Wem gehörst du:« Der Hund antwortete mit einem kurzen, freudigen Bellen und sprang auf, als Friedrich sich wieder aufrichtete. Mit erhobenem Kopf stand er vor ihm und wedelte mit dem Schwanz. Friedrich betrachtete das Tier noch einen Moment, dann sagte er: »Verschwinde.«

Doch der Hund reagierte nicht. Er stand nur da und blickte den Menschen, der ihn gerade noch gestreichelt hatte, treuherzig an. »Los, geh weg!«

Als er sich noch immer nicht regte, machte Friedrich einen Schritt auf ihn zu, klatschte in die Hände und rief dabei laut: »Hau ab!«

Das wirkte. Jaulend ergriff das Tier die Flucht und war Sekunden später hinter der Aula verschwunden. Kopfschüttelnd wandte Friedrich sich ab und schlenderte wieder zurück zur Veranda. Dort ließ er sich in einem der bequemen Korbsessel nieder und musste kurz nachdenken, was ihn eigentlich nach draußen geführt hatte, bis ihm das Gespräch mit dem Arzt wieder einfiel.

Das war seltsam. Er hatte noch nie den Faden verloren, wenn ihn etwas Wichtiges beschäftigte. Selbst wenn er abgelenkt wurde, blieb zumindest ein Teil seiner selbst immer bei der Sache. In den letzten Minuten jedoch hatte er sich ausschließlich mit dem Hund beschäftigt und dabei seinen Ärger über Werner Fissler vollkommen vergessen.

Als wäre sein Stichwort gefallen, tauchte der Streuner wieder auf. Auf einmal stand er vor der Veranda und forderte mit heiserem Bellen Friedrichs Aufmerksamkeit. Sein zotteliger Schwanz wedelte dabei freudig hin und her.

»Da bist du ja wieder. Dir gefällt es hier wohl?« Friedrich klopfte sich gegen das Schienbein. »Na, komm her!«

Tatsächlich sprang der Hund mit einem Satz die Stufen hoch und ließ sich vor seinen Füßen nieder. Er trug kein Halsband und sah auch sonst nicht so aus, als hätte er einen Besitzer. Mit unterwürfigem Blick sah das Tier ihn an.

Plötzlich spürte Friedrich, wie eine dumpfe Leere sich in ihm breitmachte, und obwohl er sich nicht erinnern konnte, dieses Gefühl je in einer solchen Intensität gespürt zu haben, kam es ihm seltsam vertraut vor. Er fragte sich, warum er so empfand. Er war reich und mit einer schönen Frau verheiratet, die ihm soeben zum zweiten Mal einen gesunden Jungen geboren hatte. Mit 26 Jahren stand er an der Spitze einer mächtigen Organisation, und das war erst die unterste Sprosse auf einer Leiter, die bis in den Himmel ragte. Und doch erkannte er hier auf der Terrasse, in Gesellschaft des Streuners, dass er sich einsam fühlte. Fast war es, als lebte er auf einem fremden Planeten. Er legte dem Hund eine Hand auf den Kopf und kraulte ihn mit den Fingerspitzen hinter dem Ohr.

»Was würdest du davon halten, hierzubleiben? Würde dir das gefallen? Ich glaube, wir beide könnten gute Freunde werden.«

Das Tier leckte Friedrichs Hand. Es schien einverstanden zu sein. Friedrich erhob sich.

»Dann komm.«

Er öffnete die Tür und ging ins Haus, dicht gefolgt von seinem neuen, einzigen Freund.

 

Magus - Die Bruderschaft
titlepage.xhtml
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_000.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_001.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_002.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_003.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_004.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_005.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_006.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_007.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_008.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_009.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_010.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_011.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_012.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_013.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_014.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_015.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_016.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_017.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_018.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_019.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_020.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_021.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_022.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_023.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_024.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_025.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_026.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_027.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_028.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_029.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_030.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_031.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_032.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_033.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_034.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_035.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_036.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_037.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_038.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_039.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_040.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_041.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_042.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_043.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_044.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_045.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_046.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_047.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_048.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_049.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_050.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_051.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_052.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_053.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_054.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_055.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_056.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_057.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_058.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_059.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_060.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_061.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_062.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_063.html
Magus_-_Die_Bruderschaft_split_064.html