Kapitel 21

Eine Frage des Vertrauens

Das Läuten der Hausglocke riss Lena am Morgen aus einem tiefen Schlaf. Stöhnend streckte sie Arme und Beine aus. »Verdammt, jetzt ahne ich langsam, wie sich die alten Leute im Heim fühlen müssen«, knurrte sie vor sich hin und drehte sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen.

Doch Sekunden später klopfte es an ihrer Tür, die aufgeregte Stimme ihrer Mutter ertönte: »Lena, zieh dich an und komm raus!«

»Oma hat mich doch im Altenheim entschuldigt«, erwiderte sie. Der Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es erst kurz nach sieben war.

»Die Polizei ist hier, jetzt komm schon!«

»Polizei?«

Auf einmal war Lena hellwach, quälte sich aus dem Bett und schlüpfte hastig in Jeans und T-Shirt. Dabei bildete sich ein riesengroßer Kloß in ihrem Magen. War am Ende der Einbruch aufgeflogen? Suchte man sie und Ragnar? Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie aus der Tür trat. Zwei uniformierte Beamte standen mit ihren Eltern im Gang. Lenas Mutter fuchtelte wild mit den Händen herum und redete auf die Polizisten ein, während ihr Vater mit verkniffenem Gesicht an der Wand lehnte.

»Wie siehst du denn aus?« Sichtlich entsetzt deutete Manuela auf das Gesicht ihrer Tochter.

»Bin vom Pferd gefallen«, nuschelte sie.

Der ältere Polizist, er mochte um die fünfzig sein, runzelte kritisch die Stirn. Nach einem Räuspern streckte er sich, wobei sich die Knöpfe seiner Uniform, die einen beachtlichen Bierbauch bedeckte, bedrohlich spannten.

»Kennen Sie einen gewissen Ragnar Winter?«

Es hatte wenig Sinn, das zu leugnen, also nickte Lena.

»Hat er Ihnen das angetan?« Der zweite Polizist war deutlich kleiner als sein Kollege, einige Jahre jünger und so rund wie eine Kugel.

»Nein! Wie kommen Sie denn darauf?«, empörte sich Lena.

»Wissen Sie, wo er sich momentan aufhält?« Der ältere Polizist musterte sie durchdringend.

»Ähm, nein.«

»Lena, du bist doch des Öfteren mit ihm zusammen«, schimpfte ihre Mutter. »Jetzt sag schon, wo er ist.«

»Keine Ahnung«, behauptete sie und suchte im Geiste nach einer Möglichkeit, ihn zu warnen.

»Fräulein Langfeld, das ist eine ernste Sache.« Der Polizist reckte sein Kinn vor. »Schließlich geht es hier um Mord.«

»Mord?« Beinahe gleichzeitig stießen sowohl Lena als auch ihre Mutter dieses Wort hervor.

Also ging es gar nicht um den Einbruch, aber was zum Teufel hatte Ragnar mit einem Mord zu tun? Lena spürte, wie sie bleich wurde und weiche Knie bekam, daher stützte sie sich an der Wand ab.

»Was … wie … Weshalb denn ein Mord

Der Polizist forschte in ihrem Gesicht, kam aber wohl zu dem Schluss, dass sie tatsächlich nichts davon wusste.

»Der junge Mann wird schon seit über zwei Jahren von den irländischen …«

»Isländischen«, korrigierte der Rundliche ihn, was seinen Kollegen zornig dreinblicken ließ.

»Von unseren isländischen Kollegen gesucht. Er steht in dringendem Verdacht, seinen Stiefvater und dessen Vater ermordet zu haben.«

In Lenas Kopf drehte sich alles nur noch, und sie war nicht in der Lage, überhaupt zu antworten.

Dafür sprudelte ihre Mutter los wie ein Wasserfall. »Ich habe doch gleich gewusst, dass mit dem Kerl etwas nicht stimmt«, kreischte sie. »Er war ausgesprochen seltsam, und als er beim Abendessen plötzlich umgekippt ist … Sicher hat er auch mit Drogen zu tun, nicht wahr?«

Die beiden sahen sie verdutzt an. »Davon ist uns nichts bekannt.«

Lenas Vater fasste seine Tochter am Arm. »War er das wirklich nicht?« Vorsichtig legte er eine Hand an ihre Wange, aber Lena schüttelte den Kopf. »Mädchen, es ist doch sinnlos, einen Verbrecher zu schützen.«

»Ragnar ist kein Verbrecher!«, verteidigte sie ihren Freund instinktiv. »Und ich bin ehrlich vom Pferd gefallen. Oma hat mich gesehen, ich war völlig schmutzig.«

»Hm.« Weder ihre Eltern noch die Polizisten schienen ihr Glauben zu schenken, aber Lena war das egal.

»Wie auch immer.« Der Rundliche schaltete sich wieder ein. »Bitte nennen Sie uns jetzt seinen Aufenthaltsort.«

»Keine Ahnung.« Stur verschränkte Lena die Arme vor der Brust. Sie weigerte sich hartnäckig zu glauben, was Ragnar vorgeworfen wurde.

»Wer einen Verbrecher deckt, macht sich selbst strafbar«, wurde sie von dem Älteren belehrt.

»Lena!« Der Blick ihres Vaters durchbohrte sie förmlich, aber sie kämpfte verzweifelt mit ihren Gefühlen und sagte nichts.

»Der wohnt doch auf diesem Reiterhof in …« Lenas Mutter wedelte nervös mit der Hand. »Windischgaillenreuth, glaube ich. Nicht wahr, Lena?«

Windischgaillenreuth – in Lena arbeitete es. Wenn die Polizisten dorthin fuhren, blieb ihr vielleicht noch genügend Zeit, Ragnar zu warnen. Selbst wenn sich die Zweifel nicht ganz verdrängen ließen, sie konnte ihn doch nicht einfach ins offene Messer laufen lassen.

»Ja«, sagte sie daher widerwillig.

Die Polizisten nickten sich zufrieden zu, dann warfen sie Lena noch einen warnenden Blick zu. »Sie halten sich zur Verfügung, und sollte er bei Ihnen auftauchen, melden Sie das bitte auf der Stelle.«

Lena bemühte sich um ein Lächeln und nickte.

Nachdem die beiden gegangen waren, brach das Donnerwetter über sie herein. Gleichzeitig schimpften ihre Eltern los.

»Wie kannst du nur mit diesem Kerl …«

»Was soll nur aus dir werden?«

»Womit haben wir das verdient?«

Jeder Versuch, ihnen zu versichern, dass sie von einer Mordanklage nichts gewusst hatte, wurde im Keim erstickt. Jede Sekunde war kostbar, und Lena war unendlich froh, als ihr Vater mit einem Blick auf die Uhr den Redeschwall seiner Frau unterbrach. »Wir müssen jetzt los, sonst kommen wir zu spät zur Arbeit.«

Manuela klappte den Mund zu, blickte Lena eindringlich an und verlangte: »Du bleibst zuhause und schließt die Tür hinter dir ab. Lass dich ja nicht wieder mit diesem Ragnar ein.« Sie zögerte kurz. »Dieter, es wäre besser, wenn du hierbliebest.«

Schon holte Lena zu einer Entgegnung Luft, doch ihr Vater schüttelte den Kopf, wobei er recht betreten wirkte. »Ich habe heute eine wichtige Sitzung. Lena, kommst du zurecht? Oder soll ich dich besser zu deiner Schwester fahren?«

»Nein, nicht nötig«, entgegnete sie. »Ich … schließe die Tür ab.«

Beide Eltern musterten sie nun besorgt. »Sei bitte vorsichtig, Kind.«

Lena nickte nachdrücklich, beobachtete die beiden, wie sie das Haus verließen und dann fortfuhren. Sofort stürzte sie zu ihrem Mobiltelefon, wählte Ragnars Nummer. Bitte geh ran, bitte, Ragnar. Doch entweder hatte er das Telefon nicht dabei oder keine Verbindung. »Scheiße!« Lena wusste weder ein noch aus. Schließlich eilte sie zur Tür, entdeckte jedoch noch rechtzeitig den Polizisten, der hinter der Hecke hervorlugte.

Mist, die beobachten mich.

Also rannte sie in ihr Zimmer, schwang sich aus dem Fenster und schlich geduckt durch den Garten. Sie kletterte über den Zaun und verschwand im Wald. Dann spurtete sie los, und ihre Gedanken rasten. Tat sie wirklich das Richtige? Sie hatte sich in Ragnar verliebt, das war schon klar, aber was war, wenn er tatsächlich jemanden umgebracht hatte?

So etwas würde er nie tun, redete sie sich ein. Doch dann dachte sie an ihre erste Begegnung mit ihm, wie er auf seinen Onkel losgegangen war. Es war nicht zu leugnen, dass Ragnar Geheimnisse hatte, aber ein Mord? Mehrfach verlangsamte Lena ihre Schritte, überlegte, ob sie umdrehen sollte, lief jedoch weiter. Auf jeden Fall wollte sie ihm die Chance geben, alles zu erklären. Wie sie so durch den Wald stürmte, den Kopf voll mit den wildesten Gedanken, kamen ihr erst am Reitstall die Schatten von gestern in den Sinn. Völlig außer Atem sagte sie sich, dass es jetzt ohnehin zu spät war, Angst zu haben.

Wie es aussah, war die Polizei noch nicht hier.

»Wo ist Ragnar?«, schrie Lena schon von Weitem einer älteren Frau zu, die über den Reitplatz trabte.

Die Reiterin hielt ihr Pferd am Zaun an. »Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Ja, verdammt, jetzt sagen Sie schon, wo er ist!«

»Ich glaube, im Stall.«

Den verwirrten Blick der Frau ignorierte Lena, spurtete noch einmal los und stürmte zu den Pferdeboxen.

»Ragnar!«, schrie sie in die Stallgasse.

Und schon tauchte sein grau melierter Schopf hinter einer der Gitterboxen auf. »Lena, was machst du denn hier?« Mit einer Mistgabel in der Hand kam er aus der Tür. »Was ist, hast du etwa wieder …«

Sie schüttelte den Kopf, sah ihn voller Verzweiflung an und hoffte sehnlichst, er würde das, was sie ihm jetzt sagte, vehement bestreiten. »Ragnar, die Polizei sucht dich. Sie haben behauptet, du hättest jemanden umgebracht.«

Mit jedem ihrer Worte war etwas mehr Farbe aus seinem Gesicht gewichen. Jetzt blickte er sich hektisch um, öffnete und schloss den Mund, dann trat er zu ihr.

»Es stimmt … aber es ist anders, als es vielleicht klingt.«

Entsetzt wich sie vor ihm zurück. Der verzweifelte Ausdruck in seinen Augen berührte sie zwar, aber dennoch brach in diesem Moment ihre Welt zusammen.

»Lena …« Flehend streckte er eine Hand aus. »Bitte gib mir die Gelegenheit, es dir zu erklären. Nur …«, er rang nach Worten, »… jetzt muss ich erst von hier verschwinden.«

Lena wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Ihr Herz sagte ihr, dass Ragnar, so seltsam er auch sein mochte, kein schlechter Mensch war. Ihr Verstand hingegen machte ihr eindringlich klar, dass sie möglicherweise einen Schwerverbrecher deckte. »Ich weiß nicht.« Sie biss sich auf die Unterlippe, und als Ragnar ihr tief in die Augen sah, kämpfte Liebe gegen Vernunft.

»Bitte, vertrau mir«, flüsterte er.

Auch wenn im Moment alles gegen ihn sprach, nickte Lena, sie konnte einfach nicht anders. Erleichtert sackten Ragnars Schultern nach unten. Er lächelte sie dankbar an und nahm ihre Hand. »Komm, ich muss ein paar Sachen holen.«

»Ein Polizist ist nach Windischgaillenreuth gefahren. Aber wahrscheinlich werden sie bald merken, dass ich nicht die Wahrheit gesagt habe.«

»Danke, Lena.« Er lächelte sie an, dann rannten sie zu seiner Hütte. In Windeseile stopfte er einige Klamotten, etwas zu essen und Geld in seinen Rucksack.

»Die Bilder meiner Großmutter, würdest du sie aufbewahren?«, bat er, während er hektisch die Schränke durchwühlte.

»Ja, natürlich, sofern die Polizei nicht alles beschlagnahmt.« Da sie ihm ohnehin nicht helfen konnte, begann sie, wahllos die erstbesten Bilder aus den Rahmen zu lösen und zusammenzurollen. Sie arbeitete hektisch und blickte dabei ständig zum Fenster hinaus, befürchtete, gleich eine Polizeistreife zu entdecken.

Ragnar löste inzwischen eine der Dielen aus dem Boden, und für einen Moment dachte Lena schon, er würde eine Waffe darunter hervorholen. Aber dann förderte er nur die Stücke des Amuletts zu Tage. »Nimm du es.«

Zögernd nahm sie das vollständige Teil an sich, jenes, das sie damals neben Amelia gefunden hatte, hängte es sich um den Hals und steckte das unvollständige Gegenstück, in dem das letzte Stück fehlte, in ihre Hosentasche.

»Schnell jetzt.« Ragnar warf noch einen prüfenden Blick um sich und stürzte dann zur Tür.

Lena, einige der Bilder in der Hand, folgte ihm. »Weißt du, wo du hinwillst?«

»Erst mal nur weg.« Schon hielt er auf den Wald zu, verschwand zwischen den Bäumen, und Lena war erleichtert, immerhin fürs Erste der Polizei entkommen zu sein. Gemeinsam hasteten sie durch den Wald, und erst nach einer ganzen Weile wurde Ragnar langsamer. »In der Nähe gibt es ein verlassenes Haus mitten im Wald. Ich denke, vorerst werde ich mich dort verstecken. Du solltest jetzt besser gehen.«

»Du hast mir versprochen, es zu erklären.«

»Das werde ich, nur wenn du jetzt …«

»Ich werde verrückt, wenn du mir nicht sagst, was los ist.« Ragnar betrachtete sie einen Moment lang schweigend, dann nickte er.

»In Ordnung, du hast Recht. Ich möchte dich nur nicht in Schwierigkeiten bringen.«

»Die Polizei beobachtet unser Haus, aber ich habe mich durch den Garten fortgeschlichen. Es war nur ein Beamter, und der hat es bestimmt nicht bemerkt.«

»Gut, ich denke, ich bin dir eine Erklärung schuldig.«

Eine knappe Stunde liefen sie durch den Wald, und auch wenn Lena so viele Fragen auf der Seele lasteten, bedrängte sie Ragnar nicht, denn ihr war klar, dass sie zunächst einmal einen halbwegs sicheren Platz finden mussten.

Schließlich kamen sie an einem beinahe völlig eingewachsenen Häuschen an. Vermutlich hatte es früher als Ferienhaus gedient, aber jetzt war es von Unkraut und Schlingpflanzen überwuchert. Prüfend ging Ragnar um das Haus herum und schlug schließlich kurzerhand eine Scheibe ein. Von dem Geräusch zuckte Lena zusammen, aber er hob nur entschuldigend die Schultern.

Wenige Augenblicke später betraten sie das stille Innere des alten Hauses. Es war nicht mehr als eine Wohnküche mit einer hölzernen Eckbank, zwei Stühlen und einem Tisch, was sie erwartete. Alles war staubig, roch leicht muffig. Auf dem Tisch standen sogar noch eine Schüssel und eine Kerze.

»Ist doch gemütlich«, meinte Ragnar grinsend, wischte halbherzig den Sitz von einem Stuhl sauber.

Widerstrebend nahm Lena Platz und sah Ragnar auffordernd an. Einen Moment lang wusste sie gar nicht, ob sie das, was er nun sagen würde, auch wirklich hören wollte.