Kapitel 18

Das letzte Puzzleteil

Der Verlust ihres Bruders ärgerte Everon unbändig. Hätten sie doch nur abgewartet, ihre Kraft weiterhin genährt.

»Weshalb dürfen wir denn nicht mehr zur Hütte?«, fragte Luvett ungeduldig, wie er da in der feuchten, düsteren Höhle lag. Nur hin und wieder tönte ein leises Wimmern zu ihnen herüber.

»Weil die Wächter ihren Schutz erneuert haben«, zischte Everon. »Spürst du nicht, wie ihre Macht uns schwächt? Und zudem …« Voller Unruhe schweifte sein Blick hinaus ins Freie. »Wer weiß, ob nicht weitere wie Gavin hier sind.«

»Ist es das, was du denkst?« Der Dritte im Bunde erschien, ein wenig materieller, fester, als noch vor kurzer Zeit.

»Wir müssen achtsam sein«, verlangte Everon. »Hier sind wir zumindest vor ihnen geschützt.«

»Und der Junge«, jaulte Luvett.

Everons stechender Blick traf ihn, woraufhin Luvett rückwärtskroch. »Er wird sich wieder aus dem geschützten Bereich entfernen, das ist gewiss. Sobald der Schutzkreis der Wächter nachlässt, werden wir ihn weiterhin beobachten. Everon trat hinaus ins Freie. »Nun lass uns in anderen Gebieten jagen gehen.«

»Sag mal, hängst du eigentlich immer noch mit dem Weltuntergang ab?«, erkundigte sich Maike bei Lena, als die beiden Mädchen bei ihrer gemeinsamen Mittagspause im Aufenthaltsraum saßen.

»Weltuntergang?« Im Augenblick war Lena mit den Gedanken ganz woanders gewesen.

»Na, dieser Ragnar.«

»Ach so, ja. Wir unternehmen gelegentlich etwas zusammen.«

»Echt?« Maike verzog ihr breites Gesicht. »Also wenn ich daran denke, wie der sich immer aufgeführt hat …«

»So schlimm ist er gar nicht.« Schon seit zwei Tagen hatte sich Ragnar nicht mehr gemeldet, und inzwischen fehlte er ihr.

»Schon wieder sind zwei Leute verschwunden – diesmal sogar in Hilpoltstein. Langsam wird mir das unheimlich.« Schwester Margareta blickte von der Tageszeitung auf.

Auch Schwester Gunda ließ von ihrer undefinierbar aussehenden Suppe ab. »Da ist Schwarze Magie am Werk, das sage ich euch.«

»Ach, du wieder mit deinem Hokuspokus«, schimpfte Schwester Margareta.

»Ich finde das aber auch mysteriös. Seit einigen Wochen hört man ständig von Leuten, die einfach nicht mehr nach Hause kommen«, warf Maike ein.

»Bei dem ersten Verschollenen meinte meine Oma, das wäre ein frustrierter Familienvater gewesen, der genug von seinem zänkischen Weib hatte«, erinnerte sich Lena.

»Bei einem lasse ich mir das noch eingehen«, ratlos schüttelte Margareta mit dem Kopf, »aber das geht ja schon seit Wochen so.«

»Vielleicht sind mehrere Familienväter auf den Geschmack gekommen und feiern jetzt auf den Kanarischen Inseln eine Party«, kicherte Maike.

»Ihr jungen Dinger nehmt auch überhaupt nichts ernst. Und jetzt zack, zack, an die Arbeit.« Energisch scheuchte Schwester Margareta Lena und Maike auf.

Lena stöhnte leise, denn eigentlich hatte sie schon jetzt keine Lust mehr, und ihr standen noch drei Stunden bevor. Das Signal einer ankommenden SMS besserte ihre Laune jedoch jäh, denn Ragnar fragte, ob sie Lust hätte, später noch etwas mit ihm zu unternehmen, denn er sei ohnehin bei ihrer Oma und hätte danach noch Zeit.

Diese Aussicht motivierte Lena ungemein. Beim gemeinsamen Backen mit den alten Leuten gab sie sich richtig Mühe und lachte mit Frau Meister, die zum wiederholten Male mit ihrer verschmitzten Art Abwechslung in den eintönigen Seniorenalltag brachte.

»Hi Timo!« Gerade hatte sich Lena auf ihr Fahrrad geschwungen, als ihr ehemaliger Schwarm zur Abendschicht eintraf. Inzwischen verstanden sie sich ausnehmend gut, und Lena ärgerte sich auch nicht mehr darüber, dass er nicht zu haben war.

»Hallo Lena, du hast es gut, du hast schon Feierabend«, seufzte er.

»Du schaffst das schon.« Gut gelaunt radelte Lena los und fand Ragnar im Garten vor, wo er die alten Obstbäume von abgestorbenen Ästen befreite. Ein beachtlicher Haufen Holz türmte sich bereits neben der Garage.

»Wow, du bist ganz schön fleißig.«

Ragnar stieg von der Leiter und lehnte sich an den Apfelbaum. »Ich hatte es deiner Großmutter versprochen.«

»Hat sie dich nochmal behandelt?«

»Ja, sie hat gemeint, ich sei einer der gesündesten Menschen, der ihr jemals begegnet sei. Was diese Allergie – oder was auch immer es war – ausgelöst hat, konnte sie leider nicht sagen.«

»Hm, das ist blöd.« Lena sah ihn auffordernd an. »Wie lange brauchst du denn noch?«

»Ich gebe meinem tüchtigen Helfer für heute frei.« Oma Gisela kam hinter dem Haus hervor. »Möchtest du mit uns zu Abend essen?«

»Ich … weiß nicht.« Er zögerte sichtlich, und Lena konnte sich vorstellen, dass er befürchtete, das Gleiche wie beim letzten Mal könnte passieren.

»Erstens sind Lenas Eltern heute gar nicht da«, stellte Oma Gisela jedoch schon augenzwinkernd klar, »und zweitens gibt es heute weder Nüsse noch sonst etwas Gefährliches.«

»Aber ich denke, er ist nicht auf Nüsse allergisch«, wandte Lena ein.

»Tja, Ragnar ist mir wirklich ein Rätsel.« Mit gerunzelter Stirn betrachtete ihre Oma den jungen Mann.

Ein Rätsel ist er mir manchmal auch, stimmte Lena in Gedanken zu.

»Dann setzt euch mal«, schlug Oma Gisela vor. »Ich habe Gulasch vorbereitet, es wird bald fertig sein.«

Lena holte aus der Küche etwas zu trinken, dann setzte sie sich mit Ragnar unter den Apfelbaum.

»Ich mag euren Garten. Hier darf alles so wachsen, wie es möchte.« Sein Blick schweifte über die knorrigen Bäume, die verwilderte Hecke, die Wildblumen und die Kräuterbeete.

»Das stimmt.« Lena schnitt eine Grimasse. »Viele im Dorf zerreißen sich das Maul über Oma, denn bei ihnen ist der Rasen akkurat getrimmt und jedes Gänseblümchen eine Katastrophe.«

»Furchtbar!« Ragnar beugte sich zu Lena vor. »Meinst du, wir sollen deine Großmutter noch einmal nach besonderen Plätzen fragen, an denen das letzte Teil des Schmuckstücks versteckt sein könnte?«

»Ja klar, warum nicht.« Lena legte einen Finger an die Nase. »Nur befürchte ich, das wird wenig bringen. Bisher haben wir nur dort etwas gefunden, wo deine Großmutter ihre Markierung angebracht hatte.«

»Oder hast du keine Lust mehr, irgendwelche Geister zu sehen?«, fragte Ragnar ernst.

»Nein, das ist es nicht. Ich denke nur, wir haben das richtige Bild noch nicht gefunden. Hast du tatsächlich alles durchgesehen?«

»Ja, habe ich.« Er trank von seinem Wasser, und an der Falte zwischen seinen Augen erkannte Lena, dass er angestrengt nachdachte. Unvermittelt knallte er das Glas heftig auf den Tisch. »Georg!«

»Georg?« Lena verstand nicht, was er meinte.

»Mein Onkel!« Ragnars Gesicht war hart und unnahbar geworden. »Weshalb bin ich nur nicht früher darauf gekommen?«

»Auf was denn?«

»Ich vermute, er hat einige Bilder behalten.«

Zweifelnd wiegte Lena den Kopf. »Und ich dachte, er kann die Bilder von deiner Oma nicht ausstehen.«

»Kann er auch nicht. Aber möglicherweise hat er doch noch das eine oder andere in seinem Haus.« Ungeduldig trommelte er mit einer Hand auf seinem Bein herum. »Ich hoffe nur, er hat sie nicht weggeworfen.«

»Puh, das wäre natürlich blöd. Willst du ihn fragen?«

»Nein.«

Gerne hätte Lena noch nachgehakt, was er vorhatte, aber da kam ihre Oma mit dem Essen. Die ganze Zeit über verhielt sich Ragnar sehr schweigsam, sein Gesichtsausdruck war düster.

»Schmeckt es dir nicht?«, wollte Oma Gisela nach einer Weile wissen. »Du kannst auch etwas anderes haben, Brot mit frischem Kräuterquark zum Beispiel.«

»Nein, das Essen ist ausgezeichnet«, versicherte Ragnar ihr und leerte seinen Teller. Doch sobald alle fertig waren, bedeutete er Lena mit einer Kopfbewegung, dass er gehen wollte.

»Oma, wir gehen dann mal ein Stück spazieren«, sagte Lena.

»In Ordnung, viel Spaß.«

Die beiden schlenderten die Straße entlang, anschließend den Feldweg in Richtung Wald. Die ganze Zeit über schwieg Ragnar und zog ein düsteres Gesicht.

»Sag mal, denkst du eigentlich immer noch, es ist gefährlich im Wald?«, begann Lena schließlich das Gespräch.

»Wie bitte?« Offensichtlich hatte sie ihn aus seinen Gedanken gerissen, dann sah er sie herausfordernd an. »Denkst du es denn?«

Lena blickte zu den Bäumen und zuckte mit den Schultern. »Nein, eigentlich nicht.«

»Dann vertrau deiner Intuition«, riet er. »Die meisten Menschen können das nicht mehr.«

»Also hättest du jetzt nichts mehr dagegen, wenn ich allein …«

»Nein, im Augenblick nicht«, unterbrach er sie, für ihren Geschmack etwas zu barsch. »Um ehrlich zu sein, wäre ich sogar froh, dann könnte ich wenigstens in Ruhe nachdenken.«

»Was soll das denn jetzt wieder?«, entgegnete Lena missmutig. »Ich dachte, wir ziehen die Schatzsuche gemeinsam durch.«

»Lena, ich werde Großmutters Bilder aus dem Haus meines Onkels holen.«

Das war ihm also im Kopf herumgespukt. »Meinst du, er rückt sie so einfach raus?«

»Das glaube ich kaum.«

»Aber wie willst du dann …« Lena stockte, denn ihr kam ein schlimmer Verdacht. »Du willst sie stehlen!«

»Er weiß sie ohnehin nicht zu schätzen.«

»Ragnar, das kannst du nicht tun!«

»Mein Onkel ist ein … asni.«

Wenngleich Lena schwante, dass es sich um ein wenig schmeichelhaftes Wort handelte, hob sie die Augenbrauen. Kurz schien Ragnar nachzudenken, dann übersetzte er: »Idiot. Onkel Georg wird nicht mit sich reden lassen. Deshalb muss ich mir das Bild heimlich holen.«

»Du weißt doch gar nicht, ob er tatsächlich ein Bild behalten hat«, versuchte Lena ihn von diesem verrückten Gedanken abzubringen, doch er schüttelte den Kopf.

»Du hattest aber mit deiner Vermutung Recht. Auf allen wichtigen Gemälden waren die Zeichen angebracht, also wird es auch auf dem letzten Bild der Fall sein. Mein Entschluss steht fest.« Sein Kinn war energisch nach vorne gereckt, seine Hände waren zu Fäusten geballt.

»Und wenn wir doch erst einmal zum Glauberg fahren«, schlug Lena vor.

»Nein.«

»Na toll, habe ich vielleicht auch noch was mitzureden?« In den letzten Tagen hatte sie das Gefühl gehabt, ihm nähergekommen zu sein, aber jetzt war er wieder so kühl und abweisend wie früher.

»Lena.« Mit weicherer Stimme fuhr er fort und legte ihr eine Hand auf den Unterarm. »Ich möchte dich in nichts Illegales mit hineinziehen und werde allein einbrechen.«

»Wenn du das tust, dann komme ich natürlich mit.«

»Das möchte ich nicht.«

»Und was ist, wenn du wieder deine komische Platzangst im Haus bekommst?« Herausfordernd stemmte sie die Hände in die Hüften.

Offenbar brachte das Ragnar zum Nachdenken. »Es wird schon gehen«, beharrte er dennoch.

»Nein, ich begleite dich.« Natürlich war Lena nicht wohl bei dem Gedanken, einen Einbruch zu begehen, aber zum einen konnte sie Ragnars Onkel ebenfalls nicht ausstehen, zum anderen befürchtete sie, Ragnar könnte völlig ausrasten, falls er überrascht wurde.

»Wann geht’s los?«, fragte sie selbstsicherer, als sie sich tatsächlich fühlte.

»Vielleicht sollten wir es doch besser lassen.« Ragnar machte auf dem Absatz kehrt, aber Lena hielt ihn am Arm fest.

»Du willst es nur ohne mich durchziehen.«

»Nein, es ist nur …« Ganz offensichtlich bemühte er sich um ein Pokerface, aber weil er wohl bemerkte, dass Lena genau wusste, was er dachte, seufzte er tief. »In Ordnung, dann tun wir es gemeinsam.«

»Okay, wie wäre es gleich heute Nacht? Du versteckst dich in meinem Zimmer, bis meine Eltern eingeschlafen sind, dann legen wir los.«

»Soll ich mich etwa in deinem Schrank verstecken wie ein heimlicher Liebhaber?« Ragnar verzog spöttisch den Mund.

Zu ihrem Ärger spürte Lena, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. »Im Schrank, unter dem Bett – ist doch egal. Du tust so, als würdest du nach Hause fahren, und später kommst du zu meinem Fenster, und ich lasse dich rein.«

»Von mir aus«, gab er nach, und sie marschierten zurück zum Haus von Lenas Oma. Höflich verabschiedete sich Ragnar, dann ging er zu seinem Motorrad.

»Du haust jetzt aber nicht einfach ab«, flüsterte Lena ihm zu und drückte dabei eindringlich seinen Arm.

Für einen Moment zögerte er, dann schüttelte er beruhigend den Kopf.

Lena sah ihm nach, wie er davonfuhr, und kehrte anschließend ins Haus zurück. Kurz setzte sie sich zu ihrer Oma ins Wohnzimmer, die strickte, während Lena sich zum Schein einen Krimi anguckte. Nach einer Weile kamen auch ihre Eltern nach Hause, die bei Bekannten zum Essen eingeladen gewesen waren. Einige Zeit unterhielt sich Lena mit ihnen, dann gähnte sie lautstark. »Ich geh noch ein bisschen an den Computer und dann ins Bett.«

»Seit wann meldest du dich denn ab?«, brummte ihr Vater.

»Ach, nur so. Gute Nacht.« Lena stand auf und schlenderte betont langsam aus dem Raum.

»Lena, du machst aber nicht wieder einen heimlichen Nachtausflug«, mahnte ihre Mutter, und Lena schaffte es gerade so, nicht allzu schuldbewusst dreinzuschauen – so hoffte sie zumindest. »Nein, Mama, ich reite nicht aus.« Das war zumindest nicht gelogen. Nur zu gut wusste Lena, dass ihre Eltern seit der Sache mit den Nachtausritten häufiger kontrollierten, ob sie auch wirklich schlief. Sie musste grinsen, als sie daran dachte, wie ihr Vater ein paarmal in Pyjama und Hausschuhen vor ihrem Fenster herumgeschlichen war. Aber zum Glück hatten die beiden meist einen festen Schlaf, und während der letzten Tage waren die Kontrollen ohnehin nachlässiger geworden.

In ihrem Zimmer öffnete sie sofort das Fenster und beugte sich hinaus. »Ragnar«, flüsterte sie. Als keine Antwort ertönte, runzelte sie wütend die Stirn. »Hat der Idiot am Ende doch einen Alleingang gemacht?«, schimpfte sie leise vor sich hin.

»Nein, hat der Idiot nicht.« Plötzlich trat er hinter der Hausecke hervor, und Lena atmete auf. Geschmeidig schwang er sich in ihr Zimmer und setzte sich auf ihr Bett.

»Bis wann möchtest du warten?«

»Meine Eltern gehen sicher gleich ins Bett.« Sie blickte auf die Uhr und nickte zufrieden. »Danach warten wir sicherheitshalber noch eine halbe Stunde und fahren los. Hoffentlich schleicht meine Oma nicht wieder im Garten herum.«

Ragnar musterte sie fragend. »Tut sie das öfters?«

»Ja.« Lena verdrehte die Augen. »Sie behauptet, manche Kräuter könne man nur bei Nacht oder gar im Mondschein ernten.«

»Das kann ich mir vorstellen.«

Einmal mehr wunderte sich Lena, wie selbstverständlich Ragnar solche für sie völlig seltsamen Dinge fand. »Na ja, mag schon was dran sein«, räumte sie ein.

Damit es nicht auffiel, wenn sie sich unterhielten, schaltete Lena den kleinen Fernseher in ihrem Regal ein. Ungeduldig wartete sie darauf, dass ihre Eltern sich schlafen legten, aber die blieben heute länger als gewöhnlich im Wohnzimmer, denn noch immer drangen die gedämpften Stimmen an ihr Ohr.

»Das gibt’s doch nicht«, schimpfte sie, aber Ragnar nahm die Sache anscheinend deutlich gelassener.

Er lehnte sich gemütlich zurück und sah sich interessiert einen Thriller an. Lena hingegen konnte sich kaum auf den Film konzentrieren, aber nach einer Weile lehnte sie sich ebenfalls zurück und ließ sich vom Programm berieseln. Schließlich nützte es nichts, wenn sie die ganze Zeit auf mögliche Geräusche vor der Tür lauschte.

»Lena?«

Zaghaft hob sie die Augenlider und bemerkte verwirrt, dass sie an irgendetwas Warmem lehnte.

»Mist, bin ich etwa eingeschlafen?«, murmelte sie.

»Sieht so aus.«

Sie blickte in Ragnars Gesicht, das ein leichtes Lächeln zeigte. Verlegen fuhr sie sich durch die Haare. »Sorry, ich hatte in letzter Zeit einige Nachtschichten.«

»Macht ja nichts. Aber ich glaube, deine Eltern schlafen seit einiger Zeit.«

Der Blick auf die Uhr zeigte Lena, dass es schon halb eins war.

»Falls du zu müde bist, können wir es auch sein lassen.«

Der Gedanke, diesen verrückten Einbruch zu vergessen, war durchaus verlockend, doch Lena glaubte Ragnar gut genug zu kennen. Sicher würde er allein nach dem Bild suchen, wenn sie nicht mitkam.

»Nein, heute ist so gut wie jede andere Nacht.« Entschlossen sprang sie aus dem Bett, ging zum Kleiderschrank und nahm sich eine dunkle Jacke und fand auch noch zwei Paar Handschuhe. »Ich hoffe, die passen dir.«

Ragnar drehte die Wollhandschuhe in der Hand hin und her. »Weshalb sollte ich die anziehen? Ich habe doch Motorradhandschuhe.«

»Die sind aber zu dick.« Als er sie weiterhin fragend ansah, erklärte sie ungeduldig: »Na, wegen der Fingerabdrücke.«

Ein Grinsen überzog Ragnars Gesicht. »Du hast ja richtig kriminelles Talent, Lena, aber es stimmt, daran habe ich gar nicht gedacht.«

»Ach Mensch, ich habe ja noch deine Sachen hier«, fiel ihr in diesem Moment auf. Sie holte Ragnars frischgewaschenes T-Shirt und die Jogginghose aus dem Schrank. »Der Pullover muss doch auch irgendwo sein.« Suchend sah sie sich um.

»Ist doch egal, du kannst ihn mir ein anderes Mal geben.« Ragnar nahm die Kleidungsstücke an sich und ging zum Fenster. Ein mulmiges Gefühl machte sich in Lenas Magengegend breit, als sie durch den Garten schlichen und dann zu Ragnars Motorrad eilten. Dieses hatte er am Dorfende geparkt, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Bist du sicher?«, erkundigte er sich noch einmal, als sie im Begriff war, den Helm aufzusetzen.

»Ja.« Die Antwort kam deutlich selbstsicherer heraus, als Lena sich tatsächlich fühlte, aber ihr Entschluss stand fest.

Also fuhren sie los.

Einige Straßen von Georg Winters Haus entfernt hielten sie an und huschten durch das dicht bewachsene Nachbargrundstück zu dem luxuriösen Einfamilienhaus. Lena war so aufgeregt wie noch nie in ihrem Leben. Wenn der Einbruch schiefging, würden sie beide im Gefängnis landen. Wie hoch die Strafe wohl ausfallen würde? Würde sie noch nach Jugendstrafrecht verurteilt werden? Und was würden ihre Eltern sagen!

»Ich kann die Sache auch ohne dich durchziehen. Ich möchte dich nicht in kriminelle Handlungen verstricken«, erklärte Ragnar noch einmal, als sie gemeinsam in dem Gebüsch an der Grundstücksgrenze kauerten.

Hat er etwa meine Gedanken gelesen?, schoss es Lena durch den Kopf.

»Nein.« Sie räusperte sich, denn ihr Mund war knochentrocken. »Letztendlich sind es ja deine Bilder. Deine Oma hat sie dir vererbt.«

»Schön, dass du das so siehst. Wenn ich ehrlich bin, wäre es mir sogar lieber, du würdest warten. Du kannst schließlich nichts für die Probleme mit meinem Onkel.«

»Nein, deine Oma hat uns gemeinsam auf die Suche geschickt, also komme ich mit!«

»Nun gut, dann geht es jetzt los.« Ragnar richtete sich auf, ging geduckt auf das dunkle Haus zu. An der Terrasse drückte er gegen die Tür, aber diese war verschlossen.

Lenas Herz pochte bis zum Hals, nervös sah sie sich um.

»Sind hier irgendwelche Geister?«, fragte sie Ragnar mit dünner Stimme.

»Nein, wie kommst du denn darauf?«

»Ich fühle mich beobachtet.«

»Lena, wenn du Angst hast …«

»Ich habe keine Angst!«, behauptete sie, streckte sich und deutete auf ein schmales Fenster zu ihrer Linken. »Ich glaube, es ist nur gekippt.«

»Du hast Recht«, sagte Ragnar und lief zu dem Fenster.

»Wir bräuchten eine Leiter«, wandte Lena ein.

»Steig auf meine Schultern und versuch mal, ob du es öffnen kannst. Du hast schmale Arme, vielleicht kommst du rein.«

Nun wurde es also ernst. Ragnar bückte sich, sie kletterte auf seinen Rücken, dann erhob er sich langsam.

»Zum Glück wiegst du fast nichts«, stieß er hervor, während Lena die Luft anhielt. Nachdem Ragnar sich vollständig aufgerichtet und an der Hauswand abgestützt hatte, erhob sie sich vorsichtig auf seinen Schultern. Sie quetschte ihren Arm in den schmalen Spalt und fand nach einer Weile den Griff.

»Was ist, wenn dein Onkel eine Alarmanlage besitzt?«, fragte sie auf einmal.

»Dann wäre sie schon längst losgegangen«, erwiderte Ragnar trocken.

Also nahm Lena all ihren Mut zusammen, schloss die Augen und drehte mit einiger Anstrengung den Griff zur Seite. Jede Sekunde rechnete sie mit einem ohrenbetäubenden Signal. Doch das Fenster klappte lautlos auf, schwang nach innen und hing am Ende nur noch an einem Scharnier. Fürs Erste erleichtert, schwang sich Lena durch den schmalen Rahmen. Sie knipste ihre Taschenlampe an und stellte fest, dass sie sich in einem Vorratsraum befand. Konserven und Putzmittel standen ordentlich aufgereiht in den Wandregalen. Mit einem triumphierenden Grinsen entdeckte sie eine Leiter. Langsam ließ sie sich zu Boden gleiten, holte die Trittleiter und bemühte sich, nirgends anzustoßen. Als sie ein Rumpeln von draußen vernahm, sagte sie leise: »Warte, ich habe eine …« Doch da erschien Ragnar schon im Fenster.

»Wie bist du denn da hochgekommen?«, staunte sie.

»Ich bin gesprungen«, flüsterte er.

»Sportlich, sportlich!«

Geschmeidig ließ er sich auf den Boden sinken und nahm dann grinsend ein Glas mit Essiggurken und öffnete dieses. »Möchtest du auch?«

»Du hast Nerven.« Lena schüttelte den Kopf, aber Ragnar biss grinsend in eine dicke Gurke, bevor er vorsichtig die Tür öffnete. Der Gang lag in tiefer Dunkelheit, lediglich durch eine Glastür drang ein schmaler Lichtstreifen, der vermutlich von der Straßenlaterne vor dem Haus stammte.

»Wo sollen wir suchen?«, wisperte Lena.

Unschlüssig hob Ragnar die Schultern, dann schob er sich durch den Schlitz. »Kein Licht«, zischte er Lena zu.

»Und wie sollen wir dann das Bild finden?«

»Wir werden es schon finden.«

»Weißt du, wo dein Onkel schläft?«, flüsterte Lena in Ragnars Ohr.

Im Zwielicht erkannte sie, wie er den Kopf schüttelte, dann deutete er vor sich. »Dort ist ein Bild.«

Kurz ließ Lena ihre Taschenlampe darauf leuchten, aber es handelte sich ganz eindeutig nicht um ein Gemälde von Ragnars Großmutter, sondern um ein äußerst geschmackloses Bild von einem röhrenden Hirsch. Also näherten sie sich der Glastür. Ragnar schob diese ganz langsam auf, und sie fanden sich in einem großzügigen Wohnzimmer mit angrenzender Küche wieder. Auch hier hingen diese altmodischen, düsteren Bilder von Wildtieren. »Ist dein Onkel Jäger?«, erkundigte sich Lena und schnitt eine Grimasse.

»Ich glaube, früher …« Weiter kam Ragnar nicht, denn auf einmal ging im Gang das Licht an. Einen Augenblick lang sahen sie sich entsetzt in die Augen, dann zerrte Ragnar Lena hinter das wuchtige Ledersofa. Atemlos verharrten sie in ihrem Versteck, zuckten beide zusammen, als auch hier plötzlich heller Lichtschein den Raum erfüllte. Schlurfende Schritte drangen zu ihnen herüber und leises Grunzen. Jetzt ist es aus, gleich entdeckt er uns.