Kapitel 12

In letzter Sekunde

Nach wie vor kreisten während der nächsten Tage Lenas Gedanken häufig um den Sonderling aus Island und die Frage, ob er die Schatzsuche auf eigene Faust vorangetrieben hatte – und wenn, dann sicher erfolgreicher als sie. Die Vorstellung, dass er möglicherweise etwas wirklich Wertvolles fand und sie nicht dabei war, trieb sie fast in den Wahnsinn.

Heute war Lena mit ihrer Freundin in Gößweinstein unterwegs. Katrin hatte Lena von der Arbeit abgeholt, nun musste sie noch für ihren Großvater einkaufen. Anschließend wollten die beiden ins Schwimmbad fahren, denn dort fand am Abend eine Poolparty statt, und Lena hatte ihren Eltern die Erlaubnis abgerungen, bei diesem Spaß mit dabei sein zu dürfen.

»Pass bloß auf, dass du dem General die richtigen Kekse mitbringst, sonst regt er sich nur wieder über die Jugend von heute auf«, scherzte Lena, als sie sah, wie angestrengt Katrin von ihrem Einkaufszettel auf das Süßigkeitenregal und zurück starrte.

»Du sagst es«, stöhnte Katrin, dann hielt sie ihr den Einkaufszettel hin. »Opa hat so eine Sauklaue, da kann man meistens nur raten.«

Auch Lena bemühte sich, das Gekritzel zu entziffern, gab diesen Versuch jedoch bald auf, und so entschieden sie sich für eine Packung Schokoladenkekse.

Lachend verließen sie den Lebensmittelladen und machten sich auf den Weg zu Katrins Auto. Sie waren schon beinahe in die Seitenstraße eingebogen, wo sie geparkt hatten, als ihnen eine Gruppe junger Männer entgegenkam. Sie alle hielten Bierflaschen in den Händen, der eine oder andere schwankte verdächtig.

»Der hat mir gerade noch gefehlt!«, rief Lena, die Kevin unter den dreien entdeckt hatte. Zu ihrem Bedauern gelang es ihr nicht mehr, ungesehen um die Kurve zu verschwinden, denn Kevin steuerte bereits auf sie zu.

»Lenchen, so ein Glück, dass ich dich hier treffe«, lallte er und legte ihr vertrauensvoll einen Arm um die Schultern. Seine Kumpel, Florian und Eddi, grinsten breit und lehnten sich lässig gegen die Mauer des angrenzenden Grundstücks.

»Die Freude beruht nicht auf Gegenseitigkeit.« Energisch löste sich Lena aus Kevins Umarmung.

»Kommst du heute Abend mit mir zur Poolparty?«, fragte er völlig ungerührt und stellte sich ihr und Katrin in den Weg, als sie weitergehen wollten.

»Mit dir garantiert nicht, du Pfeife.« Lena wollte sich an ihm vorbeidrängeln, doch jetzt wandelte sich Kevins eben noch freundliches Gesicht in ein sehr wütendes, und er hielt sie am Arm fest. Sein nach Alkohol riechender Atem schlug ihr entgegen.

»So redest du nicht mit mir«, verlangte er. »Ich hab dir schließlich nichts getan.«

»Nichts getan?« Sie schnaubte verächtlich. »Ich denke, du weißt sehr wohl, was du mir eingebrockt hast, und jetzt lass mich los!« Lena sah, wie Katrin neben ihr blass wurde und unruhig von einem Bein aufs andere trat.

»Kevin, jetzt lass uns doch bitte durch«, bat sie mit weinerlicher Stimme.

»Halt die Klappe, du fette Kuh«, knurrte er nur verächtlich. »Ich habe was mit meiner Freundin zu klären.«

»Ich bin nicht deine Freundin.« Beherzt trat Lena ihm gegen das Schienbein. »Und Katrin brauchst du auch nicht zu beleidigen!«

Für einen Moment hatte Kevin sie losgelassen, sein Gesicht verzerrte sich vor Schmerz, und seine Kumpel kamen alarmiert näher. Während Florian und Eddi Katrin langsam wegdrängten, presste Kevin Lena gegen die Mauer. Nun wurde ihr die ganze Sache doch unheimlich, denn sie wusste sehr wohl, dass Kevin zu Gewalttätigkeiten neigte, wenn er betrunken war.

»Lena, ich hol Hilfe«, hörte sie Katrin ängstlich quietschen, dann eilige Schritte und das Gejohle von Florian und Eddi, die sie noch ein Stück verfolgten. Danach bekam sie nicht mehr mit, was mit ihrer Freundin geschah, denn Kevin drückte sie mit seinem massigen Körper gegen die Wand. Sie wusste nur allzu gut, dass sie keine Chance gegen ihn hatte, da er doch von seinen regelmäßigen Besuchen im Fitnessstudio gut durchtrainiert war.

»Du hast schon zwei Vorstrafen, vergiss das nicht«, zischte sie.

»Es ist nicht verboten, seine Freundin zu küssen«, grinste er, und sein Mund näherte sich dem ihren.

Lena zappelte, um freizukommen – vergeblich. »Verdammt nochmal, lass mich in Ruhe«, rief sie. »Akzeptier doch endlich …«

Hatte sie eben noch befürchtet, gleich Kevins Mund, der nach Bier stank, auf ihren Lippen zu spüren, so wurde er auf einmal nach hinten gerissen, und eine Sekunde später knallte sein Kopf neben ihr gegen die Mauer. Er stieß einen gurgelnden Schrei aus, dann sackte er zusammen und hielt sich den Kopf.

Lena schnappte nach Luft und wusste überhaupt nicht, wie ihr geschah, als plötzlich Ragnar vor ihr stand und sie am Arm fasste. »Lena, geht es dir gut?«

Sie nickte mechanisch, dann rief sie erschrocken: »Pass auf!«

Hinter ihm kamen Florian und Eddi, die das Ganze offenbar beobachtet hatten und nun ihrem Kumpel zu Hilfe eilten. Eddi war ein Bulle von einem Mann, nicht so groß wie Kevin, dafür aber noch einmal deutlich breiter gebaut. Florian hatte eine eher schmächtige Statur, überragte Kevin jedoch um einige Zentimeter, und Lena sah mit Entsetzen, wie er ein Messer zückte.

»Jetzt hört doch auf mit dem Mist!«, schrie sie, wobei sie sich hektisch nach Hilfe umsah. Doch außer einer älteren Frau, die eilig in ihrem Auto verschwand, war niemand in der Nähe.

Ragnar stand jedoch gelassen da und wartete, bis die beiden auf ihn zukamen.

»Macht ihn fertig, den Dreckskerl!«, keuchte Kevin und erhob sich mühsam, wobei er seine flache Hand auf die Stirn presste.

Eddi rannte geradewegs auf Ragnar zu, die Hände zu Fäusten geballt. Florian wollte Ragnar offenbar von hinten angreifen. Es hatte den Anschein, als wollte Ragnar nach links ausweichen, sprang dann im letzten Moment nach rechts und seine Faust donnerte auf Eddis breite Nase. Dieser hielt sich stöhnend die Hände vors Gesicht und ging in die Knie. Mittlerweile war auch Kevin wieder auf den Beinen, auf der Stirn eine blutende Platzwunde, und schwankte auf Ragnar zu.

Florian stand abwartend da, das Messer schützend vor sich gehalten, und wusste offenbar nicht, was er tun sollte.

»Du hältst dich wohl für einen ganz tollen Hecht!«, schrie Kevin Ragnar an, dann winkte er mit einer Hand. »Na los, zeig, was du drauf hast, oder bist du zu feige?«

»Zu dritt auf ein Mädchen loszugehen, ist selbstverständlich ehrenhaft.« Ragnars Stimme troff geradezu vor Hohn, und Lena hielt die Luft an, denn sie war sich sicher, dass die drei Ragnar verprügeln würden.

Eddi hielt sich noch immer die Nase, stellte sich jedoch mit verzerrtem Gesicht neben Kevin. Florian näherte sich lauernd mit dem Messer in der Hand. Auf ein Kopfnicken von Kevin hin stürmten sie alle drei gleichzeitig auf Ragnar zu. Lena stieß einen spitzen Schrei aus, kramte eilig nach ihrem Handy, um die Polizei zu rufen. Sie hatte nur ein paar Sekunden lang weggesehen, aber mit einem Mal polterte es, dann krümmten sich Eddi und Kevin auf dem Boden, Ragnar hatte Florians Arm nach hinten verdreht und schlug ihm die Hand gegen die Gartenmauer, bis das Messer aus seiner Hand fiel. Dann ließ Ragnar Florian los und drängte ihn wortlos zurück. Lena sah panische Angst in Florians Augen, dann rannte der große Kerl fort, während er sich immer wieder hektisch umblickte.

Lediglich Ragnars linke Wange hatte einen Kratzer abbekommen, an seinem schwarzen T-Shirt klebte etwas Blut, was jedoch vermutlich von den beiden anderen stammte. Eddi und Kevin rappelten sich langsam auf, und Lena hatte die beiden Großmäuler noch niemals derart verunsichert erlebt. Als eine Polizeisirene ertönte, waren sie sehr schnell auf den Beinen. »Verdammt, die Bullen!« Kevins blutige Hand fuchtelte drohend in Richtung Ragnar. »Das wirst du noch büßen, du scheiß Ausländer, du!«

»Hast du noch ein paar so mutige Freunde?« Viel sagend blickte Ragnar in die Richtung, in die Florian verschwunden war.

Blut rann über Kevins Gesicht, und das anschwellende rechte Auge verlieh ihm ein groteskes Aussehen. Aber jetzt fasste er den wimmernden Eddi an seinem Hemd und zerrte ihn mit sich, denn die Sirene kam näher.

»Komm, Lena.« Ragnar fasste sie an der Hand.

»Warte, Katrin hat sicher die Polizei gerufen.«

Auf Ragnars Gesicht trat ein gehetzter Ausdruck. »Die ist nicht mehr nötig.«

Unterhalb von ihnen bog ein Streifenwagen um die Ecke, und eine diebische Freude stieg in Lena auf, als sie sah, wie sie sich Kevin und Eddi in den Weg stellten, denn den beiden war es nicht gelungen, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen.

»Lena, ich habe eine Bitte.«

»Welche denn?«

»Geh nicht zur Polizei und mach keine Aussage.«

»Weshalb denn nicht?«

»Die drei werden ohnehin verhört, und ich möchte nicht mit hineingezogen werden«, bat er nervös.

»Also gut«, gab sie zögernd nach, denn sie machte sich ohnehin Sorgen, dass Kevin und seine Kumpel Rache an Ragnar nehmen könnten. Wenn sie jetzt keine Aussage machte, würde es möglicherweise glimpflich für ihn ausgehen.

»Ich gehe jetzt, die beiden haben ihre Strafe bekommen.« Mit diesen Worten rannte er in die entgegengesetzte Richtung los.

»Ragnar!«, rief Lena ihm hinterher, und er drehte sich noch einmal um. »Danke.«

Er hob lediglich eine Hand und verschwand in die nächste Seitenstraße.

Was das jetzt wieder zu bedeuten hatte, darauf konnte sich Lena keinen Reim machen, aber Katrin kam angelaufen und fragte keuchend: »Bist du okay?«

Lena nickte stumm und blickte Ragnar hinterher. »Ich glaube, ich hatte eine Art rettenden Engel«, murmelte sie.

Am nächsten Tag schnappte sich Lena ihr Fahrrad und fuhr zu Ragnar, denn sie war erst für die Nachtschicht eingeteilt. Da sie ein Mountainbike besaß, bereiteten ihr die teilweise mit Wurzelwerk durchzogenen Waldwege keine Probleme, und auch wenn sie bei einigen steilen Hängen mächtig aus der Puste kam, erreichte sie die Stallungen schneller als gedacht. Lena fand ihn nach einigem Suchen beim Ausmisten einer Pferdebox.

»Guten Morgen«, begrüßte er sie überrascht.

»Morgen.« Sie lächelte zaghaft. »Kann ich dir vielleicht helfen?«

»Du willst mir helfen?«

»Ja, ich wollte mich für gestern bedanken.«

»Das ist nicht nötig.« Ungerührt fuhr er damit fort, das Stroh mit der Mistgabel nach Pferdeäpfeln zu durchsuchen. »Dieser ungehobelte Klotz hat sich an Schwächeren vergriffen, das kann ich nicht ausstehen.«

»Wie hast du das eigentlich gemacht?« Lena lehnte sich gegen die offene Boxentür und spielte gedankenverloren an einem Strohhalm herum. »Ich meine, Kevin ist schon ein ziemlicher Schrank, aber Eddi …«

»Du meinst der Kerl mit dem Gesicht einer … wie heißen die Hunde noch gleich … Bulldogge?«

Kichernd nickte Lena.

»Dieser Eddi war plump und hat sich lediglich auf sein breites Kreuz verlassen. Mein Vater war Kampfsportler. Er hat mir vieles beigebracht und später, in Reykjavík war ich in einem Verein«, erklärte er.

»Ach so.« Jetzt wurde Lena einiges klar. »Sag mal, warst du nicht verletzt?« Sie deutete auf seine Wange, aber Ragnar zuckte nur mit den Schultern.

»So was heilt bei mir schnell ab.«

»Über Nacht?«

Als er ihr die Mistgabel hinhielt, stutzte sie.

»Na, du wolltest mir doch helfen«, erinnerte er Lena grinsend.

Also griff Lena zu, und gemeinsam misteten sie die Box aus.

»Ich hoffe, dieser Kevin hat dich nicht schon öfters belästigt?«

»Nein, er ist mein Exfreund und kann das nicht akzeptieren.«

Ragnars Gesicht sprach Bände, und Lena gab zerknirscht zu: »Heute weiß ich auch nicht mehr, was ich an ihm gefunden habe.«

»Manchmal macht man eben Fehler«, war Ragnars einziger Kommentar.

»Und manche mehr als andere«, entgegnete Lena düster. Als der junge Isländer sie fragend ansah, fuhr sie fort: »Vor ein paar Monaten waren wir auf einer Party. Ich hatte mir Papas Auto ausgeliehen und hoch und heilig versprochen, nichts zu trinken oder erst am nächsten Tag zurückzufahren.« Sie grinste schief. »Getrunken habe ich auch nichts, aber einer meiner ehemaligen Schulfreunde hatte Hasch dabei, und wir haben ein paar Joints geraucht.«

»Oha. Und du hast dich trotzdem ans Steuer gesetzt?«

»Nein!«, protestierte Lena. »Eben nicht. Eigentlich hatte ich vor, dort zu übernachten, doch dann wurde mir von dem blöden Cannabis kotzübel. Nachdem ich eine ganze Weile über der Kloschüssel gehangen habe, wollte ich nur noch nach Hause.« Sie seufzte tief. »Ich hätte es besser wissen müssen, als Kevin steif und fest behauptet hat, er hätte nichts getrunken oder geraucht. Aber ich war einfach fertig und habe ihm geglaubt. Unterwegs bin ich eingeschlafen, und ich weiß auch gar nicht, wie es passiert ist, aber plötzlich habe ich Reifenquietschen gehört, ein Rumpeln, und schon hat das Auto mitten in der Scheibe des Feuerwehrhauses gesteckt.«

»Ist euch etwas passiert?«

»Nein, zum Glück nicht. Wir haben uns aus dem Wrack befreit, und kurz darauf hat ein Auto angehalten. Die Leute haben natürlich gleich Krankenwagen und Polizei gerufen, obwohl wir sie bekniet hatten, das nicht zu tun – sie dachten wohl, wir stehen unter Schock. Auf jeden Fall hat Kevin mich angefleht zu sagen, ich wäre gefahren. Er hat schon eine ganze Reihe an Punkten in Flensburg, außerdem Vorstrafen wegen Schlägereien, und er braucht sein Auto, um in die Arbeit zu kommen. Er meinte, wenn ich sowieso in einer Großstadt studiere, könnte ich eine Weile auf den Schein verzichten.« Lena blies ihre Wangen auf. »Dumm und verliebt wie ich war, habe ich zugestimmt.«

»Hm.« Ragnar stützte sich auf seine Mistgabel und sah sie durchdringend an. »Möglicherweise war es dumm, aber es war sehr großzügig von dir. Wie es aussieht, hat er es dir jedoch nicht gedankt.«

»Nein, überhaupt nicht«, knurrte sie. »Ich habe einen Riesenärger mit meinen Eltern bekommen, muss diese dämlichen Sozialstunden machen, um die Feuerwehrtür abzuarbeiten, und anschließend jobben, um meinen Eltern zumindest einen Teil des Autos zu ersetzen. Eigentlich wollte ich ein Jahr durch Europa reisen, aber das kann ich mir jetzt abschminken.« Wütend knallte sie nasses Stroh in die Schubkarre. »Und dann hat mich der Idiot ein paar Wochen später mit einer anderen betrogen. Natürlich habe ich Schluss gemacht.«

»Zu Recht«, stimmte Ragnar zu. »Aber weshalb stellst du nicht klar, dass er den Unfall verursacht hat?«

»Das glaubt mir doch jetzt niemand mehr. Kevin würde garantiert behaupten, ich würde das nur sagen, weil wir nicht mehr zusammen sind. Mal abgesehen davon, es wäre mir peinlich zuzugeben, wie dumm ich war.« Eigentlich wusste Lena auch gar nicht, weshalb sie Ragnar das alles jetzt erzählte, denn zuvor hatte sie das noch nie getan, nicht einmal Katrin wusste Bescheid.

Es überraschte sie sehr, als Ragnar ihr eine Hand auf die Schulter legte und ihr ernst in die Augen sah. »Es mag falsch gewesen sein, ihn zu decken, aber du hast es aus Liebe getan. Nur leider hat Kevin diese Liebe nicht verdient.«

»Nein, in der Tat nicht.« Wenn Lena daran dachte, was ihr Exfreund sich zuletzt geleistet hatte, widerte er sie nur noch an.

»Vergiss ihn und beschäftige dich mit anderen Dingen«, riet Ragnar, dann zwinkerte er ihr zu. »Vielleicht mit einer Schatzsuche.«

»Möchtest du mich denn noch dabeihaben?«, fragte sie gespannt.

Vermutlich ließ sich Ragnar absichtlich Zeit, dann nickte er. »Auch wenn wir uns immer wieder streiten, eigentlich macht es mir Spaß, mit dir nach dem Schatz zu suchen.«

Endlich waren sie mit dem Ausmisten fertig und stellten ihre Mistgabeln an die Wand. »Hast du das dritte Teil der Kette gefunden?«

»Ja, das habe ich.« Ragnar kratzte sich am Kopf. »Jetzt fehlt nur noch das Mittelstück, aber ich habe noch einmal alle Bilder angesehen. Auf keinem von ihnen ist ein Hinweis zu finden.«

»Hm«, überlegte Lena. »Das ist natürlich blöd, und vor allem wissen wir ja auch nicht, ob die Kette uns tatsächlich zu den Edelsteinen führt.« Sie räusperte sich. »Ich war neulich an den Neideckgrotten. Ich dachte, dort finde ich vielleicht etwas, aber …«

»Dort ist nichts, den Gedanken hatte ich selbst schon«, unterbrach Ragnar sie, und Lena verkniff sich die Frage, wie er das so genau wissen konnte. Gemeinsam gingen sie hinaus. »Was würdest du eigentlich mit deinem Anteil des Schatzes machen – falls es ihn wirklich gibt.« Neugierig blickte Lena Ragnar an.

»Ich denke, ich würde mir irgendwo ein Stück Land kaufen. Vielleicht in Schweden oder Irland«, sinnierte er.

»Nicht in Island?«

»Nein«, ein Schatten huschte über Ragnars Gesicht, »ich kann nicht zurück.«

Zu gerne hätte Lena jetzt nachgefragt, weshalb, doch sie traute sich nicht.

»Also ich würde meinem Vater das Geld für sein Auto geben, damit er mir das endlich nicht mehr vorhalten kann«, erzählte Lena von ihren Träumen, »und dann würde ich meine Europareise machen. Frankreich, Italien, Spanien. Anschließend dann in Berlin ein hübsches Zimmer nehmen, dann muss ich neben dem Studium nicht jobben. Und«, sie hob den Finger, »sobald ich meinen Führerschein wiederhabe, ein Auto!«

Ragnar lachte leise auf. »Da hast du dir ja eine Menge vorgenommen, wir sollten uns bald auf die Suche machen.«

Lena war erleichtert, dass ihr dummer Streit vergessen war, und überlegte voller Enthusiasmus laut: »Bisher waren die einzelnen Teile an alten keltischen Stätten versteckt gewesen. Vielleicht hat deine Großmutter das letzte Bild dieser Reihe verkauft, es ist kaputtgegangen, oder sie hat einfach vergessen, die Markierung anzubringen. Wir sollten Oma Gisela fragen, die kennt jede Menge mystischer Stätten, und dann suchen wir einfach auf gut Glück nach dem letzten Teil.« Sie sah Ragnar fragend an. »Ich gehe davon aus, du möchtest mir immer noch nicht sagen, wie du die versteckten Amulettteile so schnell gefunden hast.«

»Bitte frag nicht, Lena.«

»Okay«, gab sie widerwillig nach, auch wenn sie ihn nicht verstand. »Aber sag mal, hat sich das dritte Stück auch auf so magische Weise mit den anderen zusammengefügt?«

»Bisher habe ich es nicht versucht. Ich wollte es mit dir zusammen tun, denn meine Großmutter hat uns sicher nicht umsonst gemeinsam auf die Suche geschickt.«

Auf einmal war Lena seltsam gerührt, wie Ragnar da vor ihr stand und so zaghaft lächelte.

»Wollen wir’s jetzt tun?«

Ragnar sah sich kurz um und meinte dann: »Gut, Regine ist nicht da und kann mich nicht verpetzen, wenn ich eine kurze Pause einlege.«

Sie machten sich zu Ragnars Holzhütte auf, und er holte die Teile des Kettenanhängers aus seinem Versteck. Lena schluckte und hielt den Atem an, als er die verschlungenen Schmuckteile fast schon andächtig zusammenführte und schließlich aneinanderhielt. Es war wie beim letzten Mal. Ein kurzes Aufblitzen, dann war das Amulett beinahe vollständig, nur noch in der Mitte fehlte das letzte Stück, die kupferfarbene Triskele.

Auch heute sahen sie sich fassungslos an, und Lena konnte einfach nicht begreifen, was vor sich ging. Noch niemals in ihrem Leben hatte sie etwas Vergleichbares erlebt. Ihr Verstand suchte nach einer einfachen Erklärung, scheiterte am Ende aber doch. Zu klar und eindeutig war, was Lena mit eigenen Augen erneut beobachtet hatte. Einerseits faszinierte sie diese magische Verschmelzung des Amuletts ungemein, andererseits machte es ihr auch Angst.

»Und jetzt?« Lena merkte selbst, wie dünn ihre Stimme klang. Ihr Mund fühlte sich trocken an.

So als wäre auch Ragnar aus seinen Gedanken gerissen worden, zuckte er zusammen. »Ich weiß nicht … Möglicherweise offenbart sich uns irgendetwas, wenn wir das letzte Teil finden.«

Eine ganze Weile starrten sie auf das Amulett, so als würde es ihnen eine Antwort liefern. Dann kam Lena eine Idee. »Gib mir doch bitte den Teil des Amuletts, den wir im Altenheim gefunden haben.«

»Was willst du denn damit?«

»Etwas ausprobieren.«

In diesem Moment stellte Ragnar eine recht unwillige Miene zur Schau, griff dann jedoch in sein Regal und zog kurze Zeit später die Kette mit der vollständigen Hälfte des Amuletts heraus. Ehrfürchtig nahm Lena es in die Hand.

»Deine Großmutter hat in ihrem Brief geschrieben, die beiden Teile würden sich auf magische Weise verbinden und den Weg nach Elvancor freigeben. Vielleicht funktioniert es ja auch, wenn noch das letzte Stück der einen Hälfte fehlt.«

»Du erwartest jetzt aber nicht im Ernst, dass sich hier eine Art magischer Tunnel auftut und uns in ihr wundersames Land führt«, spottete Ragnar.

»Wenn schon, dann wäre das ja wohl dein Job«, schoss sie zurück. »Wer glaubt schließlich an Elfen, Trolle und Drachen?«

»Ist ja schon gut.« Behutsam fuhren seine Finger über die beiden identischen Teile des Amuletts. Lediglich bei einer Hälfte fehlte noch das bronzene Mittelstück mit der Triskele. »Du hast Recht, versuch es!«

Aufregung ergriff Lena, und vielleicht glaubte ein Teil von ihr sogar, dass gleich etwas Besonderes passierte. Sie atmete tief durch, legte die beiden Hälften aufeinander und – nichts geschah. Kein magisches Leuchten, keine wundersame Zusammenführung. Enttäuscht legte sie die Schmuckstücke wieder auf den Tisch.

Sie sah, wie Ragnar die Luft durch die Nase ausstieß. »Sofern irgendetwas an Großmutters Geschichte ist oder das Amulett uns den Weg zum Schatz zeigt, dann muss es offensichtlich vollständig sein.

»Ja, sieht so aus. Gut.« Lena erhob sich ruckartig. »Dann will ich dich nicht länger von der Arbeit abhalten. Meine Oma fährt morgen auf so ein seltsames Seminar, aber falls du Zeit hast, können wir sie am Vormittag noch fragen, ob sie eine Idee hat, wo alte keltische Stätten liegen.«

»Möchtest du sie einweihen?«

Lena dachte kurz nach, doch dann schüttelte sie den Kopf. Oma Gisela war mysteriösen Dingen gegenüber aufgeschlossen und auch ein wenig verrückt, aber das hier ging ganz sicher sogar über ihre Vorstellungskraft hinaus. Lena hoffte ja selbst, dass sie zuhause immer noch glauben würde, was sie mit eigenen Augen gesehen hatte. »Nein, es bleibt unser Geheimnis.«

»Schön.« Er lächelte ihr zu, und als er weitersprach, klang er ausnahmsweise einmal nicht zynisch. »Es freut mich, mit dir ein Geheimnis zu teilen.«

Schließlich verließen sie Ragnars Hütte, und Lena schwang sich auf ihr Fahrrad, Ragnar eilte indes zu den Weiden.

Schon kurz nach neun Uhr am nächsten Morgen klingelte es an der Haustür. Da Lena Spätschicht gehabt hatte, war sie erst nach drei Uhr früh ins Bett gekommen. Zunächst zog sie sich die Bettdecke über den Kopf und knurrte: »Oma, mach du auf.« Als es dann aber penetrant weiterklingelte, sprang sie zornig aus dem Bett und stürmte zur Tür.

»Was?« Lena blinzelte in das helle Tageslicht und erkannte erst auf den zweiten Blick Ragnar, der mit amüsiertem Gesicht vor ihr stand.

»Du siehst aus wie eine Gewitterhexe«, lachte er.

Lena blickte über die Schulter zum Spiegel an der Garderobe und fuhr sich durch die wild abstehenden Haare. Außerdem entblößte ihr viel zu weites Oberteil mehr von ihrem Busen, als es eigentlich verbarg, und so zupfte sie verlegen daran herum. »Verflucht, dich habe ich ja völlig vergessen!«

»Ich kann auch wieder gehen.«

»Nein, warte einfach einen Moment, ich zieh mich nur schnell an.« Sie machte eine einladende Handbewegung, aber Ragnar schüttelte den Kopf.

»Ich bleibe lieber draußen.«

»Von mir aus. Hinter dem Haus stehen Stühle und ein Tisch. Magst du eine Tasse Kaffee?«

»Ja, gerne. Mit Milch ohne Zucker.«

»So trinke ich ihn auch«, grinste Lena, dann rannte sie ins Bad und versuchte, einen halbwegs anständigen Menschen aus sich zu machen. Eine Viertelstunde später schnappte sie sich ein Tablett und drei Kaffeetassen. Da ihre Oma nirgends im Haus zu finden war, vermutete sie, dass diese an ihren Beeten arbeitete und nach ihren geliebten Kräutern sah, bevor sie fortfuhr. Und tatsächlich entdeckte Lena ihre Oma im Garten, die sich sichtlich angeregt mit Ragnar unterhielt.

»… weißt du, Ragnar, wir waren damals zehn Leute, die in einer Kommune am Rande von Berlin gelebt haben«, erzählte Oma Gisela eine Geschichte, die Lena nur allzu gut kannte, trotzdem musste sie schmunzeln, als sie sich ihre Großmutter als junge Frau in bunten Hippiekleidern vorstellte. »Wir hatten kaum Geld«, sie lachte leise auf, »das hatte kaum jemand. Trotzdem beschlossen wir, dass wenigstens einer von uns zum Woodstock-Festival fahren sollte. Alle haben zusammengelegt, dann haben wir Stöckchen gezogen, tja, und meines war das längste!«

Wie es aussah, waren die beiden so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie Lena gar nicht bemerkten, wie sie die Tassen und die Kanne auf den Tisch stellte.

»Ihr Mann hatte nichts dagegen, dass Sie …«, Ragnar unterbrach sich selbst, »ich meinte, dass du allein nach Amerika fährst?«

»Doch, das hatte Manfred«, bestätigte Gisela, »weil unser Sohn Dieter ja erst zehn war. Aber unsere Freunde in der Kommune haben alle versichert, auf den Kleinen zu achten.« Oma Gisela kicherte leise. »Vor allem haben wir Manfred verschwiegen, dass das Geld lediglich für den einfachen Flug gereicht hat.«

»Und wie bist du zurückgekommen?«

»Ich muss gestehen, ich war damals recht unbekümmert. Ich dachte mir, erst einmal nach Woodstock, dann sehe ich weiter! Das Festival war gigantisch, auch wenn ich zugeben muss, dass ich, so wie viele Leute meiner Generation, das eine oder andere inzwischen etwas verklärt sehe. Die hygienischen Zustände waren schon am zweiten Tag eine Katastrophe, und als es geregnet hat, hat sich das Gelände in einen Sumpf verwandelt.« Sie seufzte tief. »Trotzdem möchte ich Woodstock nicht missen. Außerdem ist mein Sohn Carsten dabei entstanden.«

»Oh«, staunte Ragnar, dann kratzte er sich am Kopf. »Hast du noch Kontakt zu seinem Vater?«

»Nein, leider nicht. Wir haben unsere Adressen ausgetauscht, aber ich habe sie dummerweise verloren. John hieß er, er war Musiker und Maler. Zu gern wüsste ich, was aus ihm geworden ist.« So als würde sich Oma Gisela gewaltsam aus den Erinnerungen an die damalige Zeit reißen, straffte sie die Schultern. »Auf jeden Fall hat mein Geld mit Ach und Krach für die Verpflegung gereicht, aber an einen Heimflug war nicht zu denken. Also habe ich mich als blinder Passagier auf ein Schiff nach Hamburg geschmuggelt.«

»Ist nicht wahr!«, lachte Ragnar.

»Doch«, bestätigte Oma Gisela. »Ich bin fast zwei Wochen später nach Hause gekommen als geplant, und auch wenn ich während der Überfahrt ganz schön gezittert habe, bereue ich bis heute nichts.«

»Du hattest echt eine aufregende Jugend, muss ich sagen.« Erst jetzt drehte sich Ragnar zu Lena um, musterte sie kurz und meinte dann: »Du siehst besser aus.«

»War ja auch kein Kunststück«, erwiderte Lena selbstironisch.

»Kaffee, das ist aber lieb von dir, Lena«, freute sich Oma Gisela.

»Na, hast du Ragnar mit Woodstock-Geschichten beglückt?«, erkundigte sie sich augenzwinkernd.

»Das war ausgesprochen interessant«, versicherte er sogleich.

»Ragnar hat mir aber auch von seiner Großmutter aus Island erzählt. Ich finde, sie ist eine faszinierende Frau, ich würde sie gerne kennen lernen und mir ihre isländischen Legenden erzählen lassen.«

»Kann ich mir vorstellen«, erwiderte Lena. »Apropos Legenden und so was. Du kennst doch sicher die alten keltischen Stätten hier in der Gegend.«

»Jetzt muss ich mich aber über dich wundern. Erst die Suche im Internet und jetzt möchtest du noch mehr über die Kelten wissen«, staunte Oma Gisela.

»Nicht ich, sondern Ragnar«, behauptete sie, denn alles andere wäre zu unglaubwürdig gewesen und hätte Fragen aufgeworfen, die sie nicht beantworten wollte.

»Da versuche ich über Jahre hinweg, meiner lieben Enkelin die Kultur unserer Vorfahren näherzubringen«, scherzhaft nahm Oma Gisela Lena in den Schwitzkasten, »aber nein, da muss erst ein junger Mann aus Island kommen, damit das interessant wird.«

»Oma!«, stöhnte Lena, aber ihre Großmutter ließ sie bereits los.

»Schon gut, ich freue mich, wenn ihr mehr über die Kelten erfahren wollt.« Sie sah die beiden kurz an. »Also, da wäre der Keltenwall in Burggaillenreuth …«

»Den kennen wir schon«, unterbrach Lena sie. »Auch Walberla haben wir bereits erkundet, und wir wissen außerdem, dass zu Zeiten der Kelten Menschen auf dem Plateau hinter der Ruine Neideck gesiedelt haben.«

»Alle Achtung.« Anerkennend nickte die alte Frau. »Ein faszinierender Ort ist der Druidenhain, wobei es umstritten ist, ob er von den Kelten genutzt wurde. Siedlungsspuren hat man nicht gefunden.« Sie legte einen Finger an die Nase. »Der Glauberg ist mindestens zweieinhalb Stunden von hier entfernt, ich weiß nicht, ob ihr so weit fahren wollt. Auch der Staffelberg liegt nicht gerade in der Nähe …«

»Staffelberg!« Lena richtete sich kerzengerade auf und sah Ragnar mit blitzenden Augen an. »Deine Großmutter hat erzählt, dass sie in Staffelstein gelebt und in einer bestimmten Nacht auf dem Berg Holz gesammelt hat.«

Verschwörerisch lächelten die beiden sich an, und Lenas Oma zog fragend ihre Augenbrauen zusammen. »Ein äußerst beeindruckender Berg. Man hat bei Ausgrabungen eine weitläufige keltische Siedlung dort gefunden – Menosgada wurde sie vermutlich genannt.« Dann senkte sie ihre Stimme. »Und sofern du an Legenden interessiert bist, Ragnar, man erzählt sich, dass dort ein Schatz versteckt ist.«

»Ein Schatz?«, riefen sie beide wie aus einem Munde, woraufhin Oma Gisela lachte.

»Zwei Seelen, ein Gedanke«, sagte sie augenzwinkernd. »Möchtet ihr die Geschichte hören?«

Gebannt nickten sie beide, und so fuhr Oma Gisela fort: »Man erzählt sich, dass tief im Innern des Staffelberges in einer unzugänglichen Höhle ein großer Schatz verborgen liegt. Alle hundert Jahre öffnet sich zu mitternächtlicher Stunde an Johanni der Berg und gibt für eine Stunde den Weg zu den unterirdischen Räumen frei.«

»Was ist Johanni?«, erkundigte sich Ragnar.

»Das ist der Johannistag, ein Fest zum Gedenken an Johannes den Täufer«, erklärte Oma Gisela, aber dann spielte ein Schmunzeln um ihre Mundwinkel. »Wenn ich ehrlich bin, glaube ich aber, dass, sofern es diesen Schatz gibt, sich der Weg um den 21. Juni herum öffnen würde.«

»Weshalb das?«

»Der 21. oder 22. Juni ist in der Regel der Tag der Sommersonnenwende, ein wichtiges und magisches Datum für unsere Vorfahren. Ich bin der festen Überzeugung, die Kirche hat sich dieses Datum unter den Nagel gerissen und mit einem ihrer Heiligen besetzt, um sowohl die Gläubigen als auch die Heiden damit zu ködern.«

»Oma und ihre Verschwörungstheorien.« Lena verdrehte die Augen, aber Ragnar nickte zustimmend.

»Davon habe auch ich gehört.«

»Da sind sich ja mal wieder zwei einig«, stöhnte Lena.

»Jetzt lass deine Großmutter doch weitererzählen«, schimpfte Ragnar ungeduldig.

»Nun gut.« Oma Gisela räusperte sich und senkte ihre Stimme. »Nur Sonntagskindern ist es möglich, in das Berginnere zu gelangen.« Sie zwinkerte ihrer Enkelin zu. »Also, Lena, du könntest den Schatz finden, aber ich rate es dir nicht.«

Erneut sahen sich Lena und Ragnar staunend an, und sie fragte zögernd: »Bist du etwa auch …?«

Doch Ragnar schüttelte den Kopf. »Nein, ich wurde an einem Dienstag geboren.«

Unwillkürlich atmete Lena auf, denn sonst wäre ihr das Ganze richtiggehend unheimlich geworden. »Weshalb soll ich den Schatz denn nicht suchen?«, fragte sie dann.

»Einmal wurde in einer solchen Nacht ein junger Schäfer durch ein donnerndes Dröhnen aufgeschreckt. Da er an einem Sonntag geboren war, konnte er den geöffneten Berg betreten. Angezogen und geblendet von den unermesslichen Reichtümern, die er vorfand, wurde er immer tiefer in den Berg gelockt. Ehe er sich seine Taschen voll Gold und Edelsteine stopfen konnte, war die kurze Frist von einer Stunde verstrichen. Mit einem Dröhnen schloss sich der Berg wieder und versperrte dem Schäfer den Weg ins Freie. Hundert Jahre lang musste er warten, bis sich der Berg erneut öffnete. Als alter Mann verließ er diese Stätte, seine Taschen leer, er brauchte keine Reichtümer mehr.« Sie legte Lena einen Arm um die Schultern und drückte sie an sich. »Wie du siehst, mein liebes Kind, Reichtum ist nicht alles.«

»Na ja, aber das Schlechteste ist er auch nicht.«

»Sagen wir’s mal so. Geld beruhigt, zumindest in unseren Zeiten. Aber es gab viele Jahrtausende ohne Geld, und die Menschen haben dennoch existiert. Ich gehe davon aus, dass erneut eine Zeit anbrechen wird, in der unsere hübschen bedruckten Scheinchen nichts mehr wert sind und auch nicht gebraucht werden.«

»Ja, das mag schon sein«, entgegnete Lena ungeduldig. »Also, Oma, wir müssen jetzt los.« Sie erhob sich und sah Ragnar viel sagend an.

Daraufhin stand auch er auf und verabschiedete sich höflich von Lenas Großmutter.

Nach allem, was Lena von ihrer Oma erfahren hatte, war sie vollkommen aus dem Häuschen, und ihre Wangen glühten. »Mensch, Ragnar, bestimmt liegt der Schatz im Staffelberg. Aber die Sommersonnenwende in diesem Jahr ist schon lange vorüber. Wenn wir jetzt ein ganzes Jahr warten müssen …«

»Müssen wir nicht«, behauptete er. »Sofern es den Schatz tatsächlich gibt, werden wir es auch so erfahren.«

»Und wie bitte?«, bohrte sie nach.

»Wir fahren hin und sehen weiter.«

»Meinst du, eine gute Fee taucht aus dem Nichts auf und hilft uns?«

»Möglicherweise.«

Vermutlich wollte Ragnar sich erneut auf seine seltsame Intuition verlassen, und obwohl es Lena brennend interessierte, was dahintersteckte, wollte sie jetzt nicht mit ihm streiten.

»Also gut, lass uns hinfahren.«

Ragnar nickte ernst. »Trotzdem möchte ich wissen, wo der letzte Teil des Schmuckstücks ist.«

»Den finden wir schon noch. Aber stell dir mal vor …« Lena senkte ihre Stimme. »… Edelsteine oder auch Gold – vielleicht sind wir bald reich.«

»Das kann sein, aber wir wissen nicht, ob diese Legende wahr ist«, gab er zu bedenken. »Außerdem – was ist, falls du wirklich in diesem Berg gefangen wirst?«

Dabei sah er so besorgt aus, dass Lena lachen musste.

»Ach was.« Mit einer wilden Handbewegung wischte sie alle Einwände beiseite. »Das ist doch nur ein dummes Kindermärchen. Wir fahren zum Staffelberg, du hast eine deiner Eingebungen, und ich kann endlich Papas Auto bezahlen.«

»Ich weiß nicht.« Er zog seine Stirn kraus. »Du glaubst an den Teil der Legende, der dir gefällt, und den anderen lässt du außer Acht. Ich bin mir nicht sicher, ob das klug ist.«

Kurz stutzte Lena, denn ganz Unrecht hatte er nicht, aber andererseits war eine alte Legende etwas anderes als real existierende Schmuckteile. Und wenn es die gab, dann bestimmt auch die Edelsteine. Nachdem sie nun nicht mehr auf den Bildern nach Hinweisen suchen mussten, entschlossen sie sich zu einem Ausritt. Trotzdem konnte Lena sich heute kaum konzentrieren, denn in Gedanken war sie bereits auf dem Staffelberg und sah schimmernde Edelsteine vor ihrem inneren Auge.