KAPITEL 6
Die Elfen der Erfindungsgabe
Diesmal blieben die Elfen der Erfindungsgabe untätig. Keine Feen, Engel oder elfengleiche Fürsprecher, nicht einmal Elvis, suchten ein Mitglied des Forward Kinetics Teams in der Nacht auf, und als sie am nächsten Tag mit der Arbeit begannen – bei der zunächst wieder Sara eingespannt und Tim, der Troll, auf den Nachmittag verschoben wurde – hatte sich wenig geändert.
Matts Blick sagte alles: Ich hab’s euch doch gesagt.
Als würden wir es ihm absichtlich antun, dachte Chuck. Doch auch er konnte sich eines Gefühls der Frustration nicht erwehren.
Sicher gelangen Sara die grundlegenden Manöver etwas reibungsloser, aber noch immer hatte sie keine Ahnung, wie sie die simpelsten Aktivitäten innerhalb einer Oberfläche zuwege bringen sollte, die sie in- und auswendig kannte. Sie konnte den Mechanismus bedienen. Was sie nicht konnte, war Objekte kreieren.
Sie arbeiteten den ganzen Vormittag daran. Kurz vor der Mittagspause schlug Sara vor, wieder eine Weile mit Roboticus zu arbeiten. Diese Auszeit entspannte sie und erneuerte ihr Selbstvertrauen.
Unglücklicherweise trug sie nichts zu ihrer Performance mit der Software bei, mit der sie jeden Tag arbeitete.
Als um 14.20 Uhr schließlich Tim Desmond verspätet hereinspaziert kam, hing Sara schlaff in ihrem Sessel und das Elektrodennetz funkelte wie Sterne in ihrem Haar, während die anderen das Problem einzuschätzen versuchten.
„Es ist klar, dass der kinetische Konverter funktioniert“, sagte Matt kurz und bündig. „Und dass die Hirnwellen der Testperson genügend Auslöser generieren, um ihn anzutreiben. Das Problem muss die Warmware sein.“
Sara sah ihn zornig von der Seite an. „Das wäre dann wohl ich, oder?“ Sie schüttelte den Kopf. „Vielleicht liegt es daran, dass ich die Computerseite der Gleichung nicht verstehe. Ich verstehe nur die Seite der Person, die den Computer bedient. Sie bitten mich, die internen Vorgänge des Computers zu lenken, aber ich begreife sie nicht genügend. Wenn Ihre Schnittstelle auf diese Weise arbeiten soll, dann wird sie selbst jemand mit meiner Erfahrung und Ausbildung nicht benutzen können. Das ist kein ‚Warmware‘-Problem, Dr. Streegman. Es ist ein technisches Problem. Ihr technisches Problem.“
Matt öffnete den Mund zu einer Antwort, aber glücklicherweise kam ihm Tim zuvor.
„Wie haben Sie denn das gemacht, was Sie bisher geschafft haben?“, fragte der Programmierer. Er lehnte mit den Händen in den Jackentaschen an einem Arbeitstisch.
Sara erklärte, wie sie das Touchpad und die Tastatur aktivierte, und wie beides jedes Mal ihrer Kontrolle entglitt, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf die Arbeitsfläche richtete.
Tim ging zu dem Testapparat und wackelte an der Maus. Der Zeiger vollführte einen wilden Tanz auf dem Schirm. „Sie haben also mit den Eingabegeräten interagiert und versucht, mit deren Hilfe irgendwelche Dinge geschehen zu lassen.“
„Das habe ich doch gerade gesagt, oder nicht?“
Chuck krümmte sich innerlich. Er hasste es abgrundtief, wenn Leute einander anblafften, und das hatten sie heute bereits ausgiebig getan.
„Okay, das haben Sie also geschafft“, sagte Tim. „Und was versuchen Sie jetzt zu tun?“
Sara gestikulierte frustriert in Richtung Computer. „Einen gottverdammten Würfel zeichnen. Ein blödes, simples dreidimensionales Objekt. Ich kann die Eingabegeräte nicht so steuern, wie ich es normalerweise tun würde, um den Würfel entstehen zu lassen.“
Tim zuckte mit den Achseln. „Dann steuern Sie nicht die Eingabegeräte. Steuern Sie die Eingabe selbst. Nutze die Macht, Luke.“
Sara blinzelte und lief rot an. „Wie bitte?“
„Haben Sie nie Star Wars gesehen? Nutze die Macht. Obi Wan Kenobi sagt das zu Luke Skywalker, als er zu retten versucht, was noch zu retten ist, und er schaltet seinen Zielcomputer ab und schießt einfach. Wumm! Ein toter Todesstern. Ein bisschen zu einfach, wenn Sie mich fragen.“
Sara funkelte ihn zornig an. „Sie machen wohl Witze, oder was? Wir sind hier nicht in einem Film, mein lieber Troll. Ich schieße nicht auf Sumpfratten oder Vampireichhörnchen oder worauf immer Luke auf Tatooine ballert.“
Während Tim Sara gratulierte, weil sie Tatooine kannte, starrte Chuck auf den breiten Flachbildschirm und hatte eine stille Offenbarung … oder die Elfen der Erfindungsgabe waren am Werk. „Nein, Sara, er hat recht.“
„Was?“, sagte Sara.
„Was?“, sagte Matt.
„Sag ich doch“, sagte Troll, obwohl er erkennbar nicht wusste, womit er recht hatte.
Aber Chuck wusste es. „Ich meine es ernst. Denken Sie nicht daran, die Schnittstelle zu steuern. Das ist nicht das, was Sie tun wollen. Zeichnen Sie einfach etwas. Sie haben ein CAD/CAM in Ihrem Kopf. Benutzen Sie es.“
„Was?“, sagte Sara wieder, und alle andern im Raum außer Tim sahen ihn an, als hätte er Suaheli gesprochen.
Chuck holte tief Luft. „Ich weiß, es klingt verrückt, aber vertrauen Sie mir. Stellen Sie es sich so vor: Bevor Sie mit der physischen Schnittstelle ihrer CAD-Software interagieren, formen Sie ein mentales Modell Ihres Objekts. Sie zeichnen das Ding instinktiv einen Sekundenbruchteil, bevor Sie es auf dem Schirm zeichnen, in Ihrem Kopf. Ich glaube, was Tim meint, ist, dass Sie überhaupt nicht mit einem Eingabegerät interagieren müssen. Sie müssen direkt auf die Software einwirken.“ Er sah den Programmierer an, der mit den Achseln zuckte.
„Ja, ich denke, das habe ich gemeint. Formen Sie das Ding in Ihrem Kopf und lassen Sie die Software diese Impulse interpretieren, statt das Touchpad zur Vermittlung zu benutzen.“
Sara ließ ihre angestaute Atemluft entweichen. Sie dachte darüber nach – Chuck tippte darauf, dass sie überlegte, ob Tim sie hereinlegen wollte. Er nickte ihr aufmunternd zu, und sie nickte ebenfalls. „Sicher, warum nicht.“ Sie richtete sich auf. „Bin ich auf Sendung, Euge?“
Eugene überprüfte die Geräte. „Sie sind online.“
Die anderen beobachteten sie zunächst – das Spiel von Anspannung und Entspannung auf ihrem Gesicht, die gefurchte Stirn, das leichte Zucken ihrer Finger. Sie beobachteten sie, bis Tim sagte: „Genau das meine ich.“
Chuck hörte auf, wie gebannt auf Sara zu starren und riss den Kopf herum, um auf den großen Monitor zu blicken. Ein Würfel entstand darauf, der immer größer wurde. Als er aufhörte, größer zu werden, rotierte er langsam auf einer Ecke, blieb stehen und wurde wieder kleiner.
Sara öffnete die Lider, ihre Augen funkelten wild. „Na, wie war das als Einsatz der Macht?“
Tim ging zu ihr und streckte ihr die erhobene Faust entgegen. „Gute Arbeit, Padawan.“
Sie lachte – so viel Emotion hatte Chuck sie noch nie zeigen sehen – und gab dem Programmierer die Gettofaust.
„Was soll das heißen, Padawan, Troll Boy? Ich bin verdammt noch mal ein Jedi!“
Wenn Sara Crowell ein Jedi war, war Troll Desmond ein Jedi-Meister. An Becky angeschlossen und mit funkelnden Lichtern im abstehenden Haar, konnte er nach einigen Tagen Arbeit den Prozessor ganz nach seinem Willen steuern. Und er entdeckte eine Vielzahl von Möglichkeiten, es zu tun.
Matt interessierte sich besonders dafür, wie der Programmierer das manipulierte, was im Verborgenen lag: Binärcode. Zahlen. Mathematik. Tim konnte in den Strom der Einsen und Nullen greifen und an den Fäden ziehen, die sie tanzen ließen. Er zeichnete direkt auf den Monitor des Computers und schritt rasch voran, von Smileys über Worte bis zum Öffnen höherer Programmiermodule und Codierung.
Er war zunächst nicht schnell, was ihn gewaltig frustrierte – und Troll war ein bemerkenswerter Anblick, wenn er frustriert war – aber er schaffte es. Er verbrachte viele Stunden damit. Dann schritt er voran und manipulierte Programmiersprachen auf einer noch höheren Ebene und danach die Grafik-Software, die er benutzte, um seine Spielewelten zu erschaffen.
An diesem Punkt begann Sara, die darauf bestand, immer dabei zu sein, wenn Troll im Labor war – angeblich um ein Auge auf ihn zu haben – zu kiebitzen.
„Ich kenne dieses Software-Paket“, sagte sie, als er zum ersten Mal sein 3-D-Grafikprogramm hochfuhr. „Ich benutze es manchmal, um Umgebungen für meine Architekturarbeiten zu kreieren.“
Sie verglichen Notizen und tauschten den Platz unter dem Elektrodennetz. Sie brachte ihm bei, ihr CAD-System zu bedienen. Er brachte ihr bei, wie man Gebäude aus dem virtuellen Boden in die Höhe wachsen ließ und Rollenspiele aus First-Person-Sichtweise spielte.
Er hörte auf, sie Padawan zu nennen. Sie hörte auf, ihn Troll Boy zu nennen.
Chuck nahm Matt irgendwann beiseite. „Schauen Sie, etwas ist uns immerhin schon gelungen. Wir haben es hier mit zwei Leuten zu tun, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, die sich zu Beginn sogar feindlich gesinnt waren.“
Matt teilte Chucks Einschätzung, hielt sie allerdings für stark untertrieben: Sara hatte Troll für dumm gehalten. Troll hatte Sara für eine Zicke gehalten.
„Vielleicht werden sie niemals Seelenverwandte, aber sie sind bereits Mannschaftskameraden.“
Matt unterdrückte einen Seufzer. Soll sich mein „Mannschaftskamerad“ ruhig auf die Leute konzentrieren statt auf die Ergebnisse.