23

Der Eisdrache

Die Reise zum Unterwasserpalast des weißen Drachen war zugleich großartig und Furcht einflößend. Der goldene Drache durchschwamm ein Meer, das so schwarz war, dass mich panische Angst befiel. Gelegentlich bemerkte ich in der Ferne ein Aufblitzen von Licht und starrte fasziniert zu winzigen Fischschwärmen, die im Dunkeln leuchteten. Ein Tintenfisch schoss unter einer Felszunge hervor. Sein Mantel pulsierte mit roten Punkten, wie eine Leuchtreklame in Las Vegas, bevor das Tier auch schon wieder verschwunden war.

Ich hatte erwartet, dass es in den Tiefen des Ozeans vollkommen still wäre, doch das Gegenteil war der Fall. Große Tiere summten und schienen einander etwas zuzurufen, überraschten meinen Körper mit einer Welle heftiger Vibrationen nach der anderen. Das Wasser wurde kälter. Ren schlang die Arme noch fester um mich und drückte meinen Rücken an seine Brust. Nach einer Weile durchbrach ein Licht die furchtbare Dunkelheit. Anfangs glaubte ich, mein Bewusstsein spielte mir einen Streich, doch je länger ich in die Richtung starrte, desto heller wurde es.

Wir rasten auf das Licht zu. Der Drache legte ähnlich einem Läufer am Ende des Rennens einen Sprint hin, und schon bald wusste ich: Jınsèlóng steuerte auf einen Unterwasserpalast aus Eis zu, der wie ein kristallener Stalagmit aus dem Meeresboden ragte. Wir flogen einen Abhang hinab und schwammen zu einem vereisten Pfad. Auf beiden Seiten des Weges säumten aus Eis gemeißelte Wasserpflanzen und Blumen die frostigen Beete. Ein kristallener Wald erhob sich rings um den Garten, wobei jeder Baum von innen her andersfarbig leuchtete, was den Eindruck einer Art Neonstadt auf dem Meeresboden erweckte. Der Drache verlangsamte seine Fahrt, und ich konnte nun mit dem Finger über die Blätter eines pinken Baums streichen, der in der Mitte knallorange leuchtete.

Verwundert starrte ich zu den glitzernden Meisterwerken und fragte mich, ob der Drache sie erschaffen hatte. Die Einzelheiten – die Äste und funkelnden Blätter, die Seegräser, die aus den Eispflanzen zu wachsen schienen, die fächerförmigen Palmwedel des Unterwasserblattwerks – waren so naturgetreu, dass sie echten Pflanzen und Bäumen aufs Haar glichen.

Der vereiste Weg, dem der Drache folgte, schlängelte sich aufwärts, und ich sah breite Treppen, die in Eis gehauen waren. Als wir uns dem Palast näherten, drehte Jınsèlóng nach rechts ab und schwamm in eine Höhle hinter dem Palast.

Wir tauchten auf ein hell erleuchtetes Loch im Eis zu, und Jınsèlóng schoss hindurch, als könnte er ebenso mühelos durch Luft gleiten wie durch Wasser. Er landete auf einem rutschigen Boden und bohrte die Krallen ins Eis, um nicht ins Schlittern zu geraten. Ren, Kishan und ich hüpften vom Rücken des goldenen Drachen. Diesmal blieben wir nass und froren zudem. Ich bat das Tuch, seine Fäden aufzutrennen, und der Drache sackte erleichtert in sich zusammen und schüttelte sich wie ein Hund.

Jınsèlóng nahm wieder Menschengestalt an und donnerte: »Steht da nicht einfach nur herum. Einer von euch strammen Kerlen muss mich zum Sofa geleiten. Ein Drache, der auf seinen Allerwertesten fällt, ist kein besonders würdevoller Anblick.«

Ich kicherte, während Jınsèlóng weiter leise vor sich hinschimpfte.

Kishan stellte sich neben ihn, und gemeinsam gingen wir vier tiefer in den Palast hinein. Als wir endlich den Raum betraten, der das Wohnzimmer sein musste, war mir schrecklich kalt, und meine Füße waren regelrecht am eisigen Boden festgefroren.

»Wir brauchen neue Kleidung und Schuhe«, flüsterte ich.

Ren nickte. »Du zuerst.«

Ich ließ das Tuch einen Vorhang um die Zimmerecke fertigen und bat es, meine durchnässten Klamotten durch Winterkleidung zu ersetzen, mir zwei Paar Socken über die eingefrorenen Füße zu stülpen und darüber noch ein dickes Paar Pantoffeln. Während ich mich umzog, ließ ich es die Kleidung für die Jungs machen, damit sie nicht so lange warten mussten. Dann benutzte ich meine innere Hitze und fuhr mir vorsichtig mit den Handinnenflächen übers Haar, um es zu trocknen. Als ich fertig war, fühlte ich mich schon viel besser, auch wenn ich immer noch zitterte.

Nachdem Ren und Kishan in ihrer neuen Kleidung auftauchten, schmiegten wir drei uns der Wärme wegen eng aneinander aufs Sofa. Ich zog einen Handschuh aus und versuchte, Rens Hand zu wärmen. Seine Finger drückten meine sanft.

»Nicht«, sagte er. »Heb deine Hitze für dich auf. Wir kommen klar.«

Ich nickte und steckte meine Nase tiefer in meinen Wollschal. Meine Zähne klapperten. »Wwwie schade, dassss das Tuch kkkkeine Heizdecken herstellen kkkkann.«

Ich erwog ernsthaft, eine Decke mit meinen Händen zu erwärmen, und verwarf dann diese Idee. »Nnnun?«, fragte ich Jınsèlóng. »Wo isssst er? Du hasssst versprochen, uns ihm vvvvorzustellen.«

»Er wird gleich hier sein«, erwiderte der Drache hochnäsig. »Es ist ja nicht so, als hätte er Besucher erwartet.« Trotz seiner arroganten Art trommelte Jınsèlóng mit den Fingern nervös gegen den Beistelltisch aus Eis.

Mein Rücken drohte an dem Eissofa festzufrieren. Ich rutschte unbehaglich hin und her. Ren, der meine missliche Lage rasch erkannte, hob mich auf seinen Schoß, legte meine Beine auf Kishans und schlang die Arme und seinen Mantel um mich.

»Ist das besser?«

Ich seufzte. »Ja.« Und presste meine Nase an seine Brust.

Kishan runzelte die Stirn, aber ich streckte die Hand nach ihm aus, und er drückte meine behandschuhten Finger grinsend an seine Lippen.

Jınsèlóng sah uns mit sehr angespanntem Gesichtsausdruck zu und quietschte ungeduldig: »Wo steckt er nur?« Dann blickte er mit einem verschlagenen Ausdruck auf Ren und sagte: »Ich sollte wirklich endlich zurück zu meinen Kostbarkeiten. Aphrodite fühlt sich nämlich ohne mich sehr einsam.« Er schlug sich mit der Handfläche gegen den Kopf. »Was habe ich mir nur dabei gedacht? Es ist fast schon wieder Zeit zum Staubwischen. Wisst ihr denn nicht, was mit einigen Metallen geschieht, wenn sie nicht alle zwölf Stunden abgestaubt werden?«

Ren hob den Blick. Seine Lippen waren gerade eben noch auf mein Haar gedrückt gewesen. »Entspann dich«, sagte er. »Wir haben eine Abmachung, und du gehst nirgendwohin, bis du uns nicht vorgestellt hast.«

Der goldene Drache warf wütend die Hand in die Luft. »Pah! Erinnere mich, dass ich nie mehr wieder mit Tigern verhandle.«

Ich schnaubte, und er verengte die Augen zu Schlitzen.

»Oder Frauen.« Er ließ sich in seinen Sessel fallen, holte einen Beutel mit klirrenden Münzen heraus und begann, sie vorsichtig zu zählen, während er sie mit seinem Ärmel putzte.

Wir mussten nicht lange warten, bis ein hochgewachsener, weißhaariger Mann das Zimmer betrat.

»Jınsèlóng!« Die Stimme des weißen Drachen trommelte auf uns ein wie Schneeregen gegen eine Fensterscheibe. »Du weißt doch, du darfst niemanden unangekündigt herbringen! Das habe ich dir verboten!«

Der goldene Drache wimmerte: »Ich hatte keine Wahl. Sie haben die Information mit List aus mir herausgelockt. Das Mädchen ist an allem schuld. Sie …«

»Hör auf. Ich will kein weiteres Wort hören. Ich habe dir ein ums andere Mal gesagt, dass du deine Obsession für das Anhäufen von Schätzen und den Tauschhandel ablegen musst, aber selbst Jahrhunderte später willst du nicht auf mich hören. Du willst einfach nichts dazulernen. Geh weg, ich werde das Chaos beseitigen. Wie immer.« Der goldene Drache erhob sich rasch. »Und ich will dein metallenes Hinterteil mindestens zweihundert Jahre nicht mehr sehen!«

»Ja, Yínbáilóng. Du wirst keinen Mucks von mir hören. Vielen Dank.«

Jınsèlóng warf uns auf dem Weg nach draußen einen verstohlenen Blick zu. Ich zwinkerte ihm zu, und er kreischte auf und legte den gesamten restlichen Weg im Laufschritt zurück. Im nächsten Moment hörten wir, wie der schwere Körper des Drachen platschend ins Wasser glitt, und dann war er verschwunden.

Der weiße Drache drehte sich zu uns um und lächelte uns warmherzig an. »Es ist köstlich, ihm einen Schrecken einzujagen, nicht wahr?«

Ich errötete und nickte betreten.

»Das war eine ziemlich clevere Finte, mit der ihr drei ihn hereingelegt habt. Und sehr gut ausgeführt. Beim nächsten Mal wird er es sich zweimal überlegen, ob er ein Tauschgeschäft eingehen wird. Oh, er wird es natürlich nicht lassen können, aber zumindest wird er es sich gut überlegen, was mehr ist, als mir in all den vielen Jahrhunderten gelungen ist.«

Der weiße Drache bewegte sich geschmeidig durchs Zimmer und ließ seinen hochgewachsenen Körper in den Sessel gleiten, der eben von seinem Bruder freigegeben worden war. Während er die Beine übereinanderschlug, die Ellbogen auf die Sessellehnen legte und den Kopf auf die Finger stützte, betrachtete er uns eingehend. Das weiße Haar war aus seiner hohen Stirn gekämmt. Seine Lippen waren dünn und fest zusammengepresst, doch sein runzeliges Gesicht war ungemein ausdrucksvoll. Seine Augen waren eisblau, beinahe durchschimmernd, und in ihnen blitzte die Neugierde. Sein Erscheinungsbild und sein Akzent erinnerten mich an einen englischen Professor.

»Nun«, begann er. »Ihr seid also hier wegen eines Schlüssels und nicht einfach irgendeines Schlüssels. Ihr wollt den Schlüssel.«

»Wir müssen Durgas Halskette finden. Ich weiß nichts von einem Schlüssel«, äußerte ich vorsichtig.

»O ja. Ihr sucht den Weg zur Siebten Pagode.« Er sah mir in die Augen und erstarrte einen Moment.

»Liest du meine Gedanken?«, fragte ich.

»Nein. Das würde ich niemals ohne deine Zustimmung tun. Ich … betrachte dich nur. Immerhin habe ich seit sehr langer Zeit mit keinem Menschen mehr geredet, schon gar nicht mit einem so liebreizenden.«

»Vielen Dank.«

»Ihr habt eine lange Reise hinter euch, nicht wahr? Bis hierher zu kommen, muss euch große Anstrengung abverlangt haben.« Er erhob sich, als wäre er aufgeschreckt worden. »Was für ein Gastgeber ich bin! Da sitzt ihr hier, halb erfroren, durstig und müde, während ich über Dinge plaudere, die bis später warten können.«

Er wedelte mit den Händen, und ein blaues Feuer entzündete sich in dem Kamin neben uns. Es knisterte, als würde Eis bersten, doch es war überraschend heiß.

»Wird es den Palast nicht zum Schmelzen bringen?«, fragte ich.

Yínbáilóng lachte, ein warmer Klang in einem gefrorenen Zimmer. »Natürlich nicht. Mein Heim ist davor gefeit zu schmelzen. Vielleicht habt ihr noch mehr Fragen in Bezug auf Drachen. Es wäre mir eine Freude, sie euch beim Abendessen zu beantworten. Erweist ihr mir die Ehre?«

Er schritt zu unserem Sofa und bot mir den Arm. Ren umklammerte mich fester, und Kishan stieß ein leises Knurren aus.

»Na, na, Gentlemen«, schalt der weiße Drache sie aus. »Kein Grund zur Eifersucht. Ich wollte die junge Dame nur durch die Hallen geleiten. Ihr zwei dürft euch uns natürlich anschließen. Meine Liebe?«

»Vielen Dank.«

Ich nahm seine Hand, und Ren ließ mich widerstrebend los. Er und Kishan folgten uns dicht auf den Fersen.

Wir kamen an einer Art Spielzimmer mit einem Billardtisch vorbei, und der Drache fragte: »Mag einer von euch jungen Männern Billard? Ich habe schon eine geraume Zeit nicht mehr gespielt, aber es wäre eine schöne Art, sich die Stunden zu vertreiben.«

»Wie unterscheidet man die Schneebälle?«, fragte Kishan mit einem leisen Lachen.

»Ähnlich wie meine Bäume draußen sind sie verschiedenfarbig.«

»Wie machst du es, dass sie in all den unterschiedlichen Farben leuchten?«

»Biolumineszenz.«

»Phosphoreszierende Tiere?«

»Nicht wirklich. Die Menschen haben einst im nächtlichen Ozean ein Glühen entdeckt und es fälschlicherweise mit dem Verbrennen von chemischem Phosphor in Verbindung gebracht. Was mit Phosphoreszenz beschrieben wird, hat überhaupt nichts mit Verbrennung zu tun. Es beinhaltet keine Hitze. Lebewesen namens Dinoflagellaten erzeugen mein Licht. Ähnlich wie eure Glühwürmchen an Land leuchten diese Tierchen von innen heraus. Die meisten von ihnen sind mikroskopisch klein und erzeugen tatsächlich Licht, wenn sie mit Sauerstoff reagieren. Ich habe die nötigen Voraussetzungen und das Umfeld geschaffen, dass sie auch hier glühen. Sie zu hegen und zu pflegen, bereitet mir große Freude.«

»Also sind deine Pflanzen und Bäume kleine Aquarien?«

»Ganz genau.«

»Aber erfrieren die Tierchen denn nicht in deinen Eisbäumen?«

»Ich kann die Temperatur und die Umgebung ihren Bedürfnissen anpassen. Wahrscheinlich ist euch auch schon aufgefallen, dass ihr eure Winterkleidung nicht mehr braucht.«

Nun da er es sagte, war mir mit einem Schlag wärmer. Ich schlüpfte aus meinem Mantel und legte ihn mir über den Arm. Wir betraten ein großes Esszimmer aus Eis. Jeder Stuhl hatte eine grüne Farbschattierung, und der große Tisch war rot. Ich ging näher heran, um die Oberfläche genauer zu betrachten, und sah Tausende von winzigen Tierchen, die unter dem Eis zuckten.

»Sie sind wunderschön!«

»Das sind sie. Setzt euch. Die Stühle sind nicht mehr kalt. Es wird euch vorkommen, als würdet ihr auf Stühlen aus Eichenholz sitzen.«

Nachdem wir um den Tisch Platz genommen hatten, wedelte der weiße Drache mit den Händen, und ein Festessen erschien vor uns. Ich war am Verhungern. In Jınsèlóngs Gegenwart hatten wir nicht gewagt, die Goldene Frucht einzusetzen, und die Seetang-Cracker hatten schlagartig ihren Reiz verloren, nachdem ich wusste, woraus sie bestanden. Ich gönnte mir einen Moment, um das Festmahl vor uns zu betrachten. In großen Eisschüsseln gab es Königskrabbenbeine mit eingesottener Butter und kalte, geschälte Garnelen mit Cocktailsauce.

Andere Gerichte wurden warm serviert: überbackener Hummer, getoastetes Fladenbrot mit warmem Ziegenkäse, Artischocken, Spinat und Krabben. Es gab gefüllte Seezunge, Gumbo mit Meeresfrüchten, einen Julienne-Salat mit fein abgeschmeckter Vinaigrette, sämige Muschelsuppe, in Knoblauch geschwenkte Shrimp-Linguini und den größten, mit Walnüssen und Kirschen glasierten Lachs, den ich je gesehen hatte. Er bot uns Säfte an.

Ich wählte Erdbeergeschmack, und der Drache ging an die Arbeit. Er goss ein paar Tropfen roten Sirup in eine bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Eisdrachenskulptur, die das Herzstück des Raums war, und sprach ein paar Worte. Die rote Flüssigkeit begann, sich einen Weg durch den kurvenreichen Drachen zu bahnen. Dann holte Yínbáilóng einen frostig kalten Becher und hielt ihn unter die Öffnung der Eisskulptur. Das Getränk sah aus wie ein Slush-Eis, allerdings mit mehr Flüssigkeit und weniger Eis. Dann wiederholte er den Vorgang, machte ein Grapefruitgetränk für Kishan, eines mit Zitrone für Ren und eines mit Kirsche für sich selbst.

Er zeigte auf die große Auswahl, die er vor uns ausgebreitet hatte, und sagte: »Bedient euch.«

Da mir immer noch ein wenig kalt war, begann ich mit der Muschelsuppe. Es war die cremigste und leckerste Muschelsuppe, die ich jemals probiert hatte. Ich löffelte die halbe Schüssel aus, bevor ich mich erinnerte, dass mir noch viele Fragen auf der Zunge brannten.

»Yínbáilóng? Dein Bruder hat mir erzählt, dass ihr alle in verschiedenen Meeren geboren wurdet und dass er der Erddrache sei. Was bedeutet das, und wer sind eure Eltern?«

Der Eisdrache legte die Gabel hin und beugte sich vor, wobei er das Kinn in die Hände stützte. »Meine Eltern«, sagte er, »sind diejenigen, die du wohl Mutter Erde und Vater Zeit nennen würdest.«

Mit einem Schlag war der Hunger vergessen. »Wo leben sie? Siehst du sie manchmal? Wie sind sie so?«

»Ich sehe sie, auch wenn ich bezweifle, dass es dir gelingen wird, denn sie bewegen sich meistens in anderen Dimensionen. Sie wohnen … nun ja … überall. Man kann erlernen, sie zu sehen. Mutter ist Teil eines jeden Geschöpfes auf Erden. Pflanzen, Tiere, Menschen und selbst Drachen sind alle ihre Kinder, und sie und Vater Zeit werden nie aufhören zu existieren. Er ist die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Er ist allwissend. Er weiß, wie sich die Welt in Zukunft verändern wird, ist aber dennoch unendlich neugierig, was den Lauf der Zeit anbelangt. Er hat mir von eurem Kommen erzählt. Meine Brüder hätten ebenfalls davon gewusst, würden sie nur endlich zuhören. Sie sind so jung – im Grunde wie Teenager. Sie denken, sie wissen alles, weshalb sie ihren Eltern nie zuhören. Doch ein kluges Kind wird seinen Eltern stets den gebührenden Respekt zollen.«

Er nippte an seinem Getränk und fuhr fort: »Unsere Eltern sind jetzt … im Ruhestand. Zumindest, so weit das Unsterblichen möglich ist. Sie haben die Aufgabe uns übertragen, die Erde und ihre Bewohner zu schützen. Jınsèlóng wacht über die Reichtümer der Erde. Er stellt sicher, dass Bodenschätze hervorgebracht und gefunden werden, und hat zum Beispiel zur industriellen Revolution beigetragen, auch wenn seine Absicht nicht ganz altruistisch war. Er wollte, dass Waren schneller gefertigt werden, damit er seine Sammlung vergrößern kann. Er hat seine Macken, aber im Großen und Ganzen ist er für die Menschheit gut.

Lüsèlóng ist dafür verantwortlich, ein Gleichgewicht zwischen dem Land und dem Meer herzustellen. Er wacht über alles, was wächst. Bäume, Blumen, Gebirge, Wüsten und Wälder unterstehen seiner Aufsicht. Er lässt das Getreide wachsen. Er zeigte den Ägyptern, wie man Papyrus herstellt und Buch führt. Ohne ihn hätte die Menschheit keine Bücher.«

»Was ist mit Qınglóng?«, fragte Ren.

»Qınglóng ist der faulste meiner Brüder. Katastrophen sind eingetreten, weil er sich weigert, aufmerksamer zu sein. Eigentlich soll er Jınsèlóng im Zaum halten. Dem Umstand, dass Jınsèlóng überhaupt so viele Kostbarkeiten anhäufen konnte, liegt zugrunde, dass Qınglóng sich nicht genügend um das Meer kümmert. Seine Aufgabe besteht darin, die Welt mit Wasser zu versorgen.

Er kümmert sich um die Regenwolken, die Flüsse und einen Großteil der Ozeane, auch wenn wir ihm gelegentlich bei unseren jeweiligen Territorien unter die Arme greifen. Aufgrund seiner Unachtsamkeit sterben jeden Tag Tiere im Meer aus. Überfischung, Umweltverschmutzung und Dürren sind zum größten Teil seine Schuld. Die gesamte Walfangindustrie entwickelte sich während eines seiner Nickerchen. Aber zu seiner Verteidigung muss auch gesagt sein, dass er eure frühen Entdecker inspiriert hat, fremde Länder zu finden. Damals war er jung und leicht zufriedenzustellen.«

Der weiße Drache kicherte. »Stellt euch nur mal vor! Kolumbus soll in einer dieser winzigen Nussschalen alleine bis nach Amerika gesegelt sein? Ohne einen Drachen wäre er schon nach zwei Wochen gekentert.«

»Kelsey.«

Ich blickte zu Ren, der mit der Gabel auf meinen Teller zeigte.

»Iss bitte.«

»O ja.« Zu meiner Überraschung war die Suppe immer noch warm. Ich aß ein bisschen davon und sagte: »Bitte, fahr fort.«

»Lóngjun lebt am weitesten von uns entfernt. Er kommt kaum zu Besuch. Er hält sich für etwas Besseres, weil er über uns im Himmel wohnt.«

»Was ist seine Aufgabe?«, wollte Ren wissen.

»Kannst du dir das nicht vorstellen?«

»Hat es etwas mit den Sternen zu tun?«, schlug Kishan vor.

»Korrekt. Er ist für die Sternbilder verantwortlich. Er lässt die Sterne leuchten und bringt die Kometen in sichere Umlaufbahnen. Er rückt Meteore zurecht. Ein kleiner Regen ist erlaubt, aber große Meteore müssen zerstört werden. In letzter Zeit hat er Probleme mit der Ozonschicht, und das ist nun jedes Mal seine Ausrede, um bei unseren Familienfeiern zu fehlen.

Er wacht über Weltraumstationen und Shuttles und Flüge zum Mond. Lóngjun war auf dem Mond, als Neil Armstrong als erster Mensch den Fuß darauf setzte. Wenn man sich die alte Aufnahme ansieht, kann man sogar Lóngjuns Schatten sehen, der über Armstrong schwebt. Er ist sehr stolz auf das Weltraumprogramm. Er treibt wissenschaftliche Entwicklungen voran, insbesondere im Bereich der Astronomie, war eng mit Galileo befreundet und ist ihm überdies im Traum erschienen. Außerdem liebt er die Mathematik. Er hat Pythagoras das Schachspielen beigebracht.«

»Nun, damit sind alle anderen abgedeckt. Wie steht es mit dir?«

»Ich bin der älteste Bruder und habe die wichtigste Aufgabe inne. Ihr fragt euch vielleicht, was bedeutender sein könnte, als sich um das Weltall, das Land, das Wasser und die Bodenschätze zu kümmern. Als der Menschheit die Wissenschaft, Mathematik, die Forschung, Technologie oder einen grünen Planeten zu schenken.«

Mit einem verschmitzten Augenzwinkern hielt er inne und wartete, dass es einer von uns erriet. Niemand kam auf die richtige Antwort. Vornehm tupfte er sich mit der Serviette die Lippen ab und sagte: »Ich bin der weiße Drache des Eises. Ich wache über die Eiskappen und Pole. Ich drehe die Erde um ihre Achse. Ich lenke uns um die Sonne. Ich bin dafür verantwortlich, dass sich die Jahreszeiten ändern.

Ich sporne die Menschen in den Disziplinen Philosophie, Demokratie, Gerechtigkeit und der Rechtsprechung zu Höchstleistungen an. Ich darf mir kein Nickerchen erlauben. Ich darf meine Pflichten nicht vernachlässigen. Ein einziger Fehler würde unseren Planeten in das dunkle Universum wirbeln. Ein Fehltritt würde die Zeitachse verändern. Ein winziges Missgeschick, und die Erdachse würde sich neigen und uns alle ins Chaos stürzen. Ich war die Stimme hinter allen großen Philosophen, religiösen Reformern und politischen Revolutionären. Ich folge den Gesetzen des Universums – den elementaren Grundwahrheiten, die die Menschheit leiten.«

Mein Löffel fiel mir aus der Hand und geräuschvoll auf den Tisch. Betreten hob ich ihn wieder auf, doch der weiße Drache fuhr ungerührt fort: »Natürlich sind solche Dinge nicht von Dauer. Habgier und Neid können jeden befallen, aber ich habe immer noch Hoffnung. In Shangri-La hat es funktioniert.«

»Du bist für Shangri-La verantwortlich?«, fragte ich.

»Indirekt. Ich kann den Menschen nur die Grundidee von richtig und falsch näherbringen, damit sie zur Selbstverwaltung fähig sind. Die Sylphen haben mein Konzept nicht nur angenommen, sondern es sich mit Freude zu eigen gemacht. Seit Jahrtausenden leben sie nun friedfertig in ihrem Land, und die Tiere, die sich an ihre Gesetze halten, führen dort ebenfalls ein Leben in Harmonie.«

»Aber was ist mit dem Weltenbaum? Die Eisenvögel schienen diese Regeln nicht zu befolgen.«

»Die Vögel, die du meinst, wurden nur aus einem einzigen Grund erschaffen. Sie haben das Göttliche Tuch bewacht. Sie wollten euch nichts Böses, bis ihr es auf den Gegenstand abgesehen habt, den sie beschützen sollten. Ihre Existenz erlosch, nachdem das Tuch ihr Land verließ.«

»Was ist mit den Raben und Sirenen?«

»Auch sie haben nur ihren Zweck erfüllt. Sie wollten euch kein Leid zufügen.«

»Und was wurde aus ihnen?«

»Sie wurden vor die Wahl gestellt. Die Raben und Fledermäuse entschieden sich, die Gesetze der Sylphen zu achten und können kommen und gehen, wie es ihnen beliebt, aber die Sirenen sind lieber ausgewandert. Keine der Sylphen wollte sie als … Liebessklavinnen haben. Deshalb haben sie den Baum verlassen, der immer noch knapp außerhalb des Gebiets der Sylphen zu finden ist. Apropos, der unsichtbare Beschützer ist ebenfalls in Shangri-La geblieben.«

»Interessant. Aber warum weißt du von dem Tuch und der Frucht, Jınsèlóng jedoch nicht?«

»Wie schon gesagt, er hört nur mit halbem Ohr zu, wenn wichtige Dinge verhandelt werden. Möchtest du noch einen Nachschlag, junge Dame? Du hast nicht viel gegessen.«

»Man kommt nicht zum Essen, wenn man so viele Fragen hat.«

»Lass dir dadurch nicht den Appetit verderben. Ich bleibe bei euch und beantworte so viele Fragen, wie du Zeit erübrigen kannst. Im Grunde wäre es mir eine Freude, wenn ihr heute Abend als meine Gäste bei mir bleibt. Ihr solltet euch ausgeruht auf die Reise zur Siebten Pagode aufmachen.«

Wir akzeptierten sein freundliches Angebot und verbrachten noch eine weitere Stunde am Tisch, aßen uns an den Köstlichkeiten satt und stellten unzählige Fragen. Yínbáilóng erinnerte mich an Mr. Kadam. Er wusste fast alles, und ich hätte seinen spannenden Ausführungen stundenlang lauschen können. Dann schlug er Ren und Kishan eine Partie Billard vor. Ich hockte mich auf einen Sessel und beobachtete sie beim Spielen. Der Drache war sehr gut. Er erklärte die Spielregeln und kommentierte sie gelegentlich, gab Tipps, zeigte Tricks und behauptete, das Spiel erfunden zu haben. Kurz darauf begann ich zu gähnen.

Der Drache bot mir an, mich auf mein Zimmer zu begleiten, aber ich hielt noch eine weitere halbe Stunde aus. Dann bestand er jedoch darauf, dass ich mich schlafen legte, und erklärte, dass ich auch allein gehen könne, da ich nur die Hand auf die Wand pressen müsse, und die kleinen Tierchen aufleuchten und mir den Weg weisen würden. Ich nickte, und beide, Ren und Kishan, legten ihre Billardqueues weg, um mir zu folgen. Der Drache hob amüsiert eine Augenbraue und wartete auf meine Reaktion. Ich legte Kishan die Hand auf den Arm und stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. »Macht es dir etwas aus, wenn Ren mich begleitet? Ich muss mit ihm reden.«

Kishan wünschte mir eine gute Nacht, küsste mich zärtlich und wandte sich widerstrebend dem Billardtisch zu. Ren schob die Hände in die Taschen und betrachtete argwöhnisch meinen Gesichtsausdruck.

»Nach dir.«

Ich seufzte, legte die Hand auf die Eiswand und sagte: »Zu einem Gästezimmer, bitte.«

Winzige grüne Geschöpfe schossen unter dem Eis zu meiner Hand und begannen, den Korridor hinabzuwuseln. Ich verschränkte die Hände auf dem Rücken und folgte ihnen. Schweigend trottete Ren hinter mir her.

Nachdem wir mehrere Hallen vom Billardzimmer entfernt waren, fragte er: »Nun? Worüber willst du mit mir reden?«

Ich biss mir auf die Lippe. »Erinnerst du dich noch, als du in die USA gekommen bist und ich mit Li ausgegangen bin?«

»Und Jason und Artie

»Genau. Nun, damals wolltest du, dass ich mich mit euch beiden treffe und dann eine Entscheidung fälle.«

»Ja.«

»Du hast auch gesagt, falls ich Li wählen sollte, würdest du meine Entscheidung unterstützen. Dass das einzig Wichtige für dich wäre, in meiner Nähe zu sein. Dass du auch mit Freundschaft zufrieden wärst, wenn ich dir nicht mehr bieten könnte.«

»Ja. Worauf willst hinaus, Kelsey?«

»Einen Augenblick. Hab etwas Geduld.«

Wir erreichten meine Suite, und ich öffnete die Tür. Ein blaues Feuer prasselte in der Ecke, und ein riesiges Bett mit einem Rahmen aus Eis nahm den größten Teil des Raums ein. Der Boden sah aus, als wäre er mit Eisspänen bedeckt. Ich bückte mich, um ihn zu berühren, und es fühlte sich wie ein Flokatiteppich an. Ich schlüpfte aus meinen Pantoffeln und wackelte mit den Zehen. Winzige Tierchen unter dem Eis stürzten herbei und massierten meine Füße. Probeweise hob ich einen Fuß, und sie verschwanden. Als ich ihn wieder abstellte, führten sie ihre Massage fort.

Ungeduldig lehnte sich Ren gegen den Türpfosten. »Was willst du mir sagen, Kells?«

Ich drehte mich zu ihm um, senkte jedoch den Kopf aus Angst vor seinem eindringlichen Blick. »Ich versuche dir zu erklären, dass ich damals wusste, dass wir zusammengehören, und deshalb dich gewählt habe.«

»Ja, ich weiß«, stimmte er sanft zu.

»Aber du hattest versprochen, wenn ich mich für Li entschieden hätte, wärst du dennoch für mich da gewesen. Dass du immer mein Freund geblieben wärst. Ist das wahr? Selbst wenn ich einen anderen wähle?«

»Das weißt du doch.« Er kam einen Schritt näher und nahm meine Hand. »Ich würde dich niemals verlassen.«

Ich holte tief Luft. »Das ist gut, denn mir würde ein Leben ohne dich nicht sonderlich gefallen. Du weißt, dass auch ich immer deine Freundin sein werde, nicht wahr? Dass ich dich nie im Stich lassen würde?«

Verwundert legte Ren den Kopf schief und betrachtete mein Gesicht. Er zögerte einen Moment, bevor er mir eine Antwort gab. »Ja. Ich weiß, dass ich auf deine Freundschaft zählen kann.«

»Und das Wichtigste ist doch, dass wir eine Familie sind.«

»Ja.«

»Na schön. Dann muss ich dir etwas sagen, und du musst mir glauben, dass ich mir die Sache gründlich überlegt habe. Sei bitte aufgeschlossen und lass mich ausreden.«

Ren verschränkte die Arme vor der Brust. »Natürlich. Schieß los.«

»Als Erstes muss ich etwas wissen. Als du und Kishan mir vor Jınsèlóng eure Gefühle offenbart habt, hast du da alles so gemeint, wie du es gesagt hast?«

»Ja. Jedes einzelne Wort.«

Ich stieß den Atem aus. »Das habe ich befürchtet«, murmelte ich.

»Warum sagst du das?«

»Okay, na dann. Du bist meine erste, große Liebe. Du bist wichtiger für mich als Wasser oder Luft. Dank Lüsèlóng weißt du das längst, aber ich kann es dir jetzt zumindest von Angesicht zu Angesicht sagen. Ich wünschte, ich hätte dir den Schmerz und die Folter ersparen können, die du ertragen musstest. Ich wünschte, Lokesh hätte uns nie gefunden, und wir wären immer noch an der Uni. Damals war alles einfach.«

Ren hob eine Augenbraue.

»Nun, zumindest leichter. Ich wünschte, wir wären nie getrennt worden und dass du mit mir in Shangri-La gewesen wärst.«

Er drückte die Handfläche auf meine Wange und streichelte sie sanft mit dem Daumen. »Du weißt, dass auch ich mir all diese Dinge wünsche.«

»Ja, das weiß ich. Aber es ändert nichts an den Tatsachen. Ich habe mir lange den Kopf zermartert. Wirklich, die ganze Zeit über, seit du mich vergessen hast.« Ich blickte weg und rang die Hände. Stammelnd fuhr ich fort: »Das hier ist nicht einfach für mich, und das sage ich nicht leichtfertig. Aber nach reiflicher Überlegung macht meine Entscheidung am meisten Sinn.«

»Spuck’s endlich aus, Kells. Was willst du mir eigentlich sagen?«

Ich holte tief Atem und sah ihm fest in die Augen. »Du hast mit allen Mitteln versucht, mir zu entlocken, wie sehr ich immer noch in dich verliebt bin. Du hattest recht. Das bin ich. Ich liebe dich von ganzem Herzen, und ich weiß nicht, ob sich meine Gefühle für dich jemals ändern werden, aber …«

»Aber was?« Sein Gesicht wurde einen Hauch dunkler. Ich blinzelte, glaubte zuerst, ich hätte es mir nur eingebildet.

»Aber … diesmal kann ich mich nicht für dich entscheiden. Ich wähle … Kishan

Seine Hand glitt von meiner Wange, und er wich einen Schritt zurück. Ungläubig blickte er zu mir, und dann nahm sein Gesicht einen wütenden Ausdruck an. Der Zorn ging in Zweifel über, und schließlich stahl sich eine gelassene Kühle auf seine Züge. Eine lange Minute sagte Ren nichts.

Ich vermochte nicht zu sagen, was er dachte, und besorgt streckte ich die Hand aus und berührte seinen Unterarm. »Ich will, dass du mich verstehst. Es bedeutet nicht, dass ich dich nicht brauche. Ich werde dich immer …«

Ren richtete sich zu seiner vollen Größe auf und nickte höflich, wobei mich die Situation an den Tag vor langer Zeit im Dschungel erinnerte, als ich ihn schroff zurückwies, nachdem er mich um Erlaubnis für einen Kuss gefragt hatte. Mit angespannter Stimme sagte er: »Natürlich. Ich verstehe.« Mit diesen Worten schob er sich durch die offene Tür und verschwand.

Ich hastete zur Tür. »Aber Ren …«

Er drehte leicht den Kopf, sodass ich sein Profil sah. Als würde es ihn schmerzen, mich anzublicken, senkte er die Augen und sagte leise: »Der weiße Tiger wird immer dein Beschützer sein, Kelsey. Auf Wiedersehen, Priyatama