15

Der Stern des
roten Drache
n

Wir bewegen uns? Wie ist das möglich?«

»Ich bin nicht sicher.« Hastig überprüfte Mr. Kadam die Schiffsinstrumente. »Alles ist ausgeschaltet. Eigentlich müssten wir vor Anker liegen.«

Ich nahm den Kimono und wendete ihn. »Mr. Kadam. Sehen Sie sich das an.«

Ein winziges gesticktes Boot war auf der Vorderseite des Kimonos aufgetaucht und kroch, noch während wir zusahen, einen Stich weiter, hielt direkt auf den roten Punkt zu.

Mr. Kadam wirbelte herum. »Kishan? Wärst du so freundlich, aufs Dach der Brücke zu klettern und dich umzusehen? Dir unsere Richtung und die Lage der Stadt zu merken?«

Einen Moment später kehrte Kishan zurück. Auf seinem Gesicht lag ein ungläubiger Zug. »Ausgehend vom Stand der Sonne fahren wir nach Osten, aber da ist keine Stadt. Keine Küste. Meilenweit nichts als Wasser.«

Mr. Kadam nickte, als hätte er das erwartet. »Orte Ren und Nilima und bitte sie, zum Ruderhaus zu kommen.«

Kishan suchte Augenkontakt mit mir und lächelte kurz, bevor er sich umdrehte und verschwand.

Mr. Kadam wandte sich den Instrumenten zu, dann runzelte er die Stirn.

»Was ist los?«, wollte ich wissen.

»Alles ist heruntergefahren. Eigentlich dürften wir uns nicht bewegen. Die Motoren sind ausgeschaltet. Der Anzeige hier zufolge ist der Anker nicht gelichtet. Nichts funktioniert – Satellit, Radio, alles aus.«

Als Kishan mit den anderen zurückkehrte, begannen Nilima und Mr. Kadam, unsere Reiseroute, so gut es ging, auf einer großen Landkarte nachzuverfolgen. Mr. Kadam schickte Ren und Kishan los, damit sie nach dem Anker sahen, und bat mich, den Kompass im Auge zu behalten, doch der drehte sich einfach wild im Kreis. Ein paar Sekunden zeigte er nach Osten, dann schwenkte er nach Süden, dann nach Westen und schließlich zurück nach Osten. Später ließ mich Mr. Kadam stattdessen den Horizont absuchen. Wir konnten das Schiff nicht manövrieren, aber ich sollte nach möglichen Hindernissen Ausschau halten, während er und Nilima herauszufinden versuchten, was zu tun war.

Ren und Kishan kamen zurück und berichteten, dass der Anker tatsächlich in unserem Kielwasser trieb wie ein Floß, das hinter unserem Schiff hertrudelte. Sie hatten ihn mit der Hand aufkurbeln müssen. Wir testeten unsere Handys, bekamen aber kein Signal. Alle fünf verbrachten wir den Nachmittag im Steuerhaus, redeten nur, wenn unbedingt nötig. Ohne es laut auszusprechen, wussten wir, dass wir eine andere Welt betreten hatten – eine Welt, in der die Gesetze und Regeln der Natur aufgehoben waren. Eine Welt, in der Drachen die Meere beherrschten, und alles, was wir zu unserem Schutz zur Verfügung hatten, waren unsere Waffen und Mr. Kadams Recherche.

Die Veränderung in der Luft war augenblicklich zu spüren. Die schwüle Hitze des indischen Sommers war wie weggeblasen, das Wetter war jetzt drückend, feucht und kalt, erinnerte mich an die Küste von Oregon. Kishan legte für alle Fälle unsere Tauchausrüstung zurecht. Die Temperatur war von dreißig auf fünfzehn Grad zurückgegangen. Ren holte unsere Waffen und für mich einen Pullover sowie Fanindra. Ich zog den Pulli nicht an, dankte ihm jedoch und streifte Fanindra übers Handgelenk.

Es war an der Zeit, sich fertig zu machen. Ren half mir, den Bogen samt Köcher und den goldenen Pfeilen mithilfe eines Stoffriemens, den das Göttliche Tuch hergestellt hatte, an meinem Rücken festzubinden. Dann ließ er mich den Bogen ein paarmal herausziehen. Er bat das Göttliche Tuch, auf die Größe eines Haarbands zu schrumpfen, und nach einem süffisanten Blick auf meine neue Frisur knotete er es mir fest ums Handgelenk. Die Goldene Frucht wurde in einer Tasche verstaut und zusammen mit den Pfeilen in den Köcher geschoben.

Ren hatte sich mit dem Göttlichen Tuch einen Gürtel gefertigt, in dessen Halterung er die Gada und den Dreizack steckte. Als Kishan zurückkehrte, reichte ihm Ren einen ähnlichen Gürtel mit einer Schlaufe für die Chakram. Kishan legte sich die Kamandal-Muschel um den Hals, und wir standen eine Weile schweigend vor dem großen Panoramafenster – ich zwischen meinen beiden Kriegern. Wir waren kampfbereit.

Mr. Kadam und Nilima riefen uns zum Kimono und erklärten, dass sie aufgegeben hatten, unseren Standort ermitteln zu wollen. Ren, Kishan und ich nickten einvernehmlich. Wir drei wussten, sobald die Jagd begann, gab es keine Landkarten, keinen rationalen Weg, den wir hätten einschlagen können. Wir waren dem Glück und dem Schicksal hilflos ausgeliefert, damit sie uns zu dem Ort führten, an den wir gelangen mussten.

Der Nachmittag ging rasch in den Abend über. Wir waren jetzt auf halbem Weg zu dem roten Punkt, und aufgrund der Geschwindigkeit, mit der wir uns über den Kimono bewegten, vermutete Mr. Kadam, dass wir gegen Mitternacht ankommen würden. Wir hatten kein gutes Gefühl dabei, unter Deck zu gehen, weshalb wir drei – Kishan, Ren und ich – auf das Dach der Brücke kletterten. Ich benutzte das Tuch, um Kissen herbeizuzaubern. Trotz meiner angespannten Nerven, der Unannehmlichkeit von Fanindra an meinem Arm sowie dem Bogen und den Pfeilen an meinem Rücken schlief ich an Kishans Brust ein.

Mehrere Stunden später schüttelte mich Kishan sanft wach. Verschlafen schlug ich die Augen auf. Im Schlaf war ich an seiner Jeans heruntergerutscht und hatte seinen Oberschenkel als Kissen benutzt.

Stöhnend rieb ich mir den schmerzenden Hals. »Was ist los?«

Kishans warme Hände begannen, meine verkrampften Muskeln zu kneten. »Nichts. Mein Bein ist nur gerade eingeschlafen.«

Ich blickte auf und sah den Umriss von Ren, der so weit wie möglich von uns entfernt stand. Er beobachtete den Horizont, wachsam und ruhig. »Ren? Willst du Pause machen? Kishan oder ich können die Wache übernehmen.«

»Mir geht’s gut. Du solltest jetzt lieber schlafen, Kells.«

Sobald er sich wieder abgewandt hatte, sah ich ihn verwirrt an. »Hm. Seid ihr zwei jetzt schon über zwölf Stunden in Menschengestalt?«

Ren nickte kurz und Kishan sagte: »Bei mir sind es vierzehn. Anscheinend befinden wir uns in der Wir-müssen-kein-Tiger-mehr-sein-Zone.«

Ich setzte mich auf. »Ich bin hungrig. Wie spät ist es?«

»Etwa Viertel vor zwölf«, entgegnete Ren. »Ich könnte auch einen Happen vertragen.«

Kishan stand auf und streckte sich. »Ich übernehme die nächste Wache. Du leistest Kelsey beim Essen Gesellschaft.«

Ren zögerte, gab dann jedoch seinen Platz frei und setzte sich gute zwei Meter von mir entfernt hin.

»Was hättest du gerne?«, fragte ich ihn freundlich.

Er zuckte mit den Schultern. »Spielt keine Rolle. Du entscheidest.«

Ich wünschte mir süßes Popcorn und eiskaltes Rootbeer herbei. Dann reichte ich Ren eine riesige Schüssel und brachte Kishan eine. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und wandte sich ab, um den dunklen Horizont abzusuchen.

Nachdem ich es mir wieder bequem gemacht hatte und mich genüsslich über den warmen, karamellisierten Snack in meiner eigenen Schüssel hermachte, blickte ich zu Ren, der sein Popcorn unverwandt anstarrte. »Stimmt etwas nicht?«, fragte ich.

»Nein. Es ist gut. Es schmeckt nur … anders.«

»Was meinst du? Du hast doch schon früher Popcorn gegessen.«

»Das hier ist süß.«

»O ja. Aber das hast du damals in Oregon die ganze Zeit über gegessen.«

Er nahm einen Puffmais und besah ihn sich genau. »Ein blaues Kleid«, murmelte er leise in sich hinein. »Ich habe die Schüssel fallen gelassen.«

»Was hast du gesagt?«, fragte ich.

»Hm?« Er blickte scharf auf. »Oh. Nichts. Ist schon gut.«

Wir aßen schweigend. Ich leerte meine Flasche Rootbeer und sah hinauf zum Himmel. »Sieh nur.« Ich zeigte zu den Sternen. »Sie leuchten so hell!«

Ren schob seine leere Schüssel und das Rootbeer weg und legte sich mit hinter dem Kopf verschränkten Händen auf die Kissen. »Du hast recht. Sie sind ungewöhnlich hell. Siehst du das Sternbild dort oben?«

»Das hier rechts?«

»Nein.«

Er rutschte näher, sodass sein Kopf neben meinem lag, und nahm sanft mein Handgelenk. Dann bewegte er meinen Arm, bis mein Finger direkt auf einen grell leuchtenden Stern zeigte. Mein Herz pochte schneller, mein Gesicht glühte. Ein Hauch von Sandelholz und der herbe Geruch des Meeres gingen von seinem Haar aus und kitzelten meine Nase. Er zeichnete mit meinem Arm den Weg von einem Stern zum nächsten nach. »Erkennst du es jetzt?«

Erstaunt sog ich die Luft ein. »Ja. Es sieht aus wie eine Schlange.«

Er nickte und ließ mein Handgelenk los, bevor er wieder wegrückte und den Kopf auf seine Arme stützte. »Es heißt Draco. Das lateinische Wort für Drache.«

»Das ergibt Sinn.«

»Laut den Griechen bewacht er die goldenen Äpfel der Hera. Andere sagen, es handelt sich um die Schlange, die Eva in Versuchung geführt hat.«

»Huch. Wie interessant. Was hältst du von … Ren! Hast du das gesehen?«

»Was gesehen?«

»Da! Das Draco-Sternbild. Irgendetwas bewegt sich.«

Er spähte zum Nachthimmel, doch einen Moment lang rührte es sich nicht. Ich wollte gerade eingestehen, dass wohl meine Fantasie mit mir durchgegangen war, da bemerkte ich, wie mehrere Sterne blinkten. Sie begannen zu schweben und sich zu krümmen, waren deformiert und blähten sich auf.

Ren erhob sich. »Ich sehe es auch. Kishan? Beschütz Kelsey. Ich bin gleich zurück.« Im nächsten Moment sprang er vom Rand des Dachs, während ich dem Göttlichen Tuch befahl, die Kissen wegzuräumen, und der Goldenen Frucht, die Schüsseln und Flaschen zu entsorgen. Kishan und ich stellten uns in der Kampfstellung auf, die er mir beigebracht hatte. Ich war bereit, wenn nötig meinen Blitz einzusetzen. Kishan zog die Chakram.

Ein wellenförmiger schwarzer Umriss kam auf uns zu. Er verzerrte die Nacht, als wäre der Himmel die Unterseite einer Decke, und etwas Großes rollte darüber. Die Sterne beulten sich aus und zitterten, während die Gestalt an ihnen vorbeischoss.

Ich spürte eine Hand an meinem Arm. Ren hatte sich mit dem Dreizack auf der anderen Seite von mir in Position gebracht. Wir drehten uns, während der Umriss über uns kreiste, ließen ihn nicht aus den Augen. Auf einmal schien sich der Himmel aufzublähen und zu reißen, und ein dunkler Schatten zwängte sich durch den Spalt.

Ein Kopf erschien, gefolgt von einem langen, gewundenen Körper, der sich in der Luft wie ein Papierdrache drehte und zwirbelte. Dann zog er langsame, geruhsame Kreise, tauchte immer tiefer und tiefer, bis wir genau erkannten, worum es sich handelte – einen echten Drachen. Aber das war nicht die Art Drache, die ich aus Filmen kannte. Er ähnelte einer Schlange, hatte keine Flügel, sondern glitt durch die Luft wie eine Klapperschlange über den Sand. Das war definitiv nicht der Drache des heiligen Georg.

Feuchte Luftwirbel peitschten gegen uns, und eine tiefe Stille breitete sich aus, als wären unsere Ohren mit Watte verstopft. Das Meer hatte sich beruhigt. Auf seiner dunklen Oberfläche spiegelte sich das Licht der Sterne, sodass es aussah, als stünden wir mitten im Weltall. Der Drache näherte sich. Sein Bauch war schwarz, doch seine Oberseite bedeckten zinnoberrote Schlieren, und er schien von innen heraus mit einem roten Licht zu glühen, das schwach vom schwarzen Wasser reflektiert wurde.

Sein Kopf hatte die Größe eines VW-Käfer. Lange, schwarz-rote Ranken hingen von seinen bärtigen schwarzen Wangen. Während er am Himmel flog, scharrten seine vier vergleichsweise kurzen, mit Krallen bewehrten Beine durch die Luft. Der Körper bewegte sich auf uns zu, und die Luftwirbel, die er vor sich herschob, krachten wie Wellen gegen das Schiff. Der Drache zog einen weiteren Kreis um die Jacht. Diesmal war er nah genug, dass sich sein gesamter Körper um das Schiff legte. Schimmernde Schuppen in der Größe von Esstellern bedeckten seinen Körper und funkelten im Licht der Sterne. Sein Kopf schoss herbei. Wir standen dem roten Drachen, dessen Kopf auf und ab wippte, genau gegenüber.

Riesige Nasenlöcher bliesen uns kalte Luft entgegen, während ein großes Auge mit langen Wimpern blinzelte und uns anstarrte. Nachdenklich begutachtete uns eine rote Iris mit schwarzer Pupille. Ich trat einen Schritt vor und spähte in das helle Auge. In der Mitte schimmerte es, als wäre ein Stern darin gefangen.

»Komm zurück, Kelsey«, warnte Kishan leise.

Ich wich zurück, als beide, er und Ren, einen Schritt nach vorne machten und ihre Körper leicht zu mir drehten, um mich vor einem eventuellen Angriff zu schützen. Der Drache schüttelte den Kopf, und sein mächtiger schwarzer Bart baumelte hin und her. Sein riesiges Maul öffnete sich, und eine lange rote Zunge rollte heraus, als würde sie die Luft nach Gerüchen abtasten, bevor sie wieder in dem klaffenden Maul mit den großen Zahnreihen verschwand.

Das Boot kippte auf einmal zur einen Seite, dann zur anderen. Kishan und Ren standen ungerührt da und stützten mich, während das Schiff schwankte. Ich drehte mich rasch um und sah, dass der Drache seinen langen Körper um das Oberdeck der Jacht geschlungen hatte. Ren und Kishan ließen den Drachen keine Sekunde aus den Augen. Das Wesen schauderte beinahe anmutig, und seine spitzen, ausgefransten Ohren zuckten in Richtung der Sterne, als würde der Drache einer Botschaft lauschen, die nur er hören konnte.

Sein Mund öffnete sich einen Spalt, fast als würde er lächeln, und eine Stimme hallte in meinem Kopf wider, die wie hauchzarte Glöckchen klingelte. »Menghu, wo jiào Lóngjun

Ich blinzelte und blickte zu Ren, der mir zuflüsterte: »Er hat gesagt: ›Wilde Tiger, mein Name ist Lóngjun, der Drache des Westens.‹«

Kishan trat einen Schritt vor und sagte mehrere Wörter auf Mandarin. Ren übersetzte leise: »Er hat gefragt, ob der Große Drache auch Englisch spricht.«

Ich vernahm erneut die klingelnde Stimme in meinem Kopf, und der Drache ließ den Mund aufschnappen und den Kopf auf und ab wippen, als würde er lachen.

Ja. Ich bin auch dieser Sprache mächtig, wenngleich sie nicht so schön wie meine Muttersprache ist.

Das Auge blinzelte, und fasziniert beobachtete ich die flatternden Wimpern.

Du bist gekommen, um mich um einen Gefallen zu bitten. Nicht wahr?

»Ja«, erklärte ich mit bebender Stimme, »so ist es.«

Äußere deine Bitte, und ich werde dir meinen Preis nennen.

»Wir sind auf der Suche nach Durgas Schwarzer Perlenkette«, sagte Kishan

Ah, dann müsst ihr meinen Brüdern einen Besuch abstatten.

Der Gegenstand, den ihr benötigt, um meine Brüder zu finden, befindet sich in meinem Himmelspalast. Einer von euch wird mich begleiten müssen, um ihn zu holen.

Kishan beeilte sich zu antworten: »Das ist in Ordnung. Ich werde gehen.«

Aber warte, sagte der Drache. Wenn du ihn mitnehmen willst, wirst du ihn eintauschen müssen. Einen Moment, ich denke nach, was das sein könnte. Ah, ja. Einer meiner Sterne leuchtet nicht mehr so hell. Du könntest ihn reparieren.

»Du willst, dass wir einen Stern reparieren? Wie soll das funktionieren?«, erkundigte ich mich.

Das Wie ist eure Sache.

»Okay, aber wie kommen wir dort hinauf?«

Diesmal, als sich der Kopf des Drachen drehte, rollte er seine lange Zunge aus und erschnupperte die Luft um mich.

Bist du mutig, junge Dame?

Da murmelte Ren leise: »Sie ist die mutigste Frau, die ich kenne.«

Ich wandte mich zu ihm um und starrte ihn ungläubig an, doch sein Blick ruhte weiterhin auf dem Drachen. Das mächtige Geschöpf machte ein Geräusch in unseren Köpfen, wahrscheinlich die Entsprechung eines Schnaubens.

Wenn ihr drei den Mut aufbringt, könnt ihr auf meinem Rücken reiten.

Ich nickte und war bereits ein paar Schritte gegangen, bevor Ren und Kishan mich gleichzeitig am Arm packten. »Wir werden gehen, Kelsey«, sagte Kishan. »Du bleibst hier.«

»Ihr wisst, dass ihr mich braucht. Diesmal seid ihr beide bei mir. Mir wird nichts geschehen.«

Ich näherte mich dem Auge des Drachen und verneigte mich respektvoll. »Lóngjun, darf ich auf deinen Rücken klettern?«

Der Drache öffnete den Mund, und ein zart tönendes Gelächter hallte in meinem Kopf. So höflich. Ja, meine Liebe. Du und deine Tiger, ihr dürft auf meinen Rücken klettern. Aber ich warne euch vor. Falls ihr abstürzt, werde ich euch nicht auffangen. Vergewissert euch, dass ihr sicher sitzt. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch an den Stacheln an meinem Kopf festhalten.

Als der rote Drache den Kopf senkte, trat ich vor und berührte einen rötlich-schwarzen Dorn, der sich unter den rauen Haarranken versteckt hatte, die dem Drachen von den Wangen und dem Kopf herabhingen. Der Stachel glich eher einem Horn. Es gab zwei – beide ragten aus seinem Hinterkopf heraus. Sie waren weich, an den Spitzen abgerundet und von einem samtartigen schwarzen Flaum bedeckt, der mich an die Geweihstange eines Rehkitzes erinnerte.

Ren kletterte auf den Rücken des Drachen. Kishan setzte sich hinter ihn, ließ mir jedoch genügend Platz, damit ich mich zwischen ihnen hinaufziehen konnte.

Ren untersuchte die Hörner, bis er eine gute Stelle gefunden hatte, an der er sich festhalten konnte. Mit einem plötzlichen Ruck hievte der Drache seinen Kopf und den Körper vom Schiff. Innerhalb weniger Sekunden schossen wir mehrere Hundert Meter in die Höhe und fielen ebenso schnell zum Meer zurück. Ich umklammerte, so fest ich nur konnte, Rens Hüfte und drückte meine Wange an seinen Rücken, doch ich wurde dennoch in die Luft gehoben, als wir in die Tiefe fielen.

Während unseres Sturzes hatte ich eine Eingebung und bat das Göttliche Tuch, unsere Körper an den Drachen zu binden. Über das Kreischen des Windes hinweg konnte ich das Flüstern des Garns nicht hören, aber ich spürte, wie der Stoff sich um meine Taille legte und in meine Oberschenkel schnitt, während er mich an den Drachen schnallte. Und das in letzter Sekunde, denn der Drache wirbelte mit halsbrecherischem Tempo durch die Luft.

Mein Magen drehte sich, als wir in schwindelerregende Höhen stiegen, dann einen Überschlag machten und eine Weile mit dem Kopf nach unten hingen, bevor sich der Drache im freien Fall nach unten schraubte. Es war die furchterregendste Achterbahnfahrt der Welt, und das Einzige, was mich vor dem sicheren Tod bewahrte, waren die starken Hände der beiden Männer, die mich hielten, und das Seil des Göttlichen Tuchs.

Die Luft wurde kälter, je höher wir kamen, und schon bald vermochte ich nicht mehr zu sagen, wo wir waren. Mein Atem vereiste und hing in der Luft. Dankbar für die Wärme meiner beiden Tiger, kuschelte ich mich enger an Rens Rücken. Umgeben von funkelnden Sternen ritten wir auf den Winden des Universums.

Während wir weiter in die Höhe stiegen, ließen die magenumdrehenden Manöver des Drachen nach, und er schlängelte sich gemächlich durch die Luft. Er musste wie eine riesige Anakonda aussehen, die sich gemütlich durch einen schwarzen Fluss wand. Ich begann zu zittern, und meine Atmung wurde flacher. Kishan rutschte näher und schmiegte seine warme Wange gegen meine. Da wir nun langsamer flogen, hielt er sich nicht mehr fest und rieb mit seinen Händen über meine nackten Arme.

»Ich wünschte, ich hätte meinen Pullover mitgenommen.«

Ein klirrendes Lachen kräuselte sich durch meinen Verstand.

Die Sterne sind hell, aber kalt. Solange ich bei euch bin, werdet ihr nicht erfrieren. Seht nur! Das ist mein Palast, verkündete der Drache voll Stolz.

Ich blickte auf und sah, dass der rote Drache auf einen hellen Sternenhaufen zuflog. Er preschte los, und Kishan lehnte sich wieder nach vorne, packte Rens Hüfte und keilte mich zwischen ihnen ein. Der Kopf des Drachen schob sich vor, und ich wurde gegen Kishans Brust gedrückt, als der Drache fast senkrecht in die Lüfte schoss. Die Seile des Göttlichen Tuchs gruben sich in unser Fleisch, drohten zu reißen. Rens Arme zitterten, während er das Gewicht von uns dreien hielt, und ich spürte, wie Kishan die Beine zusammenpresste, um sich mit den Oberschenkeln am Drachen festzuklammern. Ich konnte nichts tun, als an Kishans Brust zu liegen und zu hoffen, dass die beiden genügend Kraft hatten und wir nicht fallen würden.

Schließlich beendete der Drache seinen Steilflug, und Ren lehnte sich schwer atmend nach vorne. Wahrscheinlich hatte ihm zu alledem noch meine Nähe Übelkeit bereitet. Er warf mir rasch einen Blick über die Schulter zu. Sein Gesicht war aschfahl und angespannt. Seine Arme, feucht vor Schweiß, wurden von einem Zucken erfasst.

Mich überkam ein Gefühl der Schwerelosigkeit. So muss es im All sein, dachte ich. Mein Haar stellte sich auf, und meine Arme waren so leicht, als würde der Auftrieb des Wassers meinen Körper schweben lassen. Ich spürte jede Bewegung des Drachen, spürte die geschmeidigen Muskeln unter uns. Allein sein Schwanz schien ihn nun vorwärtszutreiben. Er peitschte vor und zurück wie ein Hai und rollte den Rest seines Körpers von einer Seite zur anderen.

Der Sternhaufen war nun viel näher und heller, heller als alles, was ich je zuvor gesehen hatte. Er strahlte Energie aus und pulsierte. Während wir uns näherten, stand mein Mund vor Ehrfurcht offen. Der Palast des Drachen glich einem diamantenen Schloss, das am Himmel hing. Er schimmerte und glänzte, und das grelle Licht wurde von jeder einzelnen der geschliffenen Oberflächen zurückgeworfen. Als sich der Drache näherte, öffnete sich eine Tür zu einem Saal, der groß genug für mehrere Flugzeuge war. Der Drache glitt über den durchsichtigen Diamantfußboden, machte eine Kehrtwende, damit sein Körper im Ganzen hineinpasste, und blieb dann stehen.

Auf Kishans geflüsterte Bitte hin löste das Göttliche Tuch unsere Seile, und er sprang vom Rücken des Geschöpfes. Ich rutschte in Kishans Arme, der sich anschließend zu Ren umdrehte, der taumelnd vom Drachen glitt, sich vornüberbeugte und Halt suchend Kishans Arm packte. Ich wich mehrere Schritte zur Seite, und nach einem kurzen Moment nickte Ren seinem Bruder zu und richtete sich auf.

Der Drache bebte, und sein Körper begann sich zu krümmen. Im nächsten Augenblick schrumpfte er, seine lange Gestalt zog sich zusammen und wand sich. Dann, mit einem plötzlichen Knall, verschwand er, und ein Mann stand an seiner statt da. Er war schwarz und wunderschön, mit roten Augen und roten Gewändern. Seine weißen Zähne zeichneten sich hell leuchtend gegen seine dunkle Haut ab. Er verneigte sich.

»Willkommen in meinem Himmelspalast. Kann ich euer Interesse vielleicht für ein Spiel wecken? Erfrischungen?«

Kishan schüttelte den Kopf. »Wir hätten gerne das, weshalb wir gekommen sind.«

»Ah, ja. Vergebt mir. Es ist schon zu lange her, dass ich Besucher hatte.« Der Drachenmann zeigte uns sein Lächeln. »Kommt. Ich bringe euch zu dem Gegenstand, den ihr sucht.«

Er führte uns durch seinen Diamantpalast. Alles funkelte und glitzerte, und unsere Spiegelbilder wurden tausendfach zurückgeworfen. Es fühlte sich an, als befänden wir uns in einem Spiegelkabinett. Kurz darauf kamen wir zu einem Podest, auf dem ein diamantener Gegenstand lag. Ich blinzelte ins Licht, konnte nicht erkennen, worum es sich handelte.

Kishan hob ihn prüfend hoch und sagte: »Ein Sextant.«

»Ja, ein Sextant«, sagte der rote Drache. »Er wird euch den Weg zu meinem Bruder weisen. Und nun zum vereinbarten Preis.«

Er brachte uns zu einer Tür, die auf einen Balkon führte – dahinter lag das unendliche All. Er zeigte auf zwei Sterne. Einer leuchtete trüb, der andere hell. »Ihr habt zugestimmt, meinen Stern in Ordnung zu bringen.«

Wir vier starrten eine Weile wie gebannt zu den Sternen, dann ging der Drache wieder hinein, während wir die Köpfe zusammensteckten und leise besprachen, wie wir den Stern reparieren könnten. Ich versuchte es mit meinem Blitz, doch er verhallte in der Entfernung, ohne den Stern überhaupt zu erreichen. Kishan wollte die Chakram werfen, aber ich befürchtete, sie könnte im Weltraum verloren gehen. Da uns nichts anderes einfiel, eilte Kishan zurück in den Palast, um mit dem Drachen über Alternativen zu sprechen, und kehrte kurz darauf zurück.

»Lóngjun hat sich einverstanden erklärt, stattdessen mit einem von uns eine Partie Schach zu spielen. Wenn wir gewinnen, bekommen wir den Sextanten. Wenn wir verlieren, muss einer von uns hierbleiben.«

»Mich könnt ihr vergessen«, sagte ich. »Ich bin eine Niete im Schach.«

Ren und Kishan starrten einander eine Sekunde an, dann sagte Ren: »Du bist der bessere Schachspieler. Bei dir gewinnt Kadam zumindest nicht jedes einzelne Mal.«

Kishan nickte und verschwand durch die Balkontür. Ren und ich folgten ihm und sahen dem Spiel zu. Der Drache nahm die schwarzen Diamantfiguren, während Kishan die durchsichtigen weißen nahm. Kishan begann. Nach mehreren Zügen beschlich mich die Sorge, Kishan könnte verlieren. Der Drache lehnte sich gerade mit einem Lächeln zurück und wartete geduldig auf Kishans nächsten Zug. Ich geriet in Panik und stieß Ren den Ellbogen in die Seite.

Er folgte mir auf den Balkon, und ich erklärte ihm, dass ich einen letzten Versuch wagen wollte. Dann bat ich ihn um den Dreizack. Er reichte ihn mir, und ich benutzte das Göttliche Tuch, um Hunderte Meter steifes Seil herzustellen, das ich an den Balkon knotete. Außerdem befahl ich dem Tuch, das andere Ende fest um den Dreizack zu knüpfen.

Als Nächstes reichte ich Ren den Dreizack.

Verwirrt sah er mich an. »Was soll ich damit tun?«

»Ich will, dass du den Dreizack auf den Stern schleuderst und ihn zu uns ziehst.«

»Glaubst du, dass er so weit fliegen kann?«

»Das Tuch kann im Fliegen das Seil weiterknüpfen, und wenn wir nicht treffen, können wir ihn immer noch zurückziehen. Ich würde es selbst versuchen, aber du bist stärker.«

Ren nickte und trat vor. Er zielte bedächtig und ließ den Dreizack wie einen riesigen Pfeil durchs Weltall schießen. Schon bald zeichnete sich ab, dass er sein Ziel verfehlen würde.

Ich bat das Göttliche Tuch, den Dreizack und das Seil zurückzuholen, und Ren bereitete sich auf einen zweiten Versuch vor. Wir hörten, wie der Drache im anderen Zimmer freudig »Schach« rief, und wussten, dass wir keine Zeit zu verlieren hatten.

»Ziel diesmal höher. Das Licht vom Stern spiegelt sich im Palast wider. Vielleicht lenkt es dich ab.«

Diesmal klappte es, und als der Dreizack laut zischend ins Weltall schwirrte, schoss er direkt auf sein Ziel zu, bevor er sich mit einem weit entfernten Knall in den Stern bohrte. Nun folgte der schwere Teil. Ich nahm den seidigen Strick, den das Göttliche Tuch gefertigt hatte, und bat es, den Dreizack wieder zurückzuholen, während Ren und ich gleichzeitig zogen. Wir mühten uns eine Minute ab und wurden schließlich für unsere Anstrengungen belohnt, indem wir spürten, dass sich das Seil aufrollte. Wir zerrten weiter, bis der Stern sich vom Firmament löste und in Richtung des Palasts trudelte. Kurz bevor er uns erreichte, stellte sich Ren breitbeinig an die Mauer, um ihn aufzufangen.

Ich wusste, dass alles, was gerade geschah, den Rahmen des physikalisch Möglichen sprengte. Ich beschloss, es wäre besser, keine Erklärung für das finden zu wollen, was gerade passiert war.

Mit einem Ruck riss Ren den Dreizack aus dem Stern und bat das Göttliche Tuch, das Seil verschwinden zu lassen. Dann drehte er sich zu mir um. »Und jetzt?«

Ich hob die Hand an den Stern, während das vertraute Gefühl von heißer, flüssiger Lava in mir zu brennen begann und meinen Arm hinaufpulsierte. Meine Hand glühte, und mein weißes Licht schoss in den Stern. Ich versah es mit all meiner Kraft, und obwohl der Stern kurzzeitig hell aufleuchtete, war er im nächsten Moment schon wieder dunkel.

Ren trat vor. »Was ist los?«

»Keine Ahnung.«

»Versuch es noch mal.«

Ich hielt die Hand hoch, und das weiß glühende Licht barst aus meiner Handfläche und erhellte den Stern. Mehrere Minuten brach ich den Kontakt nicht ab, war aber bald völlig erschöpft. Meine Energie schwand. Ren legte mir die Hand auf den Arm, um mich zu stoppen, und bei dieser kurzen Berührung schoss mit einem Schlag ein goldenes, glühend heißes Licht aus meiner Hand. Der Stern flammte auf. Ich erschrak und sah Ren an.

»Stell dich hinter mich und berühre meine Arme.«

Ren starrte mich einen kurzen Moment an, doch ich senkte den Blick und konzentrierte mich. Ich war mir seiner Nähe fast schmerzlich bewusst, während er langsam hinter mich schritt. Ich hob die Hand, um nochmals zu feuern. Ein weißes Licht wallte auf. Ren schmiegte seine Wange an meine und glitt mit seinen Händen an meinen Armen hinauf. Es brannte. Er verschränkte seine Finger mit meinen, und das Licht wurde golden und dann wieder weiß. Es loderte mit einer Intensität, die zehnmal stärker war als zuvor. Der Stern pulsierte, blähte sich auf, und sein innerer Kern leuchtete golden, bevor er weiß glühend flackerte.

Ich hielt die Flamme mehrere Minuten aufrecht. Ren begann, vor Erschöpfung zu zittern. Seine Finger schlossen sich fester um meine, seine Arme bebten. Ich hatte das Gefühl, als würde ich mit ihm zusammen verbrennen. Meine Arme und Beine vibrierten, und ich musste all meine Kraft aufbieten, um überhaupt aufrecht stehen zu bleiben. Da hörte ich ihn vor Schmerz stöhnen. Die Hitze, die von unseren verschlungenen Händen ausging, war schrecklich und gleißend.

Im nächsten Moment konnte ich nicht mehr stehen. Ich brach an Rens Brust zusammen, und das Feuer erstarb. Mein Blut schoss im Gleichklang mit dem Pulsieren des Sterns durch meinen Körper, pumpte schneller an meinen Armen, wo Rens Haut mich immer noch berührte. Trotz der Schmerzen, die es ihm bereiten musste, hielt er mich sanft und führte mich dann zur Wand. Ein paar Augenblicke ruhten wir uns dort aus.

Dann wich er einen Meter zur Seite, beugte sich vor und hielt sich keuchend den Bauch. Seine Wange und die Innenseite seiner Arme, mit denen er mich berührt hatte, glühten mit demselben goldenen Schimmer wie der Stern. Überrascht blickte ich zu meinen eigenen Armen herab und stellte fest, dass sie in demselben Farbton glühten. Ich hob meinen müden Arm und beobachtete, wie das Glimmen allmählich nachließ und dann völlig verschwand.

Den Kopf gegen die Mauer gestützt, betrachtete ich Ren, auch wenn ich die Augen kaum noch aufhalten konnte. Er kletterte auf die Balkonbrüstung, stellte sich breitbeinig hin und legte die Handinnenflächen auf den pulsierenden Stern. Mit übermenschlicher Kraft drückte er gegen den Stern und schoss ihn zurück ins All. Im nächsten Augenblick war er wieder an seinem früheren Platz am Firmament.

Ren kletterte herunter und brach neben dem Geländer zusammen. Er lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Ich tat es ihm gleich, und wir saßen beide minutenlang ermattet da. Rens Stimme flüsterte meinen Namen.

Ich öffnete die Augen. Ren saß immer noch an derselben Stelle und hatte den Kopf gegen die Brüstung gelehnt, die langen Beine ausgestreckt, die Füße an den Knöcheln übereinandergeschlagen.

Seine Blicke verwoben sich mit meinen, und ich errötete bei der Erinnerung daran, wie seine Finger mit meinen verschränkt gewesen waren. Sein Blick war glühend, sehnsüchtig, sinnlich.

»Geht’s dir gut?«, fragte er.

Meine Kehle war wie zugeschnürt, meine Zunge fühlte sich geschwollen an. Ich strich mir mit der Zunge über die Lippen, um eine Antwort geben zu können, und sah, wie seine Blicke mich durchbohrten. Ich sog scharf die Luft ein und nickte nur.

»Gut.« Er lächelte und schloss genau in dem Moment die Augen, als wir den Drachen Lóngjun ausrufen hörten: »Schachmatt!«

Ein niedergeschlagener Kishan erschien auf dem Balkon, gefolgt von dem freudestrahlenden Drachen. Lóngjun klatschte in die Hände und sagte: »Wohl denn. Wer von euch möchte mir hier zwischen den Sternen Gesellschaft leisten?«

Als Kishan mich erblickte, fiel er augenblicklich vor mir auf die Knie und schob mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ist bei dir alles in Ordnung? Was ist geschehen?«

Ich nickte matt und zeigte auf Ren, der auf dem Boden saß, den Kopf in die Hände gestützt. Kishan redete leise mit seinem Bruder und kehrte dann zu mir zurück. Er ließ sich neben mir nieder und zog mich in seine Arme. Ich schmiegte mich an seine Brust, doch als ich die Lider aufschlug, bohrten sich Rens blaue Augen wieder in meine. Es kam mir vor, als starrte ich in den schimmernden, das Licht reflektierenden, blauen Ozean. An der Oberfläche war das Wasser ruhig, aber ich spürte, könnte ich tiefer hinabblicken, wäre die See aufgewühlt, stürmisch, voller Gedanken und Erinnerungen, auf die mir der Zugriff verwehrt war. Doch ich konnte nicht unter die Oberfläche blicken. Ich konnte den Mann, den ich einst kannte, nicht aus den Tiefen seines Bewusstseins ziehen. Er war vor mir verborgen.

Der Drache lachte. »Keiner von euch will die Entscheidung treffen? Na schön. Dann werde ich sie euch abnehmen.«

Ich blickte auf. »Das musst du nicht. Wir haben deinen Stern repariert.«

»Zenme?«, fragte der Drache ungläubig.

»Sieh selbst.«

Er ging zum Balkon und spähte zum Himmel. »Wie habt ihr das geschafft?«

»Wie du vorhin aufgezeigt hast, bestand unsere Aufgabe darin, das Wie herauszufinden, nicht, es dir zu erklären.«

Der Drache runzelte die Stirn und rieb sich das Kinn. »Trotzdem … das Spiel wurde verloren. Als Gewinner brauche ich eine irgendwie geartete Belohnung.«

Ich stöhnte und erhob mich. Kishan sprang augenblicklich auf, um mir zu helfen. »Wärst du damit zufrieden?«

Ich legte dem Drachen die Hände auf die Schultern und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Seine Haut fühlte sich warm und ledrig an. Überrascht strich er sich mit der Hand über die Wange. »Was war das?«

»Ein Kuss«, sagte Ren, während er sich lautlos neben uns stellte. »Männer haben sich für einen solchen Gunstbeweis duelliert.«

Ich senkte den Blick und spürte, wie Kishan meine Hand nahm und sie drückte. Die Augen des Drachen funkelten. »Ein Kuss. Ja. Ich bin zufriedengestellt. Ihr dürft den Sextanten mitnehmen und von dannen ziehen.«

Er wandte sich zum Gehen, da sagte ich: »Lóngjun? Wäre es möglich, dass du uns zu unserem Boot zurückbringst?«

Der Drachenmann blieb stehen und wägte seine Antwort ab. »Ja. Wenn du mir einen weiteren … Kuss gibst. Aber diesmal in meiner wahren Gestalt.«

Ich nickte, während wir dem Drachen zurück durch seinen Diamantpalast folgten. Kishan nahm den Sextanten an sich, und wir baten das Göttliche Tuch, uns eine Tasche zu fertigen, in der wir ihn transportieren konnten.

Als Kishan ihn sich über die Schulter warf, warnte Lóngjun: »Ihr dürft ihn nur benutzen, solange ihr euch in meinem Reich befindet und nur zu dem Zwecke, meinen Bruder zu finden. Sobald ihr unsere Meere verlasst, wird er zu mir zurückkehren.«

Kishan verneigte sich. »Besten Dank, Großer Drache.«

Der Körper des Drachenmanns erbebte und zerbarst in einer mächtigen Explosion aus schuppenartigem Fleisch. Während Ren auf den Drachen zuschritt, legte ich ihm die Hand auf den Arm, zog sie aber hastig wieder zurück. Er drehte sich zu mir um.

»Wirst du es schaffen?«, fragte ich. »Brauchst du eine längere Pause?«

Er holte tief Luft und ließ den Atem langsam herausströmen. »Mach dir keine Sorgen um mich. Kümmere dich einfach darum, dass die Seile fest sitzen.«

Ich nickte, und Ren und Kishan kletterten auf den Rücken des Drachen, während ich mich seinem rötlich schimmernden Kopf näherte und ihm einen warmen Kuss auf seine schwarzbärtige Wange drückte.

Der Drache schüttelte den mächtigen Kopf, und ein klirrendes Lachen erscholl in meinem Bewusstsein.

Welch ein angenehmes Geschenk. Steig rasch auf, meine Liebe. Die Sterne verblassen.

Kishan zog mich hoch, und im selben Augenblick, als ich dem Göttlichen Tuch befahl, Seile herzustellen und uns damit zu sichern, schoss der rote Drache auch schon über den Boden seines Himmelpalasts und stürzte ins All wie ein glückloser Kieselstein in einen Wasserfall.