34

Alle Köpfe wenden sich, wenn die Jagd vorüberzieht

Hubert Bowles befehligte Spione. Grey war ihm vor Jahren schon einmal begegnet, im Zusammenhang mit einer privaten Angelegenheit, und er hatte gehofft, ihn niemals wiederzusehen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was die kleine Bestie jetzt von ihm wollte, und er hatte auch nicht vor, es herauszufinden.

Dennoch hatten der Besuch der Jungen und die Mahlzeit seine Lebensgeister so weit wiederhergestellt, dass er sich bei Toms Erscheinen – Tom tauchte mit pünktlicher Regelmäßigkeit bei ihm auf, um sich zu vergewissern, dass Grey seit seiner letzten Inspektion nicht gestorben war – von ihm rasieren, abbürsten und sich die Haare flechten ließ. Dann ging er aufs Ganze und stand an Toms Arm geklammert auf.

»Langsam, ganz langsam, Mylord …« Das Zimmer schwankte sacht, doch er stützte sich auf Tom, und im nächsten Moment war das Schwindelgefühl vorüber. Er humpelte langsam durch das Zimmer und klammerte sich an Tom, bis er sich hinreichend sicher war, dass er weder stürzen noch sich die Naht an seinem Bein aufreißen würde – sie spannte ein wenig, doch solange er vorsichtig war, würde sie wohl halten.

»Nun denn. Ich gehe nach unten.«

»Nein, das werdet Ihr – äh … ja, Mylord«, erwiderte Tom kleinlaut, als Grey seine ursprüngliche Antwort mit einem finsteren Blick im Keim erstickte. »Ich, äh, gehe dann einfach voraus, ja?«

»Damit ich auf Euch fallen kann, wenn es sein muss? Das ist wirklich sehr nobel, Tom, aber ich denke nicht. Ihr könnt mir folgen und die Scherben aufsammeln, wenn Ihr möchtet.«

Langsam bahnte er sich seinen Weg die große Treppe hinunter, während Tom hinter ihm Kinderreime vor sich hin murmelte, und dann durch den Flur in die Bibliothek. Unterwegs nickte er Nasonby freundlich zu und erkundigte sich nach seinem verletzten Knöchel.

Fraser saß in der Tat auf einem Armsessel am Fenster, einen Teller Plätzchen und eine Karaffe Sherry an seiner Seite, und las Robinson Crusoe. Beim Klang von Greys Schritten blickte er auf, und seine Augenbrauen fuhren in die Höhe – vielleicht aus Überraschung, ihn schon auf den Beinen zu sehen, vielleicht aber aus nur aus Erstaunen über seinen Morgenrock, der aus grün und violett gestreifter Seide bestand.

»Habt Ihr nicht vor, mir zu sagen, dass ich tot wäre, wenn mir das Schwert zwischen die Rippen gefahren wäre? Das sagt jeder«, merkte Grey an, während er sich vorsichtig in den anderen Armsessel sinken ließ.

Fraser sah nur schwach verwundert aus.

»Ich wusste doch, dass es das nicht getan hatte. Ihr wart ja nicht tot, als ich Euch aufgehoben habe.«

»Ihr habt mich aufgehoben?«

»Ihr hattet mich doch darum gebeten, oder nicht?« Fraser warf ihm einen etwas enervierten Blick zu. »Ihr habt geblutet wie ein angestochenes Schwein, aber es pulsierte nicht, und ich konnte spüren, dass Ihr atmetet und dass Euer Herz schlug, während ich Euch zurück zur Kutsche getragen habe.«

»Oh. Danke.« Verdammt, hätte er nicht noch ein paar Sekunden warten können, bevor er ohnmächtig wurde?

Um sich von seinem sinnlosen Bedauern abzulenken, nahm er sich ein Plätzchen und fragte: »Habt Ihr in letzter Zeit mit meinem Bruder gesprochen?«

»Ja. Vor nicht mehr als einer Stunde.« Er zögerte und steckte den Daumen als Lesezeichen in sein Buch. »Er hat mir Geld angeboten. Als Belohnung für meinen Beistand, wie er das ausgedrückt hat.«

»Wohlverdient«, sagte Grey aufrichtig und hoffte, dass sich Hal dabei nicht zum Narren gemacht hatte.

»Ich habe ihm gesagt, dass es nach Blutgeld stinkt und ich es nicht anrühren würde. Doch er hat mich darauf hingewiesen, dass ich das, was ich getan habe, ja nicht des Geldes wegen getan habe – und das stimmt natürlich. Eigentlich, meinte er, hätte er mich ja sogar dazu gezwungen – was wiederum nicht ganz stimmt, aber mir war nicht danach, ins Detail zu gehen – und dass er mich für die Unannehmlichkeiten zu entlohnen wünschte, die er mir verursacht habe.« Er warf Grey einen ironischen Blick zu. »Ich habe gesagt, diese Argumentation sei eines Jesuiten würdig, doch er meinte, als Papist könnte mir das ja wohl kaum Grund zum Einwand bieten. Außerdem hat er mich darauf hingewiesen«, fuhr Fraser fort, »dass ich ja nicht verpflichtet sei, das Geld für mich zu behalten; es würde ihm ein Vergnügen sein, es einer Person meiner Wahl zukommen zu lassen. Es gebe doch schließlich noch Menschen, die auf mich angewiesen seien, nicht wahr?«

Grey sprach ein stummes Dankgebet. Hal hatte sich nicht zum Narren gemacht.

»Das ist doch auch so«, sagte Grey. »Wem möchtet Ihr denn helfen?«

Fraser kniff die Augen ein wenig zusammen, aber er hatte eindeutig schon darüber nachgedacht.

»Nun, da sind meine Schwester und ihr Mann. Sie haben sechs Kinder – und dann meine Pächter …« Er besann sich, und einen Moment lang wurden seine Lippen schmal. »Familien, die einmal meine Pächter waren«, verbesserte er sich.

»Wie viele denn?«, fragte Grey neugierig.

»Vielleicht vierzig Familien – vielleicht jetzt nicht mehr so viele. Aber dennoch …«

Hal schien nicht geizig gewesen zu sein, dachte Grey.

Grey wollte über etwas anderes sprechen. Er hustete und klingelte nach einem Bediensteten, um etwas zu trinken zu bestellen. In seinem Schlafzimmer standen die Chancen, etwas Stärkeres als Gerstenwasser zu bekommen, gering, und Sherry mochte er nicht besonders.

»Was meinen Bruder betrifft«, sagte er, nachdem er um einen Brandy gebeten hatte, »ich habe mich gefragt, ob er wohl irgendetwas über das Kriegsgericht oder den Stand der … äh … der Militäroperation zu Euch gesagt hat.« Er meinte die Verhaftung der verdächtigen Offiziere der Irischen Brigaden.

Da war das Stirnrunzeln wieder, diesmal voller Sorge.

»Ja«, erwiderte Fraser knapp. »Die Verhandlung ist für Freitag angesetzt. Er hat mich gebeten zu bleiben, für den Fall, dass meine Aussage benötigt wird.«

Grey war erschüttert; er hatte nicht gedacht, dass Hal es zulassen würde, dass Fraser als Zeuge auftrat. Wenn Jamie das tat, würde er für immer gezeichnet sein. Eine Zeugenaussage vor einem allgemeinen Kriegsgericht wurde in ein öffentliches Protokoll aufgenommen. Es würde unmöglich sein, Frasers Rolle bei den Nachforschungen gegen Siverly oder bei der Enthüllung von Twelvetrees’ Verrat geheim zu halten. Selbst wenn es keinen direkten Bezug zur Beendigung der Verschwörung um die Irischen Brigaden gab, so würden die Anhänger der Jakobiten – und diese waren nach wie vor zahlreich, selbst in London – ihre Schlüsse ziehen. Und die Iren waren als rachsüchtiges Völkchen bekannt.

Außerdem empfand er Bestürzung bei dem Gedanken, dass Hal Fraser schon so schnell nach Helwater zurücksenden könnte – obwohl es ja eigentlich keinen Grund mehr gab, ihn in London festzuhalten. Er hatte getan, was Hal von ihm verlangte, wenn auch widerwillig.

War es das, was Hal dachte? Dass man Fraser, falls er als Zeuge auftrat, danach rasch wieder in diese entlegene Gegend zurückschicken könnte, wo er als Alexander MacKenzie sein Leben im Verborgenen erneut aufnehmen konnte, sicher vor der Vergeltung?

»Was die … Militäroperation angeht …« Er verzog flüchtig den Mund. »Wie ich glaube, ist sie zufriedenstellend verlaufen. Natürlich vertraut mir Seine Durchlaucht nicht alles an, doch ich habe gehört, wie Oberst Quarry ihm erzählt hat, dass es gestern mehrere bedeutsame Festnahmen gegeben hat.«

»Ah«, sagte Grey um einen neutralen Tonfall bemüht. Diese Festnahmen mussten Fraser schmerzen, auch wenn er sich zu ihrer Unumgänglichkeit bekannt hatte. »War … äh … war Mr Quinns Name auch darunter?«

»Nein.« Frasers Miene war bestürzt. »Machen sie denn Jagd auf Quinn?«

Grey zuckte kaum merklich mit den Achseln und trank einen Schluck von seinem Brandy, der ihm angenehm in der Kehle brannte.

»Sie kennen seinen Namen und die Rolle, die er gespielt hat«, sagte er ein wenig heiser und räusperte sich. »Und er ist unberechenbar. Wahrscheinlich sind ihm diverse Mitglieder der Wilden Jagd bekannt. Glaubt Ihr nicht, dass er versuchen würde, sie zu warnen, wenn er weiß, dass sie aufgeflogen sind?«

»Das würde er, aye.« Fraser erhob sich plötzlich und trat ans Fenster, um hinauszuschauen. Er stützte sich auf den Fensterrahmen, das Gesicht abgewandt.

»Wisst Ihr, wo er ist?«, fragte Grey leise, und Fraser schüttelte den Kopf.

»Ich würde es Euch zwar nicht sagen, wenn ich es wüsste«, sagte er genauso leise. »Aber ich weiß es nicht.«

»Würdet Ihr ihn warnen, wenn Ihr könntet?«, fragte Grey. Er sollte das nicht fragen, doch seine Neugier war zu groß.

»Ja«, erwiderte Fraser, ohne zu zögern. Jetzt drehte er sich wieder um und blickte ausdruckslos zu Grey hinunter. »Er ist einmal mein Freund gewesen.«

Ich auch, dachte Grey und trank noch etwas Brandy. Bin ich es wieder? Doch selbst die größte Neugier würde ihn nicht dazu bewegen, das zu fragen.