19

Der Mann im Moor

Kloster Inchcleraun stand am Ufer eines kleinen Sees, eine Ansammlung kleiner gemauerter Gebäude rings um eine Kirche. Früher einmal war es von einer Mauer umgeben gewesen und hatte einen hohen, runden Turm gehabt, doch beides war eingestürzt – oder niedergerissen worden –, und die mit Flechten und Moos besprenkelten Steine lagen halb eingesunken auf dem weichen Boden.

Trotz dieser Spuren vergangener Verwüstungen war das Kloster ohne Frage bewohnt und bewirtschaftet. Jamie hatte vom anderen Seeufer aus die Glocke gehört, und jetzt sah er, wie die Mönche aus der Kirche kamen und sich auf ihre Arbeitsstellen verteilten. Hinter den Gebäuden befand sich eine eingezäunte Weide, auf der eine kleine Schafherde graste, und hinter einem steinernen Torbogen sah er die ordentlich aufgereihten Beete eines Gemüsegartens, in dem zwei Laienbrüder Unkraut jäteten und dabei das resignierte Aussehen von Männern hatten, die sich in ihr Sisyphuslos ergeben haben.

Einer von ihnen verwies ihn auf das größte Gebäude, wo ihn ein Sekretär mit einer langen Nase nach seinem Namen und seinem Anliegen fragte und ihn dann in einem Vorzimmer allein ließ. Die Atmosphäre war friedvoll, doch Jamie war es nicht. Abgesehen von den Reibungen zwischen Grey und Quinn – noch ein falsches Wort, und er würde ernstlich versucht sein, sie mit den Köpfen aneinanderzustoßen – hatte er die bevorstehende Konfrontation mit Siverly im Kopf und die geheimnisvollen Warnungen der Herzogin in Bezug auf Twelvetrees … und irgendwo unter diesen dringlicheren Sorgen das beklommene Bewusstsein, dass sich Quinns Druidenkelch wahrscheinlich hier befand und er noch nicht genau wusste, ob er danach fragen sollte oder nicht. Und wenn er hier war, was dann?

Trotz all dieser beunruhigenden Gedanken musste er beim Anblick des Abtes lächeln. Michael FitzGibbons war ein Kobold. Sofort erkannte Jamie Quinns Beschreibung dieses Völkchens wieder.

Der Mann reichte Jamie etwa bis zum Ellbogen, hielt sich jedoch so gerade wie ein abgesägter Pfeil. Ein steifer weißer Bart ragte kampflustig über die Kanten seines Kinns hinaus, und aus seinen grünen Augen leuchtete die Neugier.

Diese Augen hatten sich blitzschnell auf Jamie geheftet und einen herzlichen Ausdruck angenommen, als er sich vorstellte und seinen Onkel erwähnte, um seine Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen.

»Alexanders Neffe!«, rief Abt Michael in gutem Englisch aus. »Aye, ich weiß, wer Ihr seid, Junge. Ich habe vor Jahren viel von Euren Abenteuern gehört – den Euren und denen Eurer englischen Frau.« Er grinste, und in seinem Bart glänzten kleine, weiße ebenmäßige Zähne auf.

»Nach allem, was ich gehört habe, hat sie St. Anne gründlich auf den Kopf gestellt. Ist sie zufällig auch bei Euch? In Irland meine ich?«

Jamie konnte an der plötzlichen Miene des Begreifens und des Entsetzens im Gesicht des Abtes erkennen, wie sein eigenes Gesicht aussehen musste. Er spürte die Hand des Abtes auf seinem Unterarm, erstaunlich kräftig für ihre Größe.

»Nein, Vater«, hörte er sich selbst sagen, ruhig und wie abwesend. »Ich habe sie verloren. Während des Aufstandes.«

Der Abt holte leiderfüllt Luft, schnalzte dreimal mit der Zunge und zog Jamie zu einem Sessel hinüber.

»Möge Gott ihrer Seele Frieden schenken. Kommt, Junge, setzt Euch. Ihr trinkt jetzt einen Schluck Whiskey.«

Dies war keine Einladung, und Jamie widersprach nicht, als ihm ein reichlich gefülltes Glas in die Hand gedrückt wurde. Er hob das Glas mechanisch, um dem Abt zu danken, sagte aber nichts; zu sehr war er damit beschäftigt, in seinem Kopf zu wiederholen, Herr, lass sie gerettet sein! Sie und das Kind!, als fürchtete er, der Abt könnte sie mit seinen Worten tatsächlich in den Himmel geschickt haben.

Der Schock ließ jedoch rasch wieder nach, und schon bald begann die Eiskugel in seinem Bauch im sanften Feuer des Whiskeys zu tauen. Er hatte sich mit Wichtigerem zu befassen und musste seinen Schmerz beiseiteschieben.

Abt Michael sprach über neutrale Dinge: das Wetter (ungewöhnlich gut und ein Segen für die Lämmer), den Zustand des Kapellendachs (so große Löcher, dass es aussah, als sei ein Schwein über das Dach gelaufen, und zwar ein ausgewachsenes Schwein), den Wochentag (ein Glück, dass es Donnerstag war und nicht Freitag, denn es würde Fleisch zum Abendessen geben, und Jamie würde natürlich mit ihnen speisen; Bruder Bertrams spezielle Sauce würde ihm schmecken; sie hatte keinen besonderen Namen und keine besondere Farbe – der Abt hätte sie lila genannt, aber es war allgemein bekannt, dass der Abt farbenblind war und den Sakristan fragen musste, welches Messgewand er an normalen Tagen anziehen sollte, da er Rot und Grün nicht unterscheiden konnte und es den anderen nur glauben konnte, dass es diese Farben gab, doch Bruder Daniel – er war Bruder Daniel doch begegnet, dem Sekretär im Vorzimmer? – versicherte ihm, dass es so war, und ein Mann mit einem solchen Gesicht konnte gewiss nicht lügen, man brauchte sich nur die Größe seiner Nase anzusehen, um das zu wissen), und andere Belanglosigkeiten, auf die Jamie mit einem Kopfnicken, einem Lächeln oder einem Geräusch reagieren konnte. Und während der ganzen Zeit durchforschten die grünen Augen sein Gesicht – gütig, aber durchdringend.

Der Abt erkannte den Moment, in dem Jamie die Fassung wiederfand, und lehnte sich ein wenig zurück, um ihn durch seine Haltung, nicht durch Worte, einzuladen zu sagen, warum er hier war.

»Wenn ich Euch bitten könnte, Euch kurz Zeit zu nehmen, Vater …« Er zog das zusammengefaltete Blatt Papier aus seiner Brusttasche und reichte es hinüber. »Ich weiß, dass Ihr den Ruf besitzt, ein Gelehrter und Historiker zu sein, und ich weiß, dass mein Onkel gesagt hat, Ihr habt eine außergewöhnliche Sammlung von Erzählungen über das Alte Volk. Ich würde gern hören, was Ihr von diesen Versen haltet.«

Abt Michael hatte buschige weiße Augenbrauen, aus denen lange, geringelte Haare hervorlugten, wie es bei alten Männern oft der Fall war. Diese zuckten jetzt neugierig in die Höhe, und er beugte sich aufmerksam über das Blatt, während sein Blick von Zeile zu Zeile huschte wie eine Hummel in einem Blumenbeet.

Jamies Blick hingegen war durch das Zimmer geschweift, während Abt Michael redete. Es war ein interessanter Ort – jeder Ort, an dem gearbeitet wurde, interessierte ihn –, und jetzt erhob er sich mit einer gemurmelten Entschuldigung und ging zu den Bücherregalen hinüber, um den Abt seiner genauen Betrachtung des Gedichtes zu überlassen.

Das Zimmer war so groß wie die Bibliothek des Herzogs von Pardloe und enthielt mindestens so viele Bücher, doch die Atmosphäre erinnerte eher an die kleine, vollgestopfte Höhle, in die sich Pardloe zum Nachdenken zurückzog.

Man konnte an den Büchern erkennen, ob eine Bibliothek nur zum Angeben diente. Bücher, die benutzt wurden, fühlten sich offen und neugierig an, selbst wenn sie in geschlossenem Zustand in Reih und Glied mit ihren Kameraden auf einem Regalbrett standen. Man hatte das Gefühl, dass sich das Buch genauso sehr für den Betrachter interessierte wie dieser sich für das Buch, und dass es bereit war zu helfen, wenn man danach griff.

Die Bücher des Abtes waren noch extrovertierter. Ein Dutzend Bände – mindestens – lagen aufgeschlagen auf dem großen Tisch am Fenster, teilweise übereinander, und Blätter mit gekritzelten Notizen ragten aus dem Haufen und winkten einladend im Luftzug des Fensters.

Jamie wäre gern hinübergegangen, um nachzusehen, was für Bücher es waren, die dort offen lagen, und wäre gerne zu den Regalen gegangen, um sanft mit den Fingerknöcheln über das Leder und Holz und Leinen der Einbände zu fahren, bis ihn ein Buch ansprach und bereitwillig in seine Hand kam.

Es war lange her, dass er ein Buch sein Eigen genannt hatte.

Der Abt hatte das Blatt mehrfach interessiert durchgelesen und dann konzentriert die Stirn gerunzelt, während sich seine Lippen lautlos mit den Worten bewegten. Jetzt lehnte er sich mit einem leisen, explosiven »Hmmpf!« zurück und richtete den Blick auf Jamie.

»Knifflig, knifflig«, sagte er. »Wisst Ihr vielleicht, wer das geschrieben hat?«

»Nein, Vater. Es wurde mir von einem Engländer anvertraut, doch er ist nicht der Verfasser. Man hatte es ihm zugesandt, und er wünschte, dass ich es für ihn übersetze. Was ich getan habe, wenn auch mehr schlecht als recht, fürchte ich, da mir das Irische nicht besonders vertraut ist.«

»Mmm-hmm, mmm-hmm.« Die an ein Kind erinnernden Finger des Abtes tippten sacht auf die Seite, als könnte er die Wahrheit hinter den Worten erfühlen.

»So etwas habe ich noch nie gesehen«, sagte er schließlich und lehnte sich erneut zurück. »Es gibt ja viele Geschichten über die Wilde Jagd – das wisst Ihr vielleicht?«

»Ich kenne ›Tam Lin‹, obwohl es keine Sage der Highlands ist. Ein Mann aus den Lowlands hat sie mir erzählt, als wir gemeinsam im Gefängnis waren.«

»Aye«, sagte der Abt nachdenklich. »Aye, das stimmt; sie stammt aus der Border-Region. Und dieses Blatt hier nimmt keinen Bezug auf die Sage von Tam Lin – außer vielleicht hier, wo von teind die Rede ist. Das Wort kennt Ihr doch, oder?«

Jamie war das Wort kaum aufgefallen, als er den Text übersetzte, doch als er es jetzt gesprochen hörte, spürte er, wie ihm die Haare auf den Schultern zu Berge standen wie bei einem Hund, der etwas wittert.

»Eine Zinsschuld?«, sagte er.

Der Abt nickte und tippte sich hin und wieder mit den Fingern ans Kinn, während er weiter überlegte.

»Eine Zinsschuld gegenüber der Hölle. In einigen Versionen kommt sie vor, in anderen nicht. Aber es geht darum, dass die Feen im Gegenzug für ihr langes Leben der Hölle etwas schulden – und diese Zinsschuld ist alle sieben Jahre einer aus ihrer Mitte.«

Er spitzte die Lippen, die von seinem Bart sauber eingerahmt wurden.

»Aber ich würde schwören, dass dieser Text nicht so alt ist, wie Ihr womöglich glaubt. Ich kann ohne weiteres Nachdenken nicht sagen, was genau dieser Text an sich hat«, er fuhr sanft mit dem Finger über die Zeilen, »das mich zu der Überzeugung bringt, dass er von einem Mann dieses Jahrhunderts geschrieben wurde, aber ich bin davon überzeugt.«

Vater Michael erhob sich abrupt von seinem Schreibtisch. »Ist es bei Euch auch so, dass Ihr auf den Beinen besser denken könnt? Bei mir ist es so, und es ist besonders lästig, wenn die Brüder während einer Sitzung endlose Vorträge halten und ich am liebsten aufspringen und mitten im Zimmer einen Jig tanzen würde, um den Kopf klar zu bekommen, ich stattdessen aber an meinem Stuhl hafte wie dieser kleine Kerl dort drüben.«

Er deutete auf einen Glaskasten auf einem der Regale, in dem ein gigantischer Käfer mit einem Horn auf dem Kopf an einem dünnen Holzstück festgesteckt war. Beim Anblick seiner stacheligen Beine und seiner winzigen, gemeinen Klauenfüße hatte Jamie das Gefühl, dass auch ihm etwas über den Rücken krabbelte.

»Ein großartiges Exemplar, Vater«, sagte er und betrachtete den Käfer argwöhnisch.

»Gefällt er Euch? Ein Freund aus Westfalen hat ihn mir geschickt. Ein höchst philosophisch veranlagter Jude«, versicherte er Jamie, »ein Raritätensammler namens Stern. Schaut, das hier hat er mir ebenfalls geschickt.«

Er zog einen unregelmäßig gefärbten Gegenstand, der aus Elfenbein zu sein schien, aus dem Regal und gab ihn Jamie in die Hand. Er entpuppte sich als enormer, geschwungener Zahn, der sich zu einer stumpfen Spitze hin verjüngte.

»Erkennt Ihr, was es ist?«

»Der Zahn eines sehr großen Fleischfressers, Vater«, sagte Jamie mit dem Hauch eines Lächelns. »Ich könnte Euch aber nicht sagen, ob es ein Löwe oder ein Bär war, da ich bisher nicht das Vergnügen hatte, von einem der beiden gebissen zu werden. Noch nicht«, sagte er mit einem diskreten Handzeichen gegen das Böse. »Da mir allerdings noch nicht zu Ohren gekommen ist, dass es in Deutschland Löwen gibt …«

Der Abt lachte.

»Gut beobachtet, mo mhic, es ist tatsächlich ein Bär. Ein Höhlenbär. Habt Ihr schon einmal davon gehört?«

»Nein«, sagte Jamie zuvorkommend, denn er begriff, dass dieses scheinbar belanglose Geplauder für den Abt auch eine Art war, hin und her zu gehen, während er das Gedicht in seinem Kopf wälzte. Außerdem hatte er keine Eile, zu seinen Begleitern zurückzukehren. Mit etwas Glück hatte ja der eine von ihnen den anderen bis zu seiner Rückkehr umgebracht und ihm damit das Leben leichter gemacht. Im Moment interessierte es ihn nicht besonders, wer von den beiden überlebte.

»Das waren wirklich Riesentiere. Stern hat mir die Maße des Schädels gesagt, und ich sage Euch, Mann, er war so lang wie der Abstand von Eurem Ellbogen bis zur Spitze Eures längsten Fingers – wohlgemerkt Eures, nicht meines«, fügte er grinsend hinzu und beugte zur Illustration seinen kurzen Arm.

»Leider aber inzwischen ausgestorben«, sagte er und schüttelte bedauernd den Kopf. »Es gibt zwar noch Bären in den deutschen Wäldern, aber mit dem Kameraden, dem dieser Zahn gehörte, haben sie nicht viel gemein. Stern glaubt, dass er mehrere tausend Jahre alt ist.«

»Oh, aye?«, sagte Jamie, weil er nicht so recht wusste, was er darauf sagen sollte.

Sein Blick hatte ein metallisches Glitzern auf dem Regal aufgefangen, und er kniff die Augen zusammen, um zu sehen, was es war. Es war ein Glaskästchen mit etwas Dunklem darin, in dessen Mitte es wiederum golden glänzte. Doch was …

»Oh, Ihr habt unsere Hand erspäht!«, sagte der Abt, entzückt, weil er Jamie noch eine seiner Kuriositäten präsentieren konnte. »Das ist etwas ganz Besonderes!«

Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um das Kästchen herunterzuholen, und winkte Jamie zu dem großen Tisch hinüber, der in das Sonnenlicht des offenen Fensters getaucht war. Eine blühende Kletterpflanze rankte sich um das Fenster, und draußen konnte er den Kräutergarten des Klosters sehen. Der schöne Frühlingstag strömte mit seinen süßen Düften herein – die allesamt verblassten, als der Abt das Kästchen öffnete.

»Torf?«, sagte Jamie, obwohl es daran keinen Zweifel geben konnte. Der eingerollte schwarze Gegenstand – der in der Tat eine menschliche Hand war, die am Handgelenk abgebrochen und dann getrocknet worden war – verströmte denselben beißenden Geruch, der jedes Kaminfeuer in Irland auszeichnete.

Der Abt nickte und drehte die Hand vorsichtig so, dass der Ring, der mit der Haut eines der knochigen Finger verschmolzen war, besser zu sehen war.

»Einer der Brüder hat sie in einem Sumpf gefunden. Wir wussten nicht, wem die Hand gehörte, aber es war eindeutig kein Bauer. Also haben wir ein bisschen weiter im Moor gestochert und haben natürlich Butter gefunden …«

»Butter? Im Sumpf?«

»Beannachtaí m’mhic, jeder steckt im Sommer seine Butter in den Sumpf, um sie zu kühlen. Hin und wieder vergisst eine Hausfrau die genaue Stelle – oder vielleicht stirbt sie auch, die Arme –, und da steckt die Butter dann in ihrem Eimerchen. Wir finden oft Butter, wenn die Laienbrüder Torf zum Verfeuern stechen. Nicht oft essbar«, fügte er bedauernd hinzu. »Aber erkennbar, selbst nach langer Zeit. Der Torf ist ein großer Bewahrer.« Er wies kopfnickend auf die Hand. »Und wie ich schon sagte, sind wir zu der Stelle zurückgekehrt und haben ein wenig gesucht und noch etwas Torf gestochen, und schließlich haben wir auch den Rest seiner Leiche gefunden.«

Jamie hatte plötzlich das seltsame Gefühl, als säße ihm jemand im Nacken, doch er kämpfte gegen das Bedürfnis an, sich umzusehen.

»Er hat auf dem Rücken gelegen, als hätte man ihn im Tod aufgebahrt. Er trug eine grobe Hose und einen Umhang, der am Hals mit einer kleinen Goldbrosche befestigt war. Apropos Hals, jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten und ihm den Schädel eingeschlagen, um wirklich nichts dem Zufall zu überlassen.« Der Abt lächelte, doch ohne den gewohnten Humor. »Und um ganz sicherzugehen, trug er noch ein dünnes Seil fest um den Hals geschlungen.«

Das Gefühl, jemanden im Rücken zu haben, war so stark, dass Jamie seine Haltung änderte, als sei sie ihm unbequem geworden, und sich bei dieser Gelegenheit hastig umsah. Natürlich war niemand da.

»Ihr sagt, Ihr sprecht kein Irisch – also sagt Euch auch Aided Diarnmata meic Cerbaill nichts? Oder Aided Muirchertaig meic Erca

»Äh … nein. Obwohl … Bedeutet aided vielleicht ›Tod‹?« Es hatte zwar keine Ähnlichkeit mit dem entsprechenden Wort auf Gàidhlig, doch er meinte gehört zu haben, wie Quinn es in Bezug auf Grey murmelte.

Der Abt nickte, als sei dieses Unwissen verzeihlich, wenn auch bedauerlich.

»Aye, so ist es. Beide Gedichte erzählen von Männern, die den dreifachen Tod gestorben sind – eine Prozedur, die normalerweise Göttern oder Helden vorbehalten ist und im Fall von Diarnmata und Muirchertaig meic Erca für Verbrechen wider die Kirche verhängt wurde.«

Jamie wich ein wenig von der Tischkante zurück, lehnte sich mit verschränkten Armen an die Wand und hoffte, dass es beiläufig wirkte. In seinem Nacken sträubten sich unter dem formellen Zopf immer noch die Haare, doch er fühlte sich ein wenig besser.

»Und Ihr glaubt, dieser Herr«, er wies kopfnickend auf die Hand, »hat etwas Derartiges getan?«

»Das glaube ich nicht«, sagte der Abt, »doch die traurige Tatsache ist, dass wir es nicht wissen.« Er legte mit sanften Fingern den Deckel wieder auf das Glaskästchen und ließ seine Hand dort liegen.

»Wir haben ausführlich gegraben und dabei genug Torf für drei Monate gewonnen – an und für sich schon ein ordentlicher Lohn für unsere Mühe, wie ich zu den Brüdern sagte, die die Arbeit verrichtet haben – , aber wir haben in der Nähe des Toten einen goldenen Schwertknauf gefunden – ich fürchte, weniger edle Metalle werden im Torf nicht besonders gut konserviert – und einen mit Juwelen besetzten Kelch. Und ein Stückchen weiter – das da.« Er wies zur gegenüberliegenden Wand des Studierzimmers, an der zwei große, geschwungene Metallteile im Schatten glänzten.

»Was ist das?« Jamie verließ seine stützende Wand nur ungern, doch die Neugier trieb ihn zu den Gegenständen hinüber, die sich bei näherer Betrachtung als eine Art primitive Trompeten entpuppten, allerdings mit einem geschwungenen langen Hals, der am Ende nicht trichterförmig auslief, sondern abgeflacht war.

»Eine sehr alte Frau, die in der Nähe des Sumpfes lebt, hat mir erzählt, dass man sie lir nennt, doch ich habe keine Ahnung, woher sie das weiß, und sie auch nicht. Offensichtlich war der Tod dieses Mannes aber eher ein Ritual als ein Mord.«

Der Abt rieb sich geistesabwesend mit dem Fingerknöchel über die Oberlippe.

»Natürlich hat es sich herumgesprochen«, sagte er. »Und das Gerede! Die Leute auf dem Land haben ihn für alles Mögliche gehalten, vom Großkönig der Druiden – vorausgesetzt, so etwas hat es je gegeben – bis hin zu Fionn MacCumhaill –, obwohl ich nicht weiß, warum er in einem Sumpf liegen sollte, statt sich mit der weiblichen Bevölkerung von Tír nan Óg zu vergnügen – bis hin zu St. Hugelphus.«

»St. Hugelphus? Gibt es denn einen St. Hugelphus?«

Der Abt fuhr sich mit der Hand über das Kinn, und er schüttelte den Kopf, denn die Perversität seiner Schäfchen war zu viel für ihn.

»Nein, aber es nützt mir ja nichts, wenn ich es ihnen sage. Fast hätten sie ihm eine Kapelle gebaut und seine Leiche in einem Glassarg dort aufgebahrt, mit Bienenwachskerzen am Kopf und an den Füßen.« Er sah Jamie mit hochgezogener Augenbraue an. »Ihr sagt, Ihr seid gerade erst in Irland eingetroffen, also wisst Ihr wohl nicht, wie das Gesetz hier mit den Katholiken umspringt.«

»Ich könnte es vermutlich erraten«, sagte Jamie, und der Abt antwortete mit einem ironischen Lächeln.

»Womöglich könntet Ihr das. Belassen wir es dabei, dass das Kloster früher so viel Land besaß, wie ein Mann an einem halben Tag abschreiten konnte. Jetzt haben wir noch die Gebäude und gerade so viel Grund und Boden, dass wir ein paar Kohlköpfe anbauen können, und auch das nur mit viel Glück. Was unseren Umgang mit der Regierung und den protestantischen Landbesitzern angeht, vor allem die anglo-irischen Siedler …« Sein Mund spannte sich an. »Das Letzte, was ich brauche, sind Heerscharen von Pilgern, die hierherkommen, um einen falschen Heiligen zu verehren, der mit Gold überhäuft ist.«

»Wie habt Ihr es denn verhindert?«

»Wir haben den armen Kerl wieder in den Sumpf gelegt«, sagte der Abt unverblümt. »Ich bezweifle zwar, dass er ein Christ war, aber ich habe eine Messe für ihn gelesen, und wir haben ihn nach unserem Ritus bestattet. Dann habe ich verlauten lassen, dass ich ihm die Juwelen abgenommen und sie nach Dublin geschickt hatte – die Brosche und den Schwertknauf habe ich auch tatsächlich dorthin geschickt –, um zu verhindern, dass ihn jemand erneut ausgrub. Wir müssen die Leute ja nicht in Versuchung führen, oder? Würdet Ihr den Kelch gern sehen?«

Jamies Herz tat einen unerwarteten Ruck, doch er nickte, und seine Miene drückte nicht mehr aus als schwache Neugier.

Der Abt stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen Schlüsselbund von einem Haken zu nehmen, der neben der Tür hing, und winkte Jamie mitzukommen.

Draußen im Rundgang des Klosters herrschte schönes Wetter, und fette, mit gelben Pollen bestäubte Bienen summten über dem Kräutergarten im Klosterhof. Die Luft war mild, doch Jamie konnte das Gefühl der Kälte nicht abschütteln, das beim Anblick der schwarzen Klauenhand mit dem Goldring über ihn gekommen war.

»Vater«, entfuhr es ihm, »warum habt Ihr seine Hand behalten?«

DER ABT WAR VOR EINER mit Schnitzereien verzierten Holztür angelangt und durchsuchte seinen Schlüsselring, doch bei diesem Worten hob er den Kopf.

»Der Ring«, sagte er. »Es sind Runen darauf, und ich glaube, es ist die alte Oghamschrift. Ich wollte ihn nicht abnehmen, denn man kann ja sehen, dass das nicht geht, ohne den Finger in Stücke zu reißen. Also habe ich die Hand hierbehalten, um eine Zeichnung des Rings und seiner Markierungen anzufertigen. Ich wollte sie einem Bekannten schicken, der sagt, er kennt sich mit Ogham aus. Ich hatte – und habe – vor, die Hand mit dem Rest des Toten zu begraben«, fügte er hinzu, just als er den Schlüssel fand, den er suchte. »Ich bin nur einfach noch nicht dazu gekommen. Also …« Die Tür schwang lautlos an ihren Lederscharnieren auf und gab einige Treppenstufen preis. Aus einem dunklen Keller driftete ihnen der Geruch von Zwiebeln und Kartoffeln entgegen.

Im ersten Moment fragte sich Jamie, warum man einen Kartoffelkeller abschloss, doch dann begriff er, dass Lebensmittel angesichts der Hungersnot, die Quinn erwähnt hatte und die jedem in Irland noch frisch im Gedächtnis war, möglicherweise der wertvollste Besitz des Klosters waren.

Auf der oberen Stufe stand eine Laterne mit einer Zunderschachtel; Jamie zündete dem Abt die Laterne an, dann folgte er ihm in die Tiefe, insgeheim belustigt über die praktische Veranlagung des Abtes, der seinen Wertgegenstand einfach hinter einer Reihe von Äpfeln aus dem letzten Winter versteckt hatte, die inzwischen auf die Größe von Kuhaugen zusammengeschrumpft waren.

Und es war tatsächlich ein Wertgegenstand; ein Blick reichte aus, um das zu sehen. Der Kelch war flach und passte in seine Handfläche, als der Abt ihn Jamie nun reichte.

Zu seiner Überraschung war er aus poliertem Holz, nicht aus Gold. Fleckig und nachgedunkelt durch das Bad im Torf, aber immer noch erkennbar eine herrliche Arbeit. In den Boden der Schale war etwas eingeschnitzt, und der Rand war mit Edelsteinen besetzt, die – ungeschliffen, aber poliert – in kleine Vertiefungen eingelassen und anscheinend mit einer Art Harz befestigt waren.

Auch der Kelch löste jenes Gefühl in ihm aus, das er bereits im Studierzimmer des Abtes verspürt hatte, diesen Eindruck, dass jemand – oder etwas – dicht hinter ihm stand. Es war unangenehm, und dem Abt entging das nicht.

»Was ist, mo mhic?«, fragte er leise. »Spricht der Kelch zu Euch?«

»Aye, das tut er«, sagte er um ein Lächeln bemüht. »Und ich glaube, er sagt, gib mich zurück.« Er reichte dem Abt den Kelch und unterdrückte den Drang, sich die Hände an den Hosenbeinen abzuwischen.

»Glaubt Ihr, der Kelch ist etwas Böses?«

»Das kann ich nicht sagen, Vater. Nur, dass mich das kalte Grauen überkommt, wenn ich ihn berühre. Aber …«, er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und beugte sich vor, »was ist denn da in den Boden geschnitzt?«

»Ein carraig mór, glaube ich zumindest. Ein langer Stein.« Der Abt drehte die Schale seitwärts, so dass der Schein der Laterne sie beleuchtete. Kaltes Grauen glitt Jamie über die Beine, und er erschauerte. Die Schnitzerei stellte eindeutig einen aufrechten Stein dar – der entlang der Mitte gespalten war.

»Vater«, sagte er abrupt und kurz entschlossen. »Ich habe Euch etwas zu sagen. Würdet Ihr mir die Beichte abnehmen?«

SIE MACHTEN KURZ HALT, damit Vater Michael seine Stola holen konnte, dann spazierten sie über die Schafsweide in einen Obstgarten, in dessen duftenden Apfelbäumen die Bienen summten. Dort setzten sie sich auf ein paar Steine, und er erzählte dem Abt so schlicht er konnte von Quinn, von den Plänen für einen erneuten Jakobitenaufstand, der von Irland ausgehen sollte, und von der Idee, den Cupán des Druidenkönigs zu benutzen, um die Tatsache zu legitimieren, dass die Stuarts ein letztes Mal Anspruch auf den Thron dreier Königreiche erhoben.

Der Abt saß da, umklammerte die Enden der violetten Stola, die ihm um den Hals hing, und lauschte mit gesenktem Kopf. Er bewegte sich nicht und sagte kein Wort, während Jamie ihm Quinns Plan erläuterte. Doch als Jamie fertig war, blickte Vater Michael zu ihm auf.

»Seid Ihr etwa hier, um den Kelch zu diesem Zweck zu stehlen?«, fragte der Abt absolut beiläufig.

»Nein!«, sagte Jamie eher erstaunt als bitter; der Abt sah es und lächelte schwach.

»Nein, natürlich nicht.« Er saß auf seinem Stein, den Kelch auf den Knien. Er blickte nachdenklich darauf hinunter. »Gib mich zurück, sagt Ihr.«

»Es ist nicht an mir, das zu sagen, Vater. Aber ich …« Die Präsenz, die er vorhin in seiner Nähe gespürt hatte, war verschwunden, doch die Erinnerung daran ruhte kalt in seinem Kopf. »Es – er – er will ihn zurück, Vater«, platzte er heraus. »Der Mann, den Ihr im Moor gefunden habt.«

Der Abt riss die Augen auf, und er sah Jamie scharf an. »Dann hat er zu Euch gesprochen?«

»Nicht mit Worten, nein. Ich — ich spüre ihn. Jetzt ist er fort.«

Der Abt nahm den Kelch in die Hand und blickte hinein, während sein Daumen über das antike Holz strich. Dann legte er ihn wieder auf sein Knie, sah Jamie an und sagte leise: »Das ist doch nicht alles, oder? Erzählt es mir.«

Jamie zögerte. Es war nicht seine Sache, anderen von Greys Vorhaben zu erzählen – und es hatte ja auch nichts mit der Moorleiche, dem Kelch oder irgendwelchen anderen Interessen des Abtes zu tun. Doch die grünen Augen des Priesters ruhten auf ihm, gütig, aber bestimmt.

»Es ist doch unter dem Siegel, mo mhic«, sagte er, ohne zu drängen. »Und ich kann sehen, dass Euch eine Last auf der Seele liegt.«

Jamie schloss die Augen, und der Atem entfuhr ihm in einem langen, langen Seufzer.

»Ja, Vater«, sagte er. Er erhob sich von dem Stein, auf dem er gesessen hatte, und kniete zu Füßen des Abtes nieder.

»Es ist keine Sünde, Vater«, sagte er. »Zumindest das meiste nicht. Aber es bedrückt mich.«

»Erzählt es Gott, damit er Euch Erleichterung schenken kann, Mann«, sagte der Abt. Er ergriff Jamies Hände, legte sie auf seine knochigen Knie und legte ihm seinerseits sanft die Hand auf den Kopf.

Er erzählte alles. Langsam, oft stockend. Dann schneller, weil sich die Worte allmählich selber fanden. Was die Greys von ihm wollten und wie sie ihn gezwungen hatten, nach Irland zu reisen. Wie es war, zwischen der Loyalität gegenüber seiner alten Freundschaft mit Quinn und der erzwungenen Verpflichtung gegenüber John Grey gefangen zu sein. Schluckend, mit brennendem Gesicht, die Hände fest auf das schwarze Tuch der Kutte des Abtes gepresst, sprach er von den Gefühlen, die Grey für ihn hegte, und von der Szene, die sich im Stall von Helwater zwischen ihnen abgespielt hatte. Und erzählte schließlich – mit dem Gefühl, von einer hohen Klippe ins tobende Meer zu springen – von Willie. Und Geneva.

Die Tränen liefen ihm über das Gesicht, bevor er fertig war. Als Jamie zum Ende kam, fuhr ihm der Abt sanft mit der Hand über die Wange, bevor er in seine Robe griff und ein großes, abgenutztes, hinreichend sauberes schwarzes Taschentuch hervorholte und es ihm reichte.

»Setzt Euch, Mann«, sagte er. »Lasst mir etwas Zeit und ruht Euch aus, während ich nachdenke.«

Jamie erhob sich und setzte sich wieder auf den flachen Stein. Er putzte sich die Nase und wischte sich über das Gesicht. Er fühlte sich von seinem inneren Aufruhr befreit und wie gereinigt. Und so friedvoll wie er es seit den Tagen vor Culloden nicht mehr gewesen war.

Sein Kopf war leer, und er unternahm keinen Versuch, diese Leere mit Worten zu füllen. Er atmete ungehindert, nichts schnürte ihn ein. Das allein war schon genug. Doch es war nicht alles: Die Frühlingssonne kam hinter den Wolken hervor und wärmte ihn, eine Biene landete kurz auf seinem Ärmel und bestreute ihn mit gelben Pollenkörnchen, als sie wieder abhob, und das zerdrückte Gras, auf dem er gekniet hatte, roch nach Ruhe und Trost.

Er hatte keine Ahnung, wie lange er in diesem Zustand unbekümmerter Erschöpfung dasaß. Doch schließlich regte sich Vater Michael, richtete sich mit einem erstickten Stöhnlaut auf und lächelte ihn an.

»Nun denn«, sagte er. »Fangen wir mit den einfachen Fragen an. Ihr hegt keinen regelmäßigen Verkehr mit jungen Frauen, hoffe ich? Gut. Fangt auch nicht damit an. Wenn Ihr meint, Ihr müsst – nein.« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Fast hätte ich Euch empfohlen, Euch ein liebes Mädchen zu suchen und es zu heiraten, doch ich habe ja gesehen, wie es um Euch steht; Eure Frau ist noch bei Euch.« Sein Ton war vollkommen sachlich.

»Es wäre ungerecht einer jungen Frau gegenüber, wenn Ihr sie heiraten würdet, solange dies der Fall ist. Gleichzeitig jedoch dürft Ihr Euch nicht über die Maßen an das Gedenken Eurer Frau klammern; sie ist jetzt bei Gott geborgen, und Ihr müsst Euch um Euer Leben kümmern. Bald … aber werdet Ihr wissen, wann es richtig ist. Bis dahin lasst Euch nicht in Versuchung führen, aye?«

»Aye, Vater«, sagte Jamie gehorsam und dachte flüchtig an Betty. Er war ihr bis jetzt aus dem Weg gegangen und hatte gewiss nicht vor, das zu ändern.

»Kalte Bäder helfen. Das, und lesen. Nun, Euer Sohn …« Derselbe sachliche Ton, doch die Worte lösten ein atemloses Gefühl in Jamie aus, eine kleine Glücksblase in seiner Brust – die bei den nächsten Worten des Abtes platzte.

»Ihr dürft nichts tun, was ihn in Gefahr bringen würde.« Der Abt sah ihn ernst an. »Ihr habt kein Anrecht auf ihn, und nach allem, was Ihr sagt, ist er ja gut versorgt. Wäre es nicht besser – für Euch beide –, ihn zu lassen, wo er ist?«

»Ich …«, begann Jamie, der gar nicht wusste, wo er anfangen sollte, so viele Worte und Gefühle stürmten auf ihn ein, doch der Abt hob die Hand.

»Aye, ich weiß, Ihr habt gesagt, Ihr seid ein auf Ehrenwort begnadigter Gefangener – doch nach allem, was Ihr über diesen Dienst sagt, den Euch die Engländer abverlangen, scheint eine Chance zu bestehen, dass man Euch danach die Freiheit schenkt.«

Das dachte Jamie auch, und der Gedanke erfüllte ihn mit großer Verwirrung. Frei zu sein, war eine Sache – seinen Sohn zu verlassen, eine andere. Vor zwei Monaten wäre er vielleicht imstande gewesen zu gehen, weil er davon ausging, dass man sich gut um William kümmerte. Jetzt nicht mehr.

Er zwang das Gefühl der Verleugnung nieder, das die Worte des Abtes in ihm geweckt hatten.

»Vater – ich verstehe, was Ihr sagt. Aber … der Junge hat keinen Vater, keinen Mann, der … der ihm zeigt, wie man ein Mann wird. Sein Großvater ist ein ehrenwerter Herr, aber er ist schon sehr alt, und der Mann, der vor dem Gesetz sein Vater war … ist tot.« Er holte tief Luft; musste er beichten, dass er den alten Grafen getötet hatte? Nein. Er hatte es schließlich getan, um William das Leben zu retten, und das konnte keine Sünde sein. »Wenn ich nur eine Sekunde lang glauben würde, dass meine Anwesenheit eine Gefahr für ihn darstellen würde, statt ihm zu nutzen – ich würde sofort gehen. Doch ich glaube nicht, dass es Einbildung ist, wenn ich denke, dass … er mich braucht.«

Die letzten Worte kamen mit heiserer Stimme, und der Abt betrachtete ihn einen Moment, bevor er nickte.

»Ihr müsst um die Kraft beten, das Richtige zu tun – Gott wird sie Euch geben.«

Er nickte stumm. Schon zweimal hatte er um diese Kraft gebetet, und sie war ihm gewährt worden. Beide Male hatte er nicht geglaubt, dass er es überleben würde, doch hier war er nun. Wenn es zu einem dritten Mal kam, hoffte er, dass es kein Überleben gab.

»Ich dachte, Ihr hättet gesagt, dies wären die einfachen Fragen«, sagte Jamie und zwang sich zu lächeln.

Nicht ohne Mitgefühl verzog der Abt das Gesicht.

»Einfach zu sehen, was zu tun ist, habe ich gemeint. Nicht notwendigerweise einfach, es zu tun.« Er stand auf und strich sich ein pelziges Weidenkätzchen von der Schulter seiner Robe. »Kommt, gehen wir ein Stück. Am Ende wird man noch zu Stein, wenn man zu lange sitzt.«

Sie schritten langsam durch den Obstgarten, bis sie die Felder erreichten – einige dienten als Weiden für ein paar Schafe und die eine oder andere Kuh, andere waren eingesät, und die frischen Keimlinge überzogen die Furchen wie ein grüner Schleier. Sie folgten den Feldrainen, um die jungen Rüben und Kartoffelpflanzen nicht zu zertrampeln, bis sie schließlich zum Rand eines Sumpfes kamen.

Dies war ein richtiges Moor, nicht der matschige Lehm oder der aufgeweichte Boden, aus dem ganz Irland zu bestehen schien. Eine baumlose, graugrüne, unebene Landschaft, die sich eine gute halbe Meile vor ihnen ausstreckte bis hin zu einem kleinen Felsenhügel, auf dem sich eine verkrüppelte Kiefer wie ein Fähnchen im Wind wiegte. Denn kaum hatten sie den Schutz der Bäume verlassen, als sich der Wind erhob, der ihnen in den Ohren sang, die Enden von Vater Michaels Stola flattern ließ und an ihren Rockschößen zerrte.

Vater Michael winkte ihm zu, und als er ihm folgte, fand er einen hölzernen Pfad, der halb zwischen den mooserstickten Grasbüscheln eingesunken war, die zwischen den Tausenden kleinen Kanälen und Teichen wuchsen.

»Ich weiß nicht, wer diese Pfade einmal angelegt hat«, sagte der Abt, während seine Sandale die dünnen Planken betrat. »Sie sind schon seit Menschengedenken hier. Aber wir halten sie in Ordnung; sie sind der einzige sichere Weg durch das Moor.«

Jamie nickte; die Planken gaben zwar sacht nach, als er darauftrat, und durch die Ritzen sickerte Wasser empor. Doch sie trugen sein Gewicht, auch wenn seine Schritte den Sumpf am Rand des Pfades erbeben ließen und ihm die Fühler des Mooses neugierig entgegenzitterten.

»Dem Alten Volk war die Zahl Drei heilig, genau wie uns.« Vater Michaels halb gerufene Worte wehten mit dem Wind zu ihm zurück. »Sie hatten drei Gottheiten – den Gott des Donners, den sie Taranis nannten. Dann Esus, den Gott der Unterwelt – allerdings war für sie die Unterwelt nicht dasselbe wie für uns die Hölle, aber es war auf jeden Fall kein angenehmer Ort.«

»Und die dritte Gottheit?« Jamie umklammerte immer noch das Taschentuch des Abtes. Er wischte sich die Nase damit ab, die vom kalten Wind zu laufen begonnen hatte.

»Ah, das wäre dann …« Der Abt blieb nicht stehen, doch er tippte sich kräftig mit den Fingern gegen den Kopf, um seinen Gedanken nachzuhelfen. »Wer in aller Welt … Oh, natürlich. Die dritte Gottheit ist der jeweilige Stammesgott, es gibt also viele verschiedene Namen dafür.«

»Oh, aye.« Erzählte ihm der Abt das nur zum Zeitvertreib?, fragte er sich. Offensichtlich unternahmen sie diesen Spaziergang nicht ihrer Gesundheit wegen, und er wusste nur einen Grund, warum sie einen Sumpf überqueren sollten.

Er hatte recht.

»Nun, ein rechter Gott verlangt Opfer, nicht wahr? Und die alten Götter wollten Blut.«

Er hatte den Abt jetzt eingeholt und konnte ihn trotz des heulenden Windes gut hören. Es gab auch Vögel im Moor; er hörte den Ruf einer Schnepfe, schrill und hoch.

»Für Taranis haben sie zum Beispiel Kriegsgefangene in großen Weidenkäfigen verbrannt.« Der Abt sah sich nach Jamie um und lächelte. »Ein Glück für Euch, dass die Engländer heutzutage zivilisierter sind, nicht wahr?« Diese ironische Frage diente offensichtlich dazu, den Zweifel zu verbergen, den der Abt an der englischen Zivilisation hegte, und Jamie nahm dies mit einem ebenso ironischen Lächeln zur Kenntnis. Lebendig verbrannt zu werden … Nun, auch das hatten die Engländer getan. Sie hatten Katen und Felder in Brand gesteckt, ohne sich um die Frauen und Kinder zu kümmern, die sie damit zum Tode verurteilten – entweder durch das Feuer selbst oder durch Kälte und langsames Verhungern.

»Ja, ich kann mich glücklich schätzen, Vater.«

»Den Tod durch den Strang kennen sie aber noch – die Engländer«, sagte der Abt nachdenklich. Es war zwar keine Frage, doch Jamie grunzte zustimmend.

»Das war die Methode, die von Esus bevorzugt wurde – Erhängen oder Erdolchen. Manchmal auch beides.«

»Nun, das Erhängen wirkt nicht immer«, erwiderte Jamie etwas angespannt. »Manchmal überlebt man es. Was auch der Grund ist«, fügte er hinzu, um den Abt in die Richtung zu steuern, auf die er hinauszuwollen schien, »warum die Henker Eurer Moorleiche dem Mann das Seil stattdessen um den Hals geschlungen haben. Obwohl ich gedacht hätte, der eingeschlagene Schädel, die durchgeschnittene Kehle und das Ertränken – falls er zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch atmete und ertrinken konnte – hätten auch so gereicht.«

Der Abt nickte unbeeindruckt. Der Wind riss an den Strähnen seines weißen Haars und ließ sie rings um seine Tonsur tanzen wie das Baumwollgras, das am Rand des Holzpfades wuchs.

»Teutates«, sagte er triumphierend. »Das ist zumindest der Name eines Stammesgottes. Aye, er hat seine Opfer im Wasser umarmt – sie wurden zum Beispiel in heiligen Brunnen ertränkt. Hier entlang.« Er hatte eine Stelle erreicht, an der sich der Holzweg gabelte und die eine Hälfte auf den kleinen Hügel zulief, die andere auf ein klaffendes Loch im Moor. Das musste die Stelle sein, an der die Mönche ihren Torf stachen, vermutete Jamie – und an der sie die Moorleiche gefunden hatten, zu deren Grab sie zweifellos unterwegs waren.

Warum?, fragte er sich beklommen. Der Abt hatte angedeutet, dass diese Expedition mit Jamies Beichte zu tun hatte – und dass es nicht einfach sein würde, was auch immer es war.

Noch war er nicht von seinen Sünden freigesprochen. Und so folgte er dem Abt, als sich dieser dem Hügel zuwandte.

»Ich dachte mir, ich sollte ihn nicht wieder genau an dieselbe Stelle legen, an der er gefunden worden war«, erklärte Vater Michael, während er sich mit der Hand die wehenden Haarsträhnen glättete. »Aber am Ende hätte ihn nur irgendein Torfstecher wieder ausgegraben, und die ganze Geschichte wäre von vorn losgegangen.«

»Also habt Ihr ihn unter den Hügel gelegt«, sagte Jamie, und bei dieser Formulierung lief es ihm plötzlich kalt über den Rücken. So stand es in dem Gedicht »Der König unter dem Berg«, und soweit er wusste, war das »Volk unter dem Hügel« das Alte Volk, das Feenvolk. Der Wind hatte ihm den Mund ausgetrocknet, und er musste erst schlucken, bevor er weitersprach. Doch bevor er seine Frage stellen konnte, bückte sich der Abt, um sich die Sandalen auszuziehen, schürzte seine Robe und hüpfte voraus.

»Hier entlang«, rief er hinter sich. »Das letzte kleine Stück müssen wir waten.« Jamie murrte zwar, vermied aber sorgfältig jedes gotteslästerliche Wort, während er Schuhe und Strümpfe auszog und vorsichtig den Schritten des Abtes folgte.

Er war doppelt so kräftig wie der Abt; nie im Leben würde der Priester imstande sein, ihn herauszuziehen, falls er in ein Schwingmoor trat und versank.

Das dunkle Wasser quoll ihm zwischen den nackten Zehen auf, kalt, aber nicht unangenehm. Er konnte den nachgiebigen Torf darunter spüren, der ihn mit seiner schwammigen Oberfläche kitzelte. Bei jedem Schritt sank er knöcheltief ein, aber nicht weiter, und schließlich ging er am Fuß des kleinen Hügels an Land, unbeschadet bis auf ein paar Spritzer auf seiner Hose.

»Nun denn«, sagte Vater Michael und wandte sich ihm zu. »Der schwierige Teil.«

VATER MICHAEL FÜHRTE IHN ZUR SPITZE des kleinen Hügels, und dort stand unter der Kiefer ein schlichter Sitz, der aus Naturstein gehauen war. Er war mit blauen, grünen und gelben Flechten gesprenkelt und stand eindeutig schon seit Jahrhunderten dort.

»Árd chnoc – der Thron, auf dem die Könige dieser Gegend vor den Göttern eingesetzt wurden«, sagte der Priester und bekreuzigte sich. Jamie tat es ihm nach, denn er war unerwartet beeindruckt. Dieser Ort war schon sehr alt, und der Stein schien von tiefem Schweigen erfüllt zu sein; selbst der Wind über dem Moor war verstummt, und er konnte sein Herz in seiner Brust schlagen hören, langsam und regelmäßig.

Vater Michael griff in den Lederbeutel, den er an seinem Gürtel trug, und zu Jamies Bestürzung zog er den juwelenbesetzten Holzkelch heraus, den er sanft auf den antiken Thron stellte.

»Ich weiß, was Ihr einmal gewesen seid«, sagte er zu Jamie. »Euer Onkel Alex hat mir Briefe mit Neuigkeiten von Euch geschrieben, während des Aufstands. Ihr wart ein großer Krieger des Königs. Des rechtmäßigen Königs.«

»Das ist lange her, Vater.« Allmählich wurde ihm beklommen zumute, und das nicht nur wegen des Kelches, selbst wenn ihm bei dessen Anblick auch jetzt wieder die Nackenhaare zu Berge standen.

Der Abt richtete sich auf und betrachtete ihn abschätzend.

»Ihr seid ein Mann in den besten Jahren, Shéamais Mac Bhrian«, sagte er. »Ist es recht, dass Ihr Eure Kraft verschwendet und Eure Gabe, Männer zu führen?« Guter Gott, er will, dass ich es tue, dachte Jamie erschüttert. Dass ich dieses verfluchte Ding nehme und tue, was Quinn will.

»Ist es denn recht, wenn ich Männer in den Tod führe, um einer nutzlosen Sache willen?«, fragte er so scharf, dass der Abt blinzeln musste.

»Nutzlos? Die Sache der Kirche, die Sache Gottes? Den gesalbten König wieder einzusetzen und den Fuß der Engländer aus dem Nacken Eures Volkes und des meinen zu entfernen?«

»Nutzlos, Vater«, sagte er und rang um Ruhe, obwohl sich bei dem Gedanken an den Aufstand in Schottland jede Muskelfaser anspannte, die er besaß. »Ihr wisst, was ich war, sagt Ihr. Aber Ihr wisst nicht, was ich gesehen habe, was sich dort zugetragen hat. Ihr habt nicht mit angesehen, was hinterher geschehen ist, als die Clans zermalmt wurden – zermalmt, Vater! Als sie …« Er hielt abrupt inne und schloss die Augen, die Lippen fest zusammengepresst, bis er die Beherrschung wiederfand.

»Ich habe mich versteckt gehalten«, sagte Jamie kurz darauf. »Auf meinem eigenen Land. Habe mich sieben Jahre in einer Höhle versteckt, aus Angst vor den Engländern.« Er holte tief Luft und spürte, wie die Narben auf seinem Rücken brannten. Er öffnete die Augen und sah den Priester unverwandt an.

»Eines Nachts bin ich hinuntergestiegen, um zu jagen, etwa ein Jahr nach Culloden. Ich kam an einer niedergebrannten Kate vorbei, an der ich schon hundertmal vorbeigekommen war. Doch der Regen hatte den Pfad ausgespült, und ich bin ausgewichen – und auf sie getreten.« Er schluckte, als er sich daran erinnerte, wie ihm beim Knacken des brechenden Knochens unter seinem Fuß fast das Herz stehen geblieben wäre. Die furchtbar zarten winzigen Rippen, die Knochensprenkel, die einmal Hände gewesen waren und jetzt umherlagen wie Kieselsteine.

»Ein kleines Mädchen. Sie lag schon seit Monaten dort … Füchse und Krähen hatten … Ich wusste nicht, welche von ihnen es war. Es hatten drei Kinder dort gelebt, drei kleine Mädchen, ungefähr gleich alt, mit braunem Haar – es war alles, was noch von ihr übrig war, ihr Haar … so dass ich nicht sagen konnte, ob es Mairi war oder Beathag oder die kleine Cairistiona – ich …« Er brach abrupt ab.

»Ich habe ja gesagt, dass es schwierig wird«, sagte der Priester leise, ohne den Blick abzuwenden. Seine Augen waren dunkel, ihr Leuchten überschattet, aber unbeirrt. »Glaubt Ihr nicht, dass ich solche Dinge hier nicht auch erlebt habe?«

»Wollt Ihr sie erneut erleben?« Seine Hände hatten sich unbewusst zu Fäusten geballt.

»Werden sie denn aufhören?«, fuhr ihn der Priester an. »Wollt Ihr Eure und meine Landsleute dazu verdammen, diese Grausamkeiten zu ertragen, das Joch der Rotröcke zu erdulden, weil Euch der Wille fehlt? Ich hatte aus Alexanders Briefen nicht geschlossen, dass es Euch an Mut fehlt, aber vielleicht ist seine Einschätzung ja falsch gewesen.«

»O nein, Vater«, sagte er, und seine Stimme kam aus tiefster Kehle. »Das braucht Ihr mit mir nicht zu versuchen. Aye, ich weiß, wie man Männer anführt und wie man sie verleitet. Mich verleitet Ihr nicht.«

Vater Michael prustete halb belustigt auf, doch seine Augen blieben dunkel.

»Ist es der Junge?«, fragte er. »Ihr kehrt Eurer Pflicht den Rücken – der Aufgabe, zu der Euch Gott berufen hat! –, um den Engländern als Speichellecker zu dienen und ihre Ketten zu tragen, um Euch um ein Kind zu kümmern, das Euch nicht braucht und das niemals Euren Namen tragen wird?«

»Nein«, sagte Jamie mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich habe meine Heimat und meine Familie schon einmal verlassen, um meine Pflicht zu tun. Ich habe dabei meine Frau verloren. Und ich habe gesehen, wohin diese Pflicht geführt hat. Hört auf mich, Vater – wenn es zum Krieg kommt, wird es diesmal nicht anders sein. Es. Wird. Nicht. Anders. Sein!«

»Nicht, wenn Männer wie Ihr es nicht riskieren! Hört mir gut zu – es gibt die Sünde der Unterlassung genauso wie die Sünde der Tat. Und denkt doch nur an das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Wollt Ihr am Jüngsten Tag vor Gott treten und ihm sagen, dass Ihr seine Gaben an Euch verschmäht habt?«

Ganz plötzlich begriff Jamie, dass Vater Michael Bescheid wusste. Was oder wie viel er wusste konnte Jamie nicht sagen – doch die Nachricht von Quinns Machenschaften passte wahrscheinlich zu anderen Dingen, die Vater Michael über die irischen Jakobiten wusste. Dies war nicht das erste Mal, dass er von den Vorgängen hörte, darauf hätte Jamie geschworen.

Er sammelte sich und unterdrückte seine aufbrausende Stimmung. Der Mann tat ebenfalls nur seine Pflicht – so wie er sie sah.

»Gibt es hier in der Nähe einen solchen aufrechten Stein?«, fragte er und wies mit dem Kinn auf den Kelch. Dort, wo er stand, konnte er die Schnitzerei mit dem gespaltenen Stein nicht sehen, doch er hatte ein Gefühl im Nacken, als wehte ein kalter Wind – und die Äste der Kiefer regten sich nicht.

Vater Michael reagierte verblüfft auf diesen plötzlichen Themenwechsel.

»Ich – nun … aye, es gibt einen.« Er wandte den Kopf nach Westen, wo die Sonne langsam hinter einer Wolkenbank versank, rot wie eine frisch abgefeuerte Kanonenkugel, und er zeigte mit dem Finger über den Rand des Sumpfes hinaus. »Etwa eine Meile in dieser Richtung. Dort steht ein kleiner Steinkreis auf einem Feld. Einer der Steine ist so gespalten.« Er wandte sich um und sah Jamie neugierig an. »Warum?«

Warum, in der Tat. Jamies Mund war trocken, und er schluckte, jedoch ohne große Wirkung. Musste er dem Priester ganz genau sagen, warum er sich sicher war, dass dieser Versuch, die Stuartkönige wieder einzusetzen, auch nicht erfolgreicher sein würde als der Aufstand in Schottland?

Nein, beschloss er. Das würde er nicht. Claire gehörte nur ihm. Es war keine Sünde, dass er sie liebte, es war nichts, das Vater Michael etwas angehen würde, und er wollte sie für sich behalten.

Außerdem, dachte er trocken, wenn ich es ihm sagen würde, wäre er doch nur überzeugt, dass ich entweder den Verstand verloren habe – oder dass ich mich irre stelle, um meinen Kopf aus dieser Schlinge zu ziehen.

»Warum habt Ihr ihn mitgebracht?«, fragte er, ohne auf die Frage des Priesters einzugehen, und wies kopfnickend auf den Kelch.

Vater Michael sah ihn eine Weile an, ohne zu antworten, dann zog er die Schulter hoch.

»Solltet Ihr der Mann sein, den Gott für diese Aufgabe ausgewählt hat, hatte ich vor, ihn Euch zu geben, damit Ihr ihn verwenden könnt, wie es Euch am besten erscheint. Wenn Ihr es nicht seid …« Er richtete sich unter dem schwarzen Tuch seiner Kutte gerade auf. »Dann werde ich ihn seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben.«

»Ich bin es nicht, Vater«, sagte Jamie. »Ich kann den Kelch nicht einmal berühren. Vielleicht ist das ja ein Zeichen, dass ich nicht der Richtige bin.«

Die neugierige Miene kehrte zurück. »Spürt Ihr … seine Gegenwart? Den Mann aus dem Moor? Jetzt?«

»Ja.« So war es; das Gefühl, dass jemand hinter ihm stand, war wieder da, und es hatte etwas … Drängendes an sich? Etwas Verzweifeltes? Er konnte nicht genau sagen, was es war, aber es war verdammt verstörend.

War der Tote einer wie Claire? War das die Bedeutung der Schnitzerei in der Schale? Wenn ja, welches Schicksal hatte ihn ereilt, dass er hier an diesem trostlosen Ort zurückgeblieben war, so weit fort von wo auch immer er herkam?

Zweifel packte ihn mit eiserner Umklammerung. Was, wenn sie es nicht durch die Steine geschafft hatte, zurück in ihre sichere Welt? Was, wenn sie in die Irre gegangen war wie der Mann, der hier unter dem schwarzen Wasser lag? Das Grauen ballte ihm so fest die Fäuste, dass sich seine Nägel in die Handflächen bohrten, und er ließ sie dort, klammerte sich mit sturer Gewalt an die Wirklichkeit des körperlichen Schmerzes, um diesen weitaus schmerzvolleren Gedanken als unwirklich und bedeutungslos von sich weisen zu können.

Herr, lass sie gerettet sein!, betete er gequält. Sie und das Kind!

»Sprecht mich los, Vater«, flüsterte er. »Ich möchte gehen.«

Der Abt presste zögernd die Lippen aufeinander, und Jamie verlor die Beherrschung.

»Habt Ihr vor, mich zu erpressen, indem Ihr mir die Absolution vorenthaltet? Schuft! Ihr würdet Euer Gelübde und Euer Amt verraten, um …«

Vater Michael gebot ihm mit erhobener Hand Einhalt. Er funkelte Jamie einen Moment lang reglos an, dann zeichnete er mit scharfen, präzisen Bewegungen ein Kreuz in die Luft.

»Ego te absolvo, in nomine Patris –«

»Es tut mir leid, Vater«, entfuhr es Jamie. »Ich hätte nicht so mit Euch sprechen dürfen. Ich …«

»Betrachten wir es als Teil Eurer Beichte, ja?«, murmelte Vater Michael. »Sprecht einen Monat lang täglich einen Rosenkranz; das ist Eure Buße.« Der Hauch eines ironischen Lächelns huschte über sein Gesicht, und er sprach zu Ende, »– et Filii, et Spiritus Sancti, Amen.« Er ließ die Hand sinken und sprach normal weiter.

»Ich habe vergessen zu fragen, wann Ihr das letzte Mal gebeichtet habt. Kennt Ihr das Reuegebet noch, oder soll ich Euch helfen?« Der Ton war ernst, doch Jamie sah den Kobold in den leuchtenden grünen Augen tanzen. Vater Michael faltete die Hände und senkte den Kopf – eine fromme Haltung, mit der er gleichzeitig sein Lächeln verbergen konnte.

»Mon Dieu, je regrette …« Er sagte es auf Französisch, wie er es immer schon getan hatte. Und genau wie es immer schon gewesen war, kam bei diesen Worten Friede über ihn.

Er hörte auf zu sprechen, und die Abendluft war still.

Erst jetzt sah er, was er bis jetzt nicht wahrgenommen hatte: den kleinen Hügel aus etwas dunklerer Erde und Steinen, der mit frischen grünen Grashalmen gefleckt und mit Wildblumen wie mit kleinen Juwelen besetzt war. Und ein kleines Holzkreuz an der Kopfseite, just unter der Kiefer.

Staub zu Staub. Das war also das Grab des Fremden; sie hatten ihn nach Art der Christen beerdigt, damit das seltsame Häuflein aus Knochen und Leder, das das dunkle Wasser so lange bewahrt hatte, endlich in friedlicher Anonymität zerfallen konnte. Hier neben dem Thron der Könige.

Noch stand die Sonne über dem Horizont, doch das Licht kam aus der Tiefe, und Schatten lagen dunkel auf dem Moor, bereit, sich zu erheben und mit der kommenden Nacht zu verschmelzen.

»Wartet kurz auf mich, mo mhic«, sagte Vater Michael und griff wieder nach dem Kelch. »Lasst mich den Kelch verstauen, dann bringe ich Euch zurück.«

In einigem Abstand konnte Jamie die dunkle Wunde der Grube sehen, in der die Torfstecher zugange gewesen waren. Auch in Schottland gab es solche Torfgruben, dachte er und fragte sich flüchtig, was – oder wer – wohl noch in den Mooren liegen mochte.

»Keine Sorge, Vater«, sagte er und ließ den Blick über die Grasbüschel schweifen, zwischen denen die Wasserpfützen im letzten Sonnenlicht glitzerten. »Ich finde den Weg.«