32
Duello
ZU SEINER ÜBERRASCHUNG schlief er in dieser Nacht. Einen tiefen, traumlosen Schlaf, aus dem er mitten im Dunkeln plötzlich erwachte und wusste, dass der Tag nahte.
Im nächsten Moment öffnete sich die Tür, und Tom Byrd kam mit einer Kerze und seinem Teetablett herein, eine Kanne mit heißem Rasierwasser in der Ellenbeuge.
»Möchtet Ihr etwas frühstücken, Mylord?«, fragte er. »Ich habe Euch Brötchen mit Butter und Marmelade mitgebracht, aber die Köchin meint, Ihr solltet ein richtiges Frühstück aus der Pfanne essen. Wohl, damit Ihr genug Kraft habt.«
»Dankt der Köchin in meinem Namen, Tom«, sagte Grey und lächelte. Er setzte sich auf die Bettkante und kratzte sich. Er fühlte sich überraschend gut.
»Nein«, sagte er und ergriff das Brötchen, das Tom gerade großzügig mit Aprikosenkonfitüre bestrichen hatte, »das reicht.« Wenn er eine Schlacht vor sich hätte, die den ganzen Tag dauern würde, würde er ordentlich zulangen und sich mit Rührei und Schinken, Black Pudding und allem vollstopfen, was es sonst noch gab – doch was auch immer heute geschah, es würde nicht länger als ein paar Minuten dauern, und er wollte dabei unbeschwert auf den Beinen sein.
Tom legte ihm die Kleider zurecht und rührte die Rasierseife an, während Grey aß, dann drehte sich der Leibdiener um, das Rasiermesser in der Hand und eine entschlossene Miene im Gesicht.
»Ich gehe mit Euch, Mylord. Heute Morgen.«
»Ja?«
Tom nickte und schob das Kinn vor.
»Ja. Ich habe gestern Abend gehört, wie Ihr Euch mit dem Herzog darüber unterhalten habt, dass er nicht dabei sein sollte, und das mag ja alles richtig sein. Ich verstehe, dass es nur noch mehr Ärger geben würde, wenn er dort auftaucht. Ich kann natürlich nicht Euer Sekundant sein. Aber irgendjemand sollte – zumindest dort sein. Also gehe ich mit.«
Gerührt blickte Grey in seinen Tee.
»Danke, Tom«, sagte er, als er seiner Stimme wieder trauen konnte. »Es wird mich sehr freuen, Euch dabeizuhaben.«
ER WAR TATSÄCHLICH FROH, dass ihn Tom begleitete. Der junge Mann sagte nichts, da er begriff, dass Grey nicht nach Geplauder zumute war, sondern saß ihm einfach in der Kutsche gegenüber und hielt Greys besten Kavalleriesäbel sorgfältig auf dem Schoß.
Doch er würde einen Sekundanten haben. Hal hatte Harry Quarry gebeten, sich am Ort des Geschehens mit Grey zu treffen.
»Nicht nur zu seiner moralischen Unterstützung«, hatte Hal gesagt. »Ich möchte, dass es einen Zeugen gibt.« Seine Lippen wurden schmal. »Nur für alle Fälle.«
Für welche Fälle?, hatte sich Grey gefragt. Für den Fall, dass Twelvetrees irgendeine Schurkerei beging? Dass plötzlich der Erzbischof von Canterbury auftauchte, weil ihn der Lärm geweckt hatte? Doch er fragte nicht nach, weil er fürchtete, dass es in dem »Fall«, an den Hal dachte, darum ging, dass jemand vor Ort war, der sich Greys letzte Worte einprägte – solange einem die Klinge nicht ins Auge oder durch den Gaumen drang, blieben einem normalerweise bis zum Verbluten noch einige Momente, in welchen man seinen Nachruf dichten oder einen elegant formulierten Abschiedsgruß an seinen Schatz senden konnte.
Daran musste er jetzt denken und fragte sich flüchtig, was Jamie Fraser wohl tun würde, wenn er eine besonders blumenreiche Botschaft persönlicher Natur empfing, zu spät, um Grey den Hals umzudrehen. Bei diesem Gedanken musste er grinsen. Er sah Toms schockierten Gesichtsausdruck und verkniff sich das Grinsen hastig wieder, um es durch eine ernste, dem Anlass eher entsprechende Miene zu ersetzen.
Vielleicht würde Harry ja seinen Nachruf verfassen. In Versform.
Meister mein … Verdammt, die zweite Zeile zu diesem Paarreim war ihm nie eingefallen. Brauchte er überhaupt zwei Zeilen? Mein/sein – das reimte sich. Vielleicht waren das ja zwei Zeilen, nicht eine. Wenn er wirklich schon zwei Zeilen hatte, brauchte er eindeutig noch zwei für ein Quartett …
Die Kutsche kam zum Stehen.
Er trat in die frische, kühle Dämmerung hinaus, stand still und atmete, während Tom ausstieg und ihm vorsichtig das Schwert mitsamt der Scheide reichte. Zwei weitere Kutschen standen schon wartend unter den tropfnassen Bäumen; es hatte in der Nacht geregnet, obwohl sich der Himmel jetzt aufgeklart hatte.
Das Gras wird nass sein. Rutschiger Boden.
Kleine elektrische Blitze durchfuhren ihn und spannten seine Muskeln an. Das Gefühl erinnerte ihn – lebhaft – an sein Erlebnis mit einem Zitteraal im Jahr zuvor, und er hielt inne, um sich zu recken und die Verspannung in Brust und Armen zu lockern. Es war der verdammte Aal, der zu seinem letzten Duell geführt hatte, in dessen Verlauf Nicholls umgekommen war. Falls er Twelvetrees heute Morgen umbrachte, würde es zumindest mit Absicht geschehen …
Nicht, falls!
»Gehen wir«, sagte er zu Tom, und sie schritten an den anderen Kutschen vorbei und nickten den Kutschern zu, die ihren Gruß mit nüchternen Gesichtern erwiderten. Der Atem der Pferde stieg dampfend in die Luft.
Das letzte Mal, als er hier gewesen war, hatte er seine Mutter zu einer Gartenparty begleitet.
Mutter … Nun, Hal würde es ihr erzählen, wenn … Er schob den Gedanken beiseite. Es war nicht gut, zu viel nachzudenken.
Die großen schmiedeeisernen Tore trugen ein Vorhängeschloss, doch die kleinere Pforte daneben stand offen. Er ging hindurch und hielt auf das offene Gelände am anderen Ende des Gartens zu. Seine Absätze hallten auf dem feuchten Pflaster wider.
Am besten kämpfe ich auf Strümpfen, dachte er – nein, barfuß, und dann trat er durch einen Rosenbogen ins Freie. Twelvetrees stand auf der anderen Seite unter einem Baum voller weißer Blüten. Grey stellte mit Interesse – und Erleichterung – fest, dass sich Reginald Twelvetrees nicht bei seinem Bruder befand. Er erkannte Joseph Honey, einen Lancierhauptmann, der offensichtlich Twelvetrees’ Sekundant war. Ein weiterer Mann drehte ihm den Rücken zu, doch seiner Kleidung – und der Truhe zu seinen Füßen – nach schien es ein Arzt zu sein. Anscheinend plante Twelvetrees zu überleben, selbst wenn er verletzt wurde.
Nun ja, kein Wunder, oder?, dachte er beinahe geistesabwesend. Er hatte bereits begonnen, sich aus dem Reich der bewussten Gedanken zurückzuziehen, und sein Körper entspannte sich und überließ sich der Lust auf den Kampf. Er fühlte sich gut, wahrlich gut. Der Himmel im Westen hatte eine leuchtend violette Farbe angenommen, die letzten Sterne waren fast verblasst. Hinter ihm war es im Osten rosa und golden geworden; er spürte den Atemhauch der Morgenröte in seinem Nacken.
Er hörte Schritte hinter sich auf dem Weg. Sicherlich Harry. Doch es war nicht Harry, der geduckt aus dem Rosenbogen trat und auf ihn zukam. Sein Herz tat einen Satz; er spürte es deutlich.
»Was zum Teufel tut Ihr hier?«, entfuhr es ihm.
»Ich bin Euer Sekundant«, sagte Fraser so selbstverständlich, als hätte Grey doch wahrhaftig damit rechnen müssen. Er war schlicht gekleidet und trug die geborgte Livree, die er an seinem ersten Abend in Argus House getragen hatte, und ein Schwert. Woher hatte er das?
»Ach ja? Aber wie habt Ihr herausgefunden …«
»Die Herzogin hat es mir gesagt.«
»Oh. Nun, das passt zu ihr, nicht wahr?« Er machte sich nicht die Mühe, sich zu ärgern, weil sich Minnie wieder einmal in seine Angelegenheiten einmischte. »Aber Harry Quarry …«
»Ich habe mit Oberst Quarry gesprochen. Wir sind übereingekommen, dass ich die Ehre haben sollte, Euer Sekundant zu sein.« Grey fragte sich flüchtig, ob »übereingekommen« wohl ein Euphemismus für »eins auf den Schädel gebrummt« war, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass Quarry gutwillig auf dieses Amt verzichtete. Dennoch konnte er sich das Lächeln nicht verkneifen, und Fraser neigte den Kopf sacht in seine Richtung.
Dann griff er in seine Tasche und zog einen in der Mitte zusammengefalteten Zettel heraus. »Euer Bruder hat mich gebeten, Euch dies zu geben.«
»Danke.« Er nahm den Zettel und verstaute ihn an seiner Brust. Er brauchte ihn nicht aufzuklappen; er wusste, was dort stand. Glück. – H.
Jamie Fraser blickte zu der Stelle hinüber, an der Twelvetrees mit seinen beiden Begleitern stand, dann sah er nüchtern auf Grey hinunter. »Er darf nicht mit dem Leben davonkommen. Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass ich dafür sorge.«
»Wenn er mich umbringt, meint Ihr«, sagte Grey. Die Elektrizität, die ihm in kleinen Stößen durch die Adern schoss, hatte sich jetzt in ein angenehmes, beständiges Summen verwandelt. »Ich bin Euch sehr dankbar, Mr Fraser.«
Zu seinem Erstaunen lächelte ihn Fraser an.
»Es wird mir ein Vergnügen sein, Euch zu rächen, Mylord. Falls notwendig.«
»Nennt mich John«, entfuhr es ihm. »Bitte.«
Da verlor das Gesicht des Schotten vor Erstaunen jeden Ausdruck. Er senkte kurz den Blick und überlegte. Dann legte er Grey fest die Hand auf die Schulter und sagte leise etwas auf Gälisch, doch inmitten der seltsamen, zischenden Worte glaubte Grey, den Namen seines Vaters zu hören. Iain mac Gerard … War er das?
»Was …«, sagte er, doch Fraser unterbrach ihn.
»Es ist der Segensspruch für einen Krieger, der in den Kampf zieht. Der Segen des heiligen Michael aus dem roten Reich.« Er sah Grey direkt in die Augen, das Blau der seinen dunkler als der dämmernde Himmel. »Möge die Gnade des Erzengels Michael Eurem Arm Kraft verleihen … John.«
GREY STIESS EINE LEISE Obszönität aus, und Jamie folgte abrupt seiner Blickrichtung, sah aber nichts außer Edward Twelvetrees, der sich bereits bis auf Hemd und Hose ausgezogen hatte und ohne seine Perücke aussah wie ein unterkühltes Frettchen. Er sprach mit einem Offizier in Uniform – wahrscheinlich sein Sekundant – und einem Mann, von dem Jamie vermutete, dass es ein Arzt war.
»Das ist John Hunter«, sagte Grey und wies kopfnickend auf den Arzt, den er mit zusammengekniffenen Augen betrachtete. »Der Leichenfledderer persönlich.« Er bohrte die Zähne in seine Unterlippe, dann wandte er sich an Jamie.
»Wenn ich umkomme, tragt meine Leiche hier fort. Bringt mich heim. Lasst Dr. Hunter unter keinen Umständen auch nur irgendwie in meine Nähe.«
»Er würde doch gewiss …«
»Doch, das würde er. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Schwört, dass Ihr nicht zulassen werdet, dass er mich anfasst.«
Jamie warf noch einmal einen Blick auf Dr. Hunter, doch der Mann sah eigentlich nicht wie ein Leichendieb aus. Er war nicht groß – gute zehn Zentimeter kleiner als John Grey –, jedoch sehr breitschultrig und kräftig. Er richtete den Blick wieder auf Grey und malte sich aus, wie sich Hunter Greys erschlafften Körper über die Schulter warf und damit davonlief. Grey fing seinen Blick auf und interpretierte ihn richtig.
»Schwört es mir.«
»Ich schwöre auf mein ewiges Leben.«
Grey holte Luft und entspannte sich ein wenig.
»Gut.« Er war zwar bleich, doch seine Augen leuchteten, und sein Gesicht war hellwach, erregt, aber nicht ängstlich. »Dann geht jetzt zu Joseph Honey und sprecht mit ihm. Das ist Twelvetrees’ Sekundant, Hauptmann Joseph Honey.«
Jamie nickte und schritt auf die kleine Gruppe unter den Bäumen zu. Er hatte selbst schon zwei Duelle ausgefochten, doch bei keinem davon hatte es Sekundanten gegeben; auch er selbst hatte dieses Amt zwar noch nie ausgeübt, doch Harry Quarry hatte ihn kurz in seine Rolle eingewiesen:
»Die Sekundanten sind dazu da, die Situation zu besprechen und festzustellen, ob sie sich nicht doch kampflos beilegen lässt – wenn die eine Seite zum Beispiel bereit ist, die Beleidigung zurückzuziehen oder umzuformulieren oder sich der Beleidigte auf eine andere Form der Wiedergutmachung einlässt. In diesem Fall würde ich sagen, die Chancen auf eine kampflose Beilegung stehen etwa drei Millionen zu eins, also gebt Euch nicht allzu viel Mühe, diplomatisch vorzugehen. Sollte es jedoch dazu kommen, dass er Grey schnell tötet, werdet Ihr Euch doch um ihn kümmern, nicht wahr?«
Hauptmann Honey sah ihn kommen und traf sich auf halbem Wege mit ihm. Honey war noch jung, vielleicht Anfang zwanzig, und viel blasser als die beiden Duellanten.
»Joseph Honey, Euer Diener, Sir«, sagte er und hielt Jamie die Hand entgegen. »Ich – ich weiß eigentlich nicht genau, was ich sagen soll.«
»Dann sind wir ja schon zu zweit«, beruhigte ihn Jamie. »Ich gehe davon aus, dass Hauptmann Twelvetrees nicht vorhat, seine Unterstellung zurückzunehmen, dass Lord John ein Sodomit sei?«
Bei diesem Wort errötete Hauptmann Honey, und er blickte zu Boden.
»Äh … nein. Und so wie ich es verstehe, hat Eure Seite auch nicht vor, die Beleidigung auf sich beruhen zu lassen?«
»Gewiss nicht«, sagte Jamie. »Das erwartet Ihr doch auch gar nicht, oder?«
»Oh, nein!« Honeys Miene war entsetzt. »Aber ich musste die Frage ja stellen.« Er schluckte. »Nun ja. Äh … Bedingungen. Säbel – ich sehe, Eure Seite ist entsprechend ausgestattet; ich hatte vorsorglich eine zusätzliche Waffe mitgebracht. Auf zehn – oh, nein, bei Schwertern geht man ja keine zehn Schritte, natürlich nicht … äh … Wäre Eure Seite damit einverstanden, dass derjenige verliert, der als Erster blutet?«
Jamie lächelte, doch es war kein freundliches Lächeln.
»Würde Eure Seite das denn tun?«
»Den Versuch war es doch wert, oder nicht?« Honey riss sich tapfer zusammen und blickte zu Jamie auf. »Wenn Lord John dazu bereit wäre …«
»Er ist es nicht.«
Honey nickte unglücklich.
»Schön. Nun denn … viel mehr gibt es nicht zu sagen, oder?« Er verneigte sich vor Jamie und wandte sich ab, drehte sich dann aber noch einmal um. »Oh – wir haben einen Arzt dabei. Er steht natürlich auch Lord John zur Verfügung, sollte das notwendig sein.«
Jamie sah, wie Honeys Blick an ihm vorbeiwanderte, und als er den Kopf wandte, sah er Lord John bis auf das Hemd und die Hose entkleidet barfuß im nassen Gras, wo er seine Muskeln mit einer Reihe von Hieben und Ausfallschritten aufwärmte, die zwar nicht angeberisch wirkten, aber doch deutlich zeigten, dass er wusste, wie man einen Säbel benutzte. Honey atmete hörbar aus.
»Ich glaube nicht, dass es nötig wird, dass Ihr gegen ihn kämpft«, sagte Jamie sanft. Er blickte zu den Bäumen hinüber und sah, wie ihn Twelvetrees unverhohlen abschätzte. Jamie sah dem Mann direkt in die Augen und reckte sich in aller Ruhe, um sowohl seine Reichweite als auch seine Zuversicht zu demonstrieren. Twelvetrees nahm diese Information mit einem Zucken seines Mundwinkels zur Kenntnis – schien aber nicht beunruhigt zu sein. Entweder glaubte er nicht, dass auch nur die geringste Möglichkeit bestand, dass er gegen Jamie würde kämpfen müssen – oder er glaubte, dass er gewinnen konnte, wenn er es tat. Jamie neigte leicht den Kopf.
Grey hatte Twelvetrees den Rücken zugewandt und warf das Schwert fließend von einer Hand in die andere.
Das Gewicht des Säbels fühlte sich gut an, fest und schwer in seiner Hand. Die frisch geschärfte Schneide glitzerte im Licht; er konnte das Öl des Wetzsteins noch riechen; es ließ ihm die Haare auf den Armen angenehm zu Berge stehen.
Jamie kehrte zurück und stellte fest, dass sich Harry Quarry zu Lord John und Tom Byrd gesellt hatte. Der Oberst nickte ihm zu.
»Konnte doch nicht fortbleiben«, sagte er halb entschuldigend.
»Ihr meint, Seine Durchlaucht verlässt sich doch nicht darauf, dass ich ihm einen vollständigen Bericht der Geschehnisse abliefere – sollte das nötig sein?«
»Zum Teil, ja. Vor allem aber – verdammt, er ist mein Freund.«
Grey hatte Harrys Ankunft kaum zur Kenntnis genommen, so sehr war er in seine Vorbereitungen vertieft, doch das hörte er und lächelte.
»Danke, Harry.« Er ging auf seine Anhänger zu und wurde plötzlich von überwältigender Zuneigung für alle drei durchströmt. Die Zeilen des alten Liedes gingen ihm durch den Kopf: Gott sende jedem edlen Herrn an seinem Ende/solch’ Falken, solch’ Hunde und solche Freunde. Er fragte sich flüchtig, wer wohl wer war, und beschloss, dass Tom wohl sein treuer Hund sein musste, Harry natürlich der Freund und Jamie Fraser sein Falke, ungezähmt und wild, aber am Ende doch für ihn da – wenn es denn das Ende war, obwohl er es nicht glaubte, wenn er ehrlich war.
Ich kann spüren, wie mein Herz schlägt. Spüren, wie ich atme. Wie kann das aufhören?
Harry streckte die Hand aus und drückte flüchtig die seine. Er richtete ein beruhigendes Lächeln auf Tom, der vor ihm stand und seinen Rock, seine Weste und seine Strümpfe umklammerte und dabei so aussah, als könnte er jeden Moment in Ohnmacht fallen. Ein unausgesprochenes Signal pflanzte sich unter den Männern fort, und die Gegner setzten sich in Bewegung, um einander gegenüberzutreten.
Nasses Gras fühlt sich herrlich an, kalt, frisch. Der Schuft ist die ganze Nacht auf gewesen, er hat rote Augen. Ohne seine Perücke sieht er wie ein Frettchen aus – oder ein Dachs. Hätte mir das Haar kürzen sollen, aber was soll’s, jetzt ist es zu spät …
Sein Säbel berührte Twelvetrees’ Schwert mit einem leisen metallischen Klirren, und Elektrizität überströmte seinen Rücken, seinen ganzen Körper, bis in die Fingerspitzen. Er packte fester zu.
»Los«, sagte Hauptmann Honey und sprang rückwärts aus dem Weg.
Jamie konnte auf den ersten Blick sehen, dass beide Männer hervorragende Schwertkämpfer waren. Jedoch machte sich keiner von ihnen Gedanken darum, den Zuschauern etwas zu bieten; hier ging es um Leben oder Tod, und sie machten sich konzentriert und grimmig übereinander her, ein jeder auf der Suche nach einem Angriffspunkt. Ein Taubenschwarm brach unter heftigem Geflatter aus den Bäumen hervor, denn der Lärm machte ihnen Angst.
Es konnte nicht lange dauern. Jamie wusste das. Die meisten Schwertkämpfe waren innerhalb von Minuten entschieden, und niemand hielt einen solchen Kraftakt mit einem schweren Säbel länger als eine Viertelstunde aus. Und doch war ihm, als hätte es jetzt schon viel länger gedauert. Trotz des kühlen Morgens kroch ihm der Schweiß über den Rücken.
Er war so auf den Rhythmus des Kampfes eingestellt, dass er spürte, wie auch seine Muskeln bei jedem Vorstoß, jedem Angriff, jedem angestrengten Aufkeuchen mitzuckten. Seine Hände hingen zusammengeballt an seinen Seiten, so fest zusammengeballt, dass die Knöchel und Gelenke seiner schlimmen Hand knackten und knirschten.
Grey wusste, was er tat; er hatte Twelvetrees das Knie zwischen die Oberschenkel geschoben und ihm die Hand in den Nacken gedrückt, und er hielt die Schwerthand beiseite, während er versuchte, Twelvetrees den Kopf niederzuzwingen. Doch auch Twelvetrees war kein Anfänger, und er schob sich Greys Hand entgegen, statt sich ihr zu entziehen. Grey verlor für eine Sekunde das Gleichgewicht und stolperte, und Twelvetrees befreite sich, sprang mit einem lauten Aufschrei zurück und hieb dabei nach Grey.
Auch Grey wich zurück, jedoch nicht schnell genug, und Jamie hörte sich selbst erstickt protestieren, als sich wie von Zauberhand ein roter Strich über Greys Oberschenkel zog, gefolgt von einem Vorhang aus Blut, der ihm über den Stoff seiner Hose kroch.
Mist.
Grey griff an, ohne die Verletzung zu beachten – oder zu bemerken –, und obwohl sein verletztes Bein nachgab und er auf das Knie fiel, traf er Twelvetrees mit der flachen Seite seines Säbels über dem linken Ohr. Twelvetrees stolperte kopfschüttelnd, und Grey kämpfte sich mühsam auf und griff an, verfehlte sein Ziel und schnitt Twelvetrees in den Armmuskel.
Erwischt. Mistkerl. Erwischt!
»Schade, dass es nicht sein Schwertarm ist«, murmelte Quarry. »Dann wäre es vorbei.«
»Es ist erst vorbei, wenn einer tot ist«, sagte Hauptmann Honey. Der junge Mann hatte bleiche Lippen, und Jamie fragte sich flüchtig, ob er schon einmal gesehen hatte, wie ein Mensch getötet wurde.
Twelvetrees fiel zurück und bot Grey seine offene Flanke dar. Grey stürzte ihm nach, weil er zu spät begriff, dass es eine Falle war; Twelvetrees ließ seinen Schwertknauf mit aller Gewalt auf Greys Kopf niedersausen, so dass er ihn halb betäubte. Doch Grey ließ sein Schwert fallen und stürzte sich geradewegs auf Twelvetrees. Er warf dem Gegner die Arme um den Körper, stützte sich auf sein unverletztes Bein, hob Twelvetrees bis zur Hüfte hoch und schleuderte ihn zu Boden.
Nimm das, Arschlecker! Himmel, mir klingelt es in den Ohren, verdammt … verd …
»Oh, wunderbar, Sir, wirklich wunderbar!«, rief Dr. Hunter und klatschte begeistert in die Hände. »Habt Ihr schon einmal so einen schönen Hüftwurf gesehen?«
»Nun, nicht während eines Duells, nein«, sagte Quarry und kniff die Augen zusammen.
Grey stand mit offenem Mund da und keuchte. Er hob seinen Säbel auf und stützte sich halb darauf, während er nach Luft rang. Haarsträhnen klebten ihm feucht im Gesicht, und das Blut rann ihm langsam über die Wange und den entblößten Unterschenkel.
»Ergebt … Ihr Euch, Sir?«, sagte er.
Komm schon, komm schon! Steh auf, bringen wir’s zu Ende! Los!
Von seinem Sturz benommen, antwortete Twelvetrees ihm nicht, doch dann gelang es ihm, sich umzudrehen und sich langsam auf die Knie hochzukämpfen. Er kroch zu seinem Schwert hinüber, das am Boden lag, ergriff es und erhob sich langsam, jedoch so überlegt und drohend, dass es keinen Zweifel daran gab, wie seine Antwort lautete.
Auch Grey hob sein Schwert gerade noch rechtzeitig, und die Säbel prallten rutschend aufeinander, bis sie sich an den Griffen verkeilten. Ohne Zaudern boxte Grey Twelvetrees mit der freien Hand ins Gesicht. Twelvetrees fasste nach Greys Kopf, packte seinen Zopf und riss daran, so dass Grey das Gleichgewicht verlor. Doch sein Arm war durch den Schnitt geschwächt, aus dem das Blut spritzte, und er konnte nicht festhalten – Grey befreite seinen Säbel und hackte laut grunzend auf seinen Gegner ein.
Jamie zuckte zusammen, als er Twelvetrees’ heiseren Aufschrei hörte und spürte, wie ihn der Stoß durchfuhr. Sein eigener Brustkorb war von einer geschwungenen Narbe überzogen, die ihm ein englischer Säbel vor Prestonpans beigebracht hatte.
Grey nutzte seinen Vorteil, als Twelvetrees nun rückwärtsstolperte, doch das Frettchen war schlau, duckte sich unter Greys Angriff hindurch, ließ sich auf eine Hand fallen und stieß aufwärts zu, mitten in Greys ungeschützte Brust.
Mist!
Sämtliche Zuschauer schnappten nach Luft. Grey riss sich los, schwankte rückwärts und hustete, und sein Hemd rötete sich. Twelvetrees rappelte sich auf, doch es kostete ihn zwei Versuche, bis er auf sichtlich zitternden Beinen stand.
Grey ließ sich langsam auf die Knie sinken und schwankte hin und her. Der Säbel hing ihm lose in der Hand.
Mist …
»Steht auf, Mylord. Steht auf, bitte steht auf«, flüsterte Tom ängstlich, und seine Hand umklammerte Quarrys Rockärmel. Quarry atmete wie ein siedender Wasserkessel.
»Er muss ihn fragen, ob er sich ergibt«, murmelte Quarry jetzt. »Er muss es tun. Es wäre infam, es nicht – o Gott.«
Twelvetrees trat einen Schritt auf Grey zu, schwankend, das Gesicht erstarrt, die scharfen Zähne entblößt. Sein Mund bewegte sich, doch es kamen keine Worte heraus. Er trat noch einen Schritt näher, und sein blutiges Schwert holte aus. Ein Schritt noch.
Ein … Schritt …
Und Greys Säbel erhob sich blitzschnell und fließend, gefolgt von Grey, der ihn dem Frettchen fest in den Bauch rammte. Ein unmenschliches Geräusch erklang, doch Jamie konnte nicht sagen, wer von den beiden es ausgestoßen hatte. Grey ließ sein Schwert los und setzte sich plötzlich ins Gras. Seine Miene war überrascht. Er blickte auf und lächelte Tom vage an, dann verdrehte er die Augen und fiel rückwärts ins nasse Gras, während ihm das Blut aus dem Körper rann.
Oh … Jesus …
Twelvetrees stand noch, die Hände um die Klinge in seinem Bauch geschlossen, das Gesicht verwundert. Dr. Hunter und Hauptmann Honey rannten über das Gras und erreichten ihn just, als er fiel. Sie fingen ihn auf.
Jamie fragte sich flüchtig, ob Twelvetrees Hauptmann Honey wohl Anweisungen in Bezug auf seine Leiche gegeben hatte, schob den Gedanken jedoch beiseite, als er dann über das Gras zu seinem Freund hinüberlief.
Bringt mich … heim!