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Der einzige Zeuge

INCHCLERAUN

NATÜRLICH KONNTE QUINN NICHT in geweihter Erde zur Ruhe gebettet werden. Dennoch hatte Abt Michael ihm für das Begräbnis die Hilfe einiger Brüder angeboten. Jamie lehnte dieses Angebot ab – auch wenn er dafür dankbar war –, und legte den Holzsarg auf die Rutsche, die die Mönche benutzten, um den Torf aus dem Moor abzutransportieren. Damit überquerte er den Sumpf, ein Seil um die Schulter gelegt, während seine Bürde abwechselnd hinter ihm herrumpelte oder -schwamm.

Als sie das kleine Felsenhügelchen in der Mitte des Sumpfes erreicht hatten, griff er nach dem Holzspaten, den ihm Bruder Ambrose mitgegeben hatte, und begann zu graben.

Der einzige Zeuge, der einzige Trauernde. Er hatte den Brüdern Grey gesagt, dass er allein nach Irland reisen würde, um Quinn zu begraben. Sie hatten sich gegenseitig mit Gesichtern angesehen, aus denen ein und derselbe Gedanke sprach, und weder Einwände geäußert noch Bedingungen gestellt. Sie wussten ja, dass er zurückkommen würde.

Er war nicht der Einzige, der den Toten zu Gesicht bekommen hatte, doch er wusste, dass er der einzige echte Zeuge seines Todes war. Der Himmel wusste, dass er diesen Tod so gut verstand, wie kaum ein anderer es konnte. Dass er wusste, was es bedeutete, den Sinn seines Lebens verloren zu haben. Hätte ihn Gott nicht durch die Bande von Fleisch und Blut an die Erde gefesselt, hätte auch er nur zu gut ein solches Ende finden können – könnte es immer noch finden, wenn genau diese Bande nicht mehr wären.

Der Boden war steinig und fest, dies aber nur ein paar Zentimeter tief. Darunter befand sich weicher, torfiger Lehmboden, und das Grab öffnete sich ohne Schwierigkeiten und wurde im Rhythmus seiner Schaufel immer tiefer.

Teind. Wer von ihnen war es, der diesen Preis für die Schuld gegenüber der Hölle zahlen sollte? Quinn oder er? Er ging davon aus, dass Quinn sich selbst meinte, denn als Selbstmörder musste er ja damit rechnen, in die Hölle zu kommen. Doch ein Gedanke ließ ihm keine Ruhe: Warum hatte er das Wort mit seinem Blut an die Wand geschrieben? War es ein Geständnis … oder eine Anklage? Hätte Quinn gewusst, was Jamie getan hatte, hätte er doch gewiss »Fealltóir« geschrieben. Verräter. Und doch war der Mann Ire und hatte daher einen Hang zum Poetischen. »Teind« war ein Wort, das um einiges schwerer wog als »Fealltóir«.

Der Tag war warm, und nach einiger Zeit zog er sich erst die Hose aus und kurz darauf sein Hemd. Er arbeitete nackt weiter und trug nichts als Sandalen und ein Taschentuch, das er sich um die Stirn band, damit ihm der Schweiß nicht in die Augen lief. Es war niemand da, der seine Narben hätte sehen können, niemand außer Quinn, und das störte Jamie nicht.

Es war schon spät, als er das Grab schließlich begradigt hatte. Es war so tief, dass das Wasser unten in das Loch zu sickern begann, so tief, dass kein Fuchs beim Buddeln auf den Sargdeckel stoßen würde. Würden der Sarg und die Leiche gleichzeitig verrotten?, fragte er sich. Oder würde das dunkelbraune Moorwasser Quinn konservieren, so wie es einst den dreifach Ermordeten mit dem Goldring am Finger konserviert hatte?

Er blickte zu dem anderen unmarkierten Grab hinüber, das etwas höher lag. Immerhin würde Quinn nicht allein hierliegen.

Er hatte den Kelch mitgebracht, den Cupán Druìd-riogh, der in Jamies Umhang gewickelt darauf wartete heimzukehren. Doch zu wem? Nach seiner Frage, ob dies der Cupán Druìd-riogh war, hatte Grey den Kelch nie wieder erwähnt. Auch der Abt hatte nicht danach gefragt. Jamie begriff, dass der Kelch in seinen Händen lag, damit er nach Gutdünken damit verfuhr. Doch das Einzige, was er wollte, war, ihn los zu sein.

»Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen«, murmelte er und schleifte den Sarg an die Kante des Grabes. Er schob ihn mit aller Kraft hinein, und der Sarg tat einen Ruck und fiel mit einem lauten Krank! in die Erde. Jamie zitterte vor Anstrengung, und einen Moment lang stand er keuchend da und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Er vergewisserte sich, dass der Deckel nicht abgesprungen war und der Sarg nicht zersplittert oder auf die Seite gefallen war. Dann griff er noch einmal nach dem Spaten.

Die Sonne sank jetzt auf den Horizont zu, und er arbeitete schnell, denn er wollte nicht Gefahr laufen, die Nacht gestrandet auf der Insel zu verbringen. Die Luft kühlte sich ab, die Mücken schwärmten aus, und er hielt inne, um sich das Hemd wieder anzuziehen. Die Sonne stand tief am Horizont, ihre flachen Strahlen vergoldeten die dahintreibenden Wolken, und die dunkle Oberfläche des Moors glitzerte unter ihm wie Gold und Gagat. Er griff wieder nach dem Spaten, doch bevor er weiterschaufeln konnte, hörte er ein Geräusch, bei dem er sich umdrehte.

Kein Vogel, dachte er, und für die Klosterglocke war es noch zu früh. Es war ein Klang, den er noch nie gehört hatte und der ihm doch irgendwie vertraut erschien. Das Moor war verstummt; selbst das Summen der Mücken war nicht mehr zu hören. Er lauschte, doch das Geräusch wiederholte sich nicht, und er begann langsam weiterzuschaufeln. Hin und wieder hielt er inne und lauschte – worauf, wusste er nicht.

Es erklang erneut, als er fast fertig war. Das Grab war ordentlich aufgehäuft, hatte allerdings noch eine Öffnung am Kopfende. Er hatte vor, den Kelch hineinzulegen, damit Quinn das verflixte Ding mit in die Hölle nehmen konnte, wenn er wollte. Doch als er dann seinen Umhang aufhob, um den Kelch auszuwickeln, begann das Zwielicht, sich vom Boden zu erheben, und das Geräusch drang glasklar durch die stille Luft. Ein Horn.

Hörner. Wie Trompeten, allerdings Trompeten, wie er sie noch nie gehört hatte, und an seinem ganzen Körper stellten sich die Haare auf.

Sie kommen. Er hielt gar nicht erst inne, um sich zu fragen, wer es denn war, der da kam, sondern zog sich hastig Rock und Hose wieder an. Er kam nicht auf den Gedanken zu fliehen, und er fragte sich flüchtig, warum nicht, denn rings um ihn erbebte die Luft auf seltsame Art.

Weil sie nicht deinetwegen kommen, erwiderte die ruhige Stimme in seinem Kopf. Beweg dich nicht.

Jetzt konnte er sie sehen, Gestalten, die langsam aus der Ferne kamen, als materialisierten sie sich aus dem Nichts. Was, so dachte er, exakt das war, was sie gerade getan hatten.

Über dem Wasser hing kein Nebel, doch die Gruppe, die jetzt auf ihn zukam – es waren sowohl Männer als auch Frauen, dachte er – war aus dem Nirgendwo gekommen, denn sie konnten nirgendwo hergekommen sein; hinter ihnen lang nichts als der Sumpf, der sich bis ans Ufer des Sees erstreckte.

Wieder erklangen die Hörner, ein flacher Misston – hätte er es denn gemerkt, wenn es harmonisch klang?, fragte er sich –, und jetzt sah er sie auch, geschwungene Röhren, auf denen sich die Strahlen der untergehenden Sonne fingen und leuchteten wie Gold. Und er begriff, woher er den Klang kannte: Es klang wie die Rufe der Wildgänse.

Inzwischen waren sie näher gekommen, so nah, dass er ihre Gesichter und die Einzelheiten ihrer Kleidung ausmachen konnte. Sie waren zum Großteil schlicht gekleidet und trugen grob gesponnenes Leinen, außer einer weiß gekleideten Frau – warum ist ihr Rock nicht voller Schlamm? Und dann sah er mit leisem Erschrecken, dass ihre Füße den Boden gar nicht berührten –, die ein Messer mit einer langen, geschwungenen Klinge und einem glitzernden Knauf in der Hand trug. Ich muss daran denken, Vater Michael zu erzählen, dass es doch kein Schwert war.

Jetzt sah er eine weitere Ausnahme vom schlichten Auftreten der gespenstischen Schar – denn es war eine Schar, mindestens dreißig Leute. Hinter der Frau kam ein hochgewachsener Mann mit nacktem Oberkörper und einer schlichten Kniehose, der einen Umhang aus einem karierten Gewebe trug. Der Mann trug ein Seil um den Hals, und Jamie schnappte nach Luft, als spürte er, wie sich auch um seinen Hals eine Schlinge zog.

Wie lauteten noch die Namen, die ihm Vater Michael gesagt hatte?

»Esus«, sagte er, ohne zu merken, dass er es laut sagte. »Taranis. Teutates.« Und wie ein Uhrwerk wandte sich ihm erst der Kopf eines Mannes zu, dann der eines zweiten – und schließlich richtete die Frau ihren Blick auf ihn.

Er bekreuzigte sich und bat die Heilige Dreifaltigkeit mit lauten Worten um Hilfe, und die älteren Götter wandten die Blicke ab. Einer von ihnen, so erkannte er jetzt, trug einen hölzernen Hammer.

Er hatte sich schon oft gefragt, wie es geschehen konnte, dass Lots Frau zu einer Salzsäule wurde, doch jetzt begriff er, wie das möglich war. Erstarrt sah er zu, wie die Hörner zum dritten Mal ertönten und die Geisterschar knapp über der schimmernden Oberfläche des Moors schwebend zum Halten kam und einen Kreis um den hochgewachsenen Mann bildete. Er überragte die anderen um Kopfesgröße, und nun entflammte die Sonne sein Haar. Die Frau in Weiß trat auf ihn zu und hob ihre Klinge, der Mann mit dem Hammer trat feierlich hinter den hochgewachsenen Mann, und ein dritter griff nach dem Ende des Strickes an seinem Hals.

»Nein!«, rief Jamie, der plötzlich wie aus der Erstarrung erwachte. Er holte mit dem Arm aus und schleuderte den Cupán so fest wie möglich in die Mitte der Geisterschar. Er landete platschend im Moor, und die Gestalten verschwanden.

Er blinzelte, dann blickte er mit zusammengekniffenen Augen in das Gleißen der untergehenden Sonne. An der Oberfläche des schweigenden Moors regte sich nichts, und kein Vogel sang. Mit der plötzlichen Energie eines Verrückten packte er den Spaten und schaufelte wie wild, glättete das Grab, klemmte sich den Umhang unter den Arm und rannte los. Das Wasser spritzte ihm von den Sandalen, als er den hölzernen Pfad betrat, der halb unter Wasser lag.

Hinter sich glaubte er, das Echo wilder Gänse zu hören, und er musste sich einfach noch einmal umsehen.

Da waren sie wieder. Sie hatten ihm den Rücken zugekehrt und bewegten sich jetzt von ihm fort auf die untergehende Sonne zu. Vom Glitzern der geschwungenen Hörner sah er nichts. Doch er glaubte, das karierte Tuch in der Menge aufleuchten zu sehen – vielleicht der Umhang des hochgewachsenen Mannes. Gewiss war es nur eine Täuschung des schwindenden Lichts, dass das karierte Tuch rosa zu leuchten schien.