Neun


DAMALS

Ich liege auf meinem Bett. Und lasse mich von Jason küssen.

Alles nur wegen Graham.

Ich hätte Jason niemals mit nach Hause genommen, wenn Graham nicht vorhin im Restaurant gewesen wäre. Aber aus irgendeinem Grund hat mich das Wiedersehen mit ihm total … aufgewühlt. Als er seine Freundin auf die Schläfe geküsst hat, habe ich einen heißen Stich der Eifersucht gespürt. Und als Jason und ich auf dem Weg zum Ausgang an ihnen vorbeigegangen sind und Graham nach ihrer Hand griff, hat sich die Eifersucht in Bedauern verwandelt.

Warum habe ich ihn nie angerufen?

Ich hätte es tun sollen.

»Quinn.« Jason hat gerade noch meinen Hals geküsst, jetzt stützt er sich auf die Ellbogen und sieht mich auf eine Art an, die mir unangenehm ist. »Hast du ein Kondom da?«

»Tut mir leid«, lüge ich und schüttle den Kopf. »Ich … ich habe nicht damit gerechnet, dass du heute mit zu mir kommst.«

»Kein Problem.« Er senkt das Gesicht wieder zu meinem Hals. »Nächstes Mal bin ich vorbereitet.«

Ich fühle mich mies, weil es wohl kaum ein nächstes Mal geben wird. Das war heute Abend unser letztes Date. Ich bin mir sehr sicher, dass ich ihn gleich bitten werde zu gehen. Das Wiedersehen mit Graham hat mir klargemacht, was ich in Gegenwart eines anderen Mannes fühlen kann. Und was ich jetzt fühle, ist nichts im Vergleich zu dem, was ich beim Wiedersehen mit Graham gefühlt habe.

Jason raunt irgendwas in meine Haare, das ich nicht verstehe, und lässt seine Finger unter meinem Shirt zum BH gleiten, als es an der Tür klingelt. Zum Glück.

»Oh nein«, rufe ich und rutsche hastig vom Bett. »Das ist bestimmt meine Mutter.« Ich zupfe meine Klamotten zurecht. »Wartest du hier? Ich bin gleich wieder zurück.«

»Klar.« Jason rollt sich träge auf den Rücken und sieht mir hinterher. Auf dem Weg zur Tür kommt mir plötzlich der verrückte Gedanke, es könnte womöglich jemand ganz anderes sein. Als ich durch den Spion schaue, stockt mir kurz der Atem.

Es ist tatsächlich Graham, der vor der Tür steht und auf seine Füße schaut.

Ich drücke die Stirn gegen das Holz, schließe die Augen und atme tief durch. Was macht er hier? Bevor ich die Tür öffne, zupfe ich noch mal mein Top zurecht und streiche mir über die Haare. Als ich ihm dann gegenüberstehe, merke ich, dass ich sauer auf ihn bin. Warum löst er solche heftigen Gefühle in mir aus? Graham berührt mich nicht einmal und trotzdem spüre ich ihn überall. Jason hat mich überall berührt und ich habe rein gar nichts gespürt.

»Was …?« Es ist mehr ein heiseres Krächzen als meine Stimme. Ich räuspere mich und starte einen zweiten Versuch. »Was machst du hier?«

Graham grinst und stützt sich mit einer Hand am Türrahmen ab. Sein Grinsen in Kombination mit der Tatsache, dass er gleichzeitig Kaugummi kaut, ergibt so ungefähr den heißesten Auftritt, den ich bei einem Typen je gesehen habe. »Wieso? Ich dachte, das wäre der Plan.«

Ich bin verwirrt. »Der Plan?«

Er lacht etwas verlegen. Aber dann stutzt er. »Na ja, weil …« Er deutet hinter sich. »Dein Blick eben im Restaurant.«

Seine Stimme ist ganz schön laut. Ich schaue nervös über die Schulter zum Schlafzimmer und stelle mich ein Stückchen nach links, um Jason zu verdecken. »Was für ein Blick?«

Graham verengt die Augen. »Also … ich dachte, dein Blick würde ausdrücken, dass ich nachher bei dir vorbeikommen soll.«

Ich schüttle den Kopf. »Ganz sicher nicht. Ich wüsste nicht mal, wie ein Blick aussehen sollte, der sagt: ›Hey, lass dein Date sitzen und komm heute Nacht zu mir.‹«

»Ups.« Graham presst die Lippen zusammen und schaut peinlich berührt zu Boden. Dann sieht er mich an, ohne den Kopf zu heben, und sagt leiser: »Ist er etwa bei dir? Der Typ, mit dem du im Restaurant warst?«

Jetzt bin ich diejenige, die verlegen ist. Ich nicke.

Graham seufzt und lehnt sich gegen den Türrahmen. »Wow. Da hab ich deinen Blick wohl massiv missverstanden, oder?«

Als er mich jetzt wieder ansieht, fällt mir auf, dass seine linke Wange ziemlich gerötet ist. Ich zeige darauf. »Was ist passiert?«

Graham umfasst grinsend mein Handgelenk und zieht meinen Arm runter, lässt ihn aber nicht los. Ich will auch gar nicht, dass er loslässt. »Ich hab eine Ohrfeige bekommen. Das ist okay. Ich hatte sie verdient.«

Jetzt erkenne ich deutlich den Handabdruck auf seiner Wange. »Dein Date?«

Er hebt eine Schulter. »Nach der Sache mit Sasha ist mir klar geworden, wie wichtig Ehrlichkeit für mich ist. Jess … die Frau, mit der ich heute unterwegs war, hat das … eher nicht so zu schätzen gewusst.«

»Was hast du zu ihr gesagt?«

»Dass das mit uns nicht so weiterlaufen kann, weil es eine andere gibt, die mir wichtiger ist. Und dass ich jetzt zu ihr fahre.«

»Weil sie dich so angeschaut hat, als würde sie dich dazu auffordern?«

Er lächelt. »Zumindest habe ich mir das eingebildet.« Er streicht mit dem Daumen über meine Hand und lässt mich dann los. »Tja, Quinn. Ich hab mich getäuscht. Dann vielleicht ein andermal.«

Er macht einen Schritt zurück, und es ist, als würde er mir das Herz herausreißen, als er sich zum Gehen wendet.

»Graham!«, bricht es aus mir hervor und ich gehe ihm unwillkürlich hinterher. Er dreht sich um. Ich weiß nicht, ob ich bereuen werde, was ich gleich zu ihm sage, aber ich würde es unter Garantie noch mehr bereuen, es nicht zu sagen. »Gib mir eine Viertelstunde und komm dann noch mal. Ich sage ihm, dass er nicht bleiben kann.«

Graham strahlt, aber dann wandert sein Blick über meine Schulter hinweg in meine Wohnung. Ich drehe mich um. Jason steht in der Schlafzimmertür. Er sieht stinksauer aus. Zu Recht.

Er marschiert an mir vorbei in den Hausflur und rempelt Graham im Vorbeigehen mit der Schulter an. Graham steht nur stumm da und starrt auf den Boden.

Ich fühle mich supermies. Andererseits hätte ich mich auch mies gefühlt, wenn Jason das jetzt nicht so deutlich mitbekommen und ich ihm nur gesagt hätte, dass er nicht bleiben kann. Es ist immer hart, eine Abfuhr zu bekommen. Egal, wie sie verpackt wird.

Keiner von uns sagt ein Wort, während Jasons Schritte im Treppenhaus verklingen.

Als es wieder still ist, sieht Graham mich an. »Brauchst du die Viertelstunde noch?«

Ich schüttle den Kopf. »Nein.«

Ich gehe in die Wohnung zurück, Graham folgt mir. Nachdem ich die Tür hinter uns zugemacht habe, drehe ich mich zu ihm um. Er schaut lächelnd auf die Stelle an der Wand, wo immer noch seine Haftnotiz klebt.

»Du hast sie nicht weggeworfen.«

Ich lächle schief. »Irgendwann hätte ich dich noch angerufen. Glaube ich.«

Graham zieht den Zettel ab, faltet ihn zusammen und schiebt ihn in seine Jackentasche. »Den wirst du nicht mehr brauchen. Ich sorge dafür, dass du meine Nummer auswendig kannst, bevor ich morgen gehe.«

»Ach? Bist du dir so sicher, dass du über Nacht bleiben darfst?«

Graham dreht sich zu mir, stemmt neben meinem Kopf eine Hand an den Türrahmen und sieht mich nur an. Und in diesem Moment wird mir klar, warum ich ihn so anziehend finde.

Es liegt daran, dass er mir das Gefühl gibt, anziehend zu sein. Wie er mich ansieht. Wie er mit mir spricht. Ich weiß nicht, ob es schon jemals jemanden gab, der mir mit seinem Blick so sehr das Gefühl gegeben hat, schön zu sein. Der mich ansieht, als müsste er seine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, um seinen Mund nicht auf meinen zu pressen. Wir stehen voreinander, sein Blick fällt auf meine Lippen, und er beugt sich so dicht zu mir, dass ich seinen Kaugummi riechen kann. Spearmint.

Ich will, dass er mich küsst. Ich wünsche mir sogar mehr, dass er mich küsst, als ich mir eben bei Jason gewünscht habe, dass er aufhört, mich zu küssen. Und dieser Wunsch war schon sehr stark. Aber weil mir Ehrlichkeit genauso wichtig ist wie ihm, will ich für absolute Transparenz und Offenheit sorgen, bevor irgendetwas – was auch immer – zwischen uns passiert.

»Bevor du gekommen bist, habe ich Jason geküsst …«

»Ja. Das habe ich mir schon gedacht.« Es scheint ihn nicht zu stören.

Ich lege beide Handflächen auf seine Brust. »Es ist nur … Jetzt würde ich dich gern küssen. Aber vorher muss ich mir die Zähne putzen, weil es sonst … irgendwie eklig wäre.«

Graham lacht leise. Wie kann es sein, dass ich sein Lachen so sexy finde? Er beugt sich zu mir und legt seine Stirn an meine Schläfe. Ich spüre seine Lippen direkt über meinem Ohr, und meine Knie werden weich, als er raunt: »Aber bitte beeil dich.«

Ich schlüpfe unter seinem Arm hindurch, renne zum Bad und greife nach Zahnbürste und Zahnpasta, als müsste ich irgendeinen Rekord brechen. Mit zitternden Händen drücke ich einen Streifen Zahnpasta auf die Bürste und beginne hektisch, mir die Zähne zu putzen. Ich bin gerade dabei, mir sogar die Zunge zu schrubben, als ich im Spiegel sehe, wie Graham ins Bad kommt. Das alles ist so absurd, dass ich lachen muss.

Seit sechs Monaten habe ich niemanden mehr geküsst, und jetzt bürste ich mir die Spuren des Einen weg, während der Nächste schon wartet.

Graham lehnt grinsend neben mir, als ich mich vorbeuge und den Schaum ins Waschbecken spucke. Ich spüle die Bürste ab, fülle Wasser in den Becher und gurgle gründlich. Mein Mund soll so sauber sein, wie es nur geht. Irgendwann nimmt Graham mir den Becher aus der Hand und stellt ihn ab. Er holt seinen Kaugummi aus dem Mund, wirft ihn in den Mülleimer, zieht mich an sich und fragt noch nicht einmal, ob ich jetzt so weit bin. Stattdessen presst er seinen Mund so hungrig auf meinen, als wären die Minuten, in denen er warten musste, pure Folter für ihn gewesen.

In dem Moment, in dem sich unsere Lippen berühren, ist es, als würden aus einer Glut, die seit sechs Monaten unmerklich vor sich hin geglommen hat, explosionsartig Flammen schießen.

Graham hält sich nicht mit einem vorsichtigen Kennenlernkuss auf. Seine Zunge bewegt sich, als wäre sie schon viele Male in meinem Mund gewesen und wüsste genau, was sie zu tun hat, damit mir vor lauter Lust schwindelig wird. Nach einer Weile hebt er mich sanft hoch und setzt mich auf den Waschtisch. Er schiebt sich zwischen meine Schenkel, umfasst mit beiden Händen meinen Po und zieht mich mit einem Ruck an sich. Ich schlinge die Beine um seine Hüfte und die Arme um seinen Nacken. Wie kann es sein, dass ich mein Leben verbracht habe, ohne zu ahnen, dass solche Küsse überhaupt existieren?

Was er tut, fühlt sich so unbeschreiblich gut an, dass ich an der Kussfähigkeit jedes Mannes zweifle, den ich vor Graham jemals gehabt habe.

Als er seine Umarmung lockert, klammere ich mich an ihm fest, weil ich nicht will, dass dieser Kuss jemals endet. Aber er tut es.

Graham küsst mich zart auf beide Mundwinkel, bevor er sich endgültig von mir löst.

»Wow«, flüstere ich. Als ich die Augen öffne, sieht er mich an. Aber sein Blick ist nicht voll ungläubigem Staunen wie meiner, sondern … wütend. Ja, er sieht wirklich sauer aus.

»Ich kann nicht glauben, dass du mich nie angerufen hast«, sagt er kopfschüttelnd. »Wir hätten uns schon seit Monaten so küssen können.«

Ich bin immer noch so hin und weg, dass ich nur stammeln kann. »Ich … ich hab gedacht, du würdest mich zu sehr an Ethan erinnern. An das, was an dem Abend passiert ist …«

»Klar.« Er nickt. »Wie oft hast du an Ethan gedacht, seit wir uns vorhin im Restaurant wiedergesehen haben?«

»Nur ein Mal«, sage ich. »Gerade eben.«

»Gut. Weil ich nämlich nicht Ethan bin.« Er hebt mich hoch und trägt mich nach nebenan, wo er mich aufs Bett legt und sich sein T-Shirt auszieht. Ich weiß nicht, ob ich schon jemals Haut berührt habe, die so glatt ist und so straff, die sich so seidig anfühlt und so gebräunt ist. Graham ohne Shirt ist fleischgewordene Perfektion.

»Du hast einen …«, ich deute auf seine Brust und male einen Kreis in die Luft, »… tollen Körper. Er ist echt schön.«

»Vielen Dank.« Graham lacht und legt sich neben mich. »Das freut mich. Aber du wirst dich leider noch gedulden müssen, bevor du diesen Körper haben kannst.« Er schiebt sich ein Kissen in den Nacken und macht es sich bequem.

Ich stütze mich auf einen Ellbogen und sehe ihn entgeistert an. »Warum?«

»Wieso hast du es so eilig? Ich bin noch die ganze Nacht hier.«

Er will mich nur ärgern, oder? Das kann er nicht ernst meinen. Nicht nach diesem Kuss. »Okay. Und was machen wir in der Zwischenzeit? Uns unterhalten?«

Graham lächelt. »Das hört sich an, als wäre es die schlimmste Vorstellung der Welt für dich.«

»Wenn wir zu viel reden, bevor wir Sex haben, erfahre ich womöglich Dinge über dich, die mir nicht gefallen. Und dann macht der Sex nicht mehr so viel Spaß.«

Er streicht mir eine Strähne hinters Ohr und grinst. »Ja, kann sein … Aber vielleicht findest du auch heraus, dass wir Seelenverwandte sind, und danach wird der Sex umso überwältigender.«

Könnte natürlich auch sein. Ich drehe mich auf den Bauch, schlinge die Arme um mein Kissen und lege den Kopf darauf. »Na gut, dann unterhalten wir uns eben erst mal. Du fängst an.«

Graham streicht über meinen Arm und umkreist die Narbe an meinem Ellbogen. »Woher hast du die?«

»Als ich vierzehn war, sind meine Schwester und ich um die Wette in den Garten gerannt. Ich war schneller, habe aber dummerweise nicht gesehen, dass die Terrassentür zu war, und bin mit Vollkaracho durch die Scheibe gestürmt. Sie ist in tausend Stücke zersprungen und ich hatte zehn Schnittwunden. Aber das ist die einzige Narbe, die geblieben ist.«

»Krass.«

»Hast du irgendwelche Narben?«

Graham richtet sich ein Stück auf und zeigt auf eine etwa zehn Zentimeter lange Narbe am Schlüsselbein, die nach einer ziemlich gravierenden Verletzung aussieht. »Autounfall.« Er rutscht etwas näher an mich heran und legt sein linkes Bein über meines. »Hast du einen Lieblingsfilm?«

»Alle Filme von den Coen Brothers, aber mein Lieblingsfilm von ihnen ist ›Oh Brother, Where Art Thou?‹.«

Graham sieht mich an, als hätte er keine Ahnung, von welchem Film ich spreche. Dann sagt er, ohne eine Miene zu verziehen: »Wir dachten, du wärst ’ne Kröte.«

Ich strahle. »Verdammt. Wir stecken in der Klemme!«

»Also, sobald wir wieder sauber sind und ’n bisschen Pomade im Haar haben, werden wir uns hundert Prozent besser fühlen.«

Jetzt lachen wir beide. Ich seufze glücklich und Graham lächelt zufrieden. »Siehst du? Wir haben denselben Lieblingsfilm. Unser Sex wird galaktisch.«

Ich grinse. »Nächste Frage.«

»Was hasst du?«

»Untreue und die meisten Gemüsesorten.«

Graham lacht. »Heißt das, du lebst von Chicken Nuggets und Pommes?«

»Ich liebe Obst. Und Tomaten. Aber grünes Gemüse ist nicht so mein Ding. Ich hab mir wirklich Mühe gegeben, mich an den Geschmack zu gewöhnen, aber letztes Jahr habe ich es aufgegeben und beschlossen zu akzeptieren, dass ich es einfach nicht mag. Dann muss ich mir die Vitamine eben woanders holen.«

»Machst du Sport?«

»Nur im Notfall«, gebe ich zu. »Ich bin gerne draußen, aber nicht, um Sport zu machen.«

»Ich laufe gern«, sagt Graham. »Das macht den Kopf frei. Und ich esse wahnsinnig gern Gemüse, und zwar alle Arten … außer Tomaten.«

»Oh-oh, es sieht nicht gut für uns aus, Graham.«

»Im Gegenteil. Es könnte nicht besser sein. Du isst meine Tomaten und ich esse den Rest der Gemüsebeilage von deinem Teller. Dadurch muss nichts weggeworfen werden. Wir passen perfekt zusammen.«

Ich finde es gut, dass er das so sieht. »Was noch? Filme und Essen kratzen ja gerade mal an der Oberfläche.«

»Wir könnten über unsere politischen und religiösen Einstellungen sprechen, aber das heben wir uns vielleicht lieber auf, bis wir richtig verliebt sind. So was läuft gerne mal aus dem Ruder.«

Es klingt wie ein Witz, aber zugleich auch todernst. Jedenfalls gebe ich ihm recht, dass wir diese Themen lieber verschieben sollten. Solche Diskussionen können sogar für Leute gefährlich werden, die sich grundsätzlich gut verstehen.

Graham tastet unter dem Kissen nach meiner Hand und verschränkt seine Finger mit meinen. Ich versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie hingerissen ich bin. »Hast du einen Lieblingsfeiertag?«, fragt er.

»Ich mag alle Feiertage. Aber Halloween finde ich besonders toll.«

»Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Was gefällt dir daran so gut? Die Süßigkeiten oder dass man sich verkleidet?«

»Beides, aber hauptsächlich das Verkleiden.«

»Und was war bis jetzt dein bestes Kostüm?«

»Hm …« Ich denke kurz nach. »Ich bin mal mit drei Freundinnen als Milli Vanilli gegangen. Zwei haben geredet, die anderen beiden haben die dazupassenden Lippenbewegungen gemacht.«

Graham prustet vor Lachen und rollt sich auf den Rücken. »Das ist genial!«

»Verkleidest du dich an Halloween?«

»Früher schon, klar, aber in den letzten Jahren mit Sasha nicht mehr. Sie hat immer voll auf Klischee gemacht. Sexy Cheerleaderin. Sexy Krankenschwester. Sexy Nonne.« Er schüttelt den Kopf. »Nicht, dass ich was dagegen hatte. Wer Lust hat, sexy rumzulaufen, kann das machen, kein Problem. Aber sie wollte nicht, dass ich mich auch verkleide. Ich glaube, sie hatte Angst, dass sie sonst nicht im Mittelpunkt steht. Und Paar-Kostüme wollte sie schon gar nicht.«

»Das ist bitter. So viele verpasste Gelegenheiten.«

»Ja, oder? Dabei hätte ich mich doch als ihr sexy Quarterback verkleiden können!«

»Falls wir an Halloween noch Kontakt haben, können wir ja im Sexy-Partnerlook gehen.«

»Falls wir noch Kontakt haben? Quinn! Halloween ist in zwei Monaten. Da wohnen wir wahrscheinlich schon längst zusammen.«

Ich verdrehe die Augen. »Könnte es sein, dass du dir deiner Anziehungskraft ein bisschen zu sicher bist?«

»Könnte sein, ja.«

»Ich verstehe dich nicht. Die meisten Typen wollen sofort Sex. Aber du bringst mich an unserem ersten Abend ins Bett, ohne mich anzurühren, und dann tauchst du sechs Monate später wieder auf und zwingst mich dazu, mit dir zu reden, statt mit mir zu schlafen. Was ist los … muss ich mir Sorgen machen?«

»Täusch dich mal nicht in mir«, sagt Graham mit hochgezogener Augenbraue. »Ich stehe auf Sex. Sehr sogar. Aber wir haben eine ganze Ewigkeit vor uns. Es gibt keinen Grund, sich zu hetzen.«

Ich stütze mich auf den Ellbogen und sehe ihn an, kann aber nicht erkennen, ob er das ernst meint oder einen Witz macht. »Das mit dem Sex geht von mir aus klar«, sage ich. »Aber jetzt schon an die Ewigkeit zu denken, halte ich für etwas überstürzt.«

Graham schiebt einen Arm unter mich und zieht meinen Kopf an seine Brust. »Wie du willst, Quinn. Für dich tue ich gern ein paar Monate so, als wären wir keine Seelenverwandten. Kein Problem. Ich kann ziemlich gut schauspielern.«

Jetzt ist klar, dass er mich verarscht. »Seelenverwandte! So was gibt es doch gar nicht.«

»Natürlich nicht«, stimmt er mir sofort zu. »Wir sind nicht seelenverwandt. An so was wie Schicksal oder Seelenverwandtschaft glauben nur totale Deppen.«

»Ich meine das ernst.«

»Ich auch.«

»Du bist ein Idiot.«

Er drückt seine Lippen in meine Haare. »Was ist heute eigentlich für ein Tag?«

Es ist schwer, seinen sprunghaften Gedanken zu folgen. Ich hebe den Kopf und sehe ihn an. »Der 8. August. Warum?«

»Ich will nur sichergehen, dass ich das Datum, an dem uns das Universum wieder zusammengeführt hat, niemals vergesse.«

Ich lege meinen Kopf wieder auf seine Brust. »Du übertreibst es echt ein bisschen. Pass auf, dass du mich nicht vergraulst.«

Mein Kopf wippt auf seinem Brustkorb, als er lacht. »Nein, die Gefahr besteht, glaube ich, nicht. Warte es ab, Quinn. In exakt zehn Jahren werde ich mich um Punkt Mitternacht im Bett zu dir umdrehen und ›Siehst du, ich hab es dir ja gesagt‹ ins Ohr flüstern.«

»Bist du so ein Rechthaber?«

»Der schlimmste von allen.«

Ich pruste laut. Er bringt mich ziemlich oft zum Lachen. Als mir irgendwann die Lider schwer werden und ich immer wieder gegen ein Gähnen ankämpfen muss, habe ich immer noch ungefähr eine Million Fragen, die ich ihm vor dem Einschlafen gern stellen würde. Mit Graham im Bett zu liegen und zu reden, ist seltsamerweise fast entspannender als schlafen.

Irgendwann steht er auf und geht in die Küche, um Wasser zu holen. Als er zurückkommt, schaltet er das Licht aus, legt sich hinter mich und umarmt mich. Ich blinzle in die Dunkelheit hinein. So habe ich mir den Abend seit unserer Begegnung im Restaurant und dem plötzlichen Auftauchen bei mir zu Hause wirklich nicht vorgestellt. Ich war davon ausgegangen, dass es ihm vor allem um Sex geht.

So kann man sich in Menschen täuschen.

Ich schließe die Augen und lege meine Arme auf seine. »Und ich dachte, du würdest einen Witz machen, als du gesagt hast, dass wir heute keinen Sex haben werden«, flüstere ich.

Er lacht leise. »Das fällt mir nicht so leicht, wie du vielleicht denkst.« Er schiebt sich näher an mich heran, um mir zu beweisen, wie ernst er das meint, und es stimmt, ich kann ihn durch seine Jeans hindurch deutlich spüren.

»Oh Mann, das muss wahnsinnig ungemütlich für dich sein.« Ich kichere. »Bist du sicher, dass du deine Hose nicht doch lieber ausziehen willst …«

Er schmiegt sich noch fester an mich und drückt mir einen Kuss hinters Ohr. »Ich hatte es noch nie in meinem Leben gemütlicher.«

Ich spüre, wie ich in der Dunkelheit rot anlaufe. Ein paar Minuten lang liege ich still da und lausche auf seine Atemzüge, die immer regelmäßiger werden. Als ich schon beinahe weggedämmert bin, flüstert er: »Und ich hatte schon Angst, du würdest mir entwischen.«

Ich lächle. »Das kann ich immer noch.«

»Tu‘s nicht.«

Ich will gerade sagen »Werde ich nicht«, als er sich über mich beugt und mein Gesicht ein Stück zu sich dreht, damit er mich küssen kann. Der Kuss ist genau richtig. Nicht zu kurz, aber auch nicht so intensiv, dass er zu mehr führen würde. Es ist der perfekte Kuss für den perfekten Moment.