Elf


DAMALS

Noch bevor ich am nächsten Morgen die Augen öffne, spüre ich die Wärme seines Körpers neben mir und freue mich, dass er immer noch da ist. Seine Hand tastet übers Laken und findet meine unter dem Kissen. Er verschränkt unsere Finger miteinander. »Guten Morgen.«

Jetzt mache ich die Augen auf und kann gar nicht anders, als zu lächeln. Graham streicht mir mit dem Daumen der anderen Hand zart über die Wange.

»Und? Was habe ich verpasst, während ich geschlafen habe? Hast du geträumt?«

Das ist mit Abstand das Süßeste, was ich jemals von einem Mann gehört habe. Ich weiß nicht, ob das gut ist oder schlecht. »Tatsächlich hatte ich einen ziemlich verrückten Traum. Du hast auch mitgespielt.«

Er lässt meine Hand los, stützt sich auf den Ellbogen und sieht mich an. »Echt? Erzähl.«

»In meinem Traum standest du in einem Taucheranzug vor meiner Wohnungstür und hast gesagt, dass ich auch schnell meine Tauchausrüstung anziehen soll, weil wir nachher noch mit Haien schwimmen würden. Als ich gesagt habe, dass ich mich vor Haien fürchte, hast du gesagt: ›Aber Quinn. Die Haie sind doch in Wirklichkeit Kätzchen!‹ Und dann hab ich gesagt: ›Aber ich hab Angst vor dem Meer.‹ Und du hast gesagt: ›Aber Quinn. Das Meer ist doch in Wirklichkeit ein Park.‹«

Graham lacht. »Und wie ging es dann weiter?«

»Ich habe dann natürlich auch meinen Taucheranzug angezogen. Aber du bist mit mir weder ans Meer noch in einen Park gefahren, sondern zu deiner Mutter, um mich ihr vorzustellen. Und ich habe mich total geschämt und war stinksauer, weil ich in einem Taucheranzug am Mittagstisch sitzen musste.«

Graham lässt sich lachend ins Kissen zurückfallen. »Das ist der sensationellste Traum in der Geschichte aller Träume.«

Ich strahle, und in diesem Moment wünsche ich mir, ich könnte ihm für den Rest meines Lebens jeden einzelnen meiner Träume erzählen.

Es ist total schön, wie er sich wieder zu mir dreht und mich ansieht, als gäbe es keinen Menschen, mit dem er jetzt lieber im Bett liegen würde. Und dann beugt er sich vor und drückt seinen Mund auf meinen. Ich würde am liebsten den ganzen Tag mit ihm hier liegen bleiben, aber er richtet sich wieder auf und verkündet: »Ich hab Hunger. Hast du was zu essen da?«

Ich nicke. Bevor er aus dem Bett steigen kann, ziehe ich ihn noch einmal zu mir runter und gebe ihm einen Kuss auf die Wange. »Weißt du was, Graham? Ich mag dich.« Und dann stehe ich auf und gehe ins Bad.

»Natürlich magst du mich, Quinn!«, ruft er mir hinterher. »Ich bin ja auch dein Seelenverwandter.«

Ich schließe lachend die Tür. Und dann schaue ich in den Spiegel und unterdrücke einen Schrei. Meine Wimperntusche ist pandamäßig verlaufen. Auf meiner Stirn ist über Nacht ein Pickel gewachsen. Und meine Haare sind zerrauft, aber nicht auf die sexy-verschlafene Art, sondern so, als hätten Ratten sich darin ein Nest gebaut.

Ich stöhne und rufe: »Ich geh schnell mal unter die Dusche.«

»Dann mach ich uns in der Zwischenzeit Frühstück«, ruft Graham aus der Küche zurück.

Viel wird er vermutlich nicht finden. Da ich kaum mehr koche, seit ich wieder Single bin, habe ich nie viele Vorräte im Haus. Ich stelle mich unter die Dusche und lasse das Wasser laufen. Natürlich weiß ich nicht, ob Graham vorhat, nach dem Frühstück noch zu bleiben, will mich aber lieber für alle Eventualitäten vorbereiten.

Nach ein paar Minuten höre ich Grahams Stimme direkt neben mir. »Quinn?«

Ich zucke zusammen und halte mich an der Duschstange fest, um nicht auszurutschen, lasse sie aber sofort los, als der Vorhang aufgezogen wird und Graham in die Dusche späht. Er schaut mir zwar nur ins Gesicht, aber ich kreuze trotzdem die Arme vor der Brust.

»Du hast praktisch nichts Essbares da. Nur Cracker und eine Schachtel mit uralten Cornflakes.« Er tut so, als würde ihn meine Nacktheit völlig ungerührt lassen. »Soll ich uns was holen?«

»Äh … okay.« Ich bin ziemlich sprachlos über seine Unverfrorenheit. »Der Wohnungsschlüssel liegt auf der Küchentheke.«

Graham grinst und beißt sich auf die Unterlippe. Jetzt wandert sein Blick doch langsam meinen Körper hinunter. »Oh Mann … Quinn …«, flüstert er. Dann zieht er den Vorhang mit einem Ruck zu und sagt: »Bin gleich wieder zurück.« Bevor er aus dem Bad geht, höre ich ein unterdrücktes »Fuck«.

Ich kann nicht anders, als zu lächeln. Ich liebe es, dass er mir das Gefühl gibt, unwiderstehlich zu sein.

Ich drehe mich wieder um, schließe die Augen und lasse mir das heiße Wasser aufs Gesicht prasseln. Es fällt mir schwer, Graham einzuschätzen. Er wirkt fast schon unverschämt selbstbewusst, aber das gleicht er dadurch aus, dass er sich mir gegenüber extrem respektvoll verhält. Er ist witzig und schlagfertig und legt beim Flirten ein unglaubliches Tempo vor, aber alles, was er sagt und tut, fühlt sich aufrichtig an.

Aufrichtig.

Ja. Wenn ich ihn mit einem Wort beschreiben müsste, dann mit diesem.

Interessanterweise ist das eine Eigenschaft, die mir im Zusammenhang mit Ethan niemals in den Sinn gekommen wäre. Ehrlich gesagt hatte ich immer den Verdacht, dass seine scheinbare Perfektion nur eine Rolle war. Als hätte man ihm beigebracht, immer das Richtige zu sagen, aber es käme nicht wirklich aus seinem tiefsten Inneren. Als würde er der Außenwelt immer nur eine perfekte Fassade zeigen.

Bei Graham habe ich dagegen das Gefühl, dass er schon sein Leben lang genau der ist, der er wirklich ist.

Ob ich durch ihn wieder lernen könnte, einem anderen Menschen zu vertrauen? Ich hatte Angst, dass ich mich nach Ethan nie mehr auf jemanden einlassen könnte.

Ich steige aus der Dusche, trockne mich ab und ziehe mir ein T-Shirt und eine Yogahose an. Erst mal was Bequemes, und falls Graham vorhat, irgendwas zu unternehmen, kann ich mich immer noch richtig anziehen.

Als ich aus dem Bad komme und nach meinem Handy greife, das auf dem Nachttisch liegt, sehe ich, dass ich mehrere neue Nachrichten habe.

Hier ist Graham. Dein Seelenverwandter. Ich hab deine Nummer aus deinem Handy und meinen Kontakt bei dir eingespeichert.

Was willst du zum Frühstück? McDonald’s? Starbucks? Donuts?

Bist du immer noch unter der Dusche?

Möchtest du Kaffee?

Ich krieg das Bild von dir unter der Dusche nicht aus dem Kopf.

Okay, ich besorge uns Bagels.

Ich bin gerade dabei, meine feuchten Handtücher im Bad aufzuhängen, da höre ich den Schlüssel im Schloss. Ich gehe ins Wohnzimmer, wo Graham am Tisch steht und Tüten auspackt. Er hat ziemlich viel eingekauft. Unfassbar viel.

»Du hast auf meine Nachrichten nicht reagiert, und ich wusste nicht, was du willst, deswegen habe ich zur Sicherheit alles geholt.«

Mein Blick wandert über einen Karton Donuts und das komplette Frühstücksangebot von McDonald’s und Chick-fil-A. Bagels hat er auch besorgt. Und Kaffee von Starbucks.

»Ist das ein Versuch, die Frühstücksszene aus Pretty Woman nachzustellen, wo Richard Gere alles von der Speisekarte kommen lässt?«, frage ich lächelnd und setze mich an den Tisch.

Er runzelt die Stirn. »Wie? Du meinst, das hat vor mir schon mal jemand gemacht?«

Ich nehme mir einen Donut mit Zuckerglasur und beiße hinein. »Sorry. Du musst schon ein bisschen einfallsreicher sein, wenn du mich beeindrucken willst.«

Er setzt sich mir gegenüber, zieht den Deckel von einem Starbucks-Becher und leckt die Schlagsahne ab. »Schade. Dann muss ich die weiße Stretchlimo wohl abbestellen, die heute Nachmittag vor deiner Feuertreppe warten sollte.«

Ich lache. »Danke, dass du Frühstück besorgt hast.«

Er lehnt sich zurück und drückt den Deckel wieder auf den Becher. »Was hast du denn heute noch so vor?«

Ich zucke mit den Schultern. »Na ja. Es ist Samstag. Arbeiten muss ich jedenfalls nicht.«

»Ich weiß noch nicht mal, was du beruflich machst.«

»Nichts Tolles. Ich bin Texterin in einer Werbeagentur.«

»Es gibt nichts an dir, was ich nicht toll finde, Quinn.«

Ich gehe auf sein Kompliment nicht ein. »Und du?«

»Nichts Tolles. Ich arbeite als Steuerberater in einer Kanzlei.«

»Dann bist du also ein Mathe-Genie, was?«

»Am liebsten wäre ich ja Astronaut geworden, aber die Vorstellung, die Erdatmosphäre zu verlassen, macht mir irgendwie zu viel Angst. Zahlen sind ungefährlicher, also hab ich mich dafür entschieden.« Er greift nach einer der Papiertüten und holt ein Buttermilchbrötchen heraus. »Ich finde, wir sollten heute Abend Sex haben.« Er beißt in das Brötchen. »Und zwar die ganze Nacht lang«, sagt er mit vollem Mund.

Ich verschlucke mich fast an dem Bissen, den ich gerade im Mund habe, ziehe den zweiten Kaffeebecher zu mir heran und trinke einen Schluck. »Ach echt, ja? Und was ist an heute so anders als gestern?«

Er reißt ein Stück von seinem Brötchen ab und wirft es sich in den Mund. »Gestern wollte ich noch den Anstand wahren.«

»Dann ist deine Anständigkeit nur Fassade?«

»Nein, ich bin wirklich ein anständiger Typ. Aber ich finde dich auch extrem hübsch und würde dich gern noch mal nackt sehen.« Er lächelt mich an. Diesmal ist sein Lächeln beinahe schüchtern und so süß, dass ich gar nicht anders kann, als auch zu lächeln.

»Es gibt Männer, die von ihren Freundinnen betrogen werden und danach nie mehr mit offenen Karten spielen. Du wirst betrogen und entscheidest dich für brutale Ehrlichkeit.«

Er lacht, aber das Thema Sex scheint damit beendet zu sein. Stattdessen konzentrieren wir uns erst mal schweigend auf unser Frühstück.

»Was hast du eigentlich mit deinem Verlobungsring gemacht?«, fragt er irgendwann.

»Den habe ich Ethans Mutter geschickt.«

»Und was ist aus dem geworden, den ich hier gelassen habe?«

Ich lächle ein bisschen verlegen. »Den habe ich behalten. Manchmal trage ich ihn. Ich mag ihn.«

Graham sieht mich einen Moment lang stumm an. »Möchtest du wissen, was ich behalten habe?«

Ich nicke.

»Die Zettel aus den Glückskeksen.«

Es dauert einen Moment, bis ich kapiere, wovon er spricht. »Die von unserem chinesischen Essen im Gang vor Ethans Tür?«

»Genau die.«

»Du hast sie aufgehoben?«

»Na klar.«

»Warum?«

Er schiebt seinen Becher in einem kleinen Kreis auf der Tischplatte herum. »Wenn du wüsstest, was auf der Rückseite stand, würdest du das nicht fragen.«

Ich lehne mich zurück und sehe ihn misstrauisch an. Zufällig kenne ich diese Sorte Glückskekse sehr genau, schließlich haben Ethan und ich oft genug beim Chinesen bestellt. Ich weiß, was auf der Rückseite steht, weil ich es immer merkwürdig fand. Normalerweise sind auf die Zettel hinten immer unterschiedliche Zahlenkombinationen gedruckt, aber bei dieser Sorte ist es nur eine einzelne Ziffer. »Da steht einfach nur eine Zahl drauf.«

»Korrekt.« Grahams Augen funkeln.

Ich sehe ihn mit schräg gelegtem Kopf an. »Und? Stand auf beiden dieselbe Zahl, oder was?«

Sein Blick wird sehr ernst. »Genau. Und zwar die Zahl Acht.«

Ich sehe ihn verständnislos an, dann begreife ich. Gestern Abend hat er mich nach dem Datum gefragt. Es war der 8. August.

Der 8. 8.

Der Tag, an dem wir uns wiedergetroffen haben.

»Im Ernst?«

Grahams Miene bleibt einen Moment lang reglos, dann lacht er. »War nur ein Witz. Auf deinem Zettel stand eine Sieben und auf meinem eine Fünf, glaube ich.« Er steht auf, sammelt die leeren Tüten ein und geht zur Küchenzeile. »Ich habe sie aufgehoben, weil ich ein Ordnungsfanatiker bin und es nicht mag, wenn Zeug auf dem Boden rumliegt. Danach hab ich sie vergessen und erst wieder entdeckt, als ich abends zu Hause meine Taschen ausgeräumt habe.«

Ich frage mich, was von der Geschichte stimmt. »Aber du hast die Zettel wirklich behalten?«

Graham wirft unseren Abfall in den Treteimer. »Natürlich.« Er kommt zum Tisch zurück, zieht mich vom Stuhl, schlingt die Arme um meine Taille und küsst mich. Es ist ein süßer Kuss, der nach Karamell und Puderzucker schmeckt. Danach hält er mich ein Stück von sich weg, küsst mich auf die Wange und drückt mich an sich. »Du weißt schon, dass ich dich nur ärgern will, oder? Ich glaube nicht wirklich, dass wir den Rest unseres Lebens zusammen verbringen. Noch nicht.«

Es gefällt mir, von ihm geärgert zu werden. Sehr sogar. Als ich gerade den Mund öffne, um etwas zu sagen, klingelt sein Handy.

»Sekunde.« Graham zieht es aus der Jeans, wirft einen Blick darauf und geht sofort ran. »Hey, Allerliebste. Was gibt’s?« Er hält das Mikro zu und flüstert. »Nur meine Mutter. Flipp nicht aus.«

Ich lache und überlasse ihn seinem Telefonat, während ich die Reste unseres Frühstücks zusammenpacke. Er hat so viel gekauft, ich weiß nicht mal, ob alles in meinen Kühlschrank passt.

»Nichts Besonderes«, sagt Graham im Hintergrund. »Und Dad? Ist er golfen?« Er wirkt total unverkrampft und fröhlich. Wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, bin ich angespannt und verdrehe ständig die Augen. »Abendessen? Cool. Sehr gerne. Kann ich meine Freundin mitbringen?« Er hält das Handy wieder zu und sieht mich an. »Hol schon mal deinen Taucheranzug aus dem Schrank, Quinn.«

Keine Ahnung, ob ich lachen oder sauer sein soll. Ich weiß noch nicht mal seinen Nachnamen und will seine Eltern nicht kennenlernen. »Auf keinen Fall!«, sage ich unhörbar, aber sehr entschieden und schüttle den Kopf.

Er zwinkert mir zu. »Sie heißt Quinn«, sagt er ins Telefon und sieht mich an, während er weiterredet. »Ja, es ist was ziemlich Ernstes. Wir kennen uns jetzt schon eine ganze Weile.«

Ich schnaube. Dieser Kerl ist wirklich unglaublich.

»Moment, ich frag sie.« Diesmal hält er das Handy nicht zu, spricht aber viel lauter, als er müsste. »Baby!«, ruft er, als wäre ich in einem anderen Zimmer. »Möchtest du Kuchen oder lieber einen Crumble zum Nachtisch?«

Ich gehe auf ihn zu und stelle mich dicht vor ihn hin, damit er sieht, wie ernst es mir ist. »Wir hatten noch nicht mal ein richtiges Date«, zische ich. »Ich will deine Mutter noch nicht kennenlernen, Graham.«

Er bedeckt das Telefon wieder mit der Hand und zeigt zum Tisch. »Hallo? Wir hatten gerade vier Dates«, flüstert er. »Chick-fil-A, McDonald’s, Donuts, Starbucks …« Er hebt das Handy wieder ans Ohr. »Lieber Kuchen. Gut. Dann kommen wir so gegen sechs zu euch?« Kurze Pause. »Alles klar. Ich dich auch. Bis später.«

Er steckt das Handy in die Tasche. Ich sehe ihn wütend an, aber das halte ich nicht lang durch, weil er mich packt und kitzelt, bis ich lachen muss. Als ich total außer Atem bin, zieht er mich an sich.

»Du wirst es nicht bereuen, Quinn. Wenn meine Mom einmal für dich gekocht hat, willst du nie mehr woanders essen.«

Ich seufze schwer. »Du bist ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte.«

Er presst sein Kinn auf meinen Kopf. »Ist das gut oder schlecht?«

»Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht.«