Zwölf
JETZT
Als ich in die Straße einbiege, in der Caroline mit ihrer Familie wohnt, steht nur Grahams Wagen in der Einfahrt. Ich bin erleichtert, dass außer uns anscheinend niemand da ist.
Gestern ist das neue Baby gekommen. Es war eine Hausgeburt, ein Junge. Seit Graham der erste, der in der Familie geboren wurde.
Caroline ist die einzige seiner Schwestern, die in Connecticut geblieben ist. Tabitha wohnt mit ihrer Frau in Chicago. Ainsley, die Anwältin ist, hält es nirgendwo lange aus. Sie reist genauso gern und viel in der Welt herum wie Ava und Reid. Manchmal beneide ich sie ein bisschen um ihre Unabhängigkeit, aber ich hatte eben immer andere Prioritäten.
Graham und ich haben ein sehr enges Verhältnis zu Carolines beiden Töchtern. Abgesehen von den Sonntagen, die wir fast immer zusammen verbringen, unternehmen wir öfter auch mal alleine etwas mit den beiden, machen Ausflüge oder gehen ins Kino, damit Caroline und ihr Mann Zeit für sich haben. Nachdem jetzt ein Säugling im Haus ist und Caroline bestimmt erst einmal ziemlich eingespannt sein wird, kümmern wir uns wahrscheinlich noch häufiger um die beiden.
Ich sehe Graham wahnsinnig gern dabei zu, wenn er sich mit den Mädchen beschäftigt. Er hat immer irgendwelche verrückten Spielideen, und es gibt nichts Schöneres für ihn, als sie zum Lachen zu bringen. Gleichzeitig nimmt er sie aber auch als eigenständige Persönlichkeiten ernst und beantwortet geduldig auch noch die tausendste »Und warum?«-Frage. Er bemüht sich immer, ehrlich mit ihnen zu sein, und würde sich nie über sie lustig machen. Obwohl sie erst drei und fünf sind, redet er mit ihnen auf Augenhöhe. Caroline macht immer Witze darüber, dass jeder zweite Satz von den beiden mit »Aber Onkel Graham hat gesagt …« anfängt.
Es macht mich glücklich, dass er so eine schöne Beziehung zu seinen Nichten hat, und ich freue mich, ihn jetzt bald auch mit seinem kleinen Neffen zu erleben. Wenn ich ihn beobachte, kommt mir natürlich oft auch der Gedanke, was für ein großartiger Vater er wäre, aber ich lasse mir meine Traurigkeit nie anmerken, weil ich sein Verhältnis zu seiner Familie auf keinen Fall belasten möchte.
Auch jetzt trainiere ich im Rückspiegel mein Lächeln, bevor ich aussteige und reingehe. Es ist schon bitter. Eigentlich war ich von Natur aus immer fröhlich und optimistisch, aber mittlerweile muss ich mir jedes Lächeln hart erarbeiten.
Vor der Haustür zögere ich kurz, weil ich nicht weiß, ob ich einfach reingehen oder lieber klingeln soll. Andererseits möchte ich Caroline oder das Baby nicht aufwecken, falls sie schlafen, also drücke ich vorsichtig die Tür auf. Im vorderen Teil des Hauses ist alles still. Im Wohnzimmer sehe ich zwar ein paar unausgepackte Babygeschenke, aber es ist niemand da. Ich stelle das Geschenk von mir und Graham, das ich besorgt habe, auf den Couchtisch und gehe dann durch die Küche in den hinteren Teil des Hauses, in dem Caroline und ihre Familie sich meistens aufhalten. Es ist ein Anbau, den sie sich einige Zeit nach Gwenns Geburt geleistet haben.
Die eine Hälfte des großen Raums nimmt eine gemütliche Couchlandschaft mit Fernseher ein, die andere dient als Spielzimmer für die Mädchen.
Ich sehe Graham schon von der Küche aus. Er hält seinen Neffen im Arm, der in eine Decke gewickelt ist. Eigentlich ein wunderschönes Bild, wie er den Neugeborenen liebevoll wiegt, und doch versetzt es mir einen schmerzhaften Stich, ihn so zu sehen. Ich frage mich, was ihm wohl durch den Kopf geht. Bereut er vielleicht gerade, eine Frau geheiratet zu haben, die ihm keine eigenen Kinder schenken kann?
Ich bin für die beiden nicht zu sehen, weil Graham mir den Rücken zukehrt und Caroline wahrscheinlich auf der Couch sitzt. »Wie toll du selbst mit einem Säugling umgehen kannst«, sagt sie bewundernd. »Du bist echt ein Naturtalent.«
Ich warte mit angehaltenem Atem auf seine Reaktion, aber er blickt nur schweigend auf seinen Neffen.
Im nächsten Moment sagt Caroline etwas, das mich so trifft, dass ich mich kurz an der Wand abstützen muss. »Du bist wirklich der geborene Vater, Graham.«
Ich weiß genau, dass sie das niemals gesagt hätte, wenn sie wüsste, dass ich es hören kann.
Diesmal antwortet Graham.
»Ich weiß«, sagt er leise und sieht zu ihr. »Es macht mich auch verdammt fertig, dass es bei uns noch nicht geklappt hat.«
Ich presse mir eine Hand auf den Mund, weil ich Angst vor dem habe, was sonst herauskommen könnte. Dass ich laut keuche oder aufschluchze oder … mich übergebe.
Im nächsten Moment sitze ich wieder im Auto. Ich trete aufs Gas. Weg. Nur weg. Ich hätte es nicht geschafft, den beiden gegenüberzutreten und so zu tun, als hätte ich nichts mitbekommen. Die paar Sätze, die ich gehört habe, bestätigen meine allerschlimmsten Befürchtungen. Warum hat Caroline das Thema angesprochen? Warum hat Graham ihr gegenüber sofort zugegeben, wie sehr es ihn mitnimmt? Warum sagt er mir nie, wie es ihm wirklich damit geht?
Tief in meinem Innersten habe ich es ja die ganze Zeit geahnt, aber zum ersten Mal habe ich jetzt eine Bestätigung. Ich habe nicht nur Grahams Erwartungen, sondern auch die seiner Familie enttäuscht. Was seine Schwestern wohl zu ihm sagen, wenn ich nicht dabei bin? Seine Mutter? Was ist ihnen wichtiger – dass er eines Tages Vater sein kann oder dass er mit mir zusammenbleibt?
Ich fühle mich so nutzlos. Ich schäme mich. Als würde ich durch meine Unfruchtbarkeit nicht nur Graham etwas vorenthalten, sondern seiner gesamten Familie. Als würde ich ihnen allen die Chance nehmen, ein Kind lieben zu dürfen, das Graham haben könnte … mit einer anderen als mir.
Mein Schluchzen wird so heftig, dass ich rechts ranfahren muss. Ich atme tief durch, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und versuche mich zusammenzureißen. Ich muss vergessen, was ich gehört habe. Für immer. Mit zitternden Fingern greife ich nach meinem Handy und schreibe Graham eine Nachricht.
Ganz schlimmer Stau. Hat keinen Zweck, mich da durchzuquälen. Sag Caroline bitte, dass ich morgen vorbeikomme.
Nachdem ich sie losgeschickt habe, lehne ich mich zurück und versuche das eben Gehörte aus meinem Kopf zu verdrängen, aber es läuft in Dauerschleife.
»Du bist wirklich der geborene Vater, Graham.«
»Ich weiß. Es macht mich auch verdammt fertig, dass es bei uns noch nicht geklappt hat.«
***
Als Graham zwei Stunden später endlich von Caroline nach Hause kommt, bin ich dabei, den Kühlschrank zu schrubben, was ich immer tue, wenn ich gestresst bin. Graham deponiert seinen Schlüsselbund, seinen Geldbeutel und eine Wasserflasche auf der Theke und kommt dann zu mir, um mich mit einem Kuss zu begrüßen. Ich richte mich kurz auf, und es fällt mir noch schwerer als sonst, mir ein Lächeln abzuringen.
»Wie war es bei Caroline?«
Er greift um mich herum in den Kühlschrank nach einer Cola. »Schön.« Er nimmt einen Schluck. »Der Kleine ist echt süß.«
Das sagt er ganz beiläufig, obwohl er doch vorhin zugegeben hat, wie traurig es ihn macht, keine eigenen Kinder zu haben.
»Hast du ihn auch schon im Arm gehabt?«
»Nein.« Graham schüttelt den Kopf. »Er hat die ganze Zeit geschlafen und ich wollte ihn nicht wecken.«
Warum belügt er mich?
Ich wende den Blick ab, um mir nicht anmerken zu lassen, dass es mich innerlich vor Schmerz zerreißt, aus seinem eigenen Mund gehört zu haben, wie unglücklich es ihn macht, dass er noch nicht Vater geworden ist.
Warum bleibt er trotzdem bei mir?
Ich drücke die Kühlschranktür zu, obwohl ich die Seitenfächer noch nicht sauber gemacht habe, aber ich halte es nicht mehr aus, mich wie eine Versagerin zu fühlen und den unausgesprochenen Vorwurf im Raum zu spüren. »Dann setze ich mich noch mal an den Computer. Ich muss heute noch total viel machen, weil ein Projekt fertig werden muss. Essen steht in der Mikrowelle, falls du Hunger hast.« Ich gehe zum Arbeitszimmer. Als ich die Tür öffne, werfe ich noch einmal einen Blick über die Schulter.
Graham steht mit hängendem Kopf da, die Handflächen auf die Theke gepresst. Er bleibt fast eine ganze Minute reglos so stehen, dann stößt er sich mit Gewalt ab, als wäre er wegen irgendetwas wütend. Oder auf irgendjemanden.
Bevor ich die Tür zuziehen kann, schaut er zu mir. Unsere Blicke treffen sich. Wir sehen uns ein paar Sekunden lang an, und es ist das erste Mal, seit ich ihn kenne, dass ich das Gefühl habe, er wäre ein völlig Fremder. Ich habe absolut keine Ahnung, was gerade wirklich in ihm vorgeht.
Ich weiß, dass das der Moment ist, in dem ich ihn fragen sollte, was er über all das denkt. Was er über uns denkt. Der Moment, in dem ich ihm sagen müsste, was ich denke. Der Moment, in dem wir offen und ehrlich darüber sprechen sollten, ob jetzt vielleicht der Augenblick gekommen ist, die Schatulle zu öffnen.
Aber statt meinen Mut zusammenzunehmen und endlich die Wahrheit auszusprechen, siegt die Feigheit. Ich wende den Blick ab und schließe die Tür.
Der Tanz geht weiter.