Sechs
JETZT
Ava hat mir vor ihrem Abflug nach Europa ein Abschiedsgeschenk gemacht – eine Großpackung eines exotischen Tees, der angeblich gegen Unfruchtbarkeit hilft. Dummerweise schmeckt er, als würde ich mir die trockenen Teeblätter direkt aus der Tüte auf die Zunge streuen und mit Kaffeesatz nachspülen.
Der Fruchtbarkeitstrunk wird also nicht zum Einsatz kommen. Aber vielleicht ist mir das Glück ja doch noch hold. Ich habe beschlossen, es in diesem und vielleicht auch im nächsten Zyklus noch ein letztes Mal zu probieren, möglicherweise passiert das lang erwartete Wunder. Wenn nicht … gebe ich endgültig auf.
Noch zwei Monate, dann werde ich Graham sagen, dass es meiner Meinung nach Zeit ist, die Schatulle zu öffnen, die im untersten Fach des Bücherregals steht.
Als er abends die Haustür aufschließt, erwarte ich ihn schon, sitze in einem von seinen T-Shirts auf der Küchentheke und lasse die nackten Beine baumeln. Er bemerkt mich nicht sofort, aber als er mich dann sieht, hat er nur noch Augen für mich. Ich umfasse die Kante der Arbeitsplatte zwischen meinen Beinen und öffne die Schenkel gerade weit genug, um ihm eine Ahnung von dem zu geben, was ich für heute Abend geplant habe. Sein Blick ist fest auf meine Hände gerichtet, als er die Krawatte abzieht und zu Boden fallen lässt.
Ich fand es immer gut, dass er später von der Arbeit kommt als ich, weil ich dadurch jeden Tag erleben kann, wie er seine Krawatte löst. Auch nach all den Jahren jagt mir diese Geste immer noch ein Prickeln über den Rücken.
»Besonderer Anlass?« Er zieht sein Jackett aus, während er lächelnd auf mich zugeht. Ich lächle auch, um ihm zu zeigen, dass ich heute allen Druck und alle Traurigkeit beiseiteschieben und mich nur auf ihn und mich konzentrieren will. Dass ich so tun will, als wäre zwischen uns beiden alles gut, als wären wir glücklich, als würden wir genau das Leben führen, das wir hätten, wenn wir es uns aussuchen könnten.
Als er bei mir ist, hat er schon die obersten Knöpfe seines Hemds geöffnet und streift sich im selben Moment die Schuhe ab, in dem er mit beiden Händen meine nackten Oberschenkel aufwärts streicht. Ich schlinge die Arme um seinen Hals, und er presst sich voller Verlangen an mich, küsst mich auf die Kehle und dann weiter nach oben, bis sich unsere Lippen zu einem Kuss verbinden.
»Wo willst du von mir genommen werden?« Er hebt mich hoch.
»Was hältst du von unserem … Bett?«, flüstere ich heiser und schlinge die Beine um seine Hüften.
Obwohl ich den Glauben daran, noch jemals schwanger zu werden, fast schon aufgegeben habe, klammere ich mich trotzdem Monat für Monat an das letzte kleine Häufchen Resthoffnung. Bedeutet das, dass ich stark bin, oder bin ich erbärmlich? Manchmal denke ich, ich bin beides.
Als Graham mich kurz darauf rücklings aufs Bett sinken lässt, bin ich vollkommen nackt. Unsere Sachen liegen zwischen Küche und Schlafzimmer auf dem Boden verstreut und zeigen den Weg, den er mit mir gegangen ist. Er beugt sich über mich und dringt sofort mit leisem Stöhnen in mich ein. Ich nehme ihn stumm auf.
Graham ist in fast jeder Beziehung der verlässlichste Mensch, den ich kenne. Außer beim Sex. Von Anfang an wusste ich bei ihm nie, mit wem ich es gleich zu tun bekommen würde. Mal ist er der sanfte Liebhaber, der sich alle Zeit der Welt nimmt, damit ich auf meine Kosten komme, dann wieder fällt er über mich her und nimmt sich beinahe schon egoistisch, was er braucht. Manchmal schweigt er, dann wieder flüstert er süße Liebeschwüre, die mein Herz weit werden lassen, wenn er in mir ist; manchmal ist er aber auch roh in seiner Lust und sagt Dinge, die mich rot werden lassen.
Früher fand ich es wahnsinnig erregend, nie vorausahnen zu können, welche Seite Graham mir von sich zeigen würde. Aber in letzter Zeit ist es mir lieber, er nimmt sich, was er will, als dass er zu sehr auf mich eingeht. Dann habe ich nicht so ein schlechtes Gewissen, weil ich nur von einem einzigen Gedanken beherrscht werde, wenn wir miteinander schlafen: Vielleicht klappt es diesmal.
Heute gibt er mir leider nicht, was ich brauche. Er bedeckt meine Brüste und meine Kehle mit zarten Küssen, während er sich lustvoll in mir bewegt, um mich zum Höhepunkt zu treiben. Aber es hilft nichts. Weil meine Gedanken nur um das immer gleiche Thema kreisen, fällt es mir so unendlich schwer, Lust zu empfinden. Ich schließe die Augen, presse meine Lippen auf seine Schulter und wühle mit beiden Händen in seinen dichten Haaren, aber ich schaffe es einfach nicht, mich fallen zu lassen. Mein schlechtes Gewissen wächst und mit ihm mein Wunsch, es einfach hinter mich zu bringen. Ich drehe den Kopf zur Seite und warte und hoffe.
Als Grahams Bewegungen in mir endlich schneller werden und ich in Erwartung seines Höhepunktes die Muskeln anspanne, löst er sich mit einem Mal von mir, rutscht ein Stück an mir herunter, nimmt eine Brustwarze zwischen die Lippen und umkreist sie zärtlich mit der Zunge. Ich weiß, was jetzt kommt. Er wird jeden Zentimeter meines Körpers küssen, bis seine Zunge schließlich zwischen meine Beine gleiten wird, wo er mich minutenlang liebkosen und vergeblich versuchen wird, mir Gefühle zu entlocken, während ich doch nur an eins denken kann: ob ich meinen Eisprung korrekt berechnet habe, ob die Uhrzeit die richtige ist, wie ich ihm das Testergebnis präsentieren werde, falls es diesmal positiv sein sollte, und wie lange ich unter der Dusche weinen werde, wenn nicht.
Dabei will ich nicht denken. Ich will nur, dass er schnell macht.
Ich umfasse seine Schultern und ziehe ihn wieder nach oben, bis sein Mund auf meinem liegt. »Es ist okay«, flüstere ich. »Du kannst ruhig kommen.« Ich öffne die Beine, damit er wieder in mich hineingleiten kann, aber er stützt sich auf die Ellbogen, richtet sich auf und schaut auf mich hinunter. Das ist das erste Mal seit vorhin in der Küche, dass ich ihm wirklich in die Augen sehe.
»Hey.« Er streicht mir sanft die Haare aus der Stirn. »Was ist los? Keine Lust mehr?«
Wie könnte ich ihm sagen, dass ich von Anfang an keine Lust hatte, ohne seine Gefühle zu verletzen?
»Alles gut. Ich habe heute meinen Eisprung.«
Ich will ihn wieder küssen, aber da hat er sich schon von mir heruntergewälzt.
Ist er sauer? Ich starre an die Decke. Wie kann er deswegen sauer sein? Wir versuchen es jetzt schon so lange. Er kennt das doch.
Die Matratze bebt. Er steigt aus dem Bett. Als ich mich zu ihm umdrehe, hat er mir den Rücken zugewandt und zieht seine Boxershorts an.
»Bist du deswegen jetzt etwa sauer?«, frage ich und setze mich auf. »Bis eben ging es doch auch, obwohl ich nicht so wirklich mitgemacht habe.«
Graham fährt herum. Dann atmet er kurz ein und aus und streicht sich durch die Haare. Daran, wie er die Lippen zusammenpresst, erkenne ich, wie sehr es in ihm brodelt, aber seine Stimme ist ganz ruhig, als er sagt: »Ich habe es satt, für die Fortpflanzung zu ficken, Quinn. Es wäre schön, wenn ich zur Abwechslung auch mal in dir sein dürfte, weil du dich danach sehnst, mich zu spüren, und nicht, weil es die verdammte Voraussetzung dafür ist, dass du schwanger wirst.«
Ich zucke getroffen zusammen. Mein erster Impuls ist, ihm etwas entgegenzuschleudern, ihn genauso zu verletzen, doch dafür verstehe ich seine Frustration zu gut. Ich vermisse unseren sorglosen Spontansex genauso wie er, aber nach all den missglückten Versuchen, schwanger zu werden, kam für mich irgendwann der Punkt, an dem es nicht mehr schön war, sondern nur noch wehtat. So weh, dass ich seitdem davor zurückscheue, mit Graham zu schlafen. Irgendwann habe ich unseren Sex so weit zurückgeschraubt, dass ich nur noch an den Eisprungtagen mit ihm schlafe.
Ich wünschte, er könnte mich verstehen. Ich wünschte, er wüsste, dass mich die vielen Male, die wir immer wieder unser Glück versuchen, manchmal sogar noch mehr schmerzen als der Moment, in dem ich feststellen muss, dass es wieder nicht geklappt hat. Ich gebe mir doch auch Mühe, seine Gefühle zu respektieren. Es macht mich traurig, dass er offenbar nicht nachvollziehen kann, wie es mir geht. Aber wie könnte er auch? Er ist nicht derjenige, der immer wieder versagt.
Egal. Selbstmitleid kann ich mir auch noch für später aufheben. Im Moment ist es wichtiger, dass wir diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen, weil er mit dem, was er gesagt hat, absolut recht hat. Sex ist die Voraussetzung, um schwanger zu werden. Und heute ist der beste Tag.
Ich sehe ihn bittend an und ziehe die Decke ein Stück zur Seite, um ihm zu zeigen, was er sich entgehen lässt. »Es tut mir leid«, flüstere ich. »Ich will dich spüren, Graham. Bitte komm wieder ins Bett.«
Er presst die Kiefer zusammen, aber ich sehe auch das Verlangen in seinem Blick. Eigentlich würde er gern aus dem Zimmer stürmen, gleichzeitig zieht es ihn zu mir zurück. Ich lege mich auf den Bauch und sehe ihn über die Schulter an. »Bitte … Graham?« Ich weiß, dass der Anblick meines Pos eine unwiderstehliche Wirkung auf ihn hat. »Ich will dich richtig tief in mir spüren, Graham. Ich will dich.«
Ich bin erleichtert, als er aufstöhnt. »Verdammt, Quinn.« Im nächsten Moment kniet er wieder auf dem Bett, die Hände um meine Schenkel geschlossen, die Lippen auf meinem Po. Er schiebt eine Hand unter mich, drückt sie gegen meinen Bauch und hebt mich leicht an, sodass er in mich hineingleiten kann. Stöhnend kralle ich die Finger ins Laken.
Graham umfasst meine Hüften und zieht mich an sich, sodass er ganz in mir ist.
Jetzt ist er nicht mehr der sanfte, liebevolle Graham, im Gegenteil, er stößt wild und fast grimmig in mich hinein. Er konzentriert sich nicht mehr auf meine Lust, sondern nur noch auf seine. Genau das will ich.
Wimmernd dränge ich mich seinem Becken entgegen und hoffe, dass er nicht mitbekommt, dass ich von dem, was passiert, innerlich vollkommen abgekoppelt bin. Er beschleunigt den Rhythmus und presst mich mit seinem ganzen Gewicht in die Matratze. Als er laut aufstöhnt und seine Hände um meine legt, halte ich die Luft an und warte darauf, dass er mich mit neuer Hoffnung erfüllt.
Er zieht sich mit einem schnellen Ruck aus mir heraus, drückt sich an meinen Rücken und stöhnt ein letztes Mal an meinem Nacken auf, während es heiß an meiner Hüfte hinabrinnt.
Ist er etwa …?
Ja. Ja, ist er.
Tränen schießen mir in die Augen, als ich begreife, dass er mit voller Absicht nicht in mir gekommen ist. Ich will mich unter ihm hervorwinden, aber er ist zu schwer.
Als ich spüre, wie er sich zu entspannen beginnt, bäume ich mich auf, und er rollt sich auf den Rücken. Ich rutsche von ihm weg und reibe mich mit der Decke sauber. Über mein Gesicht laufen Tränen, die ich wütend wegwische. Ich bin so voller Wut, dass ich kein Wort herausbringe. Graham sieht mich stumm an, während ich alles tue, um mir nicht anmerken zu lassen, wie wütend ich bin. Und wie sehr ich mich schäme.
Graham ist mein Mann, aber heute war er für mich nur Mittel zum Zweck. Obwohl ich versucht habe, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, hat er selbst eben bewiesen, dass er recht hatte, indem er mir das Einzige, was ich wirklich von ihm wollte, vorenthalten hat.
Ich will nicht weinen, aber die Tränen kommen trotzdem. Als ich die Decke bis zu den Augen hochziehe, steht Graham auf und greift nach seiner Hose. Jetzt schluchze ich und meine Schultern beben. Das ist total untypisch für mich. Normalerweise hebe ich mir meine Tränen für die Dusche auf.
Als Graham sich vorbeugt, um sein Kopfkissen vom Bett zu nehmen, sieht er einen Moment lang aus, als wüsste er nicht, ob er mich trösten oder anbrüllen soll. Schließlich wendet er sich ab und geht zur Tür.
»Graham …«, flüstere ich.
Er bleibt stehen, dann dreht er sich um. Er sieht so unendlich traurig aus, dass es mir die Sprache verschlägt. Ich würde ihm so gern sagen, wie leid es mir tut, dass meine Sehnsucht nach einem Kind größer ist als die Lust auf ihn. Aber das würde nicht helfen, weil es gelogen wäre. Es tut mir nicht leid. Warum versteht er nicht, wie sehr sich der Sex in den vergangenen Jahren für mich verändert hat? Ich soll ihn weiterhin wollen, aber wie soll das gehen, wenn Sex immer automatisch mit der Hoffnung verbunden ist, dass die Eins-zu-einer-Million-Chance wahr wird und ich doch noch schwanger werde? Wenn Sex unweigerlich immer erst für Hoffnung und dann für die totale Vernichtung von Hoffnung steht?
Im Laufe der Zeit haben sich die Routine und die vielen verschiedenen Gefühle, die für mich mit unserem Sex verbunden waren, zu einem dichten Gewebe verstrickt, wodurch ich nicht mehr in der Lage bin, den Sex von der Hoffnung zu trennen und damit von ihrer Vernichtung. Sex = Hoffnung = Vernichtung.
SexHoffnungVernichtung. Vernichtung. Vernichtung.
Mittlerweile fühlt sich alles vernichtend an.
Aber das wird er nie verstehen. Er wird nie verstehen, dass nicht er es ist, den ich nicht will. Es ist dieses Gefühl, das ich nicht will.
Graham sieht mich an und wartet darauf, dass ich außer seinem Namen noch etwas sage. Aber ich sage nichts. Ich kann nicht.
Er nickt knapp, dann wendet er sich von mir ab. Ich sehe, wie sich die Muskeln in seinem Rücken anspannen. Ich sehe, wie er die Faust ballt und wieder lockert. Ich sehe, wie er einen schweren Seufzer ausstößt, auch wenn er unhörbar ist. Er öffnet leise die Schlafzimmertür und knallt sie dann mit aller Kraft hinter sich zu.
Von draußen höre ich einen krachenden Fausthieb gegen die Tür. Ich schließe die Augen. Mein Körper versteift sich in Erwartung des nächsten Schlags, der auch kommt. Und dann kommt noch einer.
Fünfmal schlägt er gegen die Tür, lässt seinen Schmerz über meine Zurückweisung am Holz aus. Und als es wieder still ist … zerbreche ich.