Vierzehn
JETZT
Obwohl Graham sich jeden Donnerstag nach der Arbeit mit seinen Kollegen in einer Bar trifft, ist er sehr kontrolliert und trinkt nie mehr als ein oder zwei Bier. Wirklich betrunken habe ich ihn noch nie erlebt, wahrscheinlich weil er immer noch solche Schuldgefühle wegen des Todes seines besten Freunds Tanner hat. Ich habe immer gedacht, dass er nicht gern betrunken ist, weil dieser Zustand in ihm unendliche Traurigkeit hervorruft. So wie der Sex mit ihm in mir mittlerweile automatisch unendliche Traurigkeit hervorruft.
Was ihn heute wohl traurig macht?
Durchs Küchenfenster sehe ich, wie ihn ein Mann, vermutlich einer seiner Kollegen, zum Haus schleppt. Graham schwankt so sehr, dass der andere sich seinen Arm um die Schultern gelegt hat, um ihn zu stützen. Er musste noch nie nach Hause gefahren werden.
Als ich den beiden die Tür öffne, schaut Graham auf und strahlt mich an. »Quinn!« Er zeigt auf mich und dreht den Kopf dann zu dem Mann, der ihn gebracht hat. »Quinn, das ist mein guter Freund Morris. Ein wirklich echt guter Freund. Er hat mich hergebracht.« Morris lächelt schief.
»Freut mich, Morris. Vielen Dank, dass du ihn hergefahren hast.« Ich ziehe Graham ins Haus und lege mir seinen Arm um die Schulter. »Wo steht sein Wagen?«
Morris zeigt mit dem Daumen hinter sich, wo gerade jemand Grahams Wagen in die Einfahrt fährt. Ich erkenne den Mann am Steuer, ein weiterer Kollege von Graham. Bradley, wenn ich mich richtig erinnere.
Graham ist so unsicher auf den Beinen, dass er sich mit beiden Händen an mir festhält. Bradley steigt aus, kommt zur Tür und gibt mir den Autoschlüssel. »Heute haben wir ihn zum ersten Mal dazu überreden können, mehr als seine zwei üblichen Bier zu trinken«, sagt er zu mir. »Dein Mann kann ja wirklich viel, aber Trinken gehört nicht dazu.«
Morris lacht. »Nein, trinkfest ist echt was anderes.« Die beiden verabschieden sich und gehen zu Morris’ Wagen. Ich trete ins Haus und schließe die Tür.
»Ich wollte ja ein Taxi nehmen, aber die haben es mir nicht erlaubt.« Graham lässt mich los und wankt ins Wohnzimmer, wo er sich schwer auf die Couch fallen lässt. Normalerweise würde ich die Situation witzig finden und darüber lachen, aber ich befürchte, er hat sich deswegen so betrunken, weil ihm der Besuch bei Caroline und seinem neugeborenen Neffen so zugesetzt hat. Vielleicht ist er auch einfach so unglücklich in unserer Ehe, dass er seine Gefühle für eine Weile betäuben musste.
Ich gehe in die Küche und hole ihm ein großes Glas kaltes Wasser. Als ich es ihm bringe, setzt er sich auf, trinkt einen Schluck und strahlt mich wieder an. Seine Augen leuchten richtig. So glücklich hat er schon lange nicht mehr ausgesehen. Jetzt, wo ich ihn betrunken erlebe, wird mir plötzlich bewusst, wie traurig er aussieht, wenn er nüchtern ist. Ich habe nicht bemerkt, wie diese neue Traurigkeit immer mehr von ihm Besitz ergriffen hat. Wahrscheinlich ist mir das nicht aufgefallen, weil Traurigkeit wie ein Spinnennetz ist. Man sieht sie oft erst, wenn man sich schon darin verfangen hat, und dann muss man kämpfen und um sich schlagen, um sich wieder daraus zu befreien.
Wie lange versucht Graham schon, sich daraus zu befreien? Ich selbst habe den Kampf bereits vor Jahren aufgegeben und lasse mittlerweile einfach zu, dass sich das Netz immer fester um mich zusammenzieht.
»Quinn …« Graham legt den Kopf zurück und sieht mich an. »Du bist so verdammt schön. Komm her.« Er greift nach meinem Handgelenk und will mich zu sich ziehen. Ich erstarre und stemme mich dagegen. Mir wäre am liebsten, wenn er so betrunken wäre, dass er einfach auf dem Sofa einschlafen würde. Stattdessen ist er nur so betrunken, dass er vergessen hat, dass er nach seinem letzten Versuch, sich mir zu nähern, im Gästezimmer geschlafen hat. So betrunken, dass er vergessen hat, dass es zwischen uns schon seit einiger Zeit nicht mehr gut läuft.
Er beugt sich vor und umschlingt meine Taille. Diesmal gebe ich nach und lasse mich neben ihn fallen. Sein Kuss ist betrunken, aber schön. Dann drückt er mich sanft nach hinten auf den Rücken und hält meine Arme über meinem Kopf fest. Seine Zunge und seine Lippen fühlen sich so gut an, dass ich meinen Widerstand vergesse. Ich erlaube mir, mich in dem Kuss zu verlieren, erlaube ihm, mein Schlafshirt nach oben zu schieben und seine Hose aufzuknöpfen. In seinen Augen sehe ich etwas, das ganz anders ist als das, was ich empfinde. Es liegt ein Strahlen darin, das weit entfernt von der Niedergeschlagenheit ist, die bei mir inzwischen zum Dauerzustand geworden ist.
Dass all seine Traurigkeit mit einem Mal wie weggeblasen ist, verblüfft mich so sehr, dass ich seine Berührungen zulasse, auch wenn ich sie nicht mit derselben Fiebrigkeit erwidern kann.
In den ersten Jahren unserer Ehe hatten wir fast täglich Sex, aber auf die Donnerstagabende, an denen er später nach Hause kam, habe ich mich immer ganz besonders gefreut.
Oft habe ich mir extra etwas Verführerisches angezogen und ihn im Bett erwartet. Manchmal hatte ich auch einfach nur eins seiner T-Shirts an und saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Eigentlich war es völlig egal, was ich anhatte. Graham kam zur Tür rein und ein paar Minuten später war ich sowieso nackt.
Wir haben so oft miteinander geschlafen, dass ich jeden Quadratmillimeter seines Körpers kenne. Ich kenne jeden Laut, den er von sich gibt, und weiß genau, was er zu bedeuten hat. Ich weiß, dass Graham es mag, über mir zu knien, aber auch nichts dagegen hat, wenn ich oben bin. Ich weiß, dass er mir gern in die Augen sieht beim Sex und dass er es liebt, mich dabei zu küssen. Ich weiß, dass er Sex am Morgen gut findet, spät in der Nacht aber noch besser. In sexueller Hinsicht sind wir perfekt aufeinander eingespielt.
Und trotzdem haben wir jetzt schon zwei volle Monate überhaupt keinen Sex mehr gehabt … wenn man von der kleinen Episode im Badezimmer seiner Eltern einmal absieht.
Seitdem hat er keinen Versuch mehr unternommen, und wir haben auch nie über das gesprochen, was passiert ist, als wir das letzte Mal miteinander geschlafen haben. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich nicht auf meinen Eisprung geachtet und festgestellt, wie unglaublich entspannend das war. Nach diesen zwei Monaten muss ich ehrlich zugeben, dass ich nichts gegen ein Leben ganz ohne Sex einzuwenden hätte, weil es endlich den Druck von mir nehmen und mir die monatliche Enttäuschung ersparen würde.
Es ist schwierig, meinen Wunsch nach weniger Sex mit meinem Bedürfnis nach Nähe zu Graham zu vereinbaren. Ich versuche, meine Gefühle auf eine rein emotionale Ebene zu verlagern. Wenn ich mich ihm körperlich nähere, endet das nie gut. Ich sehne mich zwar nach seiner Berührung, aber lasse ich sie zu, führt das fast zwangsläufig zu Sex. Ich sehne mich danach, seine Lippen zu spüren, aber wenn ich ihn zu lange küsse, führt das zu Sex. Ich sehne mich nach unseren verspielten Flirts, aber wenn ich mich zu sehr darauf einlasse, führt das zu Sex.
Ich wünschte, wir könnten miteinander glücklich sein ohne diese eine Sache, von der ich weiß, dass sie grundlegender Bestandteil seines Glücks ist, aber eben zugleich grundlegender Bestandteil meiner Traurigkeit. Andererseits bringt Graham so viele Opfer für mich, dass ich denke, ich sollte ihm auch welche bringen. Ich wünschte mir so sehr, Sex wäre für mich kein Opfer.
Aber es ist zu einem geworden. Und heute Nacht werde ich es erbringen. Graham hat schon viel zu lang darauf verzichten müssen und hat sich noch nicht mal beklagt. Ich lege mein rechtes Bein über die Rückenlehne der Couch und stelle das andere auf den Boden, als er in mich eindringt. Sein warmer Atem streicht meine Kehle hinab, während er sich in mir bewegt.
Welches Datum haben wir heute? Den 13. Dann ist in vierzehn Tagen der …?
»Quinn«, flüstert er an meinen Lippen. Ich halte die Augen geschlossen und versuche, an gar nichts zu denken, während ich ihm erlaube, mich zu benutzen. »Küss mich, Quinn.« Ich öffne den Mund, aber nicht die Augen. Die Arme habe ich über den Kopf gehoben und zähle an den Fingern ab, wie viele Tage seit meiner letzten Periode vergangen sind. Wann hatte ich meinen Eisprung? Graham greift nach meiner rechten Hand und will, dass ich ihn umarme. Er gräbt sein Gesicht in meine Haare und hebt mein linkes Bein an. Ich rechne immer noch und komme zu dem Ergebnis, dass meine fruchtbaren Tage definitiv vorbei sind.
Den Eisprung hatte ich vor fünf Tagen.
Das bedeutet, dass das, was wir hier machen, ganz bestimmt zu nichts führen wird. Ich kann ein enttäuschtes Seufzen nicht unterdrücken. Es kostet mich so viel Kraft, mich auf den Sex mit ihm einzulassen, und ist einfach niederschmetternd zu wissen, dass der Sex völlig sinnlos ist. Warum passiert es diesen und nicht letzten Donnerstag? Letzte Woche wäre ideal gewesen.
Graham hält abrupt in der Bewegung inne. Ich warte darauf, dass er kommt, spüre aber keinerlei Körperspannung. Als er den Kopf hebt, öffne ich die Augen. Er sieht mit zusammengezogenen Brauen auf mich herab. »Kannst du nicht wenigstens so tun, als hättest du Lust auf mich? Manchmal habe ich das Gefühl, ich hätte Sex mit einer Leiche.«
Er schließt kurz die Augen, als würde ihm im selben Moment klar, wie brutal seine Worte für mich klingen müssen.
Dann löst er sich aus mir, während mir die Tränen über die Wangen laufen.
Ich spüre seinen heißen Atem an meinem Hals, aber jetzt widert er mich an. Es widert mich an, den Alkohol darin zu riechen, der ihn dazu gebracht hat, so etwas zu mir zu sagen. »Runter von mir.«
»Es tut mir leid. Bitte … Quinn.«
Ich stemme eine Hand gegen seinen Brustkorb und versuche, ihn von mir zu schieben. »Geh verdammt noch mal runter von mir!«
Er rutscht zur Seite, legt aber eine Hand auf meine Schulter und will, dass ich ihn ansehe. »Quinn … Ich habe das nicht so gemeint. Ich bin betrunken, ich … Es tut mir wirklich leid.«
Ich springe von der Couch auf und stürme aus dem Wohnzimmer, ohne mir seine weiteren Entschuldigungen anzuhören. Stattdessen stelle ich mich unter die Dusche und wasche ihn von mir ab, während ich zugleich meine Tränen wegspüle.
Kannst du nicht wenigstens so tun, als hättest du Lust auf mich?
Ich fühle mich so gedemütigt.
Manchmal habe ich das Gefühl, ich hätte Sex mit einer Leiche.
Wütend wische ich mir mit beiden Händen die Tränen aus dem Gesicht. Natürlich fühlt es sich für ihn so an, als würde er mit einer Leiche schlafen. Weil er es tut. Ich habe mich seit Jahren nicht mehr lebendig gefühlt. Ich bin innerlich langsam verrottet und jetzt ist der Verwesungsprozess auf meine Ehe übergegangen und lässt sich nicht mehr verbergen.
Und Graham hält es nicht mehr mit mir aus.
Als ich aus dem Bad ins Schlafzimmer komme, liegt er nicht im Bett, wie ich erwartet hatte. Wahrscheinlich ist er so betrunken, dass er auf der Couch eingeschlafen ist. Obwohl mich seine Worte wahnsinnig verletzt haben, beschließe ich nachzusehen, ob alles okay ist.
Ich gehe durch die Küche ins Wohnzimmer und keuche erschrocken auf, als er mich am Arm festhält. Ich habe in der Dunkelheit nicht bemerkt, dass er an der Theke steht.
Mein erster Impuls ist, mich wütend loszureißen, aber es ist schwierig, auf jemanden wütend zu sein, der nichts als die Wahrheit gesagt hat. Der Mond wirft gerade genug Licht durchs Fenster, um mich die Traurigkeit sehen zu lassen, die in seinen Blick zurückgekehrt ist. Graham sagt nichts, zieht mich nur an sich und umarmt mich.
Nein … er umklammert mich.
Seine Finger krallen sich in den Stoff meines T-Shirts, während er mich an sich presst. Ich spüre, wie sehr er bereut, was er gesagt hat, und auch dass er weiß, dass es keine Worte der Entschuldigung gibt. Stattdessen drückt er mich nur schweigend an sich. Jede Entschuldigung ist zu diesem Zeitpunkt sinnlos. Mit einer Entschuldigung lässt sich Bedauern über etwas ausdrücken, was man getan hat, aber ungeschehen machen lässt es sich nicht.
Ich stehe still und lasse mich umarmen, bis der Keil, den die verletzten Gefühle zwischen uns getrieben haben, so deutlich zu spüren ist, dass es nicht mehr geht. Nachdem ich mich aus seinen Armen gewunden habe, senke ich den Blick und höre in mich hinein. Möchte ich ihm noch irgendetwas sagen? Möchte er mir noch irgendetwas sagen? Als wir beide stumm bleiben, drehe ich mich um und gehe ins Schlafzimmer. Graham folgt mir, aber wir kriechen nur ins Bett, drehen uns den Rücken zu und zögern das Unausweichliche noch etwas weiter hinaus.