Dreizehn


DAMALS

In jeder Minute, die ich heute mit ihm verbracht habe, hat er mich mehr überrascht als in der davor.

Jedes Mal wenn er etwas sagt, wenn er mich anlächelt oder mich berührt, habe ich nur einen Gedanken: »Wie zum Teufel konnte Sasha diesen Mann mit Ethan betrügen?«

Tja, ihr Pech – mein Glück.

Das Haus, in dem er aufgewachsen ist, ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Voller Geschichten und Gelächter und mit Eltern, die ihn anschauen, als wäre er ein Geschenk des Himmels. Er ist das jüngste von insgesamt vier Kindern und ihr einziger Sohn. Seine Schwestern habe ich heute leider nicht kennengelernt, weil zwei von ihnen in anderen Bundesstaaten leben und die einzige, die noch hier wohnt, keine Zeit hatte, zum Essen zu kommen.

Äußerlich kommt Graham eindeutig nach seinem Vater, einem kräftigen Mann mit melancholischem Blick und einem großartigen Humor. Seine Mutter ist zierlicher als ich, strahlt aber eine ungeheure Souveränität und Selbstsicherheit aus.

Sie ist nett, trotzdem ist da auch eine gewisse Wachsamkeit in ihrem Blick. Ich könnte mir vorstellen, dass sie Sasha wirklich gemocht hat und sich Sorgen macht, ihr Sohn könnte womöglich noch einmal an die Falsche geraten. Sie hat jetzt schon ein paarmal versucht, durch mehr oder weniger dezente Fragen mehr über uns herauszufinden, aber Graham erzählt ihr nur Unsinn.

»Seid wann seid ihr denn zusammen?«

Er legt mir einen Arm um die Schulter und sagt: »Schon eine ganze Weile.«

Einen Tag.

»Und hat Graham deine Eltern schon kennengelernt, Quinn?«

»Wir waren schon ein paarmal bei ihnen. Supernette Leute.« Nie. Und sie sind furchtbar.

Seine Mutter lächelt. »Und wo habt ihr euch kennengelernt?«

»In dem Bürohaus, in dem auch meine Kanzlei ist«, behauptet er.

Ich weiß nicht mal, wo er arbeitet.

Graham findet das alles wahnsinnig lustig. Und ich muss mir auch das Lachen verbeißen, obwohl ich ihn jedes Mal in den Oberschenkel kneife oder ihm den Ellbogen in die Seite ramme, wenn er die nächste erfundene Story zum Besten gibt. Zum Beispiel, dass wir uns im Gang vor seiner Kanzlei kennengelernt hätten – am Süßigkeitenautomaten.

»Ihre Tüte Twizzlers steckte fest, also habe ich einen Dollar in die Maschine gesteckt und mir auch eine gekauft, damit ihre rausfällt. Aber es war wie verhext. Quinn, erzähl du doch mal, wie die verrückte Geschichte dann weiterging.« Er sieht mich erwartungsvoll an, und ich bin gezwungen, seine Lüge weiterzuspinnen.

Diesmal kneife ich ihn so fest, dass er das Gesicht verzieht. »Seine Tüte ist auch stecken geblieben.«

Graham lacht. »Unfassbar, oder? Wir haben an dem Tag zwar beide keine Twizzler bekommen, aber dafür habe ich sie dann zum Mittagessen eingeladen. Tja, und der Rest ist Geschichte.«

Ich beiße mir auf die Wange, um nicht laut loszuprusten.

Zumindest bei einer Sache hat Graham nicht gelogen. Seine Mutter kocht wirklich irrsinnig gut, sodass ich die meiste Zeit damit beschäftigt bin zu genießen.

Als sie in die Küche geht, um die Sahne für den Kuchen zu schlagen, sieht Graham mich an. »Soll ich dir in der Zwischenzeit das Haus zeigen?«

Er greift nach meiner Hand und führt mich aus dem Esszimmer. Sobald wir außer Hörweite sind, versetze ich ihm einen kleinen Schubs. »Bist du vollkommen verrückt? Du hast deinen Eltern mindestens zwanzig Lügengeschichten aufgetischt!«

Er nimmt meine Hände und zieht mich an sich. »Aber es waren sehr lustige Lügengeschichten, oder?«

Ich versuche, streng zu schauen, muss aber lachen. »Dein Glück.«

Graham beugt sich vor und gibt mir einen Kuss. »Was willst du? Die normale Tour durchs Haus oder die Spezialführung in den Keller, um mein Jugendzimmer zu besichtigen?«

»Das fragst du noch?«

Er öffnet eine Tür und knipst das Licht an. Auf dem Weg nach unten kommen wir an einem verblichenen Poster des Periodensystems vorbei, das an der Wand hängt. Unten angekommen macht Graham ein anderes Licht an, und wir schauen in ein Zimmer, das aussieht, als wäre die Zeit stehen geblieben, seit der Junge ausgezogen ist, der hier einmal gewohnt hat. Ich komme mir vor, als wäre ich durch ein geheimes Portal direkt in den Kopf von Graham Wells gelangt. Während des Abendessens hat seine Mutter ihn aus Spaß einmal streng mit vollem Namen angeredet, weshalb ich jetzt wenigstens schon mal weiß, wie mein angeblicher fester Freund heißt.

»Alles noch genau wie damals.« Er kickt gegen einen Basketball, der am Boden liegt und ziemlich platt ist, weshalb er nicht wirklich weit wegrollt. »Wenn ich über Nacht bleibe, schlafe ich immer noch hier. Dabei hasse ich dieses Zimmer. Da kommen jedes Mal wieder Erinnerungen an die Highschool in mir hoch.«

»War das für dich keine schöne Zeit?«

Er macht eine ausholende Geste in den Raum und grinst. »Na ja … Ich war ein ziemlicher Nerd, der sich mehr für Mathe und Naturwissenschaften interessiert hat als für Mädchen. Und jetzt frag mich noch mal, ob das für mich keine schöne Zeit war.«

Auf der Kommode stehen Preise und Fotos von Graham als Sieger bei diversen Mathe- und Forschungswettbewerben. Ein Sportpokal ist nicht dabei. Ich greife nach einem gerahmten Foto, das Graham mit seinen drei älteren Schwestern zeigt. Die Mädchen sehen der Mutter ähnlich und sind alle eher zierlich, was den Jungen mit der Zahnspange in ihrer Mitte noch schlaksiger und hochgeschossener wirken lässt. »Wow.«

»Ja.« Er steht jetzt direkt hinter mir und schaut mir über die Schulter. »Ich bin der lebende Beweis dafür, dass aus hässlichen Kindern doch noch ganz ansehnliche Erwachsene werden können.«

Ich stelle das Bild wieder auf die Kommode und lache. »Kaum wiederzuerkennen.«

Graham lässt sich aufs Bett fallen, auf dem eine Star-Wars-Überdecke liegt. Er lehnt sich zurück und beobachtet mich, während ich durchs Zimmer gehe und mir alles ansehe. »Hab ich dir schon gesagt, wie schön ich dich in deinem Kleid finde?«

Ich schaue an mir herab. Dass ich heute die Eltern eines Typen kennenlernen würde, den ich selbst praktisch nicht kenne, hat mich auch deswegen überfordert, weil ich kaum saubere Sachen im Schrank hatte. Ich habe mich dann für ein schlichtes blaues Baumwollkleid entschieden und einen weißen Pulli darübergezogen. Als ich zu Graham ins Wohnzimmer kam, salutierte er, als wäre ich Matrosin bei der Navy. Ich habe mich sofort umgedreht und wollte mich umziehen, aber er hat mich am Handgelenk zurückgehalten und gesagt, dass ich supersüß aussähe.

»Doch, das hast du schon mal erwähnt«, sage ich.

Sein Blick wandert langsam über meinen Körper. »Wobei ich, wenn ich ganz ehrlich bin, schon ein bisschen enttäuscht bin, dass du nicht deinen Taucheranzug angezogen hast.«

»Dir erzähle ich nie wieder einen Traum.«

Graham lacht. »Ich bestehe darauf. Von jetzt an will ich jeden Morgen deine Träume hören.«

Ich lächle, dann drehe ich mich wieder um und betrachte die Urkunden, die an den Wänden hängen. Er hat wirklich eine Menge Preise bekommen. »Kann es sein, dass du hochbegabt bist?« Ich werfe ihm über die Schulter einen Blick zu. »Ich meine, so richtig hochbegabt?«

Er zuckt die Achseln. »Allerhöchstens ein bisschen höher begabt als der Durchschnitt. Wenn man bei den Mädchen keine Chance hat, hat man massenhaft Zeit, um zu lesen und zu lernen.«

Verrückt. Wenn man ihn sich jetzt so ansieht, würde man glauben, dass er als Schüler mindestens Quarterback gewesen ist und natürlich die hübscheste Cheerleaderin gedatet hat.

»Heißt das, du hattest nie eine Freundin, während du an der Highschool warst?«, frage ich ungläubig.

Graham schüttelt grinsend den Kopf. »Ich bin erst im zweiten Collegejahr entjungfert worden. Da war ich neunzehn. Meinen ersten richtigen Kuss habe ich mit achtzehn bekommen.« Er setzt sich auf, rutscht zur Bettkante und schiebt die Hände zwischen die Knie. »Du bist auch das erste Mädchen, das ich hier mit runterbringe.«

»Das glaube ich nicht! Was ist mit Sasha?«

»Sie war ein paarmal zum Abendessen hier, aber ich habe ihr nie mein Zimmer gezeigt. Keine Ahnung, warum.«

»Klar. Das erzählst du wahrscheinlich allen Mädchen, die du in deinen Keller lockst. Und dann verführst du sie auf der Star-Wars-Decke.«

»Mach mal die oberste Schublade von der Kommode auf«, sagt er. »Ich schwöre dir, dass du da drin immer noch das Kondom findest, das ich dort als Sechzehnjähriger für alle Fälle deponiert habe.«

Ich öffne die Schublade und wühle zwischen alten Quittungen, Schulunterlagen, Stiften und losen Münzen, bis ich ganz hinten tatsächlich ein Kondom entdecke. »Oje«, sage ich lachend, als ich es zwischen den Fingern drehe und das seitlich aufgedruckte Datum lese. »Das ist seit drei Jahren abgelaufen.« Graham sieht mich nachdenklich an, als würde er sich fragen, wie verlässlich die Verfallsdaten bei Kondomen sind. »Sorry, aber das muss ich leider aus dem Verkehr ziehen«, sage ich und schiebe es mir vorne in den BH.

Grahams Blick ist voller Verlangen. Und ich mag es, so angeschaut zu werden. Ich weiß, dass es Leute gibt, die mich ganz hübsch finden, manchmal fühle ich mich sogar schön. Aber bevor ich ihn kennengelernt habe, habe ich mich noch nie wirklich sexy gefühlt.

Graham winkt mich mit dem Zeigefinger näher. Er hat wieder dieses Glitzern in den Augen. Dasselbe Glitzern wie an dem Abend beim Mexikaner, als er mein Knie berührt hat. Und auch diesmal wird mir heiß.

Ich gehe ein paar Schritte auf ihn zu, bleibe aber noch auf Abstand. »Komm zu mir, Quinn.« Seine raue Stimme erzeugt ein Ziehen in meiner Brust und meinem Bauch.

Ich komme noch einen Schritt näher. Er streckt die Hand aus, umfasst meine Hüfte und zieht mich zu sich. Mein ganzer Körper bedeckt sich mit Gänsehaut.

Graham sieht zu mir auf und ich sehe zu ihm hinunter. Sein Bett ist nicht besonders hoch, was bedeutet, dass sein Mund gefährlich nah auf Höhe meines Slips ist. Ich schlucke, als die Hand, die er um mein Bein geschlungen hat, unter meinem Kleid ganz langsam meinen Schenkel hinaufgleitet.

Auf das, was diese Berührung in mir auslöst, bin ich absolut nicht vorbereitet. Ich schließe die Augen und muss mich mit beiden Händen auf Grahams Schultern stützen, weil meine Knie so weich werden, dass ich ins Schwanken gerate. Als er die Lippen auf mein Kleid drückt, mache ich die Augen wieder auf und sehe ihn an.

Er hält meinen Blick fest, während seine andere Hand meinen anderen Schenkel hinaufwandert, und auf einmal bin ich nur noch Herzschlag, spüre das Pochen im gesamten Körper, überall gleichzeitig.

Und dann schiebt Graham mein Kleid sehr langsam Stück für Stück höher. Sobald meine Schenkel frei liegen, presst er einen Kuss auf die nackte Haut. Ich greife in seine Haare und keuche leise auf, als seine Lippen weich über meinen Slip gleiten.

OhmeinGott.

Ich spüre die intensive Hitze seines Mundes, als er mich küsst. Es ist ein ganz zarter Kuss, den er vorne auf meinen Slip drückt, aber das ändert nichts daran, dass seine Wirkung so durchschlagend ist, dass ich ihn tief in meinem Innersten spüre. Ich verkralle die Finger in seinen Haaren und biege mich seinem Mund entgegen, während er mit beiden Händen meinen Po umfasst und mich dichter an sich zieht. Seine Küsse werden drängender, leidenschaftlicher, und bevor er mir den Slip herunterziehen kann, breitet sich, komplett unerwartet, ein Zittern in meinem Körper aus, und ich explodiere.

Wimmernd will ich mich von ihm lösen, aber er zieht mich wieder an seinen Mund zurück und küsst mich durch den Stoff hindurch so drängend, bis ich die Fingernägel in seine Schultern grabe, damit ich nicht zu Boden sinke. Kurz darauf bebt mein gesamter Körper, das Zimmer scheint sich um sich selbst zu drehen, und ich muss mir auf die Unterlippe beißen, um einen Schrei zu unterdrücken.

Meine Arme zittern und meine Beine sind schwach, als Graham den Mund von mir löst und wieder zu mir aufsieht. Es kostet mich alle Kraft, den Blickkontakt zu halten, als er mein Kleid noch ein Stückchen weiter hochschiebt, seine Lippen auf meinen Bauch drückt und seine Hände um meine Taille legt. Ich bin völlig außer Atem und ein bisschen erschrocken über das, was gerade passiert ist. Darüber, wie schnell es passiert ist. Und darüber, dass ich mehr will. Dass ich die Kondompackung aufreißen, ihm das Kondom überstreifen und ihn in mich aufnehmen will.

Anscheinend kann Graham Gedanken lesen. »Glaubst du, dass das Kondom wirklich nicht mehr benutzt werden kann?«, fragt er atemlos.

Ich setze mich rittlings auf ihn und spüre deutlich, wie ernst es ihm mit dieser Frage ist, während ich sanft mit den Lippen über seine streiche. »Ich glaube, das Verfallsdatum ist nur eine Empfehlung«, flüstere ich rau.

Das scheint Graham zu überzeugen. Er packt mich am Hinterkopf, seine Zunge gleitet zwischen meine Lippen, und er küsst mich stöhnend, schiebt die Finger in meinen BH und holt das Kondom heraus. Er hält gerade so lange in seinem Kuss inne, um die Packung mit den Zähnen aufzureißen. Dann hebt er mich von seinem Schoß, dreht sich mit mir zusammen um und drückt mich auf seine Star-Wars-Decke. Ich streife meinen Slip fieberhaft ab, während Graham seine Jeans aufknöpft.

Kniend zieht er das Kondom über, und bevor ich Zeit habe, ihn mir anzusehen, hat er sich auch schon über mich gebeugt.

Wieder küsst er mich so, dass mir schwindelig wird, und dringt dann langsam in mich ein. Das Gefühl ist so unfassbar, dass ich aufstöhne. Vielleicht ein bisschen zu laut.

»Schsch«, zischt er mit leisem Lachen an meinem Mund. »Die denken doch, dass ich dir das Haus zeige und nicht das Paradies auf Erden.«

Ich muss auch lachen, aber dann stößt er zu und ich halte die Luft an.

»Jesus! Quinn!«, keucht er an meinem Hals und stößt erneut zu, bis wir beide zu laut werden. Er hält einen Moment inne. Uns in die Augen sehend, atmen wir tief durch und versuchen zur Ruhe zu kommen, aber kaum beginnt er wieder, sich langsam in mir zu bewegen, bricht ein Stöhnen aus mir hervor. Graham legt seinen Mund auf meinen und bringt mich mit einem tiefen Kuss zum Schweigen.

Abwechselnd küsst er mich und sieht mich an – beides mit einer Intensität, die ich so noch nie erlebt habe. Jedes Mal wenn er in mich eindringt und sich aus mir herauszieht, schweben seine Lippen die ganze Zeit nur wenige Millimeter über meinen und berühren sie immer wieder kurz, während wir beide krampfhaft versuchen, möglichst leise zu sein. Sein Blick ist jetzt unverwandt auf mich gerichtet.

Als er kommt, küsst er mich.

Seine Zunge ist tief in meinem Mund, und dass er den Höhepunkt erreicht, merke ich nur daran, dass er die Luft anhält und für ein paar Sekunden in mir erstarrt. Seinem Gesicht ist deutlich anzusehen, wie viel Mühe es ihn kostet, nicht laut aufzustöhnen.

Ich spüre unter meinen Händen, die auf seinem Rücken liegen, wie sich seine Muskeln anspannen. Er bricht den Blickkontakt auch nicht ab, als er sich schließlich von meinen Lippen losreißt.

Ich warte darauf, dass er sich erschöpft auf mich fallen lässt, aber das tut er nicht. Stattdessen stützt er sich weiter auf die Unterarme und sieht mich an, als hätte er Angst, er könnte etwas verpassen. Irgendwann senkt er den Kopf und küsst mich wieder. Als er sich aus mir zurückzieht, legt er sich nicht auf mich, sondern lässt sich langsam zur Seite sinken und zieht mich mit sich, ohne unseren Kuss zu unterbrechen.

Im nächsten Moment liege ich auf ihm und streiche durch seine Haare, und wir küssen uns so innig, dass ich fast vergesse, wo ich bin.

Als wir Luft holen müssen, legt er eine Hand an meine Wange, sieht mich schweigend an und küsst mich dann wieder, als könnte er sich nicht von mir losreißen. Mir geht es genauso. Ich wünschte, wir wären woanders … bei mir … bei ihm … total egal wo, nur nicht an einem Ort, wo wir aufhören müssen zu tun, was wir gerade tun.

Ich bin sexuell nicht unerfahren, aber was zwischen Graham und mir passiert, ist absolut neu für mich. Ich kenne dieses Gefühl nicht, nicht zu wollen, dass es vorbei ist, nachdem es vorbei ist. Dieses Gefühl, mit dem anderen verschmelzen, eins mit ihm werden, ihm noch viel näher kommen zu wollen. Und vielleicht geht es Graham genauso wie mir. In dem Blick, mit dem er mich zwischen unseren Küssen ansieht, lese ich jedenfalls mehr Verwirrung als Routine.

Sekundenlang schauen wir uns einfach nur in die Augen. Keiner spricht. Es kann sein, dass er mir nichts zu sagen hat, aber in meinem Fall liegt es eindeutig daran, dass ich zu viel fühle, um sprechen zu können. Der Sex mit ihm war unglaublich. Kurz und heftig, aber unglaublich schön.

Und was jetzt gerade in mir vorgeht … ihn zu küssen … dass ich nicht aufhören kann, ihn anzusehen … Ich weiß nicht, ob das nur eine Facette von Sex ist, die ich so noch nie erlebt habe, oder ob es tiefer geht. Vielleicht ist Sex nicht die intimste Erfahrung, die zwei Menschen miteinander teilen können, womöglich gibt es da noch eine ganz andere Stufe der Verbundenheit, von der ich bisher nicht wusste, dass sie existiert.

Graham drückt seine Stirn auf meine, schließt die Augen und löst sich seufzend von mir, als müsste er die Lider geschlossen halten, um sich von mir trennen zu können. Er richtet sich auf und hilft mir auf die Füße. Während ich nach meiner Unterhose suche, entsorgt er das Kondom und knöpft sich seine Jeans wieder zu.

Schweigend und ohne uns anzusehen, streichen wir unsere Kleidung glatt. Er hebt die leere Kondomhülle vom Boden auf und wirft sie in den Mülleimer neben dem Schreibtisch.

Jetzt stehen wir uns gegenüber. Ich halte die Arme vor der Brust gekreuzt, und er schaut mich an, als könnte er nicht glauben, dass das, was wir in der letzten Viertelstunde erlebt haben, tatsächlich passiert ist. Und ich wünschte, es könnte gleich noch mal passieren.

Graham öffnet den Mund, als wollte er etwas sagen, aber dann schüttelt er nur den Kopf, macht einen Schritt auf mich zu, umfasst mein Gesicht und küsst mich noch einmal. Es ist ein drängender, hungriger Kuss, so als wäre er noch längst nicht fertig mit mir. Und ich erwidere ihn mit derselben Gier. Nach einiger Zeit beginnt er mit mir zusammen rückwärts aus dem Zimmer Richtung Treppe zu gehen. Wir trennen uns, um Luft zu holen, er lacht und drückt seine Lippen in meine Haare.

Wir sind erst auf der zweiten Stufe, als mir einfällt, dass ich gar nicht in den Spiegel geschaut habe. Ich hatte gerade Sex mit diesem Mann und muss gleich wieder seinen Eltern gegenübersitzen und so tun, als wäre nichts gewesen. Panisch streiche ich mir über die Haare und zupfe an meinem Kleid herum. »Wie sehe ich aus?«

Graham grinst. »Als hättest du gerade Sex gehabt.«

Ich will ihm einen Stoß versetzen, aber er ist schneller als ich, greift nach meiner Hand und dreht mich mit dem Rücken zur Wand. Er kämmt mir mit den Fingern durch die Haare und reibt mit dem Daumen die unter meinen Augen verschmierte Wimperntusche weg.

»Du siehst wunderschön aus, Quinn. Und so, als hätte ich nichts weiter getan, als dir unser Haus zu zeigen.« Er drückt mir einen Kuss auf die Lippen, und obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass es von seiner Seite aus nur ein kurzer Kuss werden soll, nehme ich sein Gesicht in beide Hände und halte ihn fest. Ich kann nicht genug von Graham bekommen. Ich will so schnell wie möglich mit ihm zurück in meine Wohnung, in mein Bett. Ich will ihn weiterküssen. Ich will nicht nach oben gehen und so tun, als würde ich Nachtisch essen wollen, obwohl ich in Wirklichkeit nur Graham will.

»Quinn«, flüstert er, packt mich um die Handgelenke und drückt mich gegen die Wand. »Was glaubst du, wie schnell du ein Stück Kuchen essen kannst?«

Es ist beruhigend, dass wir offensichtlich dieselben Prioritäten haben.

»Verdammt schnell.«