VOR DEM STURM

19.00 Uhr

 

Die Gefreite Gemma Shaw fuhr schnell, geübt und ohne ein Wort zu sprechen. Sie hielt das Lenkrad mit dem vorschriftsmäßigen Griff und an den vorgeschriebenen Stellen, die linke Hand auf zehn Uhr, die rechte Hand auf zwei Uhr. Ihre Mütze saß streng nach Vorschrift im richtigen Winkel, und ihre Uniform war vorschriftsmäßig gebügelt. Sie hielt sich genau an die vorgeschriebene Geschwindigkeit von achtzig Stundenkilometern.

Tane fragte sich, ob sie sich wohl auch dann noch an die Vorschriften halten würde, wenn eines dieser weißen Dinger hinter ihr her wäre.

Konvois von Militärtrucks begegneten ihnen auf der Gegenfahrbahn der Autobahn, große olivgrüne Lastkraftwagen mit riesigen Reifen, eine einzige lange Kolonne, die sich bis zum Horizont erstreckte. Aber in ihrer eigenen Fahrtrichtung war die Straße frei, jedenfalls bis sie aus dem Vorortsbezirk von Albany herauskamen.

Die Gefreite Shaw bremste, steuerte vorsichtig an den Straßenrand und hielt an.

Tane starrte auf die Szene, die sich vor ihnen abspielte. Am Nordrand von Auckland City lebten zweihunderttausend Menschen, und anscheinend hatten sich alle in ihre kleinen Blechkisten gequetscht und verstopften nun die Autobahn vor ihnen. Es schien keinerlei Ordnung zu geben. Die Autobahn war ein einziges Durcheinander von bunten Teilen, als hätte jemand einen Lego-Baukasten auf der Straße ausgeschüttet.

Leute brüllten, Hupen tönten, und aus mindestens einem Fahrzeug, das man zur Seite geschoben hatte, stieg Rauch aus der Motorhaube.

»Wie zum Teufel sollen wir da durchkommen?«, fragte Fatboy entsetzt.

»Das ist kein Problem, Sir«, gab die Gefreite zurück, trat auf das Gaspedal und vollführte mitten auf der Autobahn eine überhaupt nicht vorschriftsmäßige Kehrtwende, fuhr gegen die vorgeschriebene Fahrtrichtung eine Auffahrt hinunter, durch eine Unterführung und schließlich auf der anderen Seite eine Ausfahrt hinauf. Die Ausfahrt war von der Polizei abgesperrt worden, um genau das zu verhindern, was Shaw gerade tat, denn die nach Osten führende Trasse der Autobahn musste für die Militärkonvois frei gehalten werden. Aber als die Polizisten Shaws Ausweis und das Militärfahrzeug gesehen hatten, ließen sie sie ohne Probleme durch.

Shaw schaltete die Scheinwerfer an, obwohl es immer noch hell war, als Warnung für die entgegenkommenden Militärfahrzeuge.

In regelmäßigen Abständen kamen sie an Polizeikontrollen vorbei, die auf der anderen Seite der Autobahn standen und sich verzweifelt bemühten, ein wenig Ordnung in das Chaos zu bringen.

Sie hatten keinen Erfolg. Es hatten sich mehrere Auffahrunfälle ereignet, aber die Fahrer hielten nicht einmal an. An einem uralten Auto war die vordere Stoßstange abgerissen worden und schleifte nun scheppernd über den Asphalt.

Allerdings bewegten sie sich nicht sehr schnell; es ging immer nur um einen oder zwei Meter vorwärts. Wenn sie Glück hatten.

Die meisten Autos waren vollgepackt mit den Habseligkeiten der Insassen. Auf den Dachträgern waren Koffer festgezurrt, auf den Rücksitzen stapelten sich Kartons und Leinentaschen.

»Was machen wir, wenn wir nach Hause kommen?«, fragte Tane.

»Zuerst erzählen wir unseren Eltern, was hier los ist«, sagte Fatboy. »Und dann gehen wir zu Rebeccas Haus.«

Crowe hatte ihnen gesagt, dass Rebeccas Mutter verhört, aber sofort wieder freigelassen worden sei. Sie sei jetzt wieder im Haus in West Harbour.

Noch vom Stadion aus hatten sie versucht, zu Hause anzurufen, aber es hatte sich nur eine mechanische Stimme gemeldet, die sie darüber informierte, dass das System überlastet sei und sie es später noch einmal versuchen sollten.

Rebecca hatte aufgehört zu weinen, aber sie schien in einer seltsam traurigen Stimmung zu sein. Mehr als das – es schien ihr alles egal zu sein. Als ob nichts mehr eine Rolle spielte. Es war, als hätte sie eine Mauer um sich errichtet. Weder Fatboy noch Tane versuchten, zu ihr durchzudringen.

Tane fragte sich, ob sie mit ihren Antikörpern und Makrophagen nicht doch recht haben könnte. Er kannte sie nun schon sein – und ihr – ganzes Leben lang, und sie hatte sich selten in irgendeiner Sache geirrt.

Andererseits hatte Crowe felsenfest darauf beharrt, dass sie unrecht hatte.

»Am Anfang war es vielleicht nur ein Einziger«, sagte Rebecca plötzlich, wie im Selbstgespräch. »Ein winziger Nebelschwaden, der aus einem Reagenzglas oder einer Laborflasche aufsteigt. Aber weiterwächst. Vielleicht passierte es spät am Abend oder in der Nacht. Vielleicht war niemand in der Nähe. Aber im Nebel wuchs eine Makrophage heran, und sie wartete. Sie wartete auf ein Pathogen. Vielleicht war es der Nachtwächter oder ein Wissenschaftler, der noch spät in der Nacht arbeitete.«

Nachdenklich hielt sie inne und schaute eine Weile aus dem Fenster.

»Und die Zellen dieses Menschen waren ihre Quelle – ihr Fressen, wenn man es so nennen will, Makrophagen sind schließlich Fresszellen. Und mit der Nahrung wuchs auch der Nebel, und vielleicht gab es dann schon zwei Makrophagen. Und der Nebel breitete sich weiter aus, kroch die Flure entlang und unter den Türen hindurch, fand das nächste Opfer, und schon gab es drei oder vier dieser Kreaturen. Als dann der Morgen kam, hatte der Nebel die ganze Insel bedeckt, und die Menschen waren verschwunden.«

»So was darfst du nicht mal denken!«, sagte Fatboy. »Es verstört dich nur.«

Aber es verstörte nicht nur Rebecca.

Sie überhörte ihn einfach und fuhr fort. »Dann erreichte der Nebel Whangarei und löschte unterwegs ein paar einsam gelegene Farmen und kleine Dörfer aus. Und in Whangarei fand er fünfzigtausend Menschen. Fünfzigtausend Keime, die er eliminieren konnte.«

»Wovon redet sie eigentlich?«, fragte die Gefreite Shaw, die allmählich ziemlich nervös wirkte.

»Der Nebel wird bald Auckland erreichen, wo sich dann noch fast eine Million Menschen aufhalten wird – jede Menge Zellen, um weiterzuwachsen. Und er wird enorm wachsen. Wenn fünfzigtausend Menschen den Nebel mehrere Kilometer weit wachsen lassen, wie groß wird dann die Nebelwolke mit einer Million menschlicher Körper werden?«

»Rebecca, hör endlich auf damit!«, befahl Fatboy.

»Rebecca«, sagte Tane sanft.

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Jungs. War ein langer Tag.«

»Ein langer, seltsamer Tag«, nickte Fatboy.

»Crowe und die anderen Wissenschaftler wissen, was sie tun«, sagte Tane. »Sie halten uns nicht für eine Krankheit. Ich auch nicht.«

Rebecca fiel in dumpfes Schweigen.

»Was ist mit dem Chronophon?«, fragte Tane nach einer Weile.

Der Koffer lag auf Tanes Schoß. Sie mussten das Gerät immer noch auf dem Tower installieren, das war ihnen klar.

»Das machen wir später«, sagte Fatboy. »Wird viel leichter sein, die Stadt auf dem Motorrad zu erreichen – damit kommen wir auch durch die schlimmsten Staus.«

Das Funkgerät piepte, und die Gefreite Shaw hielt es an ihr Ohr, nannte ihre Position und Fahrtrichtung, lenkte dann das Fahrzeug auf die Standspur und hielt an.

»Warum halten Sie …?«, begann Fatboy, aber die Antwort erschien hinter ihnen: ein zweiter Landrover näherte sich schnell und mit ständigem Aufblenden. Er hielt hinter ihnen an.

»Big Mandy« sprang heraus. Mit breitem Grinsen kam er auf sie zu.

»Habe mir ein Fahrzeug ausgeliehen«, sagte er. »Bringe euch gute Nachrichten.«

»Ach ja?«, fragte Rebecca sarkastisch, was angesichts der Umstände auch durchaus angebracht schien.

»In diesen Tagen ist jede gute Nachricht ein Segen«, erklärte Manderson salbungsvoll.

Hinter ihm bewegte sich etwas, und ein kleines braunes Fellbündel kletterte durch das offene Beifahrerfenster, unaufhörlich plappernd und mit haarigen Armen winkend.

»Xena!«, rief Rebecca, und schon schoss die Schimpansin heran und sprang ihr mit einem Satz in die Arme.

»Vor ungefähr zwanzig Minuten kam sie einfach aus dem Nebel spaziert«, erklärte Manderson. »Nur der Himmel weiß, wie sie vom Hotel den Weg durch diese dicke Suppe gefunden hat. Sie muss einfach die Hauptstraße nach Süden entlanggelaufen sein. Reines Glück, vermute ich.«

Kann schon sein, dachte Tane, aber Tiere hatten manchmal ganz besondere Instinkte.

Rebecca drückte die Schimpansin wie eine lang verlorene Tochter an sich, und Xena schmiegte sich eng an sie.

»Hi, Xena«, sagte Tane. Sie kreischte ihn freundlich an, und er empfand eine eigenartige Freude, den fröhlichen kleinen Affen wiederzusehen.

»Bitte richten Sie Doktor Crowe Grüße aus – ich bin ihm sehr, sehr dankbar«, sagte Rebecca, als Manderson wieder in seinen Landrover stieg.

Er grinste sie an. »Stony ist im Moment ziemlich beschäftigt.«

»Sie haben ihn gar nicht gefragt, stimmt’s?« Das war eher eine Feststellung als eine Frage.

Manderson grinste noch breiter und schüttelte den Kopf. Rebecca trat noch näher, und bevor er zurückweichen konnte, beugte sie sich durch das Fenster und küsste ihn auf die Stirn, direkt unterhalb seiner dichten schwarzen Locken.

»Danke, Mandy«, sagte sie.

»Passt auf euch auf«, sagte er. »Geht zu eurem kleinen U-Boot und versteckt euch an einer sicheren Stelle.«

»Das machen wir«, nickte Rebecca und drückte Xena an sich. Manderson wendete den Rover und raste davon. Zurück nach Albany.

Zurück zum Nebel.

Der Tomorrow-Code
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