26

 

Stefan sah dabei zu, wie Rubens in einen Leichensack gesteckt und abtransportiert wurde. Lutz Franck, der Rechtsmediziner, hatte den Leichnam bereits untersucht und den Todeszeitpunkt bestimmt. Es würde natürlich noch eine Obduktion geben. Stefan war fest entschlossen, selbst dabei zu sein. Die eigentliche Situation war leider Routine in seinem Job, trotzdem ließ diese ihn nicht ganz kalt. Er hatte den erfolgreichen Rotweinliebhaber selbst erst vor Kurzem gesprochen. Normalerweise waren ihm seine Leichen unbekannt. Sophie und Ben hatte er nach einer kurzen Befragung zurück nach Hamburg fahren lassen. Die beiden hatten genau geschildert, wie sie die Leiche entdeckt hatten. Sophie hatte mit großen Augen von ›Zufall‹ gesprochen. Zufall? Stefan glaubte nicht eine Sekunde daran. Ihre verdammte Neugier hatte sie an den Tatort getrieben. Sie tat ihm fast ein bisschen leid. Selbst für die toughe Sophie muss die Szenerie ein Albtraum gewesen sein. Stefan sah sich um. Die Kollegen der Spurensicherung waren dabei, den Angelstuhl zu verladen. Sie hatten Fotos gemacht und würden noch weitere Spuren sichern, auch wenn alles auf einen Selbstmord hindeutete. Stefan wusste, dass er im Moment nichts mehr tun konnte. Nach diesen entsetzlichen Bildern brauchte er dringend eine Zigarette. Unbemerkt schlich er sich davon. Lutz stand ein paar Meter weiter und rauchte. Stefan ging zu ihm.

»Hast du noch eine Kippe übrig?«

Wortlos reichte Lutz ihm eine.

»Und?«

»Ich weiß nicht.«

»Was weißt du nicht?«

»Keine Ahnung! Es ist nur ein Gefühl, aber für mich wirkt das inszeniert.«

Stefan riss die Augen auf. »Inszeniert?« Das war hier doch kein Theater! »Er hat sich in den Kopf geschossen. Die Jungs von der Spurensicherung haben sein Gehirn vom Nylonstuhl gekratzt.«

Lutz sah ihn müde an. »Wir werden schon rauskriegen, was hier genau passiert ist. Keine Sorge. Aber dazu muss ich ihn erst mal auf meinem Tisch haben.«

»Der Staatsanwalt ist informiert. Du kannst ihn sofort aufschlitzen.«

»Aufschlitzen? Stefan! Ein bisschen mehr Respekt, bitte.«

»Ich habe Respekt und ich werde bei der Obduktion dabei sein!«

»Gleich morgen früh?«

Stefan nickte und trat seine Kippe aus. »Gut. Also bis dann.« Er würde jetzt nach Hause fahren und versuchen, die wenigen verbleibenden Stunden seines Wochenendes nicht mehr an den Fall zu denken. Stefan wusste, dass ihm das nicht gelingen würde. Wahrscheinlich würde er nicht mal im Schlaf Ruhe finden.

 

*

 

Sascha Richter war gerade im Begriff, sich noch einen Wodka zu genehmigen, als es klingelte. Er stürzte den Drink herunter und wankte zum Eingang, um durch den Türspion zu blicken. Sein Zustand machte es ihm unmöglich, irgendetwas zu erspähen. Ungeschickt schob er den Riegel zurück und öffnete die Haustür. Jetzt erkannte er den Besucher sofort.

»Du?«, fragte er vollkommen überrascht.

»Hallo, Sascha. Ich war gerade in der Gegend. Und da habe ich mir gedacht, ich schau einfach mal vorbei. Komme ich ungelegen?«

Sascha schüttelte irritiert den Kopf. »Ne, ist schon okay! Komm rein.« Er trat zurück und ließ den Besucher neugierig eintreten.

»Hast du was zu trinken?«

Sascha nickte. »Wodka?«

»Klingt gut.«

Sascha ging voraus in die Küche. Er nahm das letzte saubere Glas aus dem Schrank und schenkte seinem Gast ein.

»Mann. Du solltest mal lüften.«

Sascha öffnete sofort schuldbewusst die Balkontür. Sein Gast nahm den Drink mit auf den kleinen Balkon und sah hinunter auf den Hof.

»Wie gesagt, ich war gerade in der Gegend. Was ist das denn da unten?«

Sascha wusste nicht, was er gemeint haben könnte. Neugierig trat er ebenfalls auf den Balkon und blickte in die Tiefe.

»Wo denn?«

»Na, da!«

Er sah nichts. Er beugte sich weiter über das Geländer. Was sollte denn da auf einmal sein? Da standen doch nur die Müllcontainer. Manchmal schlich eine fette schwarze Katze unten herum. Plötzlich schwankte er. Er war besoffen wie immer, aber dass er sinnbildlich den Boden unter den Füßen verlor? Für den Bruchteil einer Sekunde war er wieder stocknüchtern. Er verlor den Boden unter den Füßen. Sein Besucher hatte seine Beine mit den Armen hochgerissen. Vor lauter Panik blieb ihm die Luft weg. Er war nicht einmal in der Lage, um Hilfe zu rufen. Gleich würde er über die Brüstung stürzen.

»Sorry, aber du bist einfach erbärmlich. Und kein Mensch auf diesem Planeten wird dich vermissen!«

Das waren die letzten Worte, die er hörte, bevor er fiel. Er hörte seine eigenen Knochen splittern. Blut quoll ihm aus der Nase und aus dem Mund, als er neben den Mülltonnen noch einmal kurz zu Bewusstsein kam. In diesem Moment wurde ihm klar, dass er gleich sterben würde.

 

*

 

 

Sophie fuhr langsam. Mit 120 Stundenkilometern steuerten sie Hamburg an. Seit 20 Minuten schwiegen sie. Ben schien genau wie sie diese Bilder verarbeiten zu müssen. Rubens, sein halbes Gesicht, die Fliegen und die Hirnmasse. In seinem Abschiedsbrief hatte er den Mord an Laura gestanden. Rubens war der Täter. Die Geschichte musste jetzt hier enden. Trotzdem wollte sie den vereinbarten Termin mit Marcello Mari wahrnehmen. Das Gespräch sollte sie schließlich für die ›Stars & Style‹ machen. Es ging um ihren Job. Sophie hörte ein leises Schnarchen von der Rückbank. Zumindest Ronja schlief.

»Ben?«, fragte sie leise. »Ich bin spät dran. Ich bin mit Mari im Au Quai verabredet. Das Restaurant liegt direkt an der Elbe in Neumühlen. Soll ich erst nach Hause fahren oder kann ich euch dort rauslassen?«

Ben atmete tief durch. »Ich würde gern noch ein Stück laufen. Der Kleinen da hinten geht es bestimmt ähnlich.«

Sophie nickte. »Willst du reden?«

»Was gibt es da zu reden? Es war ein scheußlicher Tag!«

»Ben, es tut mir leid, dass ich dich da mit reingezogen habe. Ich konnte doch nicht wissen …«

»Ich habe dir auch keinen Vorwurf gemacht. Rubens hat sich erschossen. Er hat Laura umgebracht und sich dann getötet. Gut so, oder? Du kannst endlich aufhören, herumzuschnüffeln. Der Fall ist aufgeklärt.«

»Ja. Zum Glück.«

Sophie parkte den Wagen. Ben verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss. Er schien nur noch weg zu wollen. Sophie sah ihm und Ronja einen Augenblick nach. Wie gern wäre sie mitgegangen. Ein Spaziergang an der frischen Luft. Der Strand. Fröhliche Menschen, die einen Grill aufgebaut hatten und den Abend genossen. Sophie gab sich einen Ruck und betrat das Au Quai. Auf der Terrasse wartete Mari bereits auf sie. Er kaute auf einem Zahnstocher. Als er sie sah, sprang er sofort auf.

»Sophie, meine Liebe. Es tut mir leid, aber ich habe bereits gegessen. Haben Sie Hunger? Ich kann das Rinderfilet vom La Morocha empfehlen. Es war schön blutig. Genau so, wie ich es mag.«