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Donnerstag

 

Als Sophie aufwachte, war sie im ersten Augenblick irritiert. Im nächsten Moment wusste sie wieder, warum sie in Tinas Gästezimmer und nicht in ihrer Wohnung in der Hamburger Villa geschlafen hatte. Die Erinnerungen an die Ereignisse des Vortages waren sofort wieder da. Laura war tot. Sophie setzte sich auf und sah auf die Uhr. Es war erst halb sieben, doch die ersten Sonnenstrahlen schienen bereits in das Zimmer. Sie hatte vergessen, die Vorhänge zuzuziehen. Sophie lauschte. Im Haus war es ruhig. Es schien außer ihr noch niemand wach zu sein. Sie wusste, dass sie nicht mehr einschlafen würde. Ihr ging viel zu viel im Kopf herum. Sie musste ihrem Chefredakteur erklären, dass es keine Story mehr gab. Sie würden wieder überlegen müssen, mit wem sie das Starporträt für die ›Stars & Style‹ machen könnten, und dabei lief ihnen die Zeit davon. Die nächste Ausgabe musste bald in den Druck. Und dann war da noch Bens Besuch. Sie hatte wirklich keine Zeit zu verlieren. In Hamburg wartete eine chaotische Wohnung auf sie, die sie zumindest ein bisschen für ihre Gäste herrichten wollte. Sophie beschloss, leise nach unten zu schleichen und sich einen Kaffee zu machen.

Sie nahm ihren Becher mit auf die Terrasse. Im Garten roch es nach Gras und Sommer. Ein neuer Tag. Der erste Tag, den Laura nicht mehr erlebte. Sophie fröstelte, obwohl es bereits warm war. Lauras Leiche war jetzt im Rechtsmedizinischen Institut. Wann war wohl ihre Obduktion? Warum war Laura tot zusammengebrochen? Sophie wusste, dass ihre Gedanken den ganzen Tag nur um diese eine Frage kreisen würden. Sie musste sich auf den neuesten Stand der Dinge bringen lassen. Für Fehmarn war die Rechtsmedizin in Lübeck zuständig und damit ihr alter Freund Lutz Franck. Nicht, dass sie wirklich Freunde waren, im Gegenteil. Sophie wusste, dass Lutz Franck seine Doktorarbeit hatte schreiben lassen. Sie hatte ihn nie darauf angesprochen. Es reichte, dass er wusste, dass sie im Bilde war. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als ihr Informationen zu geben, die er eigentlich nicht weiterleiten durfte. Er hatte viel zu viel Angst, dass sie ihr Wissen publik machen würde. Sophie schüttelte schweigend den Kopf. Sie käme im Leben nicht auf die Idee, Lutz für sein Jahre zurückliegendes Fehlverhalten anzuschwärzen. Er war ein hervorragender Rechtsmediziner und nur das zählte. Trotzdem hatte sie ihren Trumpf im letzten Sommer ausgespielt. Lutz hatte ihr helfen müssen, den Mörder der blonden Kitesurferinnen zu finden. Sophie atmete die herrliche Luft ein und fasste einen Entschluss. Sie würde Lutz auch zu diesem Todesfall ein paar Fragen stellen. Noch war es zu früh, aber in ein paar Stunden würde sie ihn anrufen.

 

*

 

 

Stefan wurde wach, als sein Sohn Paul sich energisch zwischen ihn und seine Frau drängelte. Stefan rückte ein bisschen zur Seite, um ihm Platz zu machen, doch ohne Erfolg. Paul starrte ihn wütend an und fing an zu heulen.

»Mama! Papa ist in meinem Bett!«

»Papa ist nicht da!«, murmelte Tina müde.

»Bin ich doch«, erklärte Stefan trotzig und fragte sich, womit er eine solche Behandlung verdient hatte.

Tina riss die Augen auf. »Stefan? Ach ja, entschuldige bitte. Ich hatte vergessen, dass du hier bist.«

»Papa weg!«, forderte Paul hartnäckig.

»Ich freu mich auch, euch zu sehen. Mir war nicht klar, dass ich nicht unangemeldet nach Hause kommen darf. Das wird in Zukunft sicher nicht mehr vorkommen.«

»Mein Gott, Stefan. Nun beruhige dich!« Tina griff Paul und zog ihn unter ihre Decke. »Alles gut, mein Schatz. Papa meint das nicht so.«

»Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass ich hier wohne.«

»Aber doch nicht heute! Wie soll das Kind das denn wissen?«

Stefan öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Was sollte er auch sagen?

Paul war wieder eingeschlafen. Tina stieg aus dem Bett, legte den Finger auf ihre Lippen und gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Gemeinsam schlichen sie hinunter in die Küche. Tina nahm ihn in den Arm.

»Schön, dass du da bist.«

Stefan vergrub seine Nase in ihren kastanienroten Locken und seufzte. »Ich wusste nicht, dass mein Sohn mein Bett zu seinem gemacht hat.«

Tina grinste und gab ihm einen Kuss. »Nur wenn du nicht da bist. Er ist doch noch so klein.« Sie löste sich aus seiner Umarmung und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen.

»Komm, wir setzen uns raus und genießen die Ruhe vor dem Sturm.«

 

Im selben Moment plärrte das Babyfon los. Finn, der jüngste Spross der Familie, war wach.

»Ich fürchte, es stürmt bereits«, kommentierte Stefan trocken. »Ich muss jetzt sowieso unbedingt Ingmar anrufen.«

Tina drückte ihm einen Becher in die Hand und lief die Treppe hoch, um das Baby aus dem Bettchen zu holen. Stefan griff sich das Telefon und wählte die Privatnummer des Staatsanwalts. Ingmar Harder nahm nach dem dritten Klingeln ab.

»Harder.«

»Morgen, Ingmar! Stefan Sperber hier!«

»Was gibt’s?«

Stefan schilderte ihm die Situation. »Wir haben die Zeugen bereits gestern Nacht befragt. Sie war wohl ganz schön angeheitert und soll auch Tabletten genommen haben. Vielleicht war sie krank. Es könnte auch eine Überdosis gewesen sein. Mit anderen Worten, die Todesursache ist unklar. Die Leiche liegt jetzt in der Rechtsmedizin«, beendete er seinen Bericht.

»Ich verstehe.« Ingmar Harder räusperte sich. »Klingt, als sollte sich Franck die Sache mal genauer ansehen!«

 

*

 

 

Marcello Mari streckte sich und stieg aus dem Bett. Monika schlief noch. Ihr Gesicht war auf der Seite, wo er sie geschlagen hatte, noch immer rot und etwas geschwollen. Trotzdem war sie über Nacht bei ihm geblieben, wie immer. Er konnte sie behandeln wie den letzten Dreck. Sie würde heute einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Zum einen, weil sie es zu sehr genoss, sich neben ihm auch ein bisschen prominent zu fühlen, wenn er sie zu Partys und Veranstaltungen mitnahm, und zum anderen, weil sie wohl wirklich in ihn verliebt war und hoffte, dass ihre Beziehung einmal ernster werden könnte. Darauf würde Monika ewig warten müssen. Wahrscheinlich war ihr das sogar klar. Mari war immer wieder erstaunt, wie wenig Stolz Monika hatte. Eigentlich hatten sich alle seine Frauen so devot verhalten, bis auf eine Ausnahme, Laura Crown. Marcello ging ins Bad und sah in den Spiegel. Er musste sich mehr Pflege gönnen. Und er musste sich ganz genau überlegen, wie er weiter vorgehen sollte. Er konnte sich jetzt keinen Fehler erlauben. Gestern hatte alles hervorragend geklappt. Er hatte sich wunderbar mit Victor Rubens verstanden. Sie hatten über alte Zeiten geplaudert und Victor hatte durchblicken lassen, dass er in der nächsten Zeit vielleicht wieder eine Rolle für ihn hätte. Marcello stellte sich unter die Dusche und ließ sich das Wasser über den Kopf rieseln. Er fühlte sich ein bisschen angeschlagen. Victor hatte ihm immer wieder Rotwein nachgeschenkt und von seinen nächsten Projekten geredet. Er hatte das nicht unterbrechen wollen. Im Grunde war der Abend wirklich sehr gut verlaufen. Sicher, Laura war tot, aber war das ein so großer Verlust? Sie war ein Biest gewesen. Verdammt sexy, aber ein berechnendes Miststück. Niemand hatte ihn je so behandelt wie Laura es getan hatte. Sie war immer über Leichen gegangen. Und nun war sie eben selbst eine.

 

*

 

 

Sophie wollte gerade von der bequemen Teakholzliege aufstehen und wieder ins Haus gehen, als sie Stefan im Wohnzimmer sprechen hörte. Sie blieb, wo sie war, und lauschte angestrengt. Stefan telefonierte mit Ingmar Harder, dem Staatsanwalt, so viel hatte sie mitbekommen. Leider verstand sie sonst kaum etwas. Am liebsten hätte sie sich unbemerkt an die Terrassentür geschlichen, um besser hören zu können, aber das war wegen der riesigen Panoramafenster unmöglich. Er hätte sie sofort gesehen. Nach ein paar Minuten wurde das Gespräch beendet und Stefan trat auf die Terrasse.

»Oh, du bist schon wach?«, fragte er überrascht.

»Ich bin schon ziemlich lange auf. Es ist einfach herrlich hier. Wenn der Tag so langsam anfängt und …«

»Hast du mein Telefonat belauscht?«, ging Stefan dazwischen.

Sophie grinste. »Ich habe es versucht, aber ich habe nicht viel mitbekommen. Du hast Harder angerufen.«

Stefan nickte. »Stimmt. Ein völlig normaler Vorgang. Der Notarzt, dieser …«

»Dr. Simon.«

»Genau der! Er konnte eine unnatürliche Todesursache nicht ausschließen. Wie auch? War ja keine Altersschwäche.«

Sophie nickte. Es würde natürlich eine Obduktion geben. Es war Zeit, Lutz Franck anzurufen. »Ich werde mal schnell duschen und dann Brötchen holen.«

»Das ist eine gute Idee.«

Sophie ging nach oben und gönnte sich die kürzeste Dusche ihres Lebens. Sie hatte es eilig. Ihre Klamotten rochen muffig, aber sie wollte Tina jetzt nicht stören. Sie würde sie später um ein frisches T-Shirt bitten. Sobald sie auf der Straße war, wählte sie die Nummer von Lutz. Nach dem zehnten Klingeln nahm er endlich ab.

»Lutz? Ich bin’s, Sophie.«

»Weiß ich. Steht schließlich auf meinem Display. Möchtest du wissen, wie es mir geht? Oder hast du wieder eine Leiche gefunden?« Lutz klang genervt. Kein Wunder.

»Laura Crown«, antwortete Sophie knapp.

Lutz sagte nichts, aber sie hörte ihn Luft holen.

»Ja, ich war dabei, als sie zusammenklappte.«

»Was willst du?«

»Wissen, warum, oder besser, woran sie starb!«

»Sophie, deine Laura ist erst seit ein paar Stunden tot! Sie liegt jetzt hier bei mir, schön kühl und trocken. Und so bleibt das auch erst mal. Du musst doch wissen, dass ich mein Go vom Staatsanwalt bekomme. Wenn Ingmar Harder mich anruft, dann wetze ich die Messer! Alles klar? Und nun lass mich in Ruhe!«

 

*

 

 

Tina stand in der Küche und bereitete das Frühstück zu. Zuvor hatte sie die beiden Großen geweckt. Paul musste sie noch immer anziehen. Er weigerte sich, es selbst zu versuchen. Antonia war schon ein richtig großes Mädchen. Sie hatte nur einen recht ausgefallenen Geschmack. An den Wochenenden lief sie meistens in einem rosa Ballettanzug mit passendem Tutu durch die Gegend. Die Kleine hatte sich riesig gefreut, als Tina ihr erzählte, dass Sophie zu Besuch sei. Jetzt deckte sie sogar freiwillig den Tisch auf der Terrasse.

»Ich bin wieder da.«

Sophie warf eine Tüte frischer Brötchen auf die Arbeitsplatte. Antonia hielt glücklich ihre Hand.

»Guten Morgen. Wie hast du geschlafen?«

»Gut. Erstaunlich gut, wenn ich an die gestrige Nacht denke. Ich war allerdings früh wach.«

»Warum bist du denn nicht zu mir gekommen?«, fragte Antonia ernst. »Wir hätten doch was spielen können.«

Sophie lachte. »Auf die Idee bin ich leider nicht gekommen.«

Antonia sah sie verschwörerisch an. »Aber morgen früh. Dann kommst du zu mir, ja?«

Tina nickte. »Genau! Warum bleibst du nicht einfach ein paar Tage? Wir sehen uns viel zu selten und das Wetter soll auch schön bleiben. Klamotten kannst du von mir haben.«

Tina war plötzlich so aufgeregt wie Antonia eben.

»Oh ja. Bitte, bitte, bitte!«, flehte ihre Tochter und sah Sophie aus riesigen Kulleraugen an.

Sophie seufzte. »Ich kann leider nicht.«

»Ein oder zwei Tage? Du kannst doch auch hier arbeiten.«

»Mit Arbeit hat das nichts zu tun«, erklärte Sophie und machte ein vielsagendes Gesicht.

Tina sah sie fragend an. »Was dann?«

»Ich bekomme Besuch!«

Es fiel Tina schwer, ihre Enttäuschung zu verbergen. »Ach so. Wer kommt denn?«

»Halt dich fest. Ben! Und er bringt seine Freundin mit.«

»Er hat eine Freundin?«, fragte Stefan, der plötzlich in der Küche stand. »Und wann gibt es Frühstück?«

»Jetzt.«

 

Das Frühstück verlief harmonisch. Nicht nur die Kinder benahmen sich anständig, auch Stefan und Sophie verhielten sich friedlich. Vor einem Jahr waren die beiden noch ständig aneinandergeraten. Sie hatten sich immer wieder gegenseitig provoziert. Jetzt vermieden sie es, über gewisse Themen zu sprechen und beschränkten sich auf Small Talk. Tina nannte das Waffenstillstand.

»Ich muss heute noch mal nach Lübeck«, erklärte Stefan beiläufig.

»Die Obduktion?« Sophie sah ihn neugierig an. »Du wirst dabei sein?«

Stefan nickte nur.

Sophie fragte nicht weiter nach, doch der Ausdruck auf ihrem Gesicht gefiel Tina gar nicht. Sophie war von Natur aus neugierig und der Tod von Laura hatte für sie etwas Persönliches. Tina kannte ihre Freundin gut genug und hatte Grund, sich Sorgen zu machen. Sophie würde die Ermittlungsarbeit nicht allein der Polizei überlassen, sie würde am Ball bleiben, egal, was es kostete.