29. Kapitel
Ein gutes Stück, bevor die beiden X-Flügler Tildin erreichten, den kleineren und trostloseren Mond von Kuratooine, holten die feindlichen Sternenjäger sie ein. Zuerst waren sie weit entfernte Punkte auf der Sensortafel und bewegten sich entlang des Flugvektors der X-Flügler, bloß einige hundert Kilometer hinter ihnen. Dann pirschten sie sich dicht genug heran, dass die Sensoren ihre Klasse identifizieren konnten. Schließlich waren sie nah genug – lediglich ein paar Klicks weiter hinten –, dass die Optiksensoren der Astromechs Aufnahmen für Myri und Voort machen konnten.
Myri betrachtete das Bild auf ihrem Monitor. Der Sternenjäger, der sich ihr von hinten näherte, erinnerte stark an das, was dabei herauskäme, wenn ein X-Flügel-Jäger mit in Angriffsposition geöffneten S-Flügeln auf mysteriöse Weise seine oberen beiden Flügel verlor. Was übrig blieb, waren die stark an einen X-Flügler erinnernde Bugnase und der Rumpf – mit nur zwei Flügeln, die unten in Angriffsposition eingerastet waren.
Es war ein E-Flügler, braun lackiert und mit einer charakteristischen Reihe stilisierter, dreieckiger Zähne, die in Weiß entlang der Nase des Jägers aufgemalt waren.
Myri, die so tat, als habe sie ihre Verfolger gerade das erste Mal bemerkt, aktivierte die Kom-Tafel. »He, Süßer, sieht aus, als hätten wir Gesellschaft.«
Voorts Implantatstimme antwortete ihr – seine gamorreanischen Grunzer waren darunter nicht hörbar. »Wir könnten ein paar Aufnahmen von unseren Übungsflügen gebrauchen. Fragen wir sie doch mal, ob sie sich dafür zur Verfügung stellen.«
Dann klickte Myris Kom-Tafel, und eine Männerstimme drang aus den Lautsprechern, die nur deshalb lauter als Voorts war, weil der andere Pilot beinahe brüllte. »Unbekannte Maschinen im Anflug auf Tildin, Sie werden aufgefordert, sich unverzüglich zu identifizieren!«
»Unbekannt?« Myri ließ die Stimme zu einem wütenden Quietschen werden. »Wir haben unseren Flugplan bei der Rimsaw-Station und bei der Flugkontrolle von Kura-Stadt eingereicht – und wir mussten für beides unterschiedliche Formulare ausfüllen!«
»Bei uns haben Sie aber nichts eingereicht. Ich wiederhole: Identifizieren Sie sich. Wir haben Sie ins Visier genommen.« Das stimmte. Myris Sensortafel zeigte an, dass ihr Verfolger den X-Flügler mit seinem Zielsensor erfasst hatte, um womöglich entweder einen Laser- oder einen Raketenangriff zu starten.
Als Nächstes meldete sich Voort zu Wort. Er klang lächerlich kleinlaut. »Vielleicht sollten wir besser tun, was sie sagen, Liebes.«
»Oh, na sicher. Prächtig!« Myri schaltete auf das interne Kom um und sprach mit ihrer R2-Einheit, einem abblätternden grauen Etwas, das Trey nur mit Ach und Krach zum Laufen gekriegt hatte. »Fuzzy, übermittle Paket eins an Tausche-Sith-gegen-Verstand dahinten.« Dann wechselte sie wieder auf einen allgemeinen Übertragungskanal und zu ihrer lieblicheren Stimme. »Ich bin Rima Farstar, und der Bursche hinter mir in dem albernen Kostüm ist Matran Farstar. Wir absolvieren einige Übungsflüge rings um Ihren Mond als Training für ein Holodrama, das ich zu drehen beabsichtige, sobald die übrigen Geldgeber mir die Credits gegeben haben, die sie mir zwar versprochen, aber bislang nicht überwiesen haben. Wir sind schon seit Tagen hier, aber das Geld ist immer noch nicht eingegangen, und meine Schauspieler langweilen sich …«
»Wiederholen Sie das. Sagten Sie gerade Kostüm?«
»Sagte ich das? Oh ja. Matrans Kostüm. Er kann kaum aus dem Kopf rausgucken! Ich schwöre, dass er noch gegen die Seite eines Kraters krachen wird, weil er nicht das Geringste sehen kann.«
»Behalten Sie Kurs und Geschwindigkeit bei. Ich komme zu Ihnen zwecks Sichtbestätigung.«
Myri lächelte. »Zwecks Sichtbestätigung von was? Wissen Sie, Sie müssen wirklich lernen, sich präziser auszudrücken. Was wollen Sie durch den Sichtkontakt denn bestätigen? Was sind Ihre Ambitionen? Was sind Ihre Motive? Wie fühlen Sie sich dabei, so rein emotional? Es ist überaus wichtig, dass Sie Ihrem Gegenüber das alles klar vermitteln. Ich weiß das, weil ich mich damit intensiv auseinandersetzen musste, um das Drehbuch zu schreiben.«
»Wahren Sie Funkstille.«
Myri vermutete, dass der Pilot am liebsten hinzugefügt hätte: Oder ich puste Sie weg! Doch das wäre keine angemessene Drohung gewesen, immerhin bestand die Gefahr, dass das Ganze aufgezeichnet wurde, sodass man es bei einem Verfahren wegen Amtsanmaßung gegen ihn vorbringen konnte. Allem Anschein nach war selbst ein Schnapphund klug genug, um sich derlei zu verkneifen.
Der führende E-Flügler legte rasch die Entfernung zwischen ihnen zurück. Er kam hinter Voorts X-Flügler hoch, um ein Stück über ihm in klassische Laserangriffsposition für einen Nahkampf zu gehen. Diese Position hielt er dreißig Sekunden lang bei, ehe er beschleunigte und das Prozedere bei Myri wiederholte.
Myri löste ihr Sicherheitsgeschirr, drehte sich um, sodass sie zu dem E-Flügler-Piloten zurückschauen konnte, winkte und hauchte ihm einen Kuss zu.
»Rima Farstar.« Der Pilot klang gequält. »Bitte bestätigen Sie, dass der zweite X-Flügler von einem Gamorreaner geflogen wird.«
»Gilt die Funkstille denn jetzt nicht mehr?«
»Nein! Bestätigen Sie einfach … die Spezies Ihres Flügelmanns.«
»Oh, er ist ein Mensch. Das ist bloß sein Kostüm. Ich bin überrascht, dass ich es versäumt habe, sein Kostüm zu erwähnen. Er kann kaum aus den Augenöffnungen der Maske schauen, wissen Sie.« Myri wandte sich wieder nach vorn und legte ihre Gurte wieder an. »Es ist ein schweres, massiges Kostüm, das förmlich zum Transpirieren einlädt. Kennen Sie denn die Legende vom fliegenden Schwein nicht? Das ist übrigens auch der Titel meines Drehbuchs.«
»Negativ.«
»Negativ. Oooh, ich liebe dieses Wort. Das muss ich unbedingt verwenden. Nein, also, diese Legende ist schon sehr, sehr alt. Aus dem Krieg gegen das Imperium. Da fingen die Leute plötzlich an, einen gamorreanischen Piloten zu sehen. Was für eine tolle Geschichte! Deshalb dachte ich mir, da müsse man ein Holodrama draus machen. Oder eine Holokomödie. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was von beidem. Ich habe Skriptfassungen für beides geschrieben. Was fänden Sie denn besser?«
»Weiterflugerlaubnis erteilt.« Der E-Flügler drehte abrupt bei – ein ausgesprochen rasantes Manöver für eine so friedliche Situation. Sein Flügelmann drehte ebenfalls ab, um sich ihm auf dem Rückflug nach Kuratooine anzuschließen.
Myri verfolgte, wie sie verschwanden, und ihr Lächeln machte einem harten, starren Blick Platz. Sie schaltete die Kom-Tafel um, um verschlüsselt auf einer wenig genutzten Niedrigenergiefrequenz zu senden. »Hast du alles mitangehört? Die haben in dieser Gegend überhaupt keine Zuständigkeit. Das ist Sache des Sternenjäger-Oberkommandos. Sie haben sich selbst nicht einmal zu erkennen gegeben. Dazu hatten sie gar kein Recht. Diese Typen sind wirklich Ungeziefer, genau wie die Viecher, nach denen sie benannt sind!«
»Konzentrier dich auf die Übung, Zockergirl.« Voorts Stimme klang jetzt sachlich.
»Ich will sie einfach fertigmachen. Solche Typen dürften nicht mal die Lizenz kriegen, einen schwebenden Imbissstand zu steuern.«
Bei ihrer Ankunft war Tildin vollkommen verwaist von anderen Raumschiffen. Auf der Kuratooine zuwandten Seite befand sich eine Sensorstation, aber auf Voorts Anweisung hin übernahm Myri die Führung zur anderen, halb in Schatten und halb in Sonnenlicht getauchten Seite.
Voort wählte einen mehrere hundert Kilometer langen, im Sonnenlicht liegenden Streifen Mondoberfläche aus. »Bei dieser Übung geht es darum, dem führenden Jäger durch jedes Gelände zu folgen. Das müssen wir verdammt gut beherrschen, wenn diese Sache mit der Skifter-Station hinhauen soll.«
»Und was kriege ich, wenn ich besser bin als du?«
»Genug mit dem Süßholzgeraspel, Zockergirl. Ich meine es vollkommen ernst.«
Myri verfiel schlagartig in einen nüchternen Tonfall. »Ja, Sir.«
»Aber gute Arbeit, wie du diese Schnapphunde ausgetrickst hast.«
»Vielen Dank, Sir.«
Unten auf dem Planeten, auf einem niedrigen Berg aus festem Felsgestein am Westrand des Gebiets, wo die Chakham-Basis ans südliche Ende von Kura-Stadt grenzte, überprüften zwei Schnapphund-Trupplerinnen – eine Mensch und eine Quarren – die kleine Hyperkom-Antenne, die hier in den steinigen, unbewachsenen Boden eingelassen war. Auf der Antenne, einer Durastahlgitterschüssel von zehn Metern Durchmesser, lag jetzt ein Baum. Dieser an den Maßstäben des Waldrands rings um die Antenne gemessen kleine Baum war offensichtlich von einer steifen Brise entwurzelt worden. Der abgestorbene Baum lag halb in und halb über dem Rand der Senke.
Ein Wartungsdroide, der einem Menschen kaum bis zur Hüfte reichte, sein Kopf eine runde, vertikale Platte mit einem einzelnen Optiksensor, lag unter dem Baumstamm, genau dort, wo er die Steinkante um die Antenne berührte. Am Boden festgenagelt, zappelte der Droide herum, und seine Metallarme schlugen gegen das Gestein. Aus seinem Stimmgenerator drang eine Abfolge melodischer Töne, bei denen es sich ebenso sehr um die Bitte nach Hilfe handeln konnte wie um Droidenflüche.
Die Quarren-Trupplerin lachte. Das durch das Tentakelgewirr über dem Mund gefilterte Geräusch klang gedämpft und zäh. »Das erklärt die Interferenz.«
Die menschliche Trupplerin schüttelte den Kopf, offensichtlich frustriert über die Sinnlosigkeit, sich mit Droiden herumschlagen zu müssen. Sie stand auf, schob die Arme unter den Baumstamm und wuchtete ihn in die Höhe. Der Stamm hob sich zwar bloß einen halben Meter, aber dem Droiden gelang es dennoch freizukommen. Er stand auf, zeigte anklagend auf den Baum und setzte seine Tirade fort.
Die Quarren gestikulierte, um die Aufmerksamkeit des Droiden auf sich zu lenken. »Was ist passiert?«
Der Droide stemmte seine Hände dorthin, wo sich bei einem Menschen die Hüften befanden, und redete schnell und eindringlich auf die Quarren ein.
»Was meinst du damit, du weißt es nicht?«, fragte sie.
Die Menschenfrau schaute ungläubig. »Was meint er damit, dass er es nicht weiß?«
Die Quarren zuckte mit den Schultern. »Er sagt, dass er vom Droidenzugangstunnel hier hochgekommen ist. Er war noch fünfzig oder sechzig Meter hangabwärts, als er plötzlich notabgeschaltet wurde. Dann ist er unter dem Baum wieder zu sich gekommen.«
Die menschliche Frau rollte mit den Augen. »Vermutlich ist Folgendes passiert: Er kam hier hoch, der Baum stürzte auf ihn, und er hat sein System neu hochgefahren. Als er wieder online war, waren seine gespeicherten Erinnerungen falsch zugeordnet oder beschädigt.«
»Wahrscheinlich hast du recht.«
»Komm, hilf mir mal. Der Baum ist immer noch zu schwer für den Droiden.«
Gemeinsam schleppten sie den Baum vollständig von der Antennensenke weg. Die ganze Zeit über erteilte der Droide ihnen dabei kontraproduktive Ratschläge und beschwerte sich über die Art und Weise, wie die beiden Trupplerinnen die Ereignisse deuteten. Dann entfernten sich die Schnapphunde endlich, und der Droide stapfte hinter ihnen her. Alle drei sorgten mit der Verstohlenheit und Anmut betrunkener Banthas dafür, dass unter ihren Füßen deutlich hörbar das Laub auf dem Boden raschelte.
Zwei Minuten verstrichen, ehe Jesmin aufstand, um die Synthstoffdecke und die darauf verteilten Blätter zu Boden gleiten zu lassen.
Huhunna neben ihr erhob sich ebenfalls. Sie ließ ein einzelnes Wort hören: »Kriekkraakkruump.« Das Wort war eine Lautmalerei, das Wookiee-Geräusch für jemanden, der durch mehrere Astschichten fällt, bevor er auf dem Boden aufschlägt – anders ausgedrückt: für einen Tollpatsch.
Jesmin, die die Wookiee-Sprache ziemlich gut beherrschte, grinste und entgegnete in ebendieser: »Ja, es ist ungefähr so, als würde man lauschen, wie ein Baudroide versucht zu lernen, auf Zehenspitzen zu gehen.«
»Aber du hattest recht.« Huhunnas Worte, die leise von den Baumstümpfen widerhallten, klangen für die meisten Leute wie das ferne, warnende Knurren eines wilden Tiers.
Jesmin nickte. »Verlassene, aus Sicherheitsgründen abgesperrte Minen verfügen für gewöhnlich nicht über Hyperkom-Einheiten, Arbeitsdroiden oder Schnapphund-Wachen. Hier sind wir richtig.« Sie schaute nach Nordosten. Durch die Bäume konnte man in der Ferne einen flüchtigen Blick auf einige der wenigen Wolkenkratzer von Kura-Stadt erhaschen. »Irgendwo da drüben befindet sich der alte Eingang zur Mine, die vermutlich nicht annähernd so abgeschottet ist, wie die meisten Leute glauben.« Sie wandte sich nach Südosten. In dieser Richtung lag die Chakham-Basis, auch wenn die Bäume sie vor ihren Blicken verbargen. »Und ich wette, da unten gibt es noch einen anderen Eingang.«
Huhunna knurrte ihre Erwiderung: »Lass uns diese Mission zu Ende bringen und von dieser Welt voller spindeldürrer kleiner Bäume verschwinden.«
»Ach, komm! So spindeldürr sind sie nun auch wieder nicht.«