23. Kapitel

Voorts Sensortafel zeigte eine wachsende Anzahl mutmaßlicher Gegner. Jetzt kamen von Kreedle aus zwei Echopunkte auf sie zu, einer davon ganz nah. Zwei große und vier kleine Punkte waren von der unterirdischen Einrichtung her unterwegs zu ihnen. Alle kleinen Punkte waren deutlich schneller als Voorts Gleiter, und Trey meldete, dass das Kom-Störsignal noch immer genauso stark war wie zuvor.

Voort starrte Sharr an. »Sechzig Sekunden bis zum Mount Lyss.«

Sharr nickte. Er drehte sich um und schaute auf die Ladefläche. »Du da, ähm, Vier. Wie kommt man zur Station?«

Trey brauchte sein Datapad nicht zu konsultieren. Er antwortete, ohne zu zögern. »Mit einer Seilbahn. Nordöstlich auf Höhe der Ebene. Oder über eine Treppe, wenn du ein bisschen körperliche Ertüchtigung brauchst. An der Nordwand.«

Sharr wandte sich wieder nach vorn. »Noch so ein Witzbold.«

»Wenn du mir sagst, dass es in deinem Team keinen einzigen Witzbold gibt, spendiere ich dir eine Flasche sechzig Jahre alten corellianischen Brandy.«

»In meinem Team gibt es keinen Witzbold.«

»Aber es muss die Wahrheit sein.«

Sharr seufzte gereizt und sagte nichts mehr.

Als sie an ihrem Ziel eintrafen – bei dem es sich trotz seines Namens nicht so sehr um einen Berg handelte, sondern vielmehr um einen mehrere hundert Meter hohen Hügel, der aus dem vergleichsweise ebenen, von Getreidefeldern umgebenen Gelände emporragte –, stellten sie fest, dass das, was einst das Seilbahngebäude gewesen sein musste, bloß noch eine jahrzehntealte Ruine war. Auch war von den Seilbahnkabeln nirgends etwas zu entdecken. Voort schwang nach Westen herum. Kurz darauf deutete Sharr mit erhobenem Makrofernglas auf die Stelle, wo Permabetonstufen mit einem Metallrohrgeländer von unten zum Gipfel hinaufführten.

Voort setzte den Gleiter dicht beim Fuß der Treppe auf. Die Gespenster sprangen hinaus und begannen mit dem Aufstieg.

Der Devaronianer spähte den Hang empor. Die Worte kamen als Ächzen über seine Lippen. »Noch … noch … mehr … Stufen. Tötet mich – jetzt sofort!« Dann fing er an, die Treppe hochzuklettern.

Voort, der die Nachhut übernommen hatte, blieb einen Moment lang zurück. Genau wie Wran, der Mann mit dem hüftlangen Umhang, der sich einen Schritt von der Treppe entfernt an einem Felsvorsprung abstützte und mit dem Zielfernrohr seines Gewehrs ein fernes Ziel ins Visier nahm, das Voort kaum erkennen konnte: zwei winzige Lichter, ein gutes Stück über dem Boden. Voort schaute mit zusammengekniffenen Augen zu dem Zielobjekt hinüber. »Ein Gleiter aus dem Ort?«

»Hm-hm, und er wird hier sein, bevor wir halb den Hang hoch sind.«

Voort bezog hinter einer anderen Felsplatte Stellung. Er schaltete sein Gewehr in den Granatenmodus um. »Ich bin dein Flügelmann.«

»Danke. Aber sie fliegen in einer gerade Linie. Schwachköpfe …« So reglos wie ein verrosteter Droide, bei dem bloß noch eine Binärzahl funktionierte, betätigte Wran den Abzug.

Das helle Licht, das aus dem Gewehr schoss, blendete Voorts Augen. Als sich sein Blick wieder klärte, sah er, dass das ferne Zielobjekt in einem steilen Winkel gen Boden stürzte. Der Speeder richtete sich nicht wieder waagerecht aus, stattdessen sauste er in das Getreidefeld. Sekunden später hörte Voort das Krachen des Aufpralls. »Hast du auf die Repulsoren geschossen?«

»Ich habe den Piloten getötet.« Wran drehte sich um und fing an zu klettern.

Keuchend, mit wogender Brust, erreichte Voort das obere Ende der Treppe. Der Absatz auf der Spitze führte durch einen Spalt in einer hüfthohen Mauer, die teils aus dem Naturfels geschnitten worden war und teils aus strukturiertem Permabeton bestand. Dahinter war ein Laufsteg, zwanzig Meter lang und vier Meter breit, über dem sich ein drei Meter hoher, natürlicher Felsüberhang befand. Der Laufsteg führte zur Nordmauer der Station, die ebenfalls aus dem Felsgestein gehauen worden war. Eine Tür und zwei breite Fenster – ohne Glas oder Transparistahl – führten in eine dunkle Kammer.

Als Voort beim Laufsteg anlangte, erreichten die ersten vier Speeder gerade den Hügel. Einer landete dreihundert Meter entfernt. Die anderen verteilten sich und umkreisten den Hügel.

Die Gespenster und die beiden Duros standen auf dem Laufsteg. Sharr gab Anweisungen. »Wir sind jetzt das Ablenkungsmanöver für Myri und die anderen da unten. Unsere Aufgabe besteht darin zu verhindern, dass die Schnapphunde uns töten, während die Damen ihren Job erledigen. Ich will drei Teams. Schützen hier oben auf die Mauer.« Er wies auf Voort, Trey, Wran und Scut. »Späher, ihr überprüft jeden Zentimeter dieser Basis und meldet mir Ressourcen, Schwachstellen und mögliche Fluchtwege.« Er deutete auf Thaymes und den Devaronianer. »Die Zivilisten und der … Verletzte.« Er wies auf die Joyls und Turman. Der Clawdite, den Trey auf dem Laufsteg abgesetzt hatte, schien fest eingeschlafen zu sein. »Und vergesst die Nummern, sonst drehen wir schon durch, bevor wir auch nur die beiden Teams gebildet haben. Wegtreten, und los geht’s!« Er klatschte in die Hände.

Die Gespenster verteilten sich. Voort suchte sich einen Platz an der Mauer und spähte in die Nacht hinaus.

Trey hielt sein Makrofernglas an die Augen und verschaffte sich einen Überblick über die Lage. »Gerade haben zwei große Dinger den Kamm überquert, die ich nicht als Gleiter bezeichnen würde. Irgendwelche Artillerie-Einheiten. Die Schnapphunde unten in den Feldern schwärmen aus, legen jedoch nicht mit ihren Gewehren an.«

»Sie wollen uns hier festnageln.« Voort blickte durch sein Zielfernrohr. Er konnte einen Landgleiter sehen, ein kleines, sportliches Modell, mit einer Menschenfrau im Pilotenabteil, ihrem Aussehen nach zu urteilen tough und vom Militär.

Wran setzte sich und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Er sah Voort an. »Wran Narcassan.«

»Voort saBinring. Narcassan – bist du zufällig mit einer Frau namens Shalla verwandt?«

»Das ist meine Tante. Ihre Schwester Vula ist meine Mutter. Mein Vater war allerdings die reinste Vergeudung atembarer Luft, deshalb habe ich den Familiennamen meines Großvaters angenommen. Du bist dieser Mathegenie-Pilotenbursche, oder?«

»Stimmt.« Voort warf ihm einen Blick zu. Wran entspannte sich, ohne sich die Mühe zu machen, irgendwelche Gegner ins Visier zu nehmen. »Vermutlich könntest du einen oder zwei von denen ausschalten, bevor sie anfangen, auf dich zu feuern.«

»Klar könnte ich das! Allerdings glaubte ich nicht, dass sie schon begriffen haben, dass wir über eine Fernwaffe verfügen. Ich habe zwar diesen Flitzer runtergeholt, aber ich denke nicht, dass die Insassen überlebt haben oder dass irgendjemand sonst nah genug war, um zu sehen, dass das ein Laser angerichtet hat.«

»Aha … Also wartest du, bis dir ein wichtigeres Ziel vor die Flinte kommt?«

Wran lächelte und ließ dabei jede Menge weiße Zähne aufblitzen. »Richtig geraten.«

Trey ließ sein Fernglas sinken und kniete sich hinter die Mauer. »Dies hier ist übrigens der Wetterpfad. Zumindest geht das aus der Karte in der Touristenbroschüre hervor. Der Wetterpfad auf Gipfelhöhe. Der Raum dort drüben ist das Observatorium, das ursprünglich überhaupt kein Observatorium war, sondern ein Aufenthaltsraum. Treppen führen runter zu den Ausrüstungs- und Computerkammern, zu den Unterkünften, zum oberen Ende der Seilbahnstrecke und so weiter.«

Sharr saß oben auf der Mauer, als wolle er Scharfschützen in der Ferne dazu ermutigen, auf ihn zu feuern. »Die Artillerie wird nicht hierbleiben.«

Voort schien nicht direkt zu verstehen. »Wie meinst du das?«

»Die Einheiten sind gestohlen. Als wir da unten waren, haben wir ihre Kennnummern überprüft. Sie wurden als bei Militärmanövern zerstört gemeldet. Vermutlich verwendet Thaal dieselben Wracks immer wieder, über Jahre hinweg. Er präsentiert den Kontrolleuren den Schrott, während er die gestohlenen Einheiten versteckt und verkauft. Da unten waren gleich vier davon.« Sharr legte die Stirn ebenfalls in Falten. »Das ist eine Menge.«

»Er intensiviert seine Schwarzmarktgeschäfte.« Trey klang, als sei er davon felsenfest überzeugt. »Er hat Thermaldetonatoren geklaut. Er muss wissen, dass ein solcher Diebstahl, so dreist er auch sein mag, nicht lange unentdeckt bleiben wird. Es wird nicht lange dauern, bis er sich aus dem Staub macht.«

»Wir werden sehen …« Voort schaute Sharr an. »Übrigens, was zur Hölle ist hier eigentlich los?«

Sharr lächelte. »Du meinst, warum es zwei Gespenster-Teams gibt, die Nachforschungen über General Stavin Thaal anstellen?«

»Genau das meine ich.«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Bhindi und ich haben uns in aller Kürze über unsere Missionsziele ausgetauscht. Unsere Geschichten waren nahezu identisch. Face hat uns rekrutiert, ohne einem von uns etwas vom anderen zu erzählen. Ich glaube, vor ein paar Tagen wären wir fast schon einmal aufeinandergetroffen – mein Kom- und Computerexperte Thaymes hat Myri ein paarmal gesehen und mit ihr in einer Bar geflirtet, doch er nahm an, sie sei bloß eine ungewöhnlich abenteuerlustige Nestbauerin.«

Eine Blasterladung traf die Außenseite des Überhangs. Zwei Meter tiefer, und er hätte stattdessen Sharr erwischt. Trotzdem tat er so, als habe er nichts bemerkt, rutschte von der Mauerkuppe herunter und nahm dahinter Platz. »Tut mir leid, wenn wir uns gegenseitig die Operation vermasselt haben. Aber, Voort, es ist schön, dich zu sehen.«

»Gleichfalls.«

Im Laufe der nächsten Stunde lernte Voort die anderen Fremden kennen, als diese hochkamen, um Sharr Bericht zu erstatten.

Da war der devaronianische Sanitäter Drikall Bessarah, der Turman einen Betäubungspfeil verpasst hatte. »Nenn mich bitte nicht Doktor. Diesen Titel darf man nur tragen, wenn man die Approbation hat, als Arzt zu praktizieren.«

Der Lockenkopf war Thaymes Fodrick, ein Corellianer, der erklärte, sich dagegen entschieden zu haben, der Familientradition treu zu bleiben und ebenfalls ewig zu studieren. »Ich machte mir einen ziemlichen Namen damit, mich nur so zum Spaß in gesicherte Computersysteme einzuhacken. Dann wurde ich von einem Sicherheitsberater namens Garik Loran erwischt, der mir auf die Finger klopfte und mich gehen ließ. Zwei Jahre später wurde ich von Sharr rekrutiert.«

Huhunna, der weibliche Wookiee, war nicht zugegen, um sich selbst vorzustellen. Sharr erklärte Voort: »Ich hörte von dieser Wookiee-Luftakrobatin, die sich auf Kashyyyk aufhielt, als Jacen Solo den Planeten abzufackeln versuchte. Seit damals hat sie – als reine Zivilistin – mehrere Militäroffiziere zu Fall gebracht, die ihre Privilegien missbraucht haben. In bestimmten Kreisen ist sie daher ausgesprochen unbeliebt. Doch als Face mir von Thaal berichtete, dachte ich mir, dass sie das … motivieren würde.«

Im Laufe dieser Stunde trafen insgesamt vier Blaster-Artillerie-Einheiten ein, die an vier strategisch wichtigen Punkten rings um den Hügel in Stellung gebracht wurden. Zahlreiche Luft- und Landgleiter schlossen sich ihnen an, allesamt mit Schnapphunden bemannt. Keins der Fahrzeuge kam näher als zweihundert Meter, doch dafür begannen sie, den Hügel mit einem steten Blastersperrfeuer zu beharken.

Und das war noch nicht alles. Aus einer Entfernung von zwei Kilometern nahmen die Artillerie-Einheiten die Hügelspitze und die Hänge unter Beschuss. Alle paar Minuten feuerte eine der Einheiten einen großen Plasmaimpuls ab, der eher wie ein riesiger Feuerball aussah, weniger wie eine Salve aus gebündeltem Licht. Das Geschoss machte beim Anflug einen Lärm, als würde es den Himmel selbst aufreißen, ehe es in der Nähe in den Fels schlug und detonierte. Dann ließ die Wucht des Einschlags die Hügelspitze erbeben, und Steinsplitter, Fliesen und Brocken von Putz brachen aus den alten, verfallenden Wänden und Decken.

Die Observatoriumskammer war wie ein X geformt – zwei lange, relativ schmale Räume, die sich in der Mitte überschnitten. Im Norden, Süden, Osten und Westen endeten sie in Balkonen mit Fenstern, die die Ebenen überblickten, wobei der nördliche Balkon an den Wetterpfad angebunden war. Der Fliesenboden war mit den Trümmern von Jahren und sogar Nagetiernestern übersät, und von der zentralen Gabelung aus führte eine Treppe nach unten. Möbel indes gab es keine und auch keine Wasser- und Energieversorgung. Usan leuchtete die Kammerverzweigung vorsorglich mit Turmans Glühstab aus, und die ganze Zeit über wurde das Kom weiterhin vom Feind gestört.

Voort schaltete sein Komlink ab, und das Rauschen, das als Einziges aus dem Gerät drang, verstummte. »Nehmen wir mal an, dass nicht jeder Schnapphund um Thaals Geheimnisse weiß. Schon möglich, dass das alles überhebliche Rüpel mit gewissen Ansprüchen sind, was ihren Lebensstandard betrifft, aber ein Geheimnis, das zu viele kennen, bleibt nicht lange ein Geheimnis, weshalb wir davon ausgehen können, dass es so etwas wie einen inneren Kreis eingeweihter Schnapphunde gibt. Sie betreiben Orte wie diese Anlage, die Thaal als Ausgangspunkte für Schwarzmarktoperationen benutzt.«

Sharr nickte. »Klingt vernünftig.«

»Womit wir es hier im Augenblick zu tun haben, ist dieser innere Kreis. Diese Leute sind genau solche Hochverräter wie Thaal, bloß nicht so mächtig und einflussreich. Von mir haben sie kein Verständnis zu erwarten. Allerdings kommt es uns letzten Endes sogar zugute, dass Thaal sie hier einsetzt. Er verfügt mit Sicherheit nicht über eine unbegrenzte Anzahl vertrauenswürdiger Handlanger, weshalb er sie auch nicht alle gegen uns in die Schlacht schicken wird. Stattdessen wird er viele von ihnen zur Einrichtung rufen, damit sie sie ausräumen – um sämtliche Beweise zu beseitigen, dass es sich dabei um ein Schwarzmarktlager gehandelt hat. Thaal wird dafür sorgen, dass sich dort keinerlei Beweise für seine Aktivitäten finden lassen, falls es aus irgendwelchen Gründen eine Ermittlung geben sollte. Allerdings kann er sich im Augenblick nicht gänzlich darauf verlassen, dass nicht doch irgendwelche Beweismittel rauskommen.«

Sharr dachte darüber nach. »Ich beneide dich wirklich darum, dass du letzte Nacht Fluchtfahrzeugdienst hattest. Immerhin bedeutet das, dass du bequeme Klamotten tragen durftest. Diese elastischen Dinger, die mein Team anhat, sind ziemlich unbequem und sorgen dafür, dass ich mich gehemmt fühle. Und diese Regulationsanzüge, die eure Leute tragen – sobald die Energiepacks leer sind, wird es da drin so heiß wie in der Hölle.«

»Bitte, sag mir, dass du nicht gerade der Demenz anheimfällst.«

»Nein. Das kam mir nur gerade zufällig in den Sinn, als ich an die Mission dachte – an die Anlage, größtenteils leer. Es wird nicht lange dauern, bis alles weg ist, weil Thaal daran ohnehin bereits gearbeitet hat. Dein Mann Trey glaubt sogar, sie hätten oben einen falschen Boden entfernt, damit sie die Ware schneller wegschaffen können. Ich bin mir sicher, dass bis zum Morgen alles erledigt ist.«

Wran schaute stirnrunzelnd zu ihnen rüber. »Dann ist es für sie also wichtig, diese Artillerie-Einheiten von hier fortzubringen – damit sie nicht gefunden und als gestohlen identifiziert werden.«

Voort nickte. »Ja. Warum?«

»Ich denke nach. Ich denke nach.«

Sharr beugte sich zu Voort hinüber, und seine Stimme wurde zu einem gesprächigen Flüstern. »Wran ist ein großer Denker und mit Händen und Füßen sogar noch geschickter als mit diesem Gewehr.«

»Das überrascht mich nicht. Ich erinnere mich daran, wie Shalla im Feldeinsatz agierte. Und sie sagte, ihre Schwester – Wrans Mutter – sei sogar noch besser als sie.«

»Mein Alternativplan sieht so aus, dass Wran runter zum Fuß des Hügels geht und einfach alle umbringt. Wenn er eine ausreichend große Lücke in die feindlichen Linien schlagen kann, bevor sie ihn erwischen, können wir uns wegschleichen.«

»Das habe ich gehört.« Dann dachte Wran darüber nach. »Auch wenn ich das mit Sicherheit hinkriegen würde.«

Sharr lehnte sich zurück. »Verdammt noch mal, Piggy … Tut mir leid, ich meine Voort … Wir hatten ihn. General Thaal. Aufnahmen von Diebesgut. Aber jetzt … Je länger wir hier festsitzen, desto mehr lösen sich unsere Beweismittel in Wohlgefallen auf.«

»Genau deshalb hoffe ich, dass Myri die Beweise nicht übermittelt. Das würde Thaal nur dazu bringen zu fliehen, und dann bekommen wir ihn vielleicht nie zu fassen. Ich will ihm nicht bloß das Geschäft vermasseln, ich will, dass er bestraft wird, dass sie an ihm ein Exempel statuieren. Aber wenn er glaubt, dass es keine Beweise gibt und wir entkommen können, haben wir vielleicht noch eine andere Möglichkeit, ihn einzukassieren.«

Wieder ertönte das himmelzerreißende Krachen, diesmal von Osten her. Voort duckte sich hin und wappnete sich.

Der Osthang des Hügels erbebte, wie von einem Donnerschlag getroffen. Noch mehr Steine regneten von oben herab. Dann war der Moment vorüber.

»Wollt ihr dem General ein bisschen Kummer bereiten? Vielleicht noch ein paar Beweise mehr hinterlassen?« Wran hatte wieder sein Gewehr im Anschlag und blickte durch das Zielfernrohr zur nördlichen Artillerie-Einheit hinüber.

»Nur zu gern.« Sharr klang enthusiastisch. »Wie?«

»Das ist mit Sicherheit keine leichte Sache. Aber bislang haben wir ihren Beschuss bloß mit den Blastern erwidert. Ihre mobile Artillerie ist bloß zwei Klicks entfernt, und sie haben die Deflektorschilde nicht aktiviert, weil sie glauben, außerhalb unserer Reichweite zu sein. Tatsächlich aber sind an den Einheiten einige Seitenpaneele geöffnet, damit die Generatoren nicht heiß laufen.«

Voort hob den Kopf, um sich selbst davon zu überzeugen. Durch sein eigenes Zielfernrohr konnte er erkennen, dass Wran recht hatte. »Kriegst du diesen Schuss hin?«

Wran zuckte die Achseln. »Die Chancen stehen eins zu drei.«

»Würde es deine Quote verbessern, wenn du einen Aufklärer hättest?«

Wran sah ihn an. »Bist du dafür ausgebildet?«

»Versuch nicht, deinem Großvater beizubringen, wie man Unkraut rupft, Söhnchen.«

Wran grinste. »Zwei zu drei.«

Voort verwendete sein Makrofernglas, um die Aufgabe zu erledigen. Die weit entfernte Artillerie-Einheit war schräg zu ihnen gelandet – die Gespenster konnten die Front und die linke Seite ausmachen. Die Ventilationsklappen waren geöffnet. Durch eine davon konnte Voort die Komponenten erkennen, die Trey ihm beschrieben hatte – den Hauptkondensator, das Kondensatorladegerät, die Kühlvorrichtung für das Kapazitätssystem. Mithilfe des Entfernungsmessers seines Makrofernglases kalkulierte er die Distanz, überprüfte die Zahlen mit dem Zielfernrohr seines Blasters und griff wieder nach dem Fernglas. »Die Distanz zum Hauptkondensator beträgt zwei Komma null null drei vier sieben Klicks zur linken Ecke der Einheit, zwei Komma null null fünf vier vier zur rechten.«

Wran, der ein Auge an seinem Zielfernrohr hatte, rührte sich nicht, doch er blinzelte. »Null null drei vier sieben? Wie bekommst du mit diesem Ding zentimetergenaue Werte?«

»Nach Augenmaß. Ich nehme die Durchschnittshöhe der Schnapphunde in der unmittelbaren Umgebung, vergleiche das mit der Durchschnittsgröße von Soldaten ihrer jeweiligen Spezies …«

»Die du dir eingeprägt hast?«

»An die ich mich erinnere … und vergleiche das wiederum mit den Daten, die mir angezeigt werden. Dann kalkuliere ich die Entfernungen dieser Schnapphunde zum Ziel und korrigiere die Differenz.«

»Machst du meine nächste Steuererklärung?«

»Wind – warte! Obwohl … du feuerst mit einem Laser. Du brauchst den Wind und die Windrichtung gar nicht zu berücksichtigen, oder?«

»Nein.« Wrans Stimme wurde leiser, fast sanft. »Bereit für nicht tödlichen Distanzschuss.«

»Feuer frei!«

Obgleich Voorts Makrofernglas nicht so leistungsstark war wie Wrans Zielfernrohr, verschaffte es ihm einen breiteren, höheren Blick auf das Ziel, als es mit dem Zielfernrohr möglich war. Voort hörte Wran ausatmen, als er so still wurde wie das Weltall … und dann ertönte ein winziges Geräusch, ein Klicken, als er den Abzug bis zum Anschlag durchzog.

Auf dem Ziel vor dem offenen Paneel tauchte ein kleiner roter Punkt auf, der bloß eine Sekunde lang verweilte. Niemand unten bei der Artillerie-Einheit reagierte darauf.

Wran verharrte regloser als ein Jugendlicher, der nach dem Zapfenstreich in sein dunkles, stilles Quartier zurückkehrt. »Das habe ich nicht gesehen.«

»Eins Komma sechs zwei Meter nach links, von dir aus links, an der vorderen Kante des Hauptkondensators. Und sechs Zentimeter höher.«

»Verstanden. Kompensiere.« Wran hob die Hand, um die Drehräder an seinem Zielfernrohr zu justieren, minimale Anpassungen. Dann: »Lege erneut an … einsatzbereit … Ziel im Visier.« Wieder atmete er langsam und ruhig aus, ehe er den Abzug sanft nach hinten zog.

Klick.

Das Gewehr summte, und die Laserentladung zischte innerhalb eines Lidschlags von Wran zu seinem fernen Ziel.

Voort sah, wie die gewölbte Seite des Kondensators eingedrückt wurde, als habe sie ein winziger Meteorit getroffen.

Die Schnapphunde rings um die Artillerie-Einheit drehten sich um und sahen das offene Paneel an. Sie starrten verwirrt vor sich hin. Einer der Schnapphunde rief etwas. Mit einem Mal rannten er und die Soldaten um ihn herum von der Artillerie-Einheit weg.

Sie schafften es, sich dreißig, vierzig Meter weit zu entfernen. Einige von ihnen waren gerade dabei, sich zu Boden zu werfen, als die Einheit explodierte. Andere wurden von der Druckwelle der Explosion erfasst. Feuer und Rauch stiegen auf, und ein Großteil des oberen Fahrzeugdrittels wurde in den Nachthimmel katapultiert.

Von dem Moment an, in dem der Lichtblitz der Explosion die Landschaft erhellte, zählte Voort die Sekunden. Unmittelbar, bevor er zur sechsten Sekunde kam, drang das Ka-bumm der Detonation an sein Ohr. Er nickte. »Hat gepasst.« Er wandte sich an Wran. »Toller Schuss.« Dann duckte er sich hinter die Mauer.

»Vielen Dank.«

»Jetzt alle Mann in Deckung!« Sharr ging mit gutem Beispiel voran und kehrte der Szene den Rücken.

»Hmm?« Wran sah ihn an. »Warum?«

»Weil die Erfahrung zeigt, dass Soldaten, ob nun ehrlich oder korrupt, ziemlich stinkig werden, wenn man ihnen ihre Spielsachen wegnimmt, und wenn dann noch der Feind daran schuld ist, könnten sie dafür Vergeltung üben.«

»Aha.« Wran kauerte sich hinter der Mauer zusammen, und ein Hagel aus Blasterfeuer hämmerte auf die Mauer ein.

Sie ließen ein intensiviertes Trommelfeuer der Artillerie über sich ergehen, das eine Stunde währte. Dann ebbte der Beschuss ab.

Die beiden Duros überstanden die Belagerung ziemlich gut. Sie saßen in der Mitte der Observatoriumskammer, den Rücken gegen die stabilste Steinwand gelehnt, in der Nähe der Treppe, für den Fall, dass es nötig sein sollte, nach unten zu fliehen. Turman, der in der Nähe an der Wand lag, rollte sich in ruhelosem Schlaf herum. Voort verbrachte einige Zeit in der Kammer und gelangte zu dem Schluss, dass der Beschuss hier relativ erträglich war.

Die Joyls zeigten ohnehin keine Furcht. Allerdings hatten sie Fragen, besonders Usan. »Können sie den Berg mit ihren Waffen in Schutt und Asche legen?«

Voort schüttelte den Kopf. »Nicht mit diesen Geschützen und nicht innerhalb der Zeitspanne, um die wir uns Gedanken machen müssen. Möglicherweise versuchen sie damit, uns psychologisch zu schlagen, damit wir uns ergeben. Aber im Grunde müssen sie uns hier bloß ein paar Tage lang festhalten. Dann verdursten wir nämlich.«

»Aha. Das ist natürlich wesentlich angenehmer.«

»Bei ihren Nachforschungen hat Myri herausgefunden, dass sie drüben beim Armeestützpunkt über einige Lufthüpfer verfügen. Aber wenn sie Luftunterstützung gegen uns ins Feld schicken, wird das der Planetenregierung und dem Sternenjäger-Oberkommando auffallen und ihre Neugierde wecken – was Thaal natürlich nicht möchte. Und so weiter und so fort. Nein, ihr Plan ist einfach, uns hinzuhalten und zu warten, dass es so mit uns zu Ende geht.«

»Aha.« Usan nickte. »Du erfüllst mich mit Zuversicht.«

Turman setzte sich auf und gestikulierte in Richtung Usan wie ein Sith aus einem längst vergangenen Zeitalter, der einen Drachen beschwört. »Das Geheimnis der ironischen Bemerkung liegt darin, dass die Ironie als solche auch ersichtlich sein muss. Jene, die nicht hinlänglich vertraut sind mit der Mimik von Duros, werden nicht verstehen, was du zu sagen wünschst.«

Voort sah ihn stirnrunzelnd an. »Turman, das war ja beinahe verständlich ausgedrückt. Bist du wieder bei uns?«

»In der Tat. Wen auch immer du mit uns meinst und wo immer wir auch sein mögen. Allerdings möchte ich nicht aufstehen.« Er wirkte weiterhin sehr mitgenommen.

»Bleib ruhig sitzen. Erhol dich noch ein bisschen.«

»Also, wie habt ihr Gespenster diese Anlage gefunden?« Voort hielt das Gesicht gegen den kleinen, senkrechten Spalt in der Mauer gedrückt, auch wenn seine Worte Sharr galten.

Sie befanden sich in der Etage unter dem Observatorium, in der von Trümmern übersäten Seilbahnkammer. Das Wrack der Seilbahn ruhte auf dem Boden. Das, was einst eine Hebetür aus solidem Gestein in der Außenmauer gewesen war, war jetzt dauerhaft verschlossen, doch am unteren Ende gab es seitlich einen acht Zentimeter langen Spalt, und durch diesen Spalt blickte Voort nun nach draußen. In der Kammer war es jetzt fast so finster wie in einer Höhle, und Voorts Augen hatten sich an die Dunkelheit angepasst, sodass er einen guten Blick auf die Schnapphunde und die Artillerie-Stellungen in der Ferne hatte.

Sharr, der neben der Türöffnung, die aus der Kammer führte, an der Wand lehnte, stieß einen Laut aus, der halb nach Husten und halb nach Lachen klang. »Wir haben uns gefragt, ob Thaal wohl durch und durch korrupt ist und dementsprechend alles stehlen würde, was er in die Finger bekommt. Thaymes hat Transponder in transparentes Flexiplast eingeschlossen, das auf einer Seite haftet. Wir brachen in ein Wareneingangslager der Armee auf Coruscant ein und befestigten die Peilsender unter anderem an Bacta-Behältern. Wir verfolgten das Signal zu mehreren Stützpunkten, für die die Lieferungen eigentlich bestimmt waren, darunter die Fey’lya-Basis … Aber dann fanden wir Hinweise darauf, dass zu viele nach Ackbar-Stadt umgeleitet worden waren, als dass es Zufall sein konnte.«

»Und deshalb begabt ihr euch dorthin.«

»Deshalb begaben wir uns nicht dorthin, zumindest anfangs nicht. Inzwischen vermute ich, dass er uns den Befehl gab, uns von Ackbar-Stadt fernzuhalten, weil er nicht wollte, dass wir über euch stolpern. Doch als er verschwand, beschlossen wir, dieser Spur dennoch nachzugehen. Dabei stießen wir auf ein Lagerhaus auf der Ackbar-Basis, über das sie ihr Diebesgut verteilt haben. Heute Morgen gelang es uns, dort einzudringen und uns in einem Schlepper zu verstecken, der Nahrung und Treibstoff zu einem geheimnisvollen Ziel bringen sollte – zu dieser unterirdischen Anlage. Was dann letztlich zum Traumrendezvous mit deinen Gespenstern heute Abend führte.«

»Das sind gute Männer und Frauen, Sharr.«

»Da bin ich mir sicher. Aber wie seid ihr dort hingelangt?«

»Trey hat eine Variante von Lara Notsils König-der-Droiden-Masche durchgezogen. Dabei weiß er nicht mal, wer Lara ist.«

»Was für ein Rabauke.«

»Absolut.« Voort wich von dem Spalt zurück und schaute in Sharrs Richtung, auch wenn er den Mann in der Dunkelheit nicht sehen konnte. »Komm schon, du bist der Meister der psychologischen Kriegsführung. Face Loran, zwei Gespensterstaffeln … Warum?«

»Jedenfalls offensichtlich nicht, weil es das effizientere Vorgehen ist.« Er seufzte. »Ich kann einfach nicht glauben, dass er uns absichtlich gegen die Wand hat laufen lassen. Allerdings hat er uns das Leben auch nicht gerade einfacher gemacht, und jetzt sitzen wir hier fest. Wenn du es schaffst, dir darauf einen Reim zu machen, dann ernenne ich dich zum Meister der psychologischen Kriegsführung.« Geräusche deuteten darauf hin, dass er aufstand. »Komm, gehen wir zurück zur Mauer.«