3. Kapitel

CORUSCANT

Sie marschierten durch den Korridor, der die Ankunfts- und Kontrollbereiche des Raumhafens mit den Ausgängen der Anlage verband. Face – als rothaariger Geschäftsmann in einem zerknitterten, schlaff hängenden Anzug getarnt – ging voran. Einen Schritt hinter ihm, schräg versetzt, schob ein gamorreanischer, mit einem Overall bekleideter Gepäckträger auf einem Schwebekarren seine Koffer hinter ihm her.

Voort seufzte. »Die vielen Jahre, in denen ich menschlichen und anderen Studenten Vorschriften gemacht habe, haben mich ganz vergessen lassen, dass die einzige Verkleidung, die man einem Gamorreaner abnimmt, die eines niederen Arbeiters ist.« Er machte sich nicht die Mühe, sein Stimmimplantat zu aktivieren. Face konnte genug Gamorreanisch, um ihn zu verstehen.

Face nickte und kratzte eine juckende Stelle an der Stirn, dort, wo seine rote Perücke an die Kopfhaut grenzte. »Natürlich hätten wir dich genauso gut als Meisterkoch oder Flottenadmiral verkleiden können … aber dann würden sich die Leute an dich erinnern.«

»Das sollten sie auch. Hast du je mein Banthakotelett mit Würzfruchtreduktion probiert? Und wo wir gerade von meinen Fähigkeiten sprechen – werden wir für irgendwas von alldem bezahlt?«

Face grinste. »Du weißt, dass es hierbei nicht ums Geld geht. Die neuen Gespenster machen alle mit, weil sie sich selbst beweisen wollen. Oder weil sie einen Groll gegen irgendwen hegen.«

»Für mich geht es auch nicht ums Geld. Es geht darum, nicht ausgebeutet zu werden. Es geht um freie Wirtschaft. Darum, dass man imstande ist, seinen eigenen Wert auszuhandeln …«

»Wir werden schon unseren Schnitt machen, sobald der Auftrag erledigt ist. Falls der General korrupt ist, stehlen wir sein Lieblingsschiff und verhökern es. Und falls nicht … dann suchen wir uns einen korrupten General, stehlen sein Lieblingsschiff und verhökern das

Voort nickte. »Hauptsache, diesbezüglich sind wir uns einig.«

Sie erreichten die Hauptausgangshalle des Raumhafens, einen gewaltigen Raum mit hoher Decke. Die Halle war mit Monitoren und in der Luft schwebenden Hologrammen ausgestattet, die stetig wechselnde Bilder von fernen Urlaubswelten und spektakulären Sternenfeldern zeigten. Gegenüber befanden sich die Türreihen, die hinaus ins Tageslicht führten. Die gleißende Helligkeit jenseits der Türen drohte Voorts Augen zu blenden.

Face hob jedoch die Hand, und die beiden Männer blieben an der Wand stehen, genau an der Stelle, wo der Korridortunnel in die Halle mündete. Männer und Frauen jeder vorstellbaren Spezies gingen an ihnen vorbei. Sie waren entweder unterwegs zu ihren Passagierflügen oder ebenfalls gerade angekommen.

Eine junge Menschenfrau, deren Kleidung dem Overall und der Jacke eines Sternenjägerpiloten nachempfunden war, jedoch aus zerknittertem Goldstoff bestand, mit Haar, das noch auffälliger und von einem noch unnatürlicheren Rot war als das von Face, stieß gegen ihn, gab einen vagen, entschuldigenden Laut von sich und hastete vorüber, um ihren Weg zum Ausgang fortzusetzen.

Voort schaute Face stirnrunzelnd an. »Das habe ich gesehen.«

»Natürlich hast du das.«

»Was hat sie dir zugesteckt?«

Face griff in eine Anzugtasche und zog ein Datapad hervor. Es war klein, die einstmals schimmernde Oberfläche verkratzt und matt. »Das hier. Das Pad ist so manipuliert, dass es in drei Minuten überhitzt und in Flammen aufgeht.«

»Nun, dann solltest du das Ding lieber nicht in den Mund nehmen.«

Face grinste wieder. Er öffnete den Verschluss von einer der Taschen auf dem Karren und schob das Datapad hinein, ehe er die Tasche wieder verschloss. »Übrigens war das Mädchen Myri Antilles.«

Voort spürte, wie seine Knie weich wurden. Er hielt eine Hand in Hüfthöhe hoch. »Wedges Tochter? Die kleine Myri?«

»Wie schnell sie doch erwachsen werden, nicht wahr? Lass dich bloß nie auf eine Partie Sabacc mit ihr ein, sonst gehört ihr am Ende alles, was du besitzt.«

Voort sah der jungen Frau nach. Sie war noch immer in Sicht. Ihre goldene Aufmachung und die Mähne giftroten Haars machten es einfach, sie in der Menge auszumachen. »Sie ist ein Gespenst?«

»Gespenst drei. Du bist übrigens Gespenst sieben. Du musst dich ihr anschließen.«

»Du bleibst hier?«

Face nickte. »In zweieinhalb Minuten gerät diese Tasche in Brand. Dann werden Sicherheitsleute das Feuer löschen. Kurz darauf werden sie die verbrannten Taschen untersuchen, dabei Hinweise darauf finden, die das Ganze mit einem Waffenraub in Verbindung bringen, der in ein paar Minuten über die Bühne geht, und sich die Holokamera-Aufzeichnungen ansehen, um festzustellen, wem diese Taschen gehören, wobei sie dich und mich sehen werden. Vergiss nicht, deine Maske und die Verkleidung erst abzulegen, wenn ihr mit dem Raub fertig seid.«

»Moment mal! Ein Raub … jetzt

»Geh zu Drei, sie wird dich über alles ins Bild setzen.«

»In Ordnung.« Voort nahm seine Reisetasche von dem Gepäckstapel auf dem Schwebekarren und eilte in Myris Richtung davon.

Face drehte sich um und folgte weiter dem Raumhafentunnel. Den Karren ließ er einfach an Ort und Stelle schweben.

Voort holte Myri an der Taxispur ein, wo sich eintreffende Reisende Luftgleiter nehmen konnten, um sich nach Hause oder ins Hotel bringen zu lassen. Sie war gerade dabei, einen herannahenden Flitzer zu sich zu winken, ein gewaltiges blaues Etwas, das so zerkratzt und verbeult war, dass sich außer ihr offenbar niemand dazu durchringen konnte, das Gefährt zu akquirieren. Sie lächelte zu Voort auf. »Hallo, Sieben. Du brauchst dein Implantat nicht zu aktivieren. Ich verstehe Gamorreanisch.«

Voort starrte sie an. Das Gesicht unter der grotesken Perücke kam ihm trotz des zu dick aufgetragenen grünen Make-ups um ihre Augen, das diese wie von einem Kind gemalte Hieroglyphen wirken ließ, vage vertraut vor – in ihren fein geschnittenen Zügen konnte Voort Spuren von Wedge und Iella, ihren Eltern, erkennen. Doch er schüttelte den Kopf. »Ich habe dir doch gar nicht erlaubt, erwachsen zu werden.«

»So ein Unsinn. Würde ich das hier etwa machen, wenn ich erwachsen wäre?«

»Gutes Argument.«

Der ramponierte blaue Flitzer sank auf den Bordstein herab und kam vor ihnen zum Stehen. Voort öffnete Myri die Tür, wie es sich für einen pflichtbewussten Gepäckträger gehörte, ehe er seine Tasche in das Gepäckfach am Heck warf. Er kletterte auf den Rücksitz und schob die Tür zu. Der Gleiter glitt geschmeidig vom Gewühl des Raumhafens fort und stieg zu einer Verkehrsspur auf.

Der Pilot war ein Mensch. Von hinten konnte Voort seine helle Haut, sein kurz geschnittenes braunes Haar – das im Sonnenlicht einen helleren Gelbstich annahm – und seinen sonnengebräunten Hals ausmachen. Außerdem hatte der Mann so breite, muskulöse Schultern, wie Voort es bislang bloß bei Holoschauspielern, Muskelmodels und hart an sich arbeitenden Narzissten gesehen hatte. Voort warf Myri einen raschen Seitenblick zu, eine stumme Frage: Einer von uns oder ein Zivilist?

Sie grinste ihn an. »Voort saBinring, Sieben, das ist Trey Courser, Gespenst vier.«

Trey warf einen Blick über die Schulter und winkte ihnen flüchtig zu. Sein Aussehen deutete darauf hin, dass er jünger war, als Voort vermutet hätte – kaum seinen Jugendjahren entwachsen. »Hab ’ne Menge Geschichten über dich gehört, Sieben.« Seine Stimme war hell und angenehm.

Voort schnaubte und aktivierte sein Kehlimplantat. »Also entweder hast du dieses Gefährt bereits gründlich auf Abhörgeräte hin überprüft, oder wir haben jetzt ein ernstes Problem.«

Trey wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Verkehr zu. »Vielleicht von beidem ein bisschen. Aber nur die Ruhe. Ich habe diese Schrottkiste vom Bug bis zum Heck umgebaut und checke sie regelmäßig nach Wanzen. Alles bestens.«

Myri legte ihr Kinn auf die Rückenlehne des Vordersitzes. »Vier ist unser Maschinen- und Droidenbastler und außerdem ein fähiger Computerhacker. Wo wir gerade davon sprechen: Die meisten von uns sind recht fähige Computerhacker. Allerdings wäre er unser Ausbilder, wenn einer von uns anderen jemals Ambitionen hätte, besser zu werden.«

Voort kam die Bezeichnung »Kraftprotz vom Dienst« in den Sinn, aber er sprach seinen Gedanken nicht aus. »Wo wollen wir hin und was haben wir vor?«

»Wir wollen nirgendwo hin, wir sind schon da.« Trey zog den Luftgleiter zur Seite, bis sie die Verkehrsspur verlassen hatten. Er dirigierte das Gefährt neben eine niedrige Permabetonmauer, justierte die Repulsoren und Schubdüsen des Flitzers, was ihn kurz buckeln ließ, ehe sich die Front senkte und sie wenig elegant abwärtsglitten. Trey setzte auf und schaltete die Motivatoren aus. Andere Land- und Luftgleiter sausten in einem weiten Bogen um sie herum, als sie sie passierten.

»… und was haben wir vor?«

Myri zog ein Chrono aus der Tasche und warf einen Blick darauf. »Vier wird sich unter einer Decke verstecken. Wir beide steigen gleich aus diesem Fahrzeug, wobei wir aufpassen müssen, nicht von anderen Piloten plattgefahren zu werden, und beziehen am Heck des Flitzers Position. Du hast doch etwas auf deinen Handflächen und Fingern, um Abdrücke zu vermeiden, oder?«

»Wie abgesprochen.«

»Gut, dann komm.« Sie stieg auf der verkehrsabgewandten Seite aus dem Gleiter, ließ die Tür auf und eilte zum Ende des Vehikels.

Seufzend folgte Voort ihr. »Irgendwie hat Face die Tatsache, dass ich mitten in eine bereits laufende Operation hineinstolpere, galant bis zum letzten Moment verschwiegen.«

Myri bedachte ihn mit einem ausdruckslosen Blick. »Face? Was für ein Face?«

»Der Mann, dem du das überhitzende Datapad zugesteckt hast. Face Loran.«

Ihre Augen wurden groß. »Das war Face Loran? Er ist hier mit von der Partie?«

»Wusstest du das nicht?«

»Nein … Jetzt musst du mich bedrohen. Rück mir unheilvoll auf die Pelle. Wirf mir ein paar gute gamorreanische Beleidigungen an den Kopf.« Als hätte er bereits damit begonnen, lehnte sie sich von ihm fort, beugte sich rücklings über das Heck und stellte eine verängstigte Miene zur Schau, die Hände halb vor ihr Gesicht haltend, als würde sie mit einem Hieb rechnen.

Einen Moment lang war Voort so überrascht, dass ihm die Worte fehlten, dann bemühte er sich, ihren Anweisungen nachzukommen. Er schaltete sein Übersetzungsimplantat ab und brüllte auf Gamorreanisch los: »Du hast den Farbensinn eines Echsenaffen, und ich wette, du streust Zucker auf deinen Hackbraten!«

Myri kicherte. »Beleidigungen sind nicht gerade dein Fachgebiet, was?« Dann nahm sie wieder eine verängstigte Miene an. Sie hob den Kopf ein wenig, um über seine Schulter zu spähen, und sackte dann wieder nach hinten. »Noch zehn Sekunden. Schwing die Fäuste!«

Voort spürte ein Kribbeln im Kreuz. Er war sicher, dass sich von hinten Ärger näherte, doch er konnte sich jetzt nicht umdrehen, um sich davon zu überzeugen, da das bedeutet hätte, aus der Rolle zu fallen. Stattdessen hob er zwei fleischige Fäuste und wedelte damit herum, als würde er überlegen, wohin er Myri den ersten Schlag versetzen sollte. »Deine Mathematik-Noten sind ein Gräuel, und du glaubst, Quadratwurzeln hätten etwas mit Kunsthaar zu tun!« Eigentlich gab es kein gamorreanisches Wort für »Mathematik«, doch das kompensierte er mit einem Ausdruck, der so viel bedeutete wie »großes, scheußliches Rechnen«.

Durch zusammengebissene Zähne raunte Myri ihm zu: »Bring mich nicht zum Lachen …«

Voort hörte, wie sich von hinten Repulsoren näherten. Anstatt an Höhe zu gewinnen oder links zur Seite auszuweichen, brüllte das Gefährt auf, als die Bremsdüsen aktiviert wurden. Dann setzte das Vehikel – dem Klang nach ein großes – hinter Voort schwer auf der Permabetonstraße auf. Stiefel dröhnten auf dem Permabeton, und eine laute, nachhallende Stimme ertönte: »Macht dieser Mann Ihnen Ärger?«

Schließlich drehte Voort sich um. Einige Meter hinter Treys Flitzer war ein Frachtgleiter des Militärs gelandet, dessen Türen aufglitten, um drei Männer und eine Frau aussteigen zu lassen, allesamt Menschen und allesamt in der Uniform der Armee der Galaktischen Allianz. Der Sprecher, der geflogen war, kam bereits auf sie zu. Er war ein kräftiger Bursche, und seine rechte Hand ruhte vielsagend auf dem Halfter an seiner rechten Hüfte. Voort unterdrückte ein reumütiges Seufzen. Er war noch keine halbe Stunde auf Coruscant und schon dabei, zu Brei geprügelt zu werden.

»Retten Sie mich!« Myris Stimme war ein für sie uncharakteristisch hohes Quietschen. Sie schob sich an Voort vorbei und lief zu dem großen Truppler hinüber, um sich hinter ihm zu verkriechen.

Der Soldat und zwei seiner Kameraden kamen auf Voort zu. Der vierte legte die Arme um Myri, eine Geste, die teils falscher Trost und teils Selbstbelohnung war.

Voort warf Myri einen raschen Blick zu, und seine Augen stellten die entscheidende Frage: Soll ich ihnen eine Abreibung verpassen oder eine einstecken?

Dann blieben die Truppler stehen, und ihre Augen wurden groß, als sie an Voort vorbeischauten. Myri rammte ihrem Möchtegerntröster den Ellbogen in die Magengrube. Als er keuchend zusammensackte, signalisierte sie Voort durch das Senken der Hand, dass er runtergehen sollte.

Voort warf sich zu Boden. Er landete so schnell und so hart auf dem Permabeton, dass es ihm die Luft aus der Brust trieb. Er fragte sich, ob die aufgeklebten Maskenteile, die er trug, um das Aussehen seiner Schnauze zu verändern, wohl von dem Aufprall gelockert worden waren.

Der Truppler, der die Führung übernommen hatte, fing sich einen Betäubungsschuss von Gewehrwucht in die Brust ein, der von Treys Flitzer aus abgefeuert worden war. Er ging genauso hart zu Boden wie Voort – oder vielmehr: noch härter, da er keinerlei Anstalten machte, den Aufprall abzufangen.

Myris Tröster versuchte erfolglos, die Blasterpistole zu ziehen, die in seinem Halfter steckte. Myri riss mit einer geschmeidigen Bewegung einen Miniblaster aus ihrer Jackentasche und feuerte einen Betäubungsschuss auf ihn ab, der ihn an genau derselben Stelle traf wie ihr Ellbogen eine Sekunde zuvor. Er taumelte rückwärts gegen die Seite des Militärtransporters und brach zusammen.

Die Soldatin stürmte auf Treys Gleiter zu, während ihr Kamerad nach hinten sprang, um im Transporter in Deckung zu gehen. Ein zweiter, von einem Gewehr abgefeuerter Betäubungsschuss traf die Frau in den Bauch und brachte sie zu Fall. Myri katapultierte sich feuernd durch die offene Vordertür auf ihrer Seite des Transporters, und der letzte der Truppler fiel mit geschlossenen Augen aus dem Vehikel.

Mit einem Blastergewehr in den Händen eilte Trey an Voort vorbei und rutschte auf den vorderen Beifahrersitz des Transporters. Er warf Voort einen drängenden Blick zu. »Schnapp dir deine Tasche!« Die Speeder, die auf den Fahrspuren neben und über den geparkten Fahrzeugen vorbeiröhrten, machten einen noch größeren Bogen um sie.

Voort knurrte. Er hievte sich in die Höhe, holte seine Tasche aus dem blauen Flitzer und trottete zu dem Militärtransporter zurück. Bloß die Tür neben dem Pilotensitz stand noch offen. Voort kletterte hinein, warf Trey die Tasche zu und reaktivierte sein Implantat. »Du liebe Güte … Drei, an deiner Fähigkeit, Leute adäquat über den bevorstehenden Einsatz zu informieren, solltest du wirklich noch etwas feilen.«

Myri auf dem Rücksitz modulierte ihre Stimme so, dass sie wie die einer Holodokumentationssprecherin klang. »Sieben, du wirst in dieser Phase der Operation als Pilot fungieren.«

»Vielen Dank.« Voort schlug die Tür zu, versiegelte sie und aktivierte die Repulsoren des Transporters, der sich sodann in die Luft erhob.

Trey warf sein Blastergewehr und Voorts Tasche zu Myri auf den Rücksitz. Dann drehte er sich um, beugte sich mit dem Kopf in den Fußraum der Beifahrerseite und riss Dinge aus der Geräteverkabelung hinter Voorts Armaturen heraus.

Voort gab Schub auf die Düsen und beschleunigte den schwerfälligen Transporter gemächlich. »Wohin jetzt?«

»Deine nächste Aufgabe besteht darin, zwei Verkehrsspuren aufzusteigen, um zur westlichen Abfahrt zu gelangen. Falls unsere Ablenkungsmanöver nicht so ganz funktionieren wie geplant, werden uns in Kürze sämtliche Fahrzeuge der Militärpolizei in einem Umkreis von dreißig Kilometern auf den Fersen sein.«

Voort spürte, wie sich seine Schultern allmählich wieder entspannten. »Schon besser.«

Trey rammte seine Hand in die Kabel und Computerchips, die den ordnungsgemäßen Betrieb eines hochmodernen Militärgleiters steuerten. Sein Körper zuckte krampfhaft, als die Finger mit etwas in Kontakt kamen, von dem sie sich besser ferngehalten hätten. »Autsch!«

Voort warf ihm einen raschen Blick zu. »Ist das, was du da machst, wirklich nötig?« Bislang zeigten die Sensoren keinerlei Hinweise auf irgendwelche Verfolger an, und die meisten Piloten auf der Spur, in die er sich eingefädelt hatte, hatten offensichtlich nichts von den Gewalttätigkeiten mitbekommen, die sich nur Sekunden zuvor zugetragen hatten. Sie hielten nicht einmal Abstand zu dem Militärtransporter.

»Sofern du der Armee nicht unsere Position übermitteln willst, ja.«

»Dann lass dich nicht aufhalten.« Voort überkam ein beunruhigendes Gefühl der Vertrautheit. Es war tatsächlich fast genauso wie in den alten Tagen. Face Loran war stets nach dem Prinzip verfahren, dass niemand mehr wissen musste, als unbedingt nötig war. Das hatte zwar ihrer aller Sicherheit gesteigert, jedoch auch zu einer Menge zeitweise verwirrter Gespenster geführt. »Welche Ablenkungsmanöver?«

»Nun, das überhitzende Datapad und der Gepäckbrand waren eins. Der gesamte Raumhafen wird für eine gute Stunde abgeriegelt und in hellem Aufruhr sein. Und was das andere Ablenkungsmanöver betrifft …« Myri zählte an ihren Fingern herunter. »Drei, zwei, eins, null …«

Auf dem Monitor der Heckholokamera sah Voort, wie Treys ramponierter blauer Flitzer in einer gewaltigen Wolke grau-schwarzen Rauchs verschwand. Es gab kein Geräusch einer Explosion – die Wolke musste einer Rauchbombe geschuldet sein, keiner Sprengladung, die dazu gedacht war zu zerstören.

»Das wird einige harmlose Unfälle nach sich ziehen.« Myri klang sachlich. »Ein Feuer, der Raumhafen abgeriegelt, ein gestohlener Transporter, vier unschädlich gemachte Truppler … Sie könnten uns für so einiges belangen. Lassen wir uns also nicht erwischen.«

Voort fädelte sich in den westwärts strebenden Verkehrsstrom von Luftgleitern ein, der aus dem Umfeld des Raumhafens fortführte. Er schnaubte amüsiert. »Lassen wir uns also nicht erwischen. Das ist wohl das neue Motto der Gespenster für eine zivilisiertere Ära. Früher hieß es: Was jagen wir als Erstes hoch?«

»Nein, mir gefällt der Hochjag-Spruch besser.« Trey zog, und sämtliche von Voorts Anzeigen flackerten. Dann hob Trey die Hände, in denen er einen kleinen, glimmenden blauen Würfel hielt, aus dem Drähte baumelten. »Ein Militärtransponder. Bingo!« Er warf das Gerät hinter sich.

Myri fing es auf. Sie betätigte einen Schalter an ihrer Tür. Als das Fenster nach unten glitt und der Transporter sich mit tosender Luft füllte, die gegen Voorts Trommelfell schlug, schleuderte Myri den Kasten nach draußen und fuhr das Fenster wieder hoch. »Ups.« Sie schaute sich um und schätzte ihre gegenwärtige Position ein. Der Gleiter trat gerade in ein Viertel voller hoch aufragender, größtenteils geschäftlich genutzter Wolkenkratzer ein. Am Himmel wimmelte es nur so von Luftgleiterspuren, selbststeuernden fliegenden Werbebannern, umherschwebenden Verkehrsüberwachungsdroiden und stationären Fußgängerlaufstegen, die in regelmäßigen Abständen die Abgründe zwischen den Gebäuden überbrückten. »Sieben, flieg einen Block weiter nach Süden, wende dich dann wieder nach Westen und steig zur mittleren, nach Westen führenden Verkehrsspur auf.«

Gehorsam zog Voort den Transporter in eine Linkskurve, fädelte sich für einen langen Block in eine südwärts verlaufende Spur ein, drehte dann nach rechts bei und stieg zu der genannten Spur hin auf. All diese Flugmanöver vollführte er mit forscher Sternenjägerpräzision …

… was bedeutete, dass Myri sich mit beiden Händen an der Rückenlehne festhalten musste, um zu verhindern, dass sie in der Passagierkabine herumgeschleudert wurde. Trey, der gerade dabei gewesen war, wieder eine normale Sitzposition einzunehmen, bekam nicht rechtzeitig eine stabile Oberfläche zu fassen. Er krachte gegen die Decke des Gefährts und landete auf dem Rücksitz.

Myri räusperte sich und beugte sich vor. »Was genau war denn das

Voort zuckte mit den Schultern. »Sharr, ein Gespenst aus den alten Tagen, hätte es vermutlich als passiv-aggressive Reaktion bezeichnet.«

»Ah, ich verstehe. Dann will ich mal mit offenen Karten spielen. Zwei Blocks weiter vorn, zwischen dieser Spur und der direkt darüber, ist ein Banner zwischen den Gebäuden gespannt. Ein gelbes Banner ohne Werbung. Flieg direkt hinein.«

»Mitten rein?«

»Mitten rein.«

»Ich habe das Gefühl, dass wir uns schon viel besser verstehen.«

Da war er: Ein breiter Abschnitt von etwas, das wie gelbes Flexiplast aussah, flatterte in Höhe des hundertsten Stockwerks im Wind. Voort wartete bis zum letzten Moment, ehe er die Spur verließ und höher stieg, seitlich in die Mitte der Lücke zwischen den Geschäftstürmen rauschte und frontal auf das Banner traf.

Das Flexiplast dehnte sich, und als die Spannung zu groß wurde, wurde das Banner von den Seilen losgerissen, mit denen es an den Gebäuden befestigt war. Das Flexiplast legte sich einer Decke gleich um den Militärtransporter, um ihn so eng wie eine Vakuumversiegelung zu umschließen.

Voort fühlte, wie sein Herz einen Satz machte, und überprüfte dann die Anzeigen. »Wir verlieren nicht an Höhe … Ist dieses Zeug anfällig für Schubdüsen- und Repulsoremissionen?«

Myri nickte. »Weggeschmolzen von den Schubdüsen und den Repulsoren, ohne ihre Funktion zu stören. Damit sind wir jetzt also ein gelber, ziviler Transporter.«

»Das ist neu … und ziemlich clever.« Voort wies auf die Sichtfenster ringsum, die jetzt mit einer gelben Oberfläche überzogen waren, die zwar durchscheinend, aber nicht völlig transparent war. »Allerdings kann ich nichts sehen.«

»Flieg nach den Sensoren.« Myri krabbelte über die Rückenlehne nach vorn und ließ sich auf den Beifahrersitz im Frontbereich fallen. Sie zog eine Datenkarte aus der Brusttasche ihrer Jacke und schob sie in den Bordcomputer des Transporters.

Voort legte die Sensoren auf den Hauptschirm des Fahrzeugs, um sämtliche Luftgleiter in ihrer Nähe als Drahtgittermodelle anzeigen zu lassen. Sobald der Computer Myris Karte eingelesen hatte, zeigten die Sensoren außerdem eine gepunktete gelbe Linie in der Luft – eine Linie, die sie von allen fliegenden Objekten fernhielt. Voort kehrte auf die nach Westen führende Spur zurück, dorthin, wo die gepunktete Linie schwebte. »Ist das unsere Route?«

Myri nickte. »So gelangen wir geradewegs zum unsicheren Versteck.«

»Wäre ein sicheres Versteck nicht vielleicht sinnvoller?«

»Das heben wir uns für später auf.«