11. Kapitel
CORUSCANT
Face setzte mit seinem Luftgleiter zur Landung auf die Besucherparkebene im 100. Stockwerk des Wolkenparadies-Wohngebäudes an. Dabei war Gebäude selbst an den gewaltigen Maßstäben von vielen von Coruscants Bauwerken gemessen eigentlich eine viel zu bescheidene Bezeichnung dafür. Face bewunderte das Wolkenparadies bereits, seit es in Sicht seines schwarzen, überdachten Speeders gekommen war. Technisch gesehen besaß das Gebäude nicht mehr Etagen als andere Wolkenkratzer in diesem einkommensstarken Wohnviertel, doch jedes Stockwerk dieses Gebäudes war mindestens vier Meter hoch, was dazu führte, dass der zikkuratförmige Bau alles andere in der Umgebung überragte. Die Außenfassade des aus schwarzem Granit errichteten Gebäudes, die sogar noch zu Zeiten in Coruscants Tiefen abgebaut worden war, als die Stadt bereits den kompletten Planeten bedeckte, wurde von Geländern, Fensterrahmen, Rohrleitungen und anderen mit Blattgold plattierten Elementen aufgelockert. Das Äußere des Gebäudes wurde nicht von Werbemarkisen geziert. Stattdessen befanden sich ringsum alle fünfzig Stockwerke schwebende Tafeln, auf denen der Schriftzug WOLKENPARADIES prangte.
Die Opulenz machte selbst vor den Parkebenen nicht Halt. Keiner der freien Anwohner- und Besucherlandeplätze, die Face sah, war mit Schmiermittel oder Hydraulikflüssigkeit besudelt – das Reinigungspersonal des Gebäudes machte offenbar regelmäßig jede Luftgleiterebene sauber. Die Turbolifts, die von der Parkebene wegführten, befanden sich in einem gesicherten Innenbereich mit einem Wachmann hinter einem Tisch, der die Dinge im Auge behielt. Der uniformierte Devaronianer, der nur aus Hörnern, Zähnen und aufblitzenden Augen zu bestehen schien, fuhr mit einem Handscanner über Face’ Identikarte und las aufmerksam jede Datenzeile, die über seinen Monitor rauschte, bevor er den Aufzug rief.
Der Flur des Stockwerks war in cremefarbenem Marmor gehalten und wurde von Nachbildungen berühmter Statuen der klassischen Antike Alderaans gesäumt, ihre Farben so kräftig, als würden sie jeden Morgen frisch restauriert.
Allerdings hatte Face es schon früher etliche Male mit exzessivem Reichtum zu tun gehabt. Er sorgte dafür, dass seine Miene wachsam und freundlich wirkte, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, dass ihm seine Umgebung irgendwie ungewöhnlich vorkam. Vor einer Tür blieb er stehen, drückte den Besucherknopf und kündigte sich an: »Garik Loran für Zehrinne Thaal.«
Es folgte keine vernehmbare Antwort, doch dreißig Sekunden später glitten die beiden Hälften der Doppeltür auf. Dahinter befand sich ein in schummriges Licht getauchtes Wartezimmer, in dem ihn rote Samtsofas zu beiden Seiten und eine Frau erwarteten.
Sie war keine Bedienstete. Die Frau – groß, noch nicht ganz in den mittleren Jahren, schlank wie ein Model, das schwarze Haar zu zwei Zöpfen geflochten – trug ein mittellanges grünes Kleid, das für sommerliche Dachpartys im Freien wie geschaffen schien. An den Füßen hatte sie Sandalen in dazu passender Farbe. Sie sah ihn fast empört an. »Sie haben mir ja gar nicht gesagt, dass Sie berühmt sind.«
Ihre Altstimme war genau so, wie Face es erwartet hatte, tief und voll. Er zuckte mit den Schultern. »Als Junge war ich mal berühmt. Aber das ist lange her.«
»Das sagen die Enzyklopädien über mich auch. Kommen Sie rein.« Sie bat ihn mit einer Geste herein und übernahm dann die Führung, um ihn in ihr Apartment zu geleiten.
Als sie durch einen breiten, dem Geruch nach mit echtem Holz verkleideten Flur gingen, von dem zu beiden Seiten in regelmäßigen Abständen Dutzende oder noch mehr Türen abzweigten, schaute Face sich unauffällig um. Dort, wo einst Bilderrahmen oder Monitore gehangen hatten, waren an den Wänden leere Stellen auszumachen – offenbar hatte jemand unlängst einen Großteil der Kunstwerke abgehängt, die hier vormals präsentiert wurden. Eine feine, beinahe ebenmäßige Staubschicht auf horizontalen Oberflächen verriet, dass es bereits eine Weile her war, seit hier zum letzten Mal gründlich sauber gemacht worden war. Schließlich führte Zehrinne ihn durch eine Tür in eine große, von natürlichem Sonnenlicht durchflutete Kammer. Ein Blick durch das riesige Fenster des Raums zeigte Wolkenkratzer und den unablässigen Luftgleiterverkehr von Coruscant. In der Kammer selbst standen so gut wie keine Möbel. Es gab bloß zwei Polstersessel mit einem niedrigen Tisch dazwischen, einen wuchtigen, verstellbaren Lehnstuhl, der aussah, als würden normalerweise Zahnarztpatienten darin sitzen, und eine Staffelei nebst Leinwand davor. Das war alles.
Zehrinne ließ sich in einen der Polstersessel sinken und wies auf den anderen. »Die Haushälterin hat heute frei. Nun, um ehrlich zu sein, hat sie für den Rest ihres Lebens frei. Ich habe sie gefeuert. Zusammen mit dem Rest des Personals. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
»Oh nein, vielen Dank.« Face nahm in dem anderen Sessel Platz und warf einen Blick auf die Leinwand, ein Gemälde mit traditionellen Materialien, ein nahezu holorealistisches Porträt einer Naboo-Klippenspringerin, die ihre Arme im Flug ausgebreitet hatte, während sie in die Tiefe rauschte. Das Bild war noch nicht ganz fertig. An den Rändern des Gemäldes waren die Feinheiten der Bucht im Hintergrund nur vage zu erkennen, und abgesehen von ihren schwarzen Augen war auch das Gesicht der Frau noch nicht ausgearbeitet worden. Das beinahe leere Antlitz wirkte irgendwie ein wenig beunruhigend.
»Nun, ich nehme einen. Ähm, Vakuum …« Zehrinnes Blick fiel auf eine der Seitentüren, die aus der Kammer führten.
Die Tür glitt auf und gab den Blick auf einen Protokolldroiden frei. Einst – womöglich vor noch gar nicht so langer Zeit – war der Droide strahlend golden gewesen, doch jetzt war seine Metallhülle mit Flecken, Blasen und Farbklecksen verunziert – mit Farbe von der altmodischen Palette und den Pinseln, die auf dem kleinen Tisch lagen, vermutete Face. Der Protokolldroide sagte nichts.
Zehrinne lächelte. »Wein. Rot, etwas Geläufiges.« Sie wandte sich wieder Face zu. »Sie wollen wirklich nichts? Sind Sie sicher?«
»Vielen Dank, ich habe gerade zu Mittag gegessen.«
»Nun denn.« Sie winkte, und der Droide zog sich zurück.
Face warf ihr einen neugierigen Blick zu. »Ist Vakuum sein Name?«
»Geräusche werden in einem Vakuum nicht übertragen – und das Erste, was ich mit ihm gemacht habe, als ich ihn letzte Woche kaufte, war, seinen Sprachgenerator abzuschalten. Jetzt muss er Notizen schreiben oder Bildnachrichten schicken. Oh, natürlich gibt es eine Notüberbrückung … Aber fürs Erste herrscht Stille, segensreiche Stille.«
Face dachte darüber nach. »Wissen Sie, ich wette, Sie könnten eine Million dieser Einheiten an Kunden verkaufen, die langjährige Erfahrung mit Protokolldroiden haben, selbst auf dem Gebrauchtdroidenmarkt.«
»Ich werde mich da mal schlau machen. Ich brauche etwas zu tun. Dieses Apartment gehört mir zwar, aber die fällige Vermögenssteuer kann ich mir einfach nicht mehr leisten.«
»Als Sie mit mir in Verbindung traten, waren Sie … überraschend offen, was Ihre Finanzsituation angeht. Allerdings war dennoch offenkundig, dass es einige Dinge gibt, über die Sie nur persönlich sprechen würden.« Face warf ihr einen verständnisvollen Blick zu.
»Ich bin nicht paranoid … Aber er ist ein mächtiger Mann, der seine Finger in allem drinstecken hat. Ich glaube nicht, dass er die Absicht hat, mir etwas Bestimmtes anzutun, aber ich habe definitiv vor, ihm eine Lektion zu erteilen, und ich sehe keinen Grund, warum er damit rechnen sollte.«
Face nickte.
Zehrinne brach in Gelächter aus. »Sie sind wirklich ein Schauspieler!«
»Wie meinen?«
»Ihr Gesicht, Ihre Mimik, die sagt: Bitte, sprechen Sie weiter. Und: Ich bin nicht überrascht, dass Sie ihm eine Lektion erteilen wollen, er hat es verdient. Und: Sie sind sehr attraktiv, aber aus irgendeinem Grund werde ich jetzt nicht mit Ihnen flirten, und ungefähr noch ein Dutzend andere Dinge. Alles ohne Worte.«
Face spürte, wie er errötete. »Ich versuche eigentlich nicht, Ihnen etwas vorzumachen. Es ist bloß …«
»Eine lebenslange Gewohnheit?«
»Etwas in der Art. Bitte, unterhalten wir uns weiter über das, wovon Sie mir am Kom erzählt haben, und ich werde versuchen, weniger …«
»… manipulativ zu sein? Sparen Sie sich die Mühe. Vermutlich können Sie gar nicht anders.«
Sie wurden von der Rückkehr von Vakuum unterbrochen, der Zehrinnes Glas Wein schweigend und mit einer verbitterten Steifheit, die selbst für einen Protokolldroiden ungewöhnlich war, auf den Tisch neben ihr stellte und sich dann zurückzog.
Zehrinne nippte daran, während sie sich ihre nächsten Worte sorgsam zurechtlegte. »Stavin und ich lernten uns vor ungefähr dreißig Jahren kennen. Fünf Jahre zuvor hatte die Neue Republik Coruscant übernommen. Ich kann mich entsinnen, dass die Berichte über die Todessaat so ziemlich das Einzige waren, was sie damals in den Holonachrichten brachten. Ich war achtzehn und arbeitete als Model. Er war dreißig, Captain bei der Armee. Nicht wirklich attraktiv, aber in seiner Uniform sah er großartig aus, und er war ehrgeizig und intelligent. Altmodisch, höflich und hartnäckig, und – aus welchem Grund auch immer – er beschloss, dass ich mich in ihn verlieben und ihn heiraten müsse, wenn auch nicht zwingend in dieser Reihenfolge. Und so kam es dann auch.«
»So weit, so gut.«
»Jahrelang war alles wunderbar. Er hatte nichts dagegen, dass ich als Model arbeitete, er bat mich nicht, damit aufzuhören, doch für mich war das bloß Arbeit, keine Berufung. Davon abgesehen, die Gattin eines ambitionierten Militäroffiziers zu sein kann genauso Arbeit sein, und wenn du deinen Job gut machst, kannst du ihm dabei helfen, wesentlich besser auszusehen, als es ihm allein möglich wäre. Es ging darum, sich der Gesellschaft zu zeigen, Kontakte zu knüpfen, Beförderungen voranzutreiben … und ich wurde ziemlich gut in meinem Job.«
Face runzelte die Stirn. »Und die ganze Zeit über gab es keine Probleme?«
»Doch, jede Menge. Allerdings nichts als die üblichen Streitereien zwischen Mann und Frau. Beispielsweise waren wir genetisch nicht voll kompatibel, was bedeutete, dass wir ohne maßgebliche medizinische Unterstützung keine Kinder bekommen konnten – und die in Anspruch zu nehmen war er nicht gewillt. Auch Adoption kam für ihn nicht infrage.« Sie nippte an ihrem Wein und schaute aus dem Fenster. »Ich glaube, nächste Woche gehe ich raus und stelle einen Adoptionsantrag. Nur ich. Ich allein entscheide, was ich tue und was nicht, ohne mich von irgendwem beeinflussen zu lassen.«
»Obwohl Sie sich nicht einmal die Steuer für Ihr Zuhause leisten können?« Face bedauerte die Worte, sobald sie ihm über die Lippen gekommen waren. Das ging ihn überhaupt nichts an. Allerdings ließ sich der zwanghafte Planer, der in ihm steckte, nicht so einfach zum Schweigen bringen.
Sie bedachte ihn mit einem unfreundlichen Lächeln. »Sehen Sie, gerade haben Sie versucht, mich bei meiner Entscheidung zu beeinflussen.«
»Tut mir leid. Ich bin ein echter Heuchler. Ich selbst habe die Tochter meiner Frau adoptiert. Deshalb weiß ich offen gestanden nicht einmal genau, wie ich mich an Ihrer Stelle verhalten würde.«
»Schon besser. Wo war ich stehen geblieben?«
»Dass Sie größtenteils gute gemeinsame Jahre hatten.«
»Richtig, und das bringt uns geradewegs zu unserem zwölften Jahr. Da war er Colonel Thaal, die rechte Hand eines Generals, und tat alles, um die nächste Beförderung zu bekommen, was in der Armee zu Friedenszeiten eine recht mühsame Angelegenheit sein kann. Dann jedoch geschah das Beste, das passieren konnte, zumindest aus der Sicht eines Offiziers, der danach strebt aufzusteigen. Die Yuuzhan Vong begannen mit ihrer Invasion und brachten alle um, die sich ihnen in den Weg stellten.« Sie warf Face einen unbekümmerten Blick zu.
»Und wer von uns ist jetzt manipulativ?«
Sie hob die Augenbrauen. »Wie meinen?«
»Sie stellen einen solchen Satz in den Raum, deuten an, dass der verheerendste Krieg in der Geschichte der zivilisierten Galaxis ein Anlass zum Feiern gewesen sei, und schenken mir einen koketten Blick, um zu sehen, wie ich darauf reagiere …«
Sie lächelte. »Ich kann einfach nicht anders. So bin ich eben. Ich bin dazu geboren, Unruhe zu stiften. In den dreißig Jahren meiner Ehe musste ich diesen Instinkt im Zaum halten. Jetzt bin ich frei. Wie auch immer … Während der ersten Kriegshälfte war Stavin ganz sein gewohnt effektives, zuverlässiges, ein wenig dröges Selbst … und dann kamen die Yuuzhan Vong Coruscant zusehends näher. Er brachte mich nach Denon, in Sicherheit. Als hier auf Coruscant der erste Angriff erfolgte, gelang es ihm irgendwie, seine Vorgesetzten davon zu überzeugen, ihn nach Vandor-3 gehen zu lassen, um dort eine Widerstandszelle aufzubauen – was er ziemlich gut machte. So entstanden seine ursprünglichen Schnapphunde, und er wurde zum Helden.«
»Wie gehabt: So weit, so gut.«
»Nein, nicht gut, denn das war die Zeit, als unsere Beziehung starb. Bloß war mir das damals nicht klar. Der Krieg ging zu Ende, Coruscant wurde vonggeformt, um die Wildnis in den Tiefen noch mehr wuchern zu lassen als ohnehin schon, Evakuierte kehrten allmählich nach Hause zurück, Stavin kam heim … und wir waren kein Paar mehr. Ich meine, wir haben darüber geredet. Er hat seinen Standpunkt deutlich gemacht. Er sagte, er würde mir viel dafür schulden, dass ich seine Karriere vorangebracht hätte, dass er weiterhin mit mir verheiratet bleiben würde, dass die Hälfte von dem, was ihm gehörte, mir zustünde und dass er nichts tun würde, um mich öffentlich in Verlegenheit zu bringen … Aber wir waren fertig miteinander. Er sagte, das alles sei seine Schuld, aber er war nicht bereit zu versuchen, die Dinge zwischen uns wieder in Ordnung zu bringen.«
Face beugte sich vor, überzeugt davon, dass sie sich allmählich einer Antwort näherten, die sich für ihn als nützlich erweisen würde. »Er hat nie über den Grund dafür gesprochen?«
»Nein. Aber im Laufe der Zeit kam ich selbst dahinter. Immerhin war ich nach wie vor eng mit seinem ganzen gesellschaftlichen Leben verbunden.« Sie zuckte mit den Schultern. »Er mochte jüngere Frauen.«
»Das ist ein … ziemlich gewöhnlicher Grund.«
»Ja. Nach unserer inoffiziellen Trennung suchte er sich eine Geliebte, kaum zwanzig Jahre alt. Er war gut zehn Jahre mit ihr liiert, dann versorgte er sie mit einem hübschen, kleinen Zuhause, mit einem hübschen, kleinen Geschäft, der Drohung, dass er ihr das alles wieder wegnehmen würde, wenn sie ihm Ärger machte, und nahm sich eine neue Geliebte, neunzehn Jahre alt. Das war vor fünf Jahren. So, wie ich die Sache sehe, hat sie vielleicht noch fünf Jahre, bevor er sie ebenfalls fallen lässt.«
Face blinzelte nachdenklich. »Vielleicht weniger.«
»Warum sagen Sie das?«
»Nur so ein Gefühl.« Face versuchte, ihr diese Lüge mit aufrichtiger Miene zu verkaufen. »Allerdings hat sich in letzter Zeit etwas zwischen Ihnen und dem General geändert, richtig? Ist das auch der Grund dafür, warum Sie plötzlich Steuerzahlungen leisten müssen, warum Sie seine Bediensteten gefeuert haben?«
»Er hat die Scheidung eingereicht, und solange das Verfahren läuft, sind seine gesamten Besitztümer eingefroren, unerreichbar für mich, bis die Sache geklärt ist.« Sie deutete mit der Hand auf ihre Umgebung. »Glücklicherweise überschrieb er mir dieses Apartment schon vor Jahren, nachdem er ausgezogen war. Wenn ich muss, kann ich es verkaufen, mir eine günstigere Wohnung suchen und mich einfach mit weniger zufriedengeben. Aber es wäre mir ein Gräuel, das zu tun. Ich liebe dieses Apartment.«
»Hat er gesagt, warum er sich jetzt doch scheiden lassen will?«
»Er hat angedeutet, dass er es tut, um sein aktuelles Mädchen heiraten zu können. Aber das glaube ich nicht. Ich glaube, dass sie nur ein durchlaufender Posten ist, genau wie alle Frauen in seinem Leben. Ich glaube, dass …« Sie hielt inne, um ihre Worte mit Bedacht zu wählen. »Einer der Gründe dafür, dass er ein so guter Organisator ist, ist der, dass er unerledigte Angelegenheiten verabscheut. Lose Enden. Das nagt an ihm, raubt ihm den Schlaf. Ich glaube, dass ich plötzlich zu einer solchen unerledigten Angelegenheit geworden bin.«
»Dann will er also in seinem Leben aufräumen, bevor … was passiert?«
»Keine Ahnung.«
Face unterdrückte ein Lächeln. Das ganze Gespräch hatte ihm praktisch nichts verraten – bloß, dass Stavin Thaal Gefallen an jüngeren Frauen fand und in Kürze etwas Bedeutendes passieren würde, etwas, das den zwanghaften Organisator verzweifelt dazu drängte, alle losen Enden zu kappen. Eigentlich war das Ganze keine große Sache, nichts, das ein Gericht von irgendwas überzeugen würde. Face hingegen war überzeugt davon, dass er richtig lag. Natürlich konnte etwas Bedeutendes alles Mögliche sein, aber vermutlich ging es dabei um Dinge, die für Thaals Karriere entscheidend waren – um Dinge, die möglicherweise einen Akt des Hochverrats an der Allianz einschlossen. Nein, die Unterhaltung hatte ihm noch etwas anderes verraten, etwas, das er überprüfen musste. »Können Sie mir die Namen seiner Geliebten nennen?«
»Natürlich. Tatsächlich …« Sie zog eine kleine Schublade an der Unterseite des Tisches auf und holte ein Datapad daraus hervor. Sie klappte es auf, tippte etwas ein und scrollte einige Sekunden lang durch die angezeigten Daten, ehe sie das Gerät wieder zuschnappen ließ. »… werden Ihnen die vollständigen Kontaktinformationen just in diesem Moment übermittelt.«
»Verbindlichsten Dank.« Er stand auf. »Falls Ihnen das irgendein Trost ist: Ich denke, dass Sie dem General gegenüber ausgesprochen wohlwollend waren. Hätte ich Dia je so behandelt, wie der General Sie behandelt hat, hätte sie sich einen X-Flügler geschnappt, wäre losgeflogen und hätte mich zu Asche verbrannt.«
»Richten Sie ihr bitte aus, dass mir ihr Stil gefällt. Vakuum wird Sie hinausbegleiten.«
Wieder zu Hause – ebenfalls in einem Wolkenkratzerapartment, das jedoch wesentlich bescheidener und freundlicher als das von Zehrinne war –, saß er in seinem Arbeitszimmer und suchte im HoloNet nach bestimmten Informationen …
Zum einen nach Informationen über Cadrin Awel, heute fünfunddreißig Jahre alt, ursprünglich von Vandor-3 stammend. Als Jugendliche war sie Sängerin gewesen und hatte einen lokalen Talentwettbewerb gewonnen, auch wenn es ihr später nicht gelungen war, sich auf dem wesentlich größeren Markt des nahe gelegenen Coruscant einen Namen in der Branche zu machen. Sie und mehrere Familienmitglieder und Freunde hatten zwei Jahre lang in einer unbewohnten Region von Vandor-3 kampiert, weshalb sie der Aufmerksamkeit der Yuuzhan Vong entgangen waren. Über ihr Leben in den ersten zehn Jahren nach dem Krieg war nur wenig dokumentiert. Vor einigen Jahren, unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Galaktischen Bürgerkriegs, hatte sie auf ihrem Heimatplaneten ein großes Stück Land gekauft und dort eine Art Ausbildungslager aufgebaut, wo Städter – größtenteils von Coruscant – lernen konnten, wie man in freier Natur überlebte. Im Werbe- und Informationsmaterial für Cadrins Zuflucht wurde zwar erwähnt, dass sie während des Yuuzhan-Vong-Krieges in der Wildnis gelebt hatte, jedoch nicht ihre Beziehung zu General Thaal. Eine kurze Nachrichtenmeldung von vor zwei Jahren wies darauf hin, dass sie einen der Männer geheiratet hatte, die zusammen mit ihr den Krieg überlebt hatten. Holos und Fotos von Cadrin zeigten eine hübsche, hellhäutige Frau mit blondem Haar und athletischer Figur.
Zum anderen suchte er Informationen über Keura Fallatte, jetzt vierundzwanzig Jahre alt. Auf Tatooine geboren, besaß sie außergewöhnliches technisches Talent und tat sich vor allem als Mechanikerin hervor. Den Aufzeichnungen zufolge ging sie mit sechzehn von zu Hause fort, um sich ihren Lebensunterhalt als Raumfahrerin zu verdienen. Drei Jahre später gab sie die Stellung bei ihrem Arbeitgeber auf und zog in ein schickes Hotel auf Coruscant. Nach dem Ende des Zweiten Galaktischen Bürgerkriegs – und kaum eine Woche, nachdem Thaal zum Oberbefehlshaber der Armee befördert worden war, wie Face nach einer Gegenprobe feststellte – zog sie in das beste Hotel von Ackbar-Stadt auf Vandor-3 um. Allerdings ergab eine weitere Überprüfung, dass sie sich dort inzwischen nicht mehr aufhielt. Sie war vor einigen Wochen aus dem Hotel ausgezogen, ohne irgendwelche Kontaktinformationen für die Zukunft zu hinterlassen. Ein Portier, mit dem Face sprach und der mehr als gewillt war, ein über HoloNet übersandtes Trinkgeld einzustreichen, sagte, sie sei während ihrer Abreise fröhlich und aufgeregt gewesen – wenn auch ungewohnt verschlossen. Er konnte keinerlei Hinweise auf ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort finden.
Face schrieb für die Gespenster eine kurze Zusammenfassung von Zehrinnes Informationen und seinen vorläufigen Nachforschungen über das Schicksal der beiden Geliebten. Er fügte dem keine Anweisungen bei. Die Gespenster würden schon wissen, was sie mit diesen Fakten anzufangen hatten. Er verschlüsselte den Bericht, installierte und verbarg ihn in einem Datapad-Spiel und übermittelte ihn. Dann verfasste er einen weiteren Bericht, verschlüsselte ihn und schickte ihn an die Quarren-Auge, die Raumyacht, die Borath Maddeus ihm zur Verfügung gestellt hatte, für die Weiterleitung an eine andere Stelle.
Als Face sein Tagwerk schließlich erledigt hatte, verließ er das Arbeitszimmer und begab sich in den gefliesten Essbereich seines Wohnzimmers. Seine Frau Dia und seine Tochter Adra waren bereits da, plauderten miteinander und schenkten den Nachrichtensendungen, die auf den Bildschirmen ihrer Datapads liefen, nur gelegentliche Aufmerksamkeit. Sie waren sich so ungeheuer ähnlich: grüne Twi’lek-Frauen von unterdurchschnittlicher Größe, aber geschmeidig wie Sandpanther. Dia trug noch immer die schnuckelige blaue Pilotenuniform des kommerziellen Luft- und Raumfahrtdienstes, bei dem sie Teilhaberin war. Adra indes hatte einen Overall an, ein wahres Sperrfeuer aus grünen und orangefarbenen Streifen und Zickzackmustern.
Face näherte sich ihnen so leise, dass sie ihn erst bemerkten, als er schon fast am Tisch stand. Beide drehten sich zu ihm um, und als sie seinen Gesichtsausdruck sahen, verstummten sie. Er wandte sich an Dia. »Ich verspreche dir, dass ich dich niemals so in den Wahnsinn treiben werde, dass du einen X-Flügler kaperst, um mich damit festzunageln und zu Asche zu verbrennen.«
»Sehr klug von dir.« Sie deutete auf den dritten Stuhl. »Wer ist dran mit Kochen?«
»Du.«
»Dann bestellen wir etwas.«
Face setzte sich und wandte sich an seine Tochter. »Und du, junge Dame … Nimm dich vor älteren Militäroffizieren in Acht, die dir nachstellen, solange du noch ein Teenager bist. Sobald du dreißig wirst, lassen sie dich einfach fallen.«
Sie seufzte und verdrehte die Augen. »Dad, ich hasse es, wenn du Arbeit mit nach Hause bringst.«