14. Kapitel
Face’ schnittiger schwarzer Luftgleiter mit seinen fast bis zur Undurchsichtigkeit getönten Scheiben – zumindest von außen betrachtet – stieg vom Landebereich des Flottenkommandozentrums in die Höhe. Der Flitzer glitt gemächlich über das Feld geparkter Fahrzeuge hinweg, bis er sich schließlich in eine Verkehrsspur einfädelte und dann beschleunigte.
Einige hundert Meter entfernt stieg ein unauffälliger blauer Speeder – ebenfalls mit geschlossenem Verdeck – von einer Landezone auf dem Dach eines Gebäudes voller Geschäfte und Restaurants auf und fädelte sich, von oben kommend, in denselben Verkehrsstrom ein.
Der Pilot, ein erwachsener Mensch mit blondem Haar und von jungenhaftem Aussehen, behielt den schwarzen Gleiter weiter vorn im Auge. »Ich würde sagen, einen Kilometer.«
Das Individuum auf dem Beifahrersitz neben ihm, ein untersetzter Sullustaner, dessen Gesicht sogar noch mehr an die zusammensackenden, schmelzenden Schichten eines Eisdesserts erinnerte, als das für seine Spezies üblich war, runzelte die Stirn. »Moment, Moment! Wann nach der Zündung nimmst du die Stichprobe? Die Zeit ist hier ein wichtiger Faktor.« Er sprach in seiner eigenen Sprache. Für die meisten Ohren waren seine Worte bloß melodisches Geschnatter, aber der Pilot verstand ihn und schüttelte den Kopf.
»Gehen wir von der optimalen Zeit für die maximale Ausdehnung aus.«
»Ohne Wind?«
»Für dieses hypothetische Beispiel ohne Wind.«
Der Passagier auf dem Rücksitz, ein großer Aqualishaner in einer unförmigen braunen Robe, beugte sich vor und stieß den Kopf zwischen die beiden sich unterhaltenden Männer. Seine Stoßzähne, die insektenähnlichen Augen sowie sein gewachster und auf Hochglanz polierter Schuppenkörper verliehen ihm ein bösartiges Aussehen. Auch er redete in seiner Heimatsprache. »Worum geht’s bei der Wette?«
Der Pilot lächelte. »Wenn man einen Ortolaner auf einen Thermaldetonator setzt – Standardausführung – und den Detonator zündet, wie hoch in der Atmosphäre lassen sich dann noch Spuren des Ortolaners nachweisen?«
Der Aqualishaner wandte sich ihm zu. »Spuren? Du meinst Stücke? Es wären keine Stücke von ihm übrig.«
»Nein, nein. Ich meine chemische Rückstände.«
Der Aqualishaner knurrte, ein tiefes Grollen in der Brust. »Chemikalien sind ein Mythos.«
Der Pilot hielt inne und überlegte, wie er dieser Behauptung am besten widersprechen konnte.
Der Sullustaner rettete ihn aus der Unbehaglichkeit der Situation. »Sag ihm, dass du Staub meinst.«
Der Pilot nickte. »Ich meine Staub.«
Diese Antwort schien der Aqualishaner zu akzeptieren. »Ohne Wind?«
»Ohne Wind.«
Der Aqualishaner grübelte darüber nach. »Bloß darum zu wetten ist dämlich. Es gibt nur einen Weg, das mit Sicherheit rauszufinden: mit einem Ortolaner und einem Thermaldetonator.«
»Nun …«
»Wir machen’s, gleich nachdem wir Face Loran getötet haben.«
Der Pilot nickte. »Gute Idee. Ich besorge uns einen Ortolaner, und du besorgst uns den Thermaldetonator.«
»In Ordnung.« Der Aqualishaner lehnte sich im Sitz zurück.
Face warf einen raschen Blick auf die Kontrollkonsole, auf den kleinen Monitor, der das Bild der Holokamera am Heck anzeigte, und diktierte weiter. »Ich habe die alte ›Hier, halten Sie meinen Rekorder und sprechen Sie deutlich‹-Masche durchgezogen. Mit einem besonderen Kniff: Ich habe mir vorher unauffällig sein Datapad geschnappt. Als ich ihn also bat, etwas nachzuprüfen, benutzte er dafür meins und gab dabei die Passcodes ein, die meinem Programm den Zugriff auf das Computersystem erlauben – was es mir noch vor Ort ermöglicht hat, die meisten Sicherheitskontrollen zu überwinden. Dementsprechend sind Commander Hocrofts Referenzen platziert und machen just in diesem Moment die Runde. Das Lustige daran ist, dass meine Tarngeschichte womöglich ebenfalls etwas Nützliches zutage gefördert hat. Ich habe tatsächlich eine Verbindung zwischen den Ladungen sämtlicher Flottenschiffe der Allianz gefunden, die seit dem Ende des Krieges gekapert wurden. Jedes dieser Schiffe transportierte ein großes, teures Elektronikbauteil, für gewöhnlich eine Hyperkom-Einheit, hergestellt von HyperTech Industries auf Kuat. Da sich Jesmin in der Vergangenheit recht intensiv mit diesem Thema befasst hat, solltest du diese Information am besten an sie weitergeben.« Face wechselte von seinem sachlichen zu einem dialogorientierteren Tonfall. »Hast du alles?«
»Transkribiert.« Das war die weibliche Stimme eines Protokolldroiden, affektiert und präzise.
»Gut, wo war ich? Oh, das war’s schon. Nein, füg das noch hinzu.« Er wechselte wieder zu einem berichtenden Tonfall. »Meine Quelle hat mir mitgeteilt, dass HyperTech seine Militäraufträge bereits hatte, lange bevor die Lecersen-Verschwörung aufgedeckt wurde, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass die Sache irgendwas mit dem General zu tun hat. Allerdings war Haydnat Treen, eine Mitwisserin der Verschwörung, die Senatorin von Kuat und hatte dort seinerzeit großen Einfluss. Sie hätte dem Unternehmen dabei helfen können, den Vertrag zu bekommen, sodass es hier möglicherweise doch eine gewisse Verbindung gibt. Mir ist nur nicht recht klar, warum sie das hätte tun sollen, wenn die Verschwörer nichts weiter im Sinn hatten, als dass die Firma Akte der Piraterie begeht.« Er hielt inne, überlegte, ob er noch irgendetwas hinzufügen sollte, und entschied sich dann dagegen. Er ging wieder zum Plauderton über. »Nachricht Ende. Standardabschiedsfloskeln. Unverzüglich verschlüsseln und übertragen.«
»Ja, Sir. Verschlüsselt. Übertragen.«
»Wie war ich?«
»Dreimal ›Du weißt schon‹, viermal ›Wo war ich?‹ und kein einziges Ähm oder Äh.«
»Also besser als gewöhnlich. Weißt du, neulich bin ich einem Protokolldroiden begegnet, dem es nicht erlaubt ist zu sprechen.«
»Schrecklich. Das ist ja, als würde man die mathematischen Funktionen eines Astromechs deaktivieren.«
»Ja, nicht wahr? Wir haben hier also einen Protokolldroiden, der nicht reden kann, und ich habe einen Gleiter mit Droidenhirn, der es kann. Ich glaube, meine Variante gefällt mir besser.«
»Trotzdem lassen Sie mich Ihnen nicht in Ihr Quartier folgen.«
»Stimmt. Schlecht für die Möbel. Du verstehst schon.« Face warf einen neuerlichen Blick auf seinen Heckkameramonitor. Der blaue Speeder war ihm immer noch auf den Fersen. Er kam nicht näher und hielt sich weit genug zurück, dass er selbst einigen geübten Augen entgangen wäre. »Sag mal, habe ich in letzter Zeit eigentlich deine Daten aktualisiert?«
»Nicht in den vergangenen acht Tagen.«
»Sofortiges Fernbackup starten. Führ außerdem eine Suche durch und sag mir, wo sich die nächstgelegene, dicht gedrängte Passantenansammlung befindet – ein Straßenmarkt, ein Musikfestival auf einem Platz, irgendetwas, wo es voll und verwirrend ist.«
»Was hat Priorität?«
»Die Suche.«
»He!« Der blonde Pilot runzelte die Stirn, als der schwarze Luftgleiter aus der Verkehrsspur ausscherte, beidrehte, tiefer sank und sich in die nach rechts führende Spur einfädelte. »Ich frage mich, ob er uns entdeckt hat.«
»Hunh.« Der Grunzlaut, den der Aqualishaner von sich gab, war wohl dazu gedacht, die Frage zu verneinen. »Dafür bist du zu gut.«
»Aber er ist eindeutig nicht mehr auf dem Weg nach Hause.«
»Das gefällt mir nicht.« Der Aqualishaner klang unzufrieden. »Ich will die Frau und die Tochter auch umbringen.«
Der Pilot schloss sich einem anderen Gleiter an, der Face’ Route nahm. Er setzte sich dicht hinter das Fahrzeug, um so zu verhindern, dass Face Loran ihn entdeckte, bis er sich ebenfalls in die neue Verkehrsspur eingefädelt hatte. »Warum?«
»Wegen dieser Schwanzdinger an ihren Köpfen.«
»Das sind Kopftentakel – oder Lekku, in der Twi’lek-Sprache. Was ist damit?«
»Ich frage mich immer: Wenn man hart genug daran zieht, reißen sie dann ab? So wie Arme und Beine?«
»Nun, ich verrate dir was. Wenn du Face Loran sauber und ordentlich um die Ecke bringst, kannst du auch noch eine der Twi’leks töten. Und wenn du einen Thermaldetonator für unser Experiment findest, darfst du sogar beide erledigen.«
»Du bist ein guter Mann. Ich arbeite gern mit dir zusammen.«
»Vielen Dank.«
»Aber ich will mehr Geld.«
Der Pilot seufzte.
Face’ Flitzer drehte abermals bei und schoss zwischen zwei weit auseinanderstehende Apartmentblocks. Weiter vorn machte der blonde Pilot einen hellen Fleck aus, bei dem es sich um ein vergleichsweise offenes Gebiet handeln musste. Er folgte Face’ Speeder, tauchte zwischen den Gebäuden auf und fand sich am Rande eines ausgedehnten Platzes wieder. Die äußeren Areale waren als Landebereich und Ladezone für Gleiter abgesperrt, während sich in der Mitte der Fläche mobile Stände aus Durastahl und Duraplast drängten, farbenfroh mit blinkenden Schildern und bunten Bannern dekoriert. Zu dieser Mittagsstunde wimmelte es hier nur so von Einkäufern, die zu Fuß unterwegs waren.
Der Pilot versuchte, sich darüber klar zu werden, was er da vor sich sah. »Ein Fußgängermarkt«, sagte er.
»Eigentlich hätte ich erwartet, dass ein solcher Markt auf Coruscant größer ist. Er sollte mehrere Kilometer lang sein!« In der Stimme des Aqualishaners lag ein Anflug von Verächtlichkeit. »Selbst auf klitzekleinen Welten haben ich schon größere gesehen.«
»Ich denke, du meinst dünn besiedelte Welten. Klitzekleine Welten besitzen nicht genug Schwerkraft, um eine Atmosphäre zu halten. Und ohne eine Atmosphäre ist ein Freiluftmarkt eher unwahrscheinlich.«
»Die Schwerkraft ist ein Mythos.«
Der Pilot sah, wie Face’ Flitzer langsamer wurde, dann auf Repulsoren vertikal tiefer sank und ein Landefeld in Beschlag nahm. Er schaute sich um, fand ein weiteres, das frei und nicht weit entfernt war, und setzte dort auf.
Gemeinsam beobachteten die drei, wie die Pilotentür des schwarzen Gleiters flügelgleich in die Höhe glitt. Face Loran stieg aus, einen abgelenkten Ausdruck auf dem Gesicht. Er hatte ein Komlink gegen sein Ohr gepresst und aufgrund des Stimmengewirrs auf dem Marktplatz und des Heulens der Luftgleiter über sich offensichtlich Schwierigkeiten, etwas zu verstehen. Er brüllte laut genug, dass die Insassen des blauen Speeders ihn hören konnten: »Nein, Sie Schwachkopf! Ohrringe. Als Jahrestagsgeschenk. In welcher Bude stecken Sie?« Er eilte in Richtung der nächstgelegenen Standreihen. Seine Körpersprache deutete auf einige Ungeduld hin.
Der blonde Pilot lächelte. In der Menge würde es vergleichsweise einfach sein, Face Loran zu folgen. Seine Kleidung – schwarz, maßgeschneidert, stilvoll und protzig, passend zu seinem sorgsam gestutzten, kurz gehaltenen Vollbart – und sein kahler Kopf ließen ihn deutlich aus der Menge hervorstechen.
»Das ist ein Trick.« Die melodische Stimme des Sullustaners sorgte dafür, dass die Worte eher freundlich denn argwöhnisch klangen.
»Was sagt der Jawa?«, fragte der Aqualishaner.
»Er sagt, das ist ein Trick.«
»Das spielt keine Rolle.«
»Was sagt der Aqualishaner?«
Der Pilot grinste. »Er sagt, du bist ein Jawa.«
»Ich bin kein Jawa, und es ist ein Trick. Er hat dich entdeckt, und er hat uns an diesen dicht bevölkerten, verwirrenden Ort gelockt, damit er uns abschütteln kann.«
»Was hat der Jawa gesagt?«, fragte der Aqualishaner.
»Er sagt, dass er kein Jawa ist und du dich irrst.«
»Er ist ein Jawa. Ein hässlicher Jawa. Wenn du so hässlich wärst wie er, würdest du auch so tun, als gehörtest du zu einer Spezies, die du dir ausgedacht hast. Sullustaner sind ein Mythos.«
»Was hat er gesagt?«, fragte der Sullustaner.
Der Pilot seufzte. »Er meint, dass ihr beide Face Loran nachjagen und ihn töten solltet, während ich hier warte, für den Fall, dass das Ganze ein Trick ist und er noch mal umkehrt und uns zu entkommen versucht – und dem stimme ich zu. Also, los geht’s!«
Der Aqualishaner stieß seine Tür auf und stieg aus. »Außerdem werde ich die Augen nach einem Stand offen halten, der Thermaldetonatoren verkauft.«
Als der Aqualishaner und der Sullustaner die erste Reihe von Ständen erreichten, war Face Loran nirgends mehr zu sehen. Sie standen zwischen einer Bude mit Spielzeuglichtschwertern, die realistische Geräusche machten und harmlose, bunte Leuchtrohre ausfuhren, und einer anderen, bei der es ausgesprochen beliebte Süßigkeiten gab, die nach corellianischem Brandy schmeckten. Im Rhythmus von Droidengeschützstellungen, die die Umgebung nach Zielen absuchen, drehten sie sich hin und her.
»Ich sehe ihn nicht.« Die Stimme des Aqualishaners war ein einziges Grollen. Er starrte finster auf seinen Begleiter hinab. »Kannst du seine Knie irgendwo entdecken?«
Der Sullustaner sprach zu ihm, melodische Worte, die der Aqualishaner nicht verstand.
»He, Kurzer, ich habe eine grandiose Idee.« Der Aqualishaner bückte sich, packte den Sullustaner unter den Armen und hob ihn hoch. Dieser krakeelte und schlug um sich, als fürchtete er, sein Komplize würde ihn in den tentakelbewehrten Schlund eines Sarlaccs fallen lassen. Dann setzte der Aqualishaner sich seinen kleinwüchsigen Gefährten rittlings auf die Schultern. »Jetzt kannst du mehr von ihm sehen als bloß seine Knie.« Der Aqualishaner wies auf seine eigenen Augen, dann auf die Augen des Sullustaners, dann auf die Menge.
Der Sullustaner schien zu begreifen. Er nickte und suchte weiter nach ihrer Zielperson.
Der Aqualishaner setzte sich in Bewegung und schob sich durch die Menge. Er hatte zwar abfällig von diesem Markt gesprochen, doch in Wahrheit war dies genau die Art von Umgebung, in der er sich wohlfühlte. Ein Käufer konnte hier Wesen jeder bekannten Spezies antreffen und Waren von ganz Coruscant und aus der gesamten Galaxis finden – billigen Plunder, Unterhaltung, exotisches Essen, manchmal gute Waffen. Ein Rodianer drängte sich an den Aqualishaner heran und bot Glitzerstim-Häppchen zum Kauf an – winzige Mengen der psychotropen Chemikalie, umhüllt von einem lichtundurchlässigen, süßen Kohlehydratmantel. Der Aqualishaner gab ihm ein paar Credmünzen für ein kleines Päckchen, ehe er sich über den Verkäufer beugte und ihm einen guten Rat gab: »Wenn das hier nicht das richtige Zeug ist, komme ich zurück und bringe dich um.«
»Es ist echt, es ist echt!« Unaufgefordert drückte der Verkäufer dem Aqualishaner einen Extrabeutel in die Flossenhand und floh.
Der Aqualishaner starrte die beiden Beutel an und schielte dann zu seinem Begleiter empor. »Das bedeutet, dass das Zeug zwar echt, aber schwach ist. Wir werden sehen, wie schwach genau. Vielleicht bringe ich ihn dann nicht um.«
Der Sullustaner plapperte eine Erwiderung.
»Halt die Klappe! Du weißt, dass ich kein Jawasisch spreche.« Er reichte dem Winzling den zweiten Beutel mit Spicebonbons.
Eine Minute später richtete sich der Sullustaner auf, setzte sich höher hin und deutete weiter vorn in die Menge. Der Aqualishaner spähte in die angezeigte Richtung.
Dreißig Meter weiter die Standreihe entlang stand Face Loran, der gerade dabei war, seine Credkarte von einem Händler zurückzunehmen. Von allen Dingen hielt er ausgerechnet eine Schaufensterpuppe unter dem Arm, die einer Menschenfrau nachgebildet, aber kopflos war. Die Bekleidung, die die Puppe trug, passte zu einer exotischen Tänzerin – überall knappe Bänder, Riemen und Schals aus hauchdünnem rosarotem Material. Face Loran hatte noch einen weiteren Einkauf unter seinen Arm geklemmt: zusammengefaltete Lagen braunen Stoffs. Während der Aqualishaner ihn beobachtete, drehte sich Face Loran mit seinen Neuerwerbungen um und marschierte mit forschem Schritt in die andere Richtung davon.
Die beiden tauschten einen Blick, und der Sullustaner plapperte etwas.
Der Aqualishaner zuckte mit den Schultern. »Ich wette, das bedeutet, dass die Ohrringe nicht so das Wahre waren.«
Der Sullustaner schaute ihn verständnislos an.
Der Aqualishaner eilte ihrer Zielperson hinterher. Sein »Reiter« hielt sich derweil an dessen Schultern und Kopf fest.
Als sie Face Loran schließlich wieder zu Gesicht bekamen, ging er eine Nebenreihe entlang, die Schaufensterpuppe noch immer unter dem Arm, doch jetzt zog er an einer Schnur eine kleine Ansammlung großer rosa Luftballons hinter sich her.
Von diesem Moment an war es vergleichsweise einfach, ihn im Auge zu behalten. Alles, was sie tun mussten, war, nach der Traube rosa Ballons Ausschau zu halten. Das Problem dabei war, dass Face Loran ständig in Bewegung blieb, von einem Stand zum nächsten trottete und sich im Zickzack quer über den Markt bewegte. Manchmal versperrten eine große Bude oder ein Werbebanner ihnen für lange Sekunden die Sicht auf die Ballons.
Dann trieben sie ihr Opfer am hinteren Rand des Marktes in die Enge. Er stand nicht an einem Stand, sondern in einem Zelt, über dem ein Schild mit stetig wechselnden Werbebotschaften flackerte: HOLOBILDER! VERSEHEN SIE DEN KÖRPER EINES ATHLETEN MIT IHREM GESICHT! UMARMEN SIE HEVANUS DREED ODER KOY’TIFFIN! STEHEN SIE NEBEN DER PRÄCHTIGEN SCHLUCHT OHNE WIEDERKEHR! Face’ Schnur ragte aus dem Zelteingang nach draußen. Die Ballons tanzten ein paar Meter über ihnen.
Der Aqualishaner setzte den Sullustaner ab. Er gestikulierte, um seine Worte besser verständlich zu machen. »Ich gehe jetzt da rein und töte ihn. Vibroklinge. Tschak-tschak-tschak, verstanden? Du wartest hier. Genau hier.«
Der Sullustaner blickte finster drein und schnatterte, ging jedoch zu der Reihe von Zelten und Buden gegenüber, um von dort die Vorderseite des Zelts im Auge zu behalten, in dem Face verschwunden war.
Der Aqualishaner schob eine Flosse unter sein Gewand und schlang sie um den Griff der Vibroklinge, die dort in ihrer Scheide steckte. Das hier war ein Messerjob – selbst in dieser lauten Umgebung war es besser, lautlos zu Werke zu gehen. Vorsichtig näherte er sich dem Zelt, teilte die Türklappen mit der freien Flosse und trat ein.
Drinnen war es dunkel. Direkt vor ihm befand sich ein Bildschirm, größer als ein Mensch und aus flexiblem Material, das von einem segmentierten Duraplastrahmen straff gespannt wurde. Tatsächlich handelte es sich dabei um einen von innen heraus leuchtenden, elastischen Monitor, der ein Naturszenario zeigte. Selbst von hinten konnte der Aqualishaner das berühmte Motiv erkennen, einen eindrucksvollen Wasserfall des zerstörten Planeten Alderaan.
Auf dem Bildschirm schimmerten winzige Lichter von der anderen Seite des Zelts, die das Opfer des Aqualishaners als Silhouette umrissen. Eine menschliche Gestalt stand unmittelbar auf der anderen Seite des Schirms und bewegte den Kopf vor und zurück, als würde er sich im Takt mit langsamer Musik bewegen, die der Aqualishaner nicht zu hören vermochte.
Der Aqualishaner zog seine Vibroklinge und erweckte sie mit einem Daumendruck zu brummendem Leben. Dann stach er zu. Die Klinge fuhr durch den Bildschirm und bohrte sich in den Hinterkopf seiner Zielperson.
Der Kopf zerplatzte mit einem gedämpften Peng und war verschwunden.
Der Aqualishaner trat um den Schirm herum, um nachzusehen, was zur Hölle das zu bedeuten hatte. Er hatte die Schaufensterpuppe massakriert! Über ihr hing ein brauner Mantel, der die hauchdünne Garderobe der Tänzerin verbarg. Auf einer Schulter lagen die Überreste eines rosa Luftballons, der oben an der Puppe festgebunden gewesen war, am unteren Ende mit einem Schal umwickelt, damit es wie ein Hals wirkte. Bevor der Aqualishaner den Ballon zum Platzen gebracht hatte, wackelte er dank einer leichten Brise, die durch das Zelt wehte.
Abgesehen davon war das Zelt leer. Ein Schlitz an der Rückwand verriet, auf welchem Wege Face Loran von hier verschwunden war.
Das war nicht gut. Der Aqualishaner wirbelte herum und vergewisserte sich, dass er tatsächlich allein war. Dann schaltete er die Vibroklinge aus und schob sie in die Scheide zurück. Er verließ das Zelt durch den Eingang, sich der Möglichkeit eines Angriffs wohl bewusst.
Der Sullustaner war noch genau da, wo der Aqualishaner ihn zurückgelassen hatte, doch jetzt saß er auf einer Obstkiste, mit dem Rücken gegen den Stützpfosten eines Standes gelehnt, so entspannt, als würde er schlafen. Auf seinem Hemd befand sich ein kleiner dunkler Fleck, der sich rasch ausbreitete.
Der Aqualishaner ging nicht hinüber, um die Sache genauer in Augenschein zu nehmen. Der Sullustaner war tot und Face Loran zweifellos ganz in der Nähe, bereit, ihn aus dem Hinterhalt zu attackieren, sobald er Anstalten machte, sich über seinen ermordeten Partner zu beugen. Doch wenn der Aqualishaner einfach davonging, würde Face Loran sich an seine Fersen heften, auf den idealen Augenblick zum Zuschlagen warten und ihn dann töten.
Also beschloss der Aqualishaner, seinen Gegner zu überlisten. Er riss sich den Mantel herunter, und in Gürtelhalftern steckende Blasterpistolen, Vibroklingen, ein Bandelier mit daranhängender Granate und noch mehr polierte, schimmernde Körperschuppen kamen zum Vorschein. Dann stürmte er zum Luftgleiter seines Bosses zurück. Er stieß Händler und Marktbesucher aus dem Weg, ohne nennenswerte Rücksicht auf Masse, Spezies, Geschlecht oder Alter. Eine Gruppe Bothanerkinder nahm vor den Stößen seiner Knie Reißaus, kreischend vor Schmerz und Überraschung. Er krachte, ohne Schaden zu nehmen, durch eine klare Duraplastscheibe – ein Austauschfenster, das von zwei menschlichen Arbeitern getragen wurde. Er rammte eine Gamorreanerin so vehement beiseite, dass sie über den Verkaufstresen eines Standes flog und mit dem Kopf nach unten landete – ihre Beine traten um sich, während ihr Oberkörper in einem Fass mit unterirdischem Weißfisch von Coruscant steckte. Obgleich ihm Schreie, Flüche und Rufe nach dem Sicherheitsdienst hinterherhallten, konnte er die hinterste Reihe der Marktstände schon wenige Sekunden später vor sich sehen. Zwischen zwei der Buden befand sich eine Lücke, durch die er fliehen konnte.
Dann trat ein Jedi in die Lücke, ein hellhäutiger Mann in Robe, dessen sorgsam getrimmter Vollbart dunkler war als seine lange, offen getragene Mähne braunen Haars. Der Jedi richtete die Aufmerksamkeit sofort auf den Aqualishaner und hob sein Lichtschwert, das er bereits in der Hand hielt, um es mit einem Daumendruck zum Leben zu erwecken. Die grüne Klinge schoss mit einem tiefen, vibrierenden Zischlaut aus dem Heft hervor.
Der Aqualishaner wurde langsamer und griff nach einer Blasterpistole.
Doch anstatt vorzuspringen, warf der Jedi sein Lichtschwert, das rotierend auf den Aqualishaner zuschwirrte.
Hätte er die Zeit dafür gehabt, hätte der Aqualishaner gelacht. Stattdessen verfolgte er die Flugbahn der heransausenden Waffe mit den Augen. Er griff danach … und bekam das Heft geschickt mit der Flosse zu fassen.
Jetzt stürmte der Jedi vor. Er rannte wie ein gewöhnlicher Mann in guter körperlicher Verfassung, nicht wie ein Übermensch.
Der Aqualishaner schwang das Lichtschwert, und die glühende Klinge pflügte durch den Hals des Jedi, der heftig gegen den Aqualishaner krachte, und dessen Kopf … blieb, wo er war. An seiner Kehle war kein Brandmal. Es roch nicht nach verbranntem Fleisch. Dafür fühlte der Aqualishaner einen scharfen Schmerz im eigenen Hals, und mit einiger Verzögerung erkannte der Aqualishaner, dass der rechte Arm des Jedi erhoben war. Seine Hand befand sich unweit der Stelle, von der der Schmerz ausging.
Der unverletzte Jedi starrte dem Aqualishaner mit den Augen von Face Loran ins Gesicht. Seine Miene war kalt und unerbittlich.
Der Aqualishaner ging zu Boden und spürte das Ziehen, als sein Hals von der Vibroklinge in Face Lorans Hand glitt. Er sah sogar, wie die Klinge zum Stillstand kam, als sein Gegner sie ausschaltete. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Bloß ein paar Dutzend Meter entfernt verfolgte der blonde Pilot den Zusammenstoß von Jedi und Aqualishaner. Er sah den Aqualishaner zusammenbrechen – das Spielzeuglichtschwert rutschte aus seiner Hand und fiel zu Boden, wo das harmlose grüne Leuchten über die Pflastersteine geisterte. Er sah, wie sich der Jedi umdrehte, bevor auch nur einer der Zeugen die Möglichkeit hatte zu reagieren.
Der Jedi verließ die Standreihe, wandte sich sogleich nach rechts, um aus dem Blickfeld der Marktbesucher zu verschwinden, und riss sich das Haar vom Kopf, um den kahlen Schädel von Face Loran zu enthüllen. Loran warf die Perücke in den Mund eines Abfallstampfdroiden. Er streifte Mantel und Tunika ab, mit denen er sich kostümiert hatte, und schickte sie der Perücke hinterher. Dann bog er abrupt links ab und marschierte zwischen den geparkten Gleitern einher.
Der blonde Pilot schüttelte voll widerwilliger Bewunderung den Kopf. Innerhalb von zwei Sekunden hatte sich ein geheimnisvoller Jedi-Ritter, dessen Gebaren Gefahr ausstrahlte, in einen glatzköpfigen, schwarz gekleideten Passanten verwandelt, dessen Körpersprache Ungezwungenheit und gute Laune verkündete. Mittlerweile umringten Leute, die Zeugen des Todes des Aqualishaners geworden waren, den Leichnam. Ein Pärchen, das vorsichtig hinter der Budenreihe hervorkam, schaute sich um, entdeckte keine Spur des Jedi und kam zurück, um die Leiche anzugaffen.
Der Pilot schenkte ihnen keine Beachtung. Stattdessen beobachtete er, wie ein Sicherheitstruppler herbeigeeilt kam, um die Situation unter Kontrolle zu bringen, während Face Loran unbemerkt von der Menge zu seinem Luftgleiter ging und in sein Fahrzeug einstieg. Nun, eins hatte der Pilot zumindest in Erfahrung gebracht. Es schien, als habe sich Face Loran tatsächlich zur Ruhe gesetzt oder als sei er sogar aus den Reihen des Geheimdienstes ausgestoßen worden – jedenfalls hatte er keine Verstärkung gerufen, um mit der Sache fertigzuwerden. Zudem besaß er eindeutig einiges an Felderfahrung.
Die dunkel getönten Sichtfenster des Luftgleiters waren nicht mit Blicken zu durchdringen. Loran wartete einige Minuten lang in seinem Vehikel – vermutlich verfolgte er, wie sich das Geschehen rings um die Leiche entwickelte. Schließlich jedoch erwachte der schwarze Luftgleiter grollend zum Leben, stieg drei Meter in die Luft empor – und explodierte.
Bruchstücke des Fahrzeugs flogen rotierend und brennend in sämtliche Richtungen davon, von einer rot-orange-schwarzen Wolke in die Höhe katapultiert. Die Leute, die sich um den Aqualishaner versammelt hatten, schrien. Einige wurden von der Wucht der Detonation von den Füßen gerissen. Geparkte Gleiter rings um den von Loran wackelten, Trümmer regneten auf sie herab. Der Großteil von Lorans Speeder krachte nur ein Landefeld neben dem, wo er eben noch stand, auf ein großes, rotes Flitzercabrio. Beide brannten.
Der blonde Pilot seufzte erleichtert. Der Sullustaner und der Aqualishaner hatten ihren Zweck – sie waren Köder gewesen, ein Ablenkungsmanöver – ebenso erfüllt wie sein Sprengpaket. Der Job war erledigt. Nun, jedenfalls ein Job. Er startete seinen Speeder und steuerte himmelwärts. Jetzt musste er bloß noch zwei Twi’lek-Frauen töten. Vielleicht fand er irgendwo einen missmutigen Wookiee, der neugierig darauf war zu erfahren, ob sich diese Kopftentakel nun sauber abreißen ließen oder nicht.