Frankfurter Requiem
FREITAG, 12. OKTOBER 2012

Warum so viele Interviews von dir?
Es ist Messetime. Einmal im Jahr beschäftigt sich der
Buchhandel ernsthaft mit der Digitalisierung. Wenn sie dann sehen,
was alles passiert ist, dann bekommen sie mächtig Angst. Jeder hat
sich auf dem Weg zum Messeparkplatz ein paar Gedanken gemacht, die
er loswerden will. Da kommt vieles hoch.
Du hast dich immer lustig gemacht über deine
Gegenspieler?
Die einen waren gegen die Digitalisierung per se. Die anderen
waren für die Digitalisierung aber gegen die Folgen. Wieder andere
sagten, es gebe die Digitalbücher in Wirklichkeit nicht. Das sei
alles eine Scheindebatte. Aber alle hatten sie Angst. Mir hat bei
der letzten Buchmesse eine junge Buchhändlerin gesagt, dass die
meisten Kollegen sich weigerten, einen Reader in die Hand zu
nehmen. Sie versuchen, diese Entwicklung wegzuwünschen.
Hat sich da etwas geändert?
Ja, sie werden nicht mehr gefragt. Ich glaube, instinktiv
haben die Buchhändler richtig verstanden, dass etwas sie ersetzt.
Jetzt rennen sie alle zu den Non-Books. Meine Güte, die
Kuschelkissen und Dekotassen verkaufen doch andere viel billiger!
Thalia will jetzt sogar PCs anbieten. Kommt die gute alte
VOBIS-Zeit wieder!?
Der Buchhandel ist tot?
Endgültig. Der Buchhandel ist fast schon wieder 'retro'. Der
Tante-Emma-Laden kommt ja auch wieder.
Hat dich das Tempo der Entwicklung
überrascht.
Nein, denn der einzelne Buchhändler schleppt riesige Kosten
mit sich rum. Stichwort: Personalintensive, überdimensionierte
Innenstadtlage. Wie soll jemand, der € 20,00 für ein Buch verlangen
muss, gegen unsere Preise - auch € 0,00 sind ein Preis - was
ausrichten können. Da kann er sich auf die Hühnerbrust trommeln,
wie er will, egal.
Seid ihr Buchpiraten an allem schuld?
Wir wurden benutzt. Nimm mal Google. Bei jedem Bestseller
standen wir ganz oben in der Suche. Immer hat Google auf die
Objektivität der Suchergebnisse verwiesen. Und nun machen sie einen
eigenen Ebookstore auf und - oh Wunder! - sind die Warezlinks mit
einem Mal verschwunden. Nein, die Buchpiraten wurden benutzt, um
die Buchbude sturmreif zu schießen.
Wehmut?
Nein, absolut nicht. Denn Google zähle ich zu den großen
Verlierern. Wirkliches Verständnis, eigentlich Zuneigung zum neuen
Medium war nur bei den Buchpiraten und bei Amazon zu finden. Ich
bin sicher, so richtige Begeisterung für Ebooks gibt es nirgendwo
sonst. Die Neuankömmlinge erwärmen sich so langsam für die
wirtschaftlichen Möglichkeiten. Aber das reicht nicht, um eine neue
Welt zu entdecken.
Und Amazon braucht niemand mehr zu
fürchten?
Doch. Ab jetzt. Sie haben ihr Ziel erreicht. Aber was kommt
danach? Sie sind der Monopolist der Ebooks - schön und gut. Aber
ihr Konzept wird 'raub'kopiert werden. Kobo ist so ein Beispiel -
ein besserer Reader mit Kobo Glo, zum gleichen Preis, früher
verfügbar. Dazu eine offene Plattform. Nimm mal so einen
Selfpublisher wie Bookrix.com. Die haben auch ein Konzept, sie sind
mit den Ebooks groß geworden und sie machen keine Fehler. Und die
Übermacht von Amazon zwingt zu Allianzen. Da kann es in Zukunft
durchaus die ein oder andere Überraschung geben!
Reden wir von Fehlern. Gibt es überhaupt einen
Fehler, den Amazon bisher gemacht hat?
Ich halte nach wie vor das MOBI-Format für einen großen
Fehler. Das nützt ihnen nichts. Und je besser sich die
formatoffenen Reader aufstellen, desto mehr Gründe gibt es für den
Kunden, sich nicht ausgrenzen zu lassen. Das plattformgebundene
Format ist klar die Achillesferse von Amazon. Du darfst auch nicht
vergessen, dass Amazon bisher angegriffen hat. Jetzt sind
sie da, wo sie sein wollten. Den Platz müssen sie
verteidigen. Das ist etwas völlig anderes. Monopolist
bleiben ist viel schwerer, als Monopolist werden.