Frankfurter Requiem

FREITAG, 12. OKTOBER 2012

K626_Requiem_Mozart
Warum so viele Interviews von dir?

Es ist Messetime. Einmal im Jahr beschäftigt sich der Buchhandel ernsthaft mit der Digitalisierung. Wenn sie dann sehen, was alles passiert ist, dann bekommen sie mächtig Angst. Jeder hat sich auf dem Weg zum Messeparkplatz ein paar Gedanken gemacht, die er loswerden will. Da kommt vieles hoch.

Du hast dich immer lustig gemacht über deine Gegenspieler?

Die einen waren gegen die Digitalisierung per se. Die anderen waren für die Digitalisierung aber gegen die Folgen. Wieder andere sagten, es gebe die Digitalbücher in Wirklichkeit nicht. Das sei alles eine Scheindebatte. Aber alle hatten sie Angst. Mir hat bei der letzten Buchmesse eine junge Buchhändlerin gesagt, dass die meisten Kollegen sich weigerten, einen Reader in die Hand zu nehmen. Sie versuchen, diese Entwicklung wegzuwünschen.

Hat sich da etwas geändert?

Ja, sie werden nicht mehr gefragt. Ich glaube, instinktiv haben die Buchhändler richtig verstanden, dass etwas sie ersetzt. Jetzt rennen sie alle zu den Non-Books. Meine Güte, die Kuschelkissen und Dekotassen verkaufen doch andere viel billiger! Thalia will jetzt sogar PCs anbieten. Kommt die gute alte VOBIS-Zeit wieder!?

Der Buchhandel ist tot?

Endgültig. Der Buchhandel ist fast schon wieder 'retro'. Der Tante-Emma-Laden kommt ja auch wieder.

Hat dich das Tempo der Entwicklung überrascht.

Nein, denn der einzelne Buchhändler schleppt riesige Kosten mit sich rum. Stichwort: Personalintensive, überdimensionierte Innenstadtlage. Wie soll jemand, der € 20,00 für ein Buch verlangen muss, gegen unsere Preise - auch € 0,00 sind ein Preis - was ausrichten können. Da kann er sich auf die Hühnerbrust trommeln, wie er will, egal.

Seid ihr Buchpiraten an allem schuld?

Wir wurden benutzt. Nimm mal Google. Bei jedem Bestseller standen wir ganz oben in der Suche. Immer hat Google auf die Objektivität der Suchergebnisse verwiesen. Und nun machen sie einen eigenen Ebookstore auf und - oh Wunder! - sind die Warezlinks mit einem Mal verschwunden. Nein, die Buchpiraten wurden benutzt, um die Buchbude sturmreif zu schießen.

Wehmut?

Nein, absolut nicht. Denn Google zähle ich zu den großen Verlierern. Wirkliches Verständnis, eigentlich Zuneigung zum neuen Medium war nur bei den Buchpiraten und bei Amazon zu finden. Ich bin sicher, so richtige Begeisterung für Ebooks gibt es nirgendwo sonst. Die Neuankömmlinge erwärmen sich so langsam für die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Aber das reicht nicht, um eine neue Welt zu entdecken.

Und Amazon braucht niemand mehr zu fürchten?

Doch. Ab jetzt. Sie haben ihr Ziel erreicht. Aber was kommt danach? Sie sind der Monopolist der Ebooks - schön und gut. Aber ihr Konzept wird 'raub'kopiert werden. Kobo ist so ein Beispiel - ein besserer Reader mit Kobo Glo, zum gleichen Preis, früher verfügbar. Dazu eine offene Plattform. Nimm mal so einen Selfpublisher wie Bookrix.com. Die haben auch ein Konzept, sie sind mit den Ebooks groß geworden und sie machen keine Fehler. Und die Übermacht von Amazon zwingt zu Allianzen. Da kann es in Zukunft durchaus die ein oder andere Überraschung geben!

Reden wir von Fehlern. Gibt es überhaupt einen Fehler, den Amazon bisher gemacht hat?

Ich halte nach wie vor das MOBI-Format für einen großen Fehler. Das nützt ihnen nichts. Und je besser sich die formatoffenen Reader aufstellen, desto mehr Gründe gibt es für den Kunden, sich nicht ausgrenzen zu lassen. Das plattformgebundene Format ist klar die Achillesferse von Amazon. Du darfst auch nicht vergessen, dass Amazon bisher angegriffen hat. Jetzt sind sie da, wo sie sein wollten. Den Platz müssen sie verteidigen. Das ist etwas völlig anderes. Monopolist bleiben ist viel schwerer, als Monopolist werden.