BOERSENBLATT:  "Mildernde Umstände für den Dieb" - Gespräch mit Joseph von Westphalen

Joseph von Westphalen hat den Aufruf zum Schutz des Urheberrechts unterzeichnet. Man muss Farbe bekennen, sagt er und kommt sich zugleich spießig vor. Ein Gespräch.


Guten Morgen, heute schon urherberisch tätig gewesen?
Bin gerade dabei.

Roman?
Kolumne.

Sie sind einer der Erstunterzeichner des Aufrufs zur Wahrung des Urheberrechts. Versteht sich die Unterschrift für einen Autor von selbst?
Ich dachte, ich muss mal wieder Farbe bekennen. Sich zum Urheberrecht zu bekennen ist ja nun nicht ehrenrührig.

Es gibt breite Unterstützung, aber auch massiven Protest. Gibt Ihnen das zu denken?
Ja. Man kommt sich spießig vor.

Kursieren Texte von Ihnen illegal im Netz?
Nicht dass ich wüsste. Schlechtes Zeichen. Vielen meiner Texte hätte ich als Urheber mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Wenn sie jemand unerlaubt verbreiten würde, wäre es Diebstahl. Aber ich fände es falsch und kleinlich, dagegen vorzugehen. Seltsame Vorstellung, dass jemand abgemahnt werden sollte, weil er einen Roman von mir lesen will.

Sehr großzügig!
Natürlich ist es mir lieber, eine Vergütung zu bekommen. Ist doch klar. Ich will nur darauf hinweisen: Die mit einem Download – auch einem diebischen – einhergehende Verbreitung ist vielleicht wichtiger als die Vergütung. Jemand hält meinen Text für lesenswert und weiterempfehlenswert. Das ist doch erst mal toll. Und nicht nur eine Schmeichelei. Mein Marktwert steigt mit der Verbreitung, auch mit der illegalen, die gegen das geltende Urheberrecht verstößt.

Also plädieren Sie für eine Reform des Urheberrechts?
Ohne Urheberrecht würde neoliberaler Wilder Westen herrschen. Grässlich! Trotzdem wünsche ich mir, dass es modernisiert wird. Ich bin kein Jurist. Ich weiß nur: Wenn mir einer mein Fahrrad klaut, muss ich nach Hause laufen und mir ein neues Fahrrad kaufen. Der Raub macht mich wütend. Es ist ein Schaden entstanden. Die Raubkopie schädigt den Autor mehr indirekt. Möglicherweise verdient er etwas weniger. Vielleicht hätten ein paar Leute mehr sein Buch gekauft, wenn der Text nicht gratis im Internet herumschwirren würde. Vielleicht auch nicht. In jedem Fall hat der bestohlene Autor auch einen Gewinn. Man interessiert sich für ihn. Das ist ein Gegenwert. Daher mildernde Umstände für den Dieb.
Interview: hh


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