Der alte Maler und die Leinwand
FREITAG, 25. MAI 2012

Reden wir nicht über Promotion von
Elfenbeintürmen?
Wir bleiben beim Thema ... irgendwie. Aber ich will über was
anderes reden - Malerei zum Beispiel.
Malerei?
Ist doch langweilig über Autoren zu reden, für die sich keiner
interessiert.
Gut, reden wir über Malerei.
Es gibt keine Künstler mehr! Es entstand eine Malerei ohne
Maler. Sie sind allesamt ausgestorben!
Dann lass uns über Autoren reden ...
Ich rede davon, dass es die malenden Künstler nicht mehr gibt.
Es hat auch mit uns zu tun - hör also zu! Es hat sie natürlich
gegeben. Ehrfürchtig umringt der alte Meister, der vor seiner
Leinwand saß und vom Rotwein trank, seiner kaum volljährigen
Vorlage zulächelnd. Um ihn herum die Gebildeten - jungältere Damen
in Begleitung der letzten Sommertage, mittelältere Damen mit dem
wässrigen Lächeln frühfrostiger Tage. Die beäugten einander.
... und dann?
... hat eine der älteren Damen sich kaltentschlossen eine
Leinwand gekauft. Mehrere von ihnen hatten begonnen, Rotwein zu
trinken. Aber das, fand sie, war nicht der richtige Weg. Und sie
hat begonnen zu malen.
Ihr fehlte doch jede Vorausetzung?
Wie heißt es doch: Kein Richter, kein Gesetz. Was schön ist,
bestimmt der Betrachter. Ihre Freundinnen waren begeistert. Standen
um sie herum: 'Mal mal was Schönes! Mal doch mal so! Schau nur die
Blumen!' Sie hatten ihr allerlei Vorlagen mitgebracht, auch
Schablonen gebastelt. Blumen gesteckt, Farbe in Tuben gekauft. Und
eine von ihnen besaß einen Mann mit bemerkbarem Werbeaufkommen bei
einer Zeitung. Sodass die Begeisterung mit der Öffentlichkeit
geteilt werden konnte.
Fiel den niemandem auf, dass sie keine
Künstlerin ist?
Ehe es auffiel, hatten bereits andere begonnen zu malen. Wenn
eine entschlossen beginnt, fehlt den Freundinnen geschlossen der
Mut zum Zauberbruch. Es entstanden riesige
Künstlerinnenmaterialmärkte. Billige Leinwände und hochpreisige
Farbtuben. Dort arbeiten jetzt die Studenten der Kunstkademie in
Teilzeit. Verkaufen Förmchen und Selbstklebendes. Geben Tips und
verwenden Anteilnahme. Es heißt nicht 'Gnädige Frau', sondern 'Du,
Dottie' und 'Hallo, Adelheid'.
Das kann doch dem Künstler recht gleichgültig
gewesen sein?
Sein Modell verkauft jetzt auch Künstlerinnenmaterial. Sein
Atelier wurde weitervermietet an ein Yogastudio für Fremdbeseelung
und Ichfindung. Seinen Wein holt er im Pennymarkt. Was um ihn herum
geschah, hat der Künstler erst bemerkt, als er auf der Straße saß.
Selbst da saß er zufrieden in der Sonne. Bis sich die Wärme vor dem
Herbst verkroch. Und ihm klar wurde, die Sache lief nicht gut für
einen alternden Künstler.
Aber seine Kunst?
Die hat er verkauft. Dass war eine ganz reizenden Idee, aus
dem Mitleid geboren. Du erinnerst dich an sein Modell? Sie kennt
den Geschäftsführer dort immer näher. Und hat ihn überredet
dem alten Mann seine riesigen Leinwände abzunehmen. Sie standen den
teilzeitarbeitenden Sportstudenten im Weg. Da war es ein Akt der
tätigen Kunstförderung, einen Transport zu beauftragen.
Lass mich raten, der Geschäftsführer und sein
Model haben eine Ausstellung organisiert!?
Auf gewisse Weise hast du recht. Die Leinwände wurden behutsam
zerschnitten und kleineren Leinwänden aufgeklebt. Eine Art
Vorkunst, die aber noch der entschlossenen und beseelten Befärbung
durch die Künstlerin bedurfte. Ausstellungen hat es gegeben, nicht
wenige - in Ortsparkassen, zum Spargelfest, im Golfclub und zur
Zahnbehandlung.
Hat der alte Künstler denn nichts mehr verkaufen
können!?
Doch, doch. Kein Grund zur Sorge. Ihm geht es gut. Er malt
jetzt Enkelkinder und gestorbene Hunde. Weißt du, diese
handwerklichen Dinge - da macht ihm keiner was vor!