Ein deutsches Zwischenspiel

Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz befreit. Die Nachricht von den Gaskammern und den 7,7 Tonnen menschlichen Haars, die die Rote Armee dort fand, geht um die Welt. In den Tagebüchern und auch im Combat greift Camus sie nicht auf. Es gibt kein Wort von ihm über Auschwitz.

Ein halbes Jahr später, Ende Juni 1945, reist Camus als einer der ersten Chefredakteure der Welt ins besetzte Deutschland. Der Reporter besucht Dörfer und Landstriche in der französischen Besatzungszone und kann nicht fassen, was er sieht: ein reiches und idyllisches Land voller lachender junger Mädchen, die auf den Wiesen Rundtänze aufführen, Blumen pflücken und wohlgenährten Kindern rote Kirschen an die Ohren hängen; Heumacherinnen in reinlichen Kleidern; alte Paare, die abends friedlich durch die Alleen wandeln. Überall entdeckt er Anzeichen eines glücklichen und komfortablen Lebens. Am Bodensee besucht er die französischen Truppen, beobachtet sie beim Baden und Kanu fahren vor der Kulisse der Alpen. Die Deutschen, so scheint es ihm, lebten so friedlich neben den Besatzern, als hätten sie es nie anders gehalten. Sein Gastgeber, ein freundlicher alter Mann wie aus dem Grimm’schen Märchenbuch, erzählt ihm Geschichten vom ewigen Frieden, den man sich wünsche.

Diese «Bilder aus Deutschland» mit ihrer «überraschenden Anmutung von Glück und Geruhsamkeit», so schreibt der Deutschlandfahrer anschließend im Combat, passten nicht zu dem Bild von den deutschen «Henkern». Der Reporter ist verwirrt und macht keine Anstalten, diese Verwirrung vor seinen Lesern zu verbergen: «Man wird mich verstehen, wenn ich aus all dem keine weiteren Schlüsse ziehen möchte».[188]

Dabei bleibt es. Nicht allein Auschwitz, auch andere Lager, die nun aus der Gewalt dieses überraschend geruhsam anmutenden Nachbarlandes befreit werden, finden keinerlei Erwähnung in den täglichen Leitartikeln des Chefredakteurs. Nur einmal beschäftigt er sich mit der Lage im befreiten KZ Dachau – weil die medizinische Versorgung der französischen politischen Häftlinge dort Anlass zur Sorge gab («Es geht uns nur um eines: die kostbarsten französischen Leben zu retten»). Weder das seit dem Frühjahr 1945 bekannt gewordene Ausmaß der Judenvernichtung noch die Deportationen der Pariser Juden vor aller Augen und mit Hilfe der französischen Miliz im Sommer 1942 fanden in den einflussreichen und vielgelesenen Artikeln Camus’ einen Niederschlag.

In seinem Essay Der Mensch in der Revolte wird er später zwar den Satz schreiben: «Die Verbrechen Hitlers, darunter die Abschlachtung der Juden, sind in der Geschichte ohne Beispiel, denn die Geschichte berichtet von keinem Fall, in dem die Doktrin einer derartigen Zerstörung die Kommandostelle einer zivilisierten Nation einnehmen konnte».[189] Doch dient ihm dieses «Verbrechen ohne Beispiel» selbst nur als Beispiel für die Auswüchse, zu denen der Nihilismus in Deutschland geführt habe. Deutschland bleibt für ihn das Land des tiefsten Unglücks – das Unglück, das sich allzu tief eingenistet habe, so Camus, wecke eine Bereitschaft zum Unglück, die einen zwinge, sich selbst und die anderen hineinzustürzen. Er wird nie wieder nach Deutschland reisen. Berlin, Leipzig oder Hamburg wird er nie besuchen, auch Warschau, Danzig oder Krakau nicht. Im Osten, davon ist er zeitlebens überzeugt, gibt es nichts, was ein Menschenherz erfreuen könnte.

Camus: Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie
titlepage.xhtml
part0001.html
part0002.html
part0003.html
part0004_split_000.html
part0004_split_001.html
part0004_split_002.html
part0005.html
part0006.html
part0007.html
part0008_split_000.html
part0008_split_001.html
part0008_split_002.html
part0009.html
part0010.html
part0011.html
part0012.html
part0013_split_000.html
part0013_split_001.html
part0014.html
part0015.html
part0016.html
part0017.html
part0018_split_000.html
part0018_split_001.html
part0019.html
part0020.html
part0021.html
part0022.html
part0023_split_000.html
part0023_split_001.html
part0023_split_002.html
part0024.html
part0025.html
part0026.html
part0027.html
part0028.html
part0029_split_000.html
part0029_split_001.html
part0029_split_002.html
part0030.html
part0031.html
part0032.html
part0033.html
part0034.html
part0035.html
part0036_split_000.html
part0036_split_001.html
part0037.html
part0038.html
part0039.html
part0040.html
part0041.html
part0042.html
part0043.html
part0044.html
part0045_split_000.html
part0045_split_001.html
part0046.html
part0047.html
part0048.html
part0049.html
part0050.html
part0051.html
part0052.html
part0053.html
part0054.html
part0055.html
part0056.html
part0057_split_000.html
part0057_split_001.html
part0058.html
part0059.html
part0060.html
part0061.html
part0062.html
part0063.html
part0064_split_000.html
part0064_split_001.html
part0065.html
part0066.html
part0067.html
part0068.html
part0069.html
part0070.html
part0071.html
part0072_split_000.html
part0072_split_001.html
part0072_split_002.html
part0073.html
part0074_split_000.html
part0074_split_001.html
part0075_split_000.html
part0075_split_001.html
part0076_split_000.html
part0076_split_001.html
part0077_split_000.html
part0077_split_001.html
part0078.html
part0079.html
part0080.html
part0081.html
part0082.html
part0083.html
part0084.html
part0085.html
part0086.html
part0087.html
part0088.html
part0089.html
part0090.html
part0091.html
part0092.html
part0093.html
part0094.html
part0095.html
part0096.html
part0097.html
part0098.html
part0099.html
part0100.html
part0101.html
part0102.html
part0103.html
part0104.html
part0105.html
part0106.html
part0107_split_000.html
part0107_split_001.html
part0108_split_000.html
part0108_split_001.html
part0109_split_000.html
part0109_split_001.html
part0110.html