Die Polarnacht von Paris

Im Dezember 1940 steht die Ehre einer stolzen Kultur auf dem Spiel. In Paris haben die Nachtlokale, die Cabarets, Clubs, Musikhallen und Bordelle wieder geöffnet. Man spielt Jazz und trinkt Whiskey. Die Pariser sind zurückgekehrt. In den Varietés sind die ersten Reihen mit Herren in grauen Wehrmachtsuniformen besetzt. Die deutschen Besatzer geben sich entspannt. Die Comédie-Française spielt Was ihr wollt in einer Inszenierung ihres Intendanten Jacques Copeau. Man sitzt bis spät in die Nacht zusammen im Deux Magots, im Dôme, in den Trois Mousquetaires und läuft durch die Kälte nach Hause, weil die Métro nach Mitternacht nicht mehr fährt.

Leutnant Gerhard Heller, ein junger Romanist aus Potsdam, hat als Zensurbeauftragter des Reichspropagandaministeriums in Paris Posten bezogen und wacht über die Buchproduktion in der besetzten Zone. Auch alle Texte, die auf Pariser Bühnen vorgetragen werden, alle Cabaret-Programme und Satiren, müssen von der Propagandastaffel genehmigt werden. Der deutsche Botschafter im besetzten Frankreich, Otto Abetz, und der Militärbefehlshaber in Frankreich, General Otto von Stülpnagel, besuchen Ballettaufführungen in der Oper. Allein im Juli nehmen einhundert Pariser Kinos den Betrieb wieder auf und zeigen ausschließlich französische oder deutsche Filme.

Der alte Glanz ist oberflächlich wiederhergestellt, doch er kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kulturdarbietungen vor den deutschen Wehrmachtssoldaten Unterhaltungsdienste für ein Besatzungsregime sind, das sich zivilisiert gibt, seine wahren Absichten jedoch keineswegs verbirgt. Jüdische Schauspieler, Regisseure und Musiker werden aus dem Kulturleben entfernt. Elf jüdische Verlagshäuser werden enteignet und geschlossen, siebzig weitere von der deutschen Militärpolizei überfallen und geplündert. 2200 Tonnen Bücher werden verbrannt. Die verbliebenen Verlage verpflichten sich zur «Selbstzensur» und unterzeichnen ein «Abkommen», in dem sie zusichern, keine Bücher von Juden, Freimaurern oder deutschfeindlichen Autoren zu verlegen. Im September wird die nach Otto Abetz benannte «Liste Otto» veröffentlicht: 1060 Titel, die unverzüglich aus dem Verkehr zu ziehen sind, darunter Bücher von André Malraux, Arthur Koestler, Louis Aragon, Julien Benda, Sigmund Freud, André Gide, Paul Éluard, Jean Paulhan und sogar Gustave Flaubert. Die Bücher werden in einer riesigen Garage in der Avenue de la Grande-Armée gestapelt und später makuliert. Es ist «die Polarnacht des Geistes», von der Camus im Sisyphos schreibt.

Gaston Gallimard, der Gründer des gleichnamigen Verlages, in dem Der Fremde und der Mythos des Sisyphos erscheinen werden, flüchtet zunächst in die freie Zone, kehrt jedoch im Oktober 1940 zurück – und kollaboriert mit der deutschen Propagandastaffel. Leutnant Heller geht in der Rue Sébastien-Bottin, dem Sitz des Verlags, bald aus und ein. Bücher von jüdischen Autoren oder über jüdische Autoren werden aus dem Programm genommen, die jüdischen Lektoren entlassen.[152]

Während der Weihnachtstage 1940 herrscht in Paris herrliches kaltes und trockenes Wetter. André Malraux ist im Gefangenenlager. André Gide liest in Grasse Goethes Leiden des jungen Werthers. Marguerite Duras bezieht ihre Wohnung in der Rue Saint-Benoît und diskutiert mit ihrem Mann Robert Antelme und Freunden aus der Widerstandsgruppe des Musée de l’Homme, wie man gegen die Besatzer kämpfen könnte. Simone de Beauvoir sehnt sich nach ihrem «süßen kleinen» Sartre, der gemeinsam mit 25000 anderen französischen Soldaten in einem Gefangenenlager in Trier interniert und in der Künstlerbaracke des Lagers bester Dinge ist, eifrig schreibt, Vorträge hält oder über Malraux, Heidegger und Rilke diskutiert. Sie schwärmt von Paris, vom Quartier Latin, vom Beethoven-Konzert, das Charles Münch im Konservatorium dirigiert, vom Café de Flore, wo alles wieder «wie in den Glanzzeiten» aussieht. Die Stadt ist voller deutscher Soldaten, überall deutsche Wegweiser und Hakenkreuzfahnen.

Die Frage, wie man sich angesichts der neuen Macht verhalten soll, deren letztliche Niederlage im Dezember 1940 noch nicht abzusehen ist, lässt sich öffentlich nicht debattieren. Der unmittelbare lähmende Schock ist vorüber, was im ersten Moment unannehmbar erschien, ist es nicht mehr ganz und gar.

Jüdische Künstler werden aus den Theatern gejagt: Soll man dort weiterhin arbeiten? Jüdische Journalisten werden aus den Zeitungsredaktionen ausgeschlossen: Darf man hier weiter publizieren? Jüdische Lektoren werden aus den Verlagen geworfen: Soll man dort weiterhin seine Bücher herausbringen? Jüdische Gelehrte werden aus dem Staatsdienst entlassen, verlieren ihre Professuren und Lehraufträge: Darf man sich dennoch als Lehrer im besetzten Frankreich anstellen lassen, darf man auf den frei gewordenen Professorenstühlen Platz nehmen? Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Jean Grenier und viele andere werden genau dies tun. Und Camus?

Camus sitzt Ende Dezember 1940 noch immer in Lyon. Die Aussichten sind auf ganzer Linie dürftig. Kriegsheimkehrer beanspruchen ihre alten Arbeitsplätze beim Paris-Soir, der inzwischen auf vier Seiten geschrumpft ist. Francine sucht eine Wohnung für das Ehepaar. Albert betreibt welthistorische Studien. Im Tagebuch ist viel von den Griechen die Rede, vom Untergang Roms, vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Der Winter ist besonders schneereich. Der Paris-Soir kämpft um sein Überleben, die dritte Entlassungswelle Ende Dezember trifft Camus. Zum Jahreswechsel sieht man das Paar noch in Lyon, im Januar 1941 bringt sie das Schiff von Marseille zurück nach Algerien. Zum zweiten Mal in seinem Leben begibt sich Camus in ein durch eine Schwiegermutter bereitetes Nest.

Camus: Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie
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