Die Befreiung
Am Samstag, dem 19. August 1944, wird in Paris der Straßenasphalt aufgerissen, Bäume werden gefällt, Säcke herbeigeschafft: Die Stadt baut Barrikaden und greift zu den Waffen. Die 2. amerikanische Panzerdivision ist nicht mehr weit. Am Donnerstag, dem 24. August, befreien die Amerikaner die Stadt, in der seit Tagen geschossen wird. Einen Tag später, am 25. August, kapitulieren die Deutschen. In langen Reihen werden blasse junge Männer in feldgrauen Uniformen durch die Straßen abgeführt. Am Samstag defiliert Charles de Gaulle auf den Champs-Élysées und verkündet den Franzosen mit der Stimme eines großen Theatertragöden eine große Lüge: Paris habe sich selbst aus eigener Kraft befreit. Unendlicher Jubel.
Der Chefredakteur der nunmehr legal erscheinenden Tageszeitung Combat trägt zu dieser Legende, auf die man sich in Paris in Windeseile geeinigt hat, am 24. August in seinem ersten namentlich gezeichneten Leitartikel bei:
«Paris feuert aus all seinen Waffen in die Augustnacht. In der gewaltigen Landschaft aus Stein und Wasser, rings um den geschichtsbeladenen Strom, erheben sich wiederum die Barrikaden der Freiheit. Wiederum muss die Gerechtigkeit mit dem Blut der Menschen erkauft werden.»
Es gibt viele Opfer in diesen Tagen. Verglichen damit ist das Opfer, das Camus bringt, unbedeutend: Er opfert seine Sprache. In den ersten Leitartikeln im freien Combat hört man eine beklemmend verstellte Stimme:
«Während die Kugeln der Freiheit noch durch die Stadt schwirren, ziehen, von Geschrei und Blumen begrüßt, die Kanonen der Befreiung durch die Tore von Paris. In der schönsten und heißesten aller Augustnächte gesellt der Pariser Himmel den ewigen Sternen die Leuchtspurgeschosse hinzu, den Rauch der Feuersbrünste und die bunten Raketen der Volksfreude.»[179]
In beiden historischen Artikeln, die Camus unmittelbar nach der Befreiung von Paris geschrieben hat, finden sich zahllose angelernte Phrasen, viel minderwertige Lyrik, ein haltloses Schwadronieren über die Wahrheit, die so lange Zeit mit entblößter Brust dagestanden habe, doch nun bewaffnet und kämpfend in Paris Nachtwache halte und dergleichen mehr. Die historische Wahrheit dieser Artikel bleibt begrenzt: Der vergleichsweise bescheidene Anteil des Pariser Aufstandes an der deutschen Niederlage wird unter einem bombastischen Wortschwall begraben, in dem die «Kugeln der Freiheit» nur so um die Pariser Straßenecken pfeifen.
Camus macht sich mit dieser Journalistenpoesie schnell einen Namen. In Paris liest man so etwas jetzt gern. Doch wer spricht da? De Gaulle, dessen Ansprachen an das «ewige Frankreich» in diesen Tagen aus derselben Textmanufaktur zu kommen scheinen? Es ist das erste Mal, dass Camus über Paris schreibt. Und er schreibt schlecht, er posiert, er bramarbasiert, er ist nicht er selbst.
Auch Sartre schreibt über diese Tage, die sich ins Gedächtnis der Nation eingebrannt haben. Camus hat ihn für den Combat um eine Reportage aus der umkämpften Stadt gebeten. Und er fängt ganz einfach so an: «Ich erzähle, was ich gesehen habe». Es folgt ein elektrisierender, temporeicher Bericht über die Menschen in einer Stadt im Ausnahmezustand. Er vergisst nicht, das Unübersichtliche und Zufällige dieser Tage einzufangen und hat dabei sowohl die historische Größe als auch die vielen kleinen Tragödien im Blick, wie die des alten Mannes, der sich vor den Kugeln retten will und verzweifelt an eine Tür klopft, die man ihm nicht öffnet und auf deren Schwelle er erschossen zusammenbricht. Er trifft den Ton des Augenblicks, erzählt ohne Pose von Hoffnung, Sorge, Kameradschaft, Ungereimtheit, Chaos, Mut und Feigheit. Sartre lebt und atmet mit Paris. Er hat seiner Stadt einen grandiosen Text über ihre schicksalhaften Tage hinterlassen.
Camus hat nun beinahe den Zenit seiner Laufbahn erreicht – als Romanautor, Essayist, Widerstandskämpfer, als Chefredakteur der glaubwürdigsten, wichtigsten Pariser Tageszeitung, als Lektor des bedeutendsten französischen Verlags, als Frauenheld und Kultautor. Er zählt zu den bekanntesten französischen Intellektuellen. Sein Leben besteht aus Zeitungskonferenzen, Verlagskonferenzen, Theaterproben, Liebesabenteuern und Nachtclubbesuchen. Doch es ist etwas faul mit seinem Pariser Leben. Camus ist in Paris nicht zu Hause.