«Voilà. Sie ist tot …»

Hier ist Camus’ Geschichte als ein «erster Mensch», der ohne Vater und ohne große Worte in die Welt zieht, um sie erst zu umarmen und dann zu erobern, zu Ende. Nur wenige Jahre hat Camus in der Nacht eines anderen Zeitalters verbracht. Seit er die Schwelle des «Grand Lycée» unweit des Meeres, eine halbstündige Straßenbahnfahrt von Belcourt entfernt, überschritten hat, ist er kein afrikanischer Kaspar Hauser mehr, sondern ein ehrgeiziger Proletariersohn des französischen Imperiums, der Latein lernt und beginnt, sich seiner Herkunft zu schämen.

Seine ersten Zeilen wird Camus als Gymnasiast schreiben und in der Schulgazette Sud veröffentlichen, die sein Oberlehrer Jean Grenier herausgibt; Aufsätze im jugendlichen Renommierstil über Paul Verlaine, über den längst vergessenen Autor Jehan Rictus, über Henri Bergson oder über die Musik im Allgemeinen und bei Schopenhauer und Nietzsche im Besonderen.

Jahre nach dem Unfall auf der Landstraße bei Villeblevin werden Texte veröffentlicht, die er während und kurz nach der Schulzeit nur für sich selbst geschrieben und nie publiziert hat, darunter, vermutlich aus dem Jahr 1933, eine Skizze von zweieinhalb Seiten, die noch nie ins Deutsche übersetzt wurde. Es ist ein Abschiedstext von der Kindheit, von der Mutter, von den Frauen. Er heißt: «Voilà. Sie ist tot …» Er erzählt die Geschichte von einem Mann und einer toten Frau. Gestern hat sie noch gelebt, wurde geliebt. Jetzt ist sie tot, und er kann sie nicht mehr lieben. Er kann auch nicht weinen. Er wiederholt immer nur: Sie ist tot. Er hat sie geliebt, und sie wurde ihm genommen. Er möchte die tote Frau schlagen, so sehr ist er empört über ihre Leblosigkeit. Er vergleicht sie mit einem Stein. Dieser Stein ist nicht mehr die Frau, die er geliebt hat. Dann wäscht er sich die Hände. Er fragt sich nicht mehr, ob er sie liebt. Das war vorher. Jetzt denkt er an die Beerdigung. Er fragt sich, ob der Schmerz ihm eine Komödie vorspielt. Er weiß nicht, was unecht und was echt ist. Er misstraut sich selber, er kennt seine Eitelkeit und seinen Hang zu Pathos und Größe, zu vagen Ideen, die er mit Tiefsinn verwechselt. Er denkt an seinen Pessimismus, an seinen Selbstekel, seinen Ekel vor der Welt, an die vielen Fehler, aus denen er zusammengesetzt ist. Aber trauern kann er nicht. Er fürchtet sich vor der Beerdigung, vor den Posen, die man von ihm erwartet – und plötzlich spürt er, dass er frei ist. Seine Zukunft liegt vor ihm, klar und frisch, wie der Himmel nach einem schweren Regen. Der Tod hat die Liebe mitgenommen, aber was weiß man schon von der Liebe. Er wendet sich zur Tür, sieht die Felder, riecht die feuchte, frische Luft. Er findet, es tut gut zu leben. Und ein letztes Mal, «mit ein wenig Ironie», sieht er auf den toten Körper vor sich, der all das nicht mehr wahrnimmt. Hinter ihm die Tote – sein altes Leben. Vor ihm die geöffnete Tür – seine Zukunft. Jenseits der Tür – die Weite, die Luft, die Hoffnung. Er ohrfeigt die Tote und geht durch die Tür, ohne sich noch einmal umzudrehen.[20]

Die Skizze beschreibt nicht nur das Erstaunen über die Unzuverlässigkeit der Trauer, die Camus beim Tod seiner Großmutter zwei Jahre zuvor, 1931, empfunden haben mag. Sie spielt auf Größeres an – auf die Frage, die alle Jugendwerke Camus’, angefangen beim zu Lebzeiten nicht publizierten Erstling Der glückliche Tod über den Fremden und Die Pest bis zu Caligula und dem Mythos des Sisyphos, stellen und die für den an Tuberkulose erkrankten jungen Mann die naheliegende und alltägliche war: Wie lebt man auf Augenhöhe mit dem Tod?

Der kleine Text, in dem eine tote Frau geohrfeigt wird, bevor ein Mann frei und unbeschwert in sein Leben aufbricht, ist eine Einübung in die Verhaltensweisen der Kälte, die Camus in seinem Roman Der Fremde zur Meisterschaft führen wird.

Im Leben Camus’ verlaufen die Dinge ähnlich wie in der szenischen Skizze, jedoch mit vertauschten Rollen: Camus leidet an einer tödlichen Krankheit. Als er sechzehn Jahre alt ist, wird Tuberkulose diagnostiziert, und er befürchtet zu sterben. Die Mutter zeigt sich kaum besorgt. Als er zum ersten Mal Blut hustet, reagiert sie gleichgültig, und auch im weiteren Verlauf interessiert sie sich nicht für die Erkrankung ihres Sohnes. Doch ausgerechnet in der Kälte der Mutter – die wie eine Ohrfeige für den todkranken Sohn gewesen sein muss – sieht er einen Beweis für ein stilles Einverständnis, zu dessen Tiefen die alltäglichen Sprachen der Liebe und die Furcht vor dem Tod nicht hinab reichen. Im Fremden wird er diese überwältigende kalte Verbundenheit feiern als «zärtliche Gleichgültigkeit».[21]

Dieses Einverständnis bleibt Camus’ größtes Geheimnis. Weder er selbst noch seine Mutter glaubten, dass sie durch irgendetwas jemals getrennt werden könnten.[22] Die Verbundenheit mit der Mutter überwand den Tod und die Grenzen der Vernunft. Kein Wort reichte seinem Empfinden nach an das heran, was zwischen ihnen beiden geschah, kein moderner wissenschaftlicher Zugriff, keine psychologische Diagnose, keine therapeutische Analyse hätten erklären können, welche ursprüngliche, vorzeitliche Macht hier im Spiel war, so wenig wie sich die kosmischen Kräfte erklären lassen, die die Planeten in ihren Umlaufbahnen halten. Wie immer sich die Beziehung in den Augen Dritter darstellen mochte, für den Sohn war die Mutter ein Teil seiner selbst, die Urzelle, aus der sein Lebensgefühl erwuchs, die Art und Weise, wie er die Welt wahrnahm. Hinter dem faltigen Gesicht und den braunen Augen seiner Mutter sah er einen Gott verborgen, den einzigen, den er akzeptierte, den Gott einer unverbrüchlichen anfänglichen Nähe zwischen den Dingen und den Menschen, den Gott der Einfachheit.

Camus: Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie
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