Die Lehren des Meisters
Nur fünfzehn Jahre älter als Camus, arbeitet der ehemalige Redakteur der renommierten Pariser Intellektuellenzeitschrift Nouvelle Revue Française seit 1930 als Gymnasiallehrer in Algier. Fotos zeigen einen kapriziösen jungen Intellektuellen, der sich den Nagel des kleinen Fingers nach Art der asiatischen Weisen nicht schneidet.
Jean Grenier ist außerdem ein vielgereister Schriftsteller und Publizist. In den zwanziger Jahren veröffentlicht er ein Buch über den Charme des Orients. In den dreißiger Jahren folgen Terrasses de Lourmarin und Sagesse de Lourmarin, zwei Essays über jenen Ort im Lubéron, in dessen Schloss seit 1927 Schriftstellertagungen stattfinden und in dem Camus am Lebensende ein Haus kaufen und auf dessen Friedhof er begraben werden wird. 1933 erscheint das Buch, von dem Camus behauptet, dass es sein Leben wie kein anderes verändert habe: Die Inseln, eine Sammlung essayistischer Prosa, die Geschichten über Katzen und Metzger, Reiseeindrücke aus Italien und Südfrankreich, Betrachtungen über Griechenland und Indien vereint, darunter auch literarische Kuriositäten wie einen Prosatext über den «Traum von einem ‹geheimen› Leben in einer unbekannten Stadt», in der man sich niemandem zu erkennen gibt und so tut, als sei man der dümmste und unbedeutendste aller Zeitgenossen.
Camus ist von diesem Buch begeistert, noch in seinem Todesjahr behauptet er, dessen Ton habe ihn wie einen Trunkenen durch die Abende von Algier irren lassen. Er nennt Grenier seinen «Meister», dem er dankbare Achtung schulde; seine Bewunderung habe nicht zu «Unterwürfigkeit und Gehorsam», sondern zu «Nachahmung im geistigen Sinne des Wortes»[69] geführt.
Greniers Essaysammlung Sur l’Esprit d’orthodoxie, die 1938 bei Gallimard erscheint, dient 1951 als Vorbild für Camus’ politisch-philosophischen Essay Der Mensch in der Revolte.
Während der Okkupation zieht Grenier sich zurück. Als der jüdische Philosoph Vladimir Jankélévitch 1942 aufgrund des Judenstatuts den Lehrstuhl in Lille räumen muss, nimmt er geräuschlos dessen Platz ein. Ein skandalöser Karriereschritt des Meisters – Vladimir Jankélévitch, einer der bedeutendsten Moralphilosophen des 20. Jahrhunderts und tief vertraut mit der deutschen Musik, Philosophie und Literatur, wird in namenlosem Entsetzen nie wieder ein Wort über Deutschland und dessen Kultur schreiben. Er wird sich weigern, den Deutschen und deren Kollaborateuren jemals zu verzeihen, auch mit den Autoren, die (wie Camus, Beauvoir und Sartre) ihre Bücher und Theaterstücke im besetzten Paris herausbringen, wird er keine Nachsicht haben. «Die Menschen sündigen, und nichts passiert, und die Feuer des Himmels stürzen nicht auf den Sünder herab»,[70] schreibt der Philosoph, bevor er 1985 tief enttäuscht und unversöhnt mit seiner Zeit stirbt.
Als Jean Grenier auf den Vladimir-Jankélévitch-Lehrstuhl in Lille wechselt, passiert ebenfalls nichts – keine Feuer stürzen vom Himmel, und auch sein junger Nachahmer «im geistigen Sinne des Wortes» enthält sich jeden Kommentars. Grenier wird auf dem Lehrstuhl seines jüdischen Vorgängers an einem Buch über die buddhistische Weltentsagung und das «Wou-Wei», das taoistische Axiom des Nicht-Handelns, schreiben. Sein fatalistisches Credo, dem wir in Camus’ Sisyphos wiederbegegnen werden, lautet seither: «Die Dinge arrangieren sich von selbst, es genügt, dass wir nicht eingreifen».[71]
Der Briefwechsel zwischen Schüler und Meister in den Jahren des Holocaust ist ein Meisterwerk der Unverbindlichkeit. Die beiden schicken einander Manuskripte, Ziegenkäse, eingelegte Champignons und gute Wünsche. Sie debattieren über das Absurde an und für sich («Das absurde Leben führt nicht zwangsläufig zum Selbstmord») und über die Ewigkeit der Seele bei Spinoza. Den Lehrstuhl in Lille, den er der deutschen Judengesetzgebung verdankt, erwähnt Grenier in einem Nebensatz: Er habe zwischen Algier und Lille geschwankt und sich schließlich «für das Unbekannte» entschieden. Immerhin meldet er im August 1942, «die Ereignisse» hätten ihn sehr berührt, und um die «moralische Atmosphäre» in Lille stehe es nicht zum Besten.
In seinen Erinnerungen an Camus aus dem Jahr 1968 wird Grenier die «natürliche Zurückhaltung» und «Kälte» seines Schützlings rühmen, der sich gescheut habe, über Intimitäten zu sprechen.[72] Und Camus wird mit unbeirrbarer Treue an diesem Lehrer festhalten. Sechs Tage vor seinem Tod schreibt er den letzten Brief an Grenier. Das letzte Wort darin lautet «cœur» – Herz. Der Antwortbrief Greniers vom 1. Januar 1960 hat Camus nicht mehr erreicht. Das letzte Wort darin: «Lourmarin».
Das südfranzösische Dorf, auf dessen Namen Camus in den Büchern Greniers zum ersten Mal stößt, beheimatet für den Lehrer wie den Schüler den mittelmeerischen Geist; ein Ort, frei vom Getöse Europas. Grenier schwärmt in seinen Essays über Lourmarin: «Der Kontakt mit der Volksweisheit des Mittelmeers kann den Menschen erneuern. Das Mittelmeer ist lebendiger als jede politische, soziale oder religiöse Revolution.»[73] Camus hat sich von Grenier, dem Ersatzvater, Lehrer und Vorbild, anstecken lassen: Die Mittelmeerutopie ist für Lehrer und Schüler die einzige Alternative zu den Totalitarismen ihrer Epoche. Das Mittelmeer wird zur Erlösungsmetapher – zum Ausweg aus der Sackgasse des 20. Jahrhunderts.