Der Lungenkranke
Die wichtigste Aufgabe des sechzehnjährigen Hafenangestellten besteht darin, in der glühenden Hitze, die Verladeliste und Frachtbriefe in der Hand, zwischen dem Maklerbüro und den Schiffen hin und her zu laufen. Er magert ab und beginnt zu husten. Zunächst glaubt man, er habe sich beim Sport erkältet, doch einige Monate darauf erleidet Camus Erstickungsanfälle und spuckt Blut. Im Krankenhaus stellt man eine schwere Lungentuberkulose fest. Er schwebt in Lebensgefahr, wirksame Medikamente gegen Tbc sind noch nicht verfügbar. Camus muss sich im Krankenhaus de Mustapha in Algier einer langwierigen Pneumothorax-Behandlung unterziehen, deren therapeutische Nutzlosigkeit damals nicht bekannt war. Zum ersten Mal in seinem Leben schläft er in einem eigenen Bett. Auf dem Höhepunkt der Krankheit geben die Ärzte ihn auf. Er hat ein Todesurteil erhalten, das nicht sofort vollstreckt, sondern auf unbestimmte Zeit verschoben wird. So fühlt er sich. Sein literarisches Begleitprogramm zu diesem Urteil ist die Lektüre des griechischen Stoikers Epiktet.
Als er das Krankenhaus – nicht geheilt – verlassen kann, rät man ihm, in die klamme Wohnung in der Rue de Lyon möglichst nicht zurückzukehren. Camus zieht daraufhin zur Schwester seiner Mutter, Antoinette, und zu deren Gatten, dem Fleischermeister Gustave Acault. Die Acaults wohnen in einem besseren Viertel, in der Rue de Languedoc; der Onkel unterhält hier eine kleine Bibliothek und die Tante vornehmes Geschirr. Der siebzehnjährige Neffe bekommt ein eigenes Zimmer. Das tägliche Hackfleisch auf den Tellern im Fleischerhaushalt soll den Lungenkranken kräftigen und die Heilung unterstützen. Sein großes Sommerglück am Strand, Baden und Fußballspielen sind ein für alle Mal beendet. Er ist verbittert und verändert sich. Die Krankheit bringt ihn, mehr noch als die Lehrer, zum Lesen und zum Schreiben. Eine Zeit der rauschhaften Lektüren beginnt. Sein Bruder Lucien behauptet bald, ihn gar nicht wiederzuerkennen.
In seinem ersten eigenen Zimmer über der Fleischerei schreibt der dem Tod nur knapp Entronnene den kurzen Prosatext: «L’Hôpital du quartier pauvre» (Das Krankenhaus des Armenviertels). Der erste Satz ist ein hauchzarter Lyrismus: «Aus dem blauen Himmel senkte sich millionenfach ein kleines weißes Lächeln».[26] Dann kommt der Erzähler auf die Kranken, auf ihr Husten, ihre Hässlichkeit und Magerkeit zu sprechen. Ein gewisser Jean Perès soll trotz seiner kranken Lunge seine Frau zwei, drei Mal am Tag bestiegen haben. Die Krankheit habe ihn so wild gemacht. Doch ein kranker Mann halte so etwas nicht aus. Am Ende sei er gestorben. Überhaupt seien die meisten Kranken inzwischen gestorben, die anderen klammerten sich an die Hoffnung. Zwischendurch wird es einmal ganz still. Nur die Sonne ist zu sehen und, hoch oben am Himmel, ein Flugzeug.
Nach zweieinhalb Seiten fällt der Vorhang. Die Geschichte ist zu Ende. Sie ist komisch und poetisch und lakonisch, als sei das nicht der Ort für viele Worte, als verstehe sich alles von selbst. In der Einsilbigkeit wohnt die Todesangst wie ein altbekannter Gast.