Eine «Hölle» des Wartens in Oran

Fernande Faure ist eine couragierte, berufstätige Witwe, die ihrer Familie, ähnlich wie Camus’ Großmutter Sintès, als unerschütterliche Matriarchin vorsteht. Ihre eigene, bereits verstorbene jüdisch-berberische Mutter spielt im Familiengedächtnis eine wichtige Rolle, ihre drei Töchter arbeiten als Lehrerinnen, eine Tante wohnt nebenan. Fernande gehört zu den wenigen Algerienfranzösinnen, die nicht für Pétain sind. Sie sammelt Geld für entlassene jüdische Lehrer und hört die Radioansprachen des exilierten de Gaulle.

Francines Schwester Christiane überlässt dem Paar ihre Wohnung in der Rue d’Arzew und zieht ins Nachbarhaus zur Mutter. Francine unterrichtet wieder. Camus schreibt an seinem Essay, geht aus, besucht Fußballspiele; hin und wieder fährt er nach Algier zu Yvonne Ducailar, der jungen Philosophiestudentin, deren Bekanntschaft er im Oktober 1939 gemacht hat und der er schon vor seiner Heirat sehnsuchtsvolle Briefe aus Paris schrieb.

Er streift durch die Wohnung der Faures und weiß nicht, womit er die Tage füllen soll. Mit beinahe 28 Jahren ist er wieder mittellos und abhängig von einem Frauenhaushalt, in den er erst vor kurzem mit wenig Überzeugung eingeheiratet hat. Er hasst seine Lage, auch das ist eine Frage der Ehre. Er hasst Oran, diese Stadt, die dem Meer den Rücken kehrt. Im Tagebuch klagt er: «Man irrt in diesen anmutlosen und hässlichen Straßen im Kreis.»[153]

Camus irrt auch im eigenen Leben im Kreis. An Yvonne schreibt er nach sechs Wochen Ehe:

«Hier ersticke ich, bin ich unglücklich, ich habe beschlossen wegzugehen. Ich weiß nicht genau, was ich tun werde, aber ich gehe weg. Ich liebe hier nichts und niemanden, und ich habe es schließlich Francine gesagt.»[154]

Mit Yvonne möchte er eine «Fahrkarte ans Ende der Welt» lösen. Dann beklagt er wieder Beklommenheit, seine unüberwindliche Mattigkeit, sein «lichtloses Herz», seine Antriebslosigkeit.

Die Kleinbürgerlichkeit des Schwiegermutterkäfigs wird ihm unerträglich: «eine Hölle». Das Tagebuch karikiert eine namenlose Frau, «die aussieht, als litte sie an drei Jahre alter Verstopfung», ihr Ideal der Zivilisation bestehe aus «einem Mann mit 1200 Franc im Monat, einer Zweizimmerwohnung mit Küche und Bad, sonntags Kino und für wochentags eine Inneneinrichtung aus den ‹Galeries Barbès›».[155]

Am 21. Februar 1941 schließt Camus den Sisyphos ab. Damit sind seine «drei Absurden» vollendet. Er fühlt sich befreit. Das Manuskript des Fremden hat er Pascal Pia anvertraut, der es André Malraux und Jean Paulhan empfiehlt. Er wartet.

Der Frühling kommt – schon im März schalmeit Camus wie eh und je von der Jungmädchenblüte an den algerischen Stränden, vom Honigduft der gelben Rosen und von den Blumen auf den Höhen von Algier. Er unternimmt ausgiebige Wanderungen bis zur Erschöpfung. Im April 1941 meldet das Tagebuch: «II. Reihe. Die Welt der Tragödie und der Geist der Revolte […] Pest oder Abenteuer (Roman).»[156] Er hat sich mit seinem Leben als Schwiegersohn abgefunden. Offenbar auch mit seiner Ehefrau, zumindest für den Augenblick.

Im Haus der Faures entstehen die ersten Entwürfe zur Pest. Aus Algier ordert Camus Fachliteratur über die Seuche. Er beginnt auch zu arbeiten. Eine jüdische Lehrerfamilie, die eine Privatschule gegründet hat, bietet ihm eine Stelle an; er erteilt den jüdischen Kindern, die man aus den staatlichen Schulen geworfen hat, Französischunterricht und trainiert auch die Fußballmannschaft.

Im Sommer verbringt er eine unvergessliche Woche in einem Zelt am Meer – mit Yvonne. Die Tagebuchpassage über diese Reise gehört zu den hymnischsten seines ganzen Werkes. Der ausgenüchterte Ton Meursaults ist wie weggeblasen. Alles wird noch einmal bejubelt: die Schönheit der gebräunten Körper auf den Dünen, die Unschuld ihrer Spiele und ihre Nacktheit im Licht der Sonne, das ultramarinblaue Meer, die blutrote Straße, die Nächte der Umarmungen und eines Glücks ohne Maß unter einem Sternenregen. Und er schließt: «So eine Vereinigung ist unvergesslich. Schreiben können: ich bin acht Tage lang glücklich gewesen.»[157] Familie Faure ist nicht amüsiert.

Camus lenkt ein. Wie noch so oft. Der folgende Eintrag klingt wieder ganz nach Regen, nach Paris, nach Etagenwohnung und Eheleben: «Man muss zahlen und sich mit dem gemeinen menschlichen Leiden besudeln». Und wenig später: «Um es noch einmal zu sagen: das Wichtigste ist, dass man sich beherrschen lernt.»

Camus ist zerrissen zwischen den Gegensätzen seines Lebens und möchte alles zugleich. Norden und Süden, französische Kultur und mediterrane Lebensart, Askese und Ausschweifung. Wenn der Wagen, in dem er am 4. Januar 1960 sitzen wird, auf dem Weg zwischen dem südfranzösischen Lourmarin und der französischen Hauptstadt an einem Baum zerschellt, stirbt er buchstäblich auf halber Strecke zwischen den beiden Polen seines Lebens, zwischen denen er sich nie entscheiden konnte.

Im Laufe des Frühjahrs und Sommers kommen Briefe aus Frankreich. Jean Grenier hat den Fremden gelesen und weiß nicht, was er davon halten soll. «Sehr geglückt», schreibt er und schränkt sofort ein: «vor allem der zweite Teil, trotz des Einflusses von Kafka, der mich stört». Den ersten Teil findet er nur noch «interessant», einzelne Charaktere erscheinen ihm gelungen, beispielsweise der Alte mit seinem räudigen Hund, auch Maria findet er sehr berührend, aber im Ganzen seien die Sätze doch zu kurz und die Aufmerksamkeit des Lesers werde zu sehr strapaziert. Der Lehrer stört sich an der Modernität des Romans, dessen Größe er schlicht verkennt. Camus zeigt sich verunsichert. Im nächsten Brief zieht Grenier alles zurück: Nein, der Roman sei exzellent.

Im Sommer folgt der Sisyphos. Diesmal nimmt Grenier sich kaum die Zeit zur Lektüre: «Auf den ersten Blick hat mir das Manuskript gut gefallen. Sie sagen Dinge, die ich gesagt haben könnte, wenn ich dem Weg, der sich meinem Geist geboten hat, bis zum Ende gefolgt wäre.»[158] Vier Wochen später ein weiterer Brief mit Korrekturvorschlägen und Anmerkungen zu einzelnen Manuskriptseiten, in einem vagen, studienratshaften Ton: «Was Sie da über Kafka schreiben, ist tiefsinnig und inspiriert».

Nichtsdestoweniger erbietet er sich, auch dieses Manuskript an Jean Paulhan zu schicken, der zwar die Herausgeberschaft der N.R.F. abgegeben hat, doch noch immer im Lektoratskomitee bei Gallimard mitwirkt – neben Marcel Arland, Brice Parain und Ramon Fernandez, der wiederum in seinem Haus einen Salon führt, in dem Leutnant Heller, der Direktor des Deutschen Instituts Karl Epting und Drieu La Rochelle, aber auch Fernandez’ Wohnungsnachbarin Marguerite Duras verkehren.

Pascal Pia, der in Lyon geblieben war und dort schon wieder rastlos versucht, eine unabhängige literarische Zeitung zu gründen, die der kollaborierenden N.R.F. den Rang ablaufen soll, ist ein Mann von völlig anderem Zuschnitt. Noch bevor ihn das Manuskript des Fremden überhaupt erreicht hat, bedrängt er Camus, den Roman in der neuen Zeitschrift zu veröffentlichen. In schlaflosen Nächten schreibt er ihm endlose Briefe, in denen er die Autoren aufzählte, die er sich wünscht, und Themen der neuen Kulturzeitschrift entwirft: ein Aufsatz über den gerade verstorbenen Joyce, einen über Freud, Essays über Bergson, Sherwood Anderson, den verrückten Saint-Pol-Roux. Er fragt Camus nach seinen Lektüren, könnte er vielleicht etwas zu Sartre schreiben? Einem Mann wie ihm, der mit Kierkegaard frühstücke, mit Heidegger diniere und mit Husserl soupiere, müsse doch schließlich etwas einfallen. Pia steckt voller Elan und voller Projekte, die er in seinen Briefen der besseren Übersicht halber nummeriert. Auch in Algier wäre er gern wieder publizistisch tätig. Vielleicht könnte man dort einen Ableger des Paris-Soir herausbringen?

Ohne Pascal Pia an seiner Seite wäre Camus in diesen Jahren verloren gegangen. Er wäre das fünfte Glied einer braven Lehrerfamilie in Oran geblieben, still vor sich hin leidend, ab und zu einer Affäre nachgehend, seine Bücher im algerischen Kleinverlag Charlot publizierend. Ohne diesen großartigen, begeisterungsfähigen und bedingungslos engagierten Journalisten hätten wir von Camus wahrscheinlich nie etwas gehört.

Am 25. April 1941 schreibt Pia den entscheidenden Brief an Camus. Er hat den Fremden endlich gelesen und ist restlos begeistert: «Cher Camus, es ist lange her, dass ich etwas von dieser Qualität gelesen habe. Ich bin sicher, dass der ‹Fremde› früher oder später einen der allerersten Ränge einnehmen wird.»[159] Die letzten fünfzehn Seiten des Romans gefallen Pia so gut wie die besten Seiten von Kafka. Zielsicher greift er einen der schönsten Sätze heraus (über die Tränen des alten Perez, von denen es heißt: «Sie breiteten sich aus und flossen wieder zusammen und bildeten einen Wasserfirnis auf diesem zerstörten Gesicht»), um zu zeigen, dass Camus weder in die Falle getappt war, so experimentell zu schreiben wie seiner Meinung nach de Sade oder Benjamin Constant, noch so blumig wie der junge André Gide.

Im Mai gibt Pia unverzüglich die guten Nachrichten von Jean Paulhan weiter: «Einverstanden mit Camus. G.G. [Gaston Gallimard] nimmt ihn. Schick ihm den Text nach Cannes». Am 27. Mai folgt die Zusammenfassung eines Briefes von André Malraux, der das Manuskript des Étranger in einem Zug gelesen hatte: «Der ‹Fremde› ist ganz klar eine wichtige Sache». Er machte detaillierte Verbesserungsvorschläge in vier Punkten, etwa zur Auflockerung des monotonen Satzbaus. Pia verwirft diese Kritik: Ihn störe der trockene Stil nicht, solange ein Sprachstil korrekt sei, sei er persönliche Geschmackssache. Er rät Camus, sich nun direkt mit Malraux, der an der Côte d’Azur in Cap d’Ail logierte, in Verbindung zu setzen.

Pia gibt auch nicht auf, Paulhan zu bedrängen, alle drei Manuskripte Camus’, den Fremden, Sisyphos und Caligula, gleichzeitig bei Gallimard herauszubringen. Am 31. Mai meldet der Unermüdliche, er habe nun ebenfalls den Dichter Francis Ponge für Camus’ Texte zu begeistern versucht. Anfang Dezember schließlich berichtet er von einem Brief Malraux’, den er soeben erhalten habe: Gallimard bestätigte offiziell, den Fremden und Sisyphos veröffentlichen zu wollen.

Von Paulhan kann Pia inzwischen eine Einschätzung des Sisyphos weitergeben: Der Essay sei intelligent, jedoch nicht mehr als eine intelligente Zusammenfassung der «metaphysischen Ereignisse» der letzten zehn Jahre und zu sehr von Malraux und Schestow beeinflusst. Für die Erstpublikation des Fremden schlage Paulhan die N.R.F. oder die Comœdia vor. Pia will allerdings Paulhan dazu bewegen, sein Urteil über den Sisyphos zu revidieren, entschieden rät er von einer Veröffentlichung in der N.R.F. unter Drieu La Rochelle ab: Das sei ein Ort, der mehr stinke als jemals zuvor. Über Comœdia weiß Pia zu dem Zeitpunkt noch nichts zu sagen, doch auch diese kulturelle Wochenzeitung aus dem Haus Gallimard, die sich der mehrfachen Mitarbeit Sartres, Claudels, Valérys und Cocteaus rühmen konnte, wird unter der Leitung von René Delange offen kollaborieren. Hier wird zwar eine der ersten begeisterten Kritiken des Fremden aus der Feder von Marcel Arland erscheinen, doch hielt sie ihre Spalten auch für Propagandanachrichten aus Nazideutschland frei. Pias Warnungen waren berechtigt, und Camus wird sie befolgen, anders als Sartre wird er niemals in der Kollaborationspresse veröffentlichen.

Und Pia tat noch mehr, er suchte nach einem Aufenthaltsort in Frankreich für Camus’ angegriffene Gesundheit. Er verhandelte mit Gallimard über eine Verdoppelung der Abschlagszahlungen auf die Tantiemen für den Fremden. Er kümmerte sich um die biographischen Angaben für das Buch und einen Vorschuss. Einen besseren und umsichtigeren Freund und literarischen Agenten als Pascal Pia kann man sich nicht vorstellen.

Camus: Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie
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