Unterm Ochsenziemer – eine Kindheit im 20. Jahrhundert

Im Sommer 1914 war Lucien Camus also nach Frankreich abgereist, um, kaum dort angekommen, zu sterben. Die Mutter zog mit den beiden Jungen zurück nach Algier, zu ihrer verwitweten Mutter und dem fast taubstummen Bruder Étienne. Die drei Generationen wohnen in der Rue de Lyon im Arbeiterviertel Belcourt. Als Catherine Camus dort die Nachricht erreicht, dass ihr Mann am 11. Oktober 1914 seinen Verletzungen in Nordfrankreich erlegen ist, steckt sie den Umschlag in ihre Kittelschürze und bleibt starr auf dem Bett sitzen, stundenlang. An diesem Tag beginnt Camus’ Kindheit zwischen zwei wortlosen Erwachsenen und einer groben alten Frau, seiner Großmutter.

Die Großmutter Catherine Marie Cordona Sintès wurde 1857 auf der spanischen Insel Menorca geboren und kam als Kind von Auswanderern nach Algerien. Schon sie war Analphabetin, lebte in großer Armut und arbeitete hart. Neun Kinder brachte sie zur Welt. Sie soll kalt und herzlos gewesen sein, Camus beschreibt sie als «unwissend und stur», eine nach altem Fleisch riechende Matrone mit eiskalten Augen und einem mächtigen «Altfrauenbauch», gekleidet in ein langes schwarzes «Prophetinnenkleid».[7] Zur Erziehung der Kinder und Enkel benutzt sie den Ochsenziemer, der in der Rue de Lyon an der Wand hängt.

Das Leben der beiden halbwaisen Brüder Lucien und Albert zwischen den drei seelisch und körperlich schwerbeschädigten Mitgliedern einer ursprünglich spanischen, inzwischen völlig französisierten bitterarmen Kolonistenfamilie – Camus sprach kaum Spanisch, war aber stolz auf seine spanische Herkunft – hatte regelrecht vorzivilisatorische Züge.

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Albert mit seinem drei Jahre älteren Bruder Lucien

Die Wohnung der Familie ist eng und liegt im ersten Stock eines Mietshauses. Nur drei Zimmer, kahl und gekalkt, ohne jeden Komfort. In dem einen stehen ein Esstisch mit einer Wachstuchdecke und fünf Stühle, auf dem Boden liegt eine Matratze, auf welcher der stumme Onkel schläft, wenn es Nacht wird. Wenn Camus Mittagsschlaf halten muss, liegt er im hohen großen Bett im Zimmer der Großmutter. In der Küche gibt es keinen Herd und keinen Backofen, nur einen Spirituskocher. Die Kinder haben kein eigenes Bett und schlafen nachts neben der Mutter. Es gibt keine Toilette, nur einen Abtritt ohne Wasserspülung im Treppenhaus. Ein Fenster geht auf die Straße, zwei gehen zum Hof. Die Familie ist nicht religiös, besucht nie die Kirche. Wenn ein Nachbar gestorben ist, sagt die Großmutter: «Nun muss er nicht mehr furzen». Die Abendunterhaltung der Familie besteht im Winter darin, die Stühle ans Fenster zu rücken und hinauszuschauen. Im Sommer stellt man die Stühle auf die Straße und sieht den Passanten und den Straßenbahnen nach. Das 20. Jahrhundert hat in diesem Leben noch nicht Einzug gehalten – es gibt keine Elektrizität, kein Wasser, keine Zeitungen, keine Bücher, geschweige denn so etwas Seltenes wie einen Radioapparat, am Sonntag geht man gelegentlich ins Vorstadtkino. Die französische Zivilisation liegt in unerreichbarer Ferne – keiner von Camus’ noch lebenden Verwandten ist jemals in Frankreich gewesen oder hat auch nur eine Vorstellung von der französischen Kultur.

So schreibt Camus sein Werk für eine Kriegswitwe, die es nie lesen wird, die nichts weiß von der großen Geschichte, die nur eine sehr vage Idee von Frankreich und noch nie etwas von Österreich-Ungarn gehört hat, die weder «die vier Silben Sarajevo aussprechen kann» noch eine Ahnung davon besitzt, was ein Erzherzog sein könnte. Zeitlebens hält Catherine Camus den soliden Beruf ihres älteren Sohnes, der Versicherungsvertreter wird, für ehrbarer als die Literatur des berühmten Jüngsten. Niemals, so Camus, habe er seine Mutter lachen gehört. Und nie habe er mit ihr Erinnerungen austauschen können, da sie sich an ihr ereignisloses Leben nicht erinnern konnte – oder wollte. Einmal hat sie es gewagt, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen und sich die Haare kurz zu schneiden. Es ist die Zeit, als es einem maltesischen Fischhändler gefällt, der jungen Witwe den Hof zu machen. Doch ihr Bruder Joseph beschimpft sie als Hure, und sie zieht sich weinend in ihre gewohnte Lebensstarre zurück, einmal mehr bestätigt in der Gewissheit, «dass das ganze Leben aus Unglück bestand, gegen das man nichts tun und das man nur erdulden konnte».[8]

Camus’ Familie lebt – losgelöst von der religiösen und kulturellen Nabelschnur zum unbekannten europäischen Mutterland – ohne Kenntnis von der eigenen Geschichte und dem eigenen Herkommen in einem Niemandsland endloser Gegenwart, durch das hin und wieder lärmend eine Straßenbahn fährt.

 

Jean-Paul Sartre, der spätere Weggenosse und Gegenspieler Camus’, geboren 1905 und ebenfalls vaterlos aufgewachsen – bei Mutter, Großmutter und Großvater –, erzählt in seiner Autobiographie Die Wörter von einer ganz anderen, einer behüteten, emotional und intellektuell verwöhnten Kindheit. Das Schlafzimmer der Mutter, in welcher er bald eine ältere Schwester sieht, quillt über von Büchern, deren ständiger Zustrom aus dem örtlichen Lesekabinett nie versiegt. Der kleine, von allen bewunderte und verwöhnte Sartre sitzt zwischen Kunstbänden, Romanen und Reiseberichten und muss sich entscheiden, ob er zuerst die Erzählungen von Maupassant oder den Bildband über Rubens aufschlagen soll. Noch bevor er die Buchstaben entziffern kann, besteht er wie ein ausgewachsener Kulturbürger darauf, eine eigene Bibliothek zu besitzen, um in den Büchern schon einmal zu blättern und die Pose des Lesenden einzuüben.

Zwei Leben, wie sie unterschiedlicher nicht beginnen können. Über das eine regiert das eiserne Schweigen im Armenviertel einer französischen Kolonie. Das andere wird überrollt von den immer neuen Worten und Lektüren einer eilig voranpreschenden Gegenwart. Camus’ Leben beginnt im staubigen Stillstand einer monotonen Vormoderne, in der man viele Stunden am Tag hart arbeitet, um abends müde und erschöpft in den Himmel zu schauen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Sartres Leben steht von Anfang an unter dem Stern der rasanten Eroberung und Beherrschung der Welt durch immer mehr Wissen und immer größere Worte.

Sartre ist immer schon da, wo er hingehört. Camus wird von der Rue de Lyon in Algier bis zum Boulevard Saint-Germain in Paris knapp tausend Kilometer in der Luft und gut fünfhundert Jahre in der Menschheitsgeschichte zurücklegen.

 

Die Tage gleichen einander. Der Onkel arbeitet in einer Böttcherei und kommt spät nach Hause, isst, legt sich hin und schläft. Die Mutter sortiert in einer Rüstungsfabrik Patronen; später putzt sie bei reichen Kolonisten, in Villen mit herrschaftlichem Blick über das Mittelmeer. Camus wird einmal in einer dieser schönen Villen wohnen. Vorerst sitzt er noch an dem einzigen Tisch neben dem zur Seite geräumten Geschirr, wenn er am Abend seine Schularbeiten macht.

Das Haus in der Rue de Lyon 93 gibt es noch immer. Eine enge Steintreppe führt durch ein dunkles Treppenhaus in den ersten Stock. In der kleinen Mietswohnung lebt inzwischen ein Hafenarbeiter, der sich «Mohamed Camus» nennt.[9] In den drei engen, hohen Räumen sieht es aus wie zu Zeiten Camus’: kaum Möbel, schmales Bett, ein paar Stühle, der Tisch mit Wachstuchdecke.[10] Camus wird diese karge Art des Wohnens immer bevorzugen.

«Ich liebe das kahle Haus der Araber oder der Spanier. Der Ort, an dem ich am liebsten lebe und arbeite (oder wo es mir im Gegensatz zu den meisten Menschen sogar gleich wäre, zu sterben), ist das Hotelzimmer. Der vielgelobten Häuslichkeit habe ich nie Geschmack abgewinnen können; das sogenannte bürgerliche Glück langweilt und erschrickt mich.»[11]

Der Ton in der Familie ist rüde und unsentimental. Die Tonlosigkeit, die man im Fremden als bahnbrechende Erneuerung der europäischen Literatur feiern wird, ist hier zu Hause. Sie war für Camus keine nur kühne literarische Pose, sie war seine Wirklichkeit, er hat sie nicht erfunden.

Besonders die Gleichgültigkeit der Mutter, die irgendwo im Abseits des Autismus ihr Leben verbracht hat, prägt sich dem Jungen tief ein. Camus und seine Figuren werden von einer ähnlichen Aura der Kälte umgeben sein und niemals die seelische Nähe anderer Menschen suchen.[12] Über die Gründe für die seelische Deformation der Mutter hat Camus nicht spekuliert.[13] Sie ist der erste Schmerz des Kindes, den der junge Schriftsteller später mit einigem literarischen Aufwand in das paradoxe Glück einer tragischen Existenzerfahrung umdeuten wird. Doch in einem seiner allerersten Texte, den er als Student in der Edition seines Freundes Edmond Charlot 1937 in Algier veröffentlicht, gesteht er offen, das Schweigen der Mutter «tut ihm so weh, dass er weinen möchte».[14]

Camus wird aus diesem Kälte-Trauma seine Philosophie entwickeln. In seinem Essay Der Mythos des Sisyphos wird er über die Erfahrung des Absurden nicht mehr schreiben, sie sei der «Zusammenprall eines kindlichen Rufes mit dem unbegreiflichen Schweigen der Mutter», sondern: «das Absurde ist der Zusammenprall des menschlichen Rufes mit dem unbegreiflichen Schweigen der Welt».[15] Aus der Psychopathologie einer in ärmsten Verhältnissen lebenden algerischen Analphabetin macht Camus die nicht aufzulösende Tragödie eines Menschen, der der Gleichgültigkeit des stummen und kalten Kosmos ausgesetzt ist.

Camus’ Philosophie des Absurden kann ihre Herkunft aus den seelischen und sozialen Verheerungen nicht verleugnen, die das Milieu der Ärmsten unter den Franzosen in Nordafrika prägen. Sie entsteht auf der Straße, im Angesicht der Menschen, die ihn umgeben. Zu Camus’ Geschichte gehören die «Seinen», die «Stummen» – ohne ihn wären sie vergessen. Camus hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es für ihn undenkbar war, die Literatur von den elementaren Erfahrungen der Menschen zu lösen, von dem großen Schmerz und dem großen Glück, die ein Leben bestimmen.

Camus: Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie
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